Dresden, die wunderschöne Landeshauptstadt von Sachsen, beherbergt zahlreiche einzigartige Orte und Viertel, von denen jeder eigenen Charakter besitzt. Einer dieser Flecken ist Laubegast, das im Südosten von Dresden liegt und für seine ruhige Lage und seinen historischen Charme bekannt ist. Hier schuf Graph Pinsel, der eigentlich Siegfried Sack hieß, Kunstwerke, die die Sinne verzaubern.
»Zur Bleiche 12« im Dresdener Stadtteil Laubegast ist ein heiliger Ort, der Besuchern eine eigene Welt eröffnet. Hinter einem hohen Hoftor verbirgt sich die Wunderwelt des bildenden Künstlers Graph Pinsel. Öffnet man das Tor, taucht man in eine faszinierende Welt der Kunst ein.
Siegfried Sack schuf hier in seinem Atelier Kunstwerke, die die Sinne verzaubern. Seine Werke zeugen von seiner beeindruckenden künstlerischen Begabung und seiner Leidenschaft für Farben und Formen. Besucher haben die Gelegenheit, in eine Welt der Schönheit und Kreativität einzutauchen und sich von der Magie der Kunst verzaubern zu lassen. HIER geht es weiter →
Ich bin bekennender Post-Junkie. Mit meinem Briefträger Stefan verbindet mich ein fast intimes Verhältnis. Leider ist in den letzten Jahrzehnten der Eingang »realer Post«, also fassbarer Briefe und Päckchen, enorm zurückgegangen. Stattdessen sausen tausende nüchterne Mails durch den Äther, werden gelesen, beantwortet und automatisch abgelegt. HIER geht es weiter →

Ausschließlich aus Papier fertigt Mila mit geschickten Fingern Kleinplastiken und Figuren • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Papier dient Mila Vázquez Otero als Werkstoff für filigrane Skulpturen. Aus alten Zeitungen und Kleister formen die geschickten Hände der Skulpteurin zierliche Kleinplastiken und Figuren. Ruprecht Frieling besuchte die in Berlin lebende Künstlerin, die sich mit der Gestaltung von Papier-Maché einer weitgehend vergessenen Technik bedient.

Mila Vázquez Otero: »Der Bücherprinz ist kein Papiertiger, sondern ein Berliner Bär« • Sammlung Frieling
Die Altbauten im Herzen Charlottenburgs sind typisch für den Bezirk Berlins, in dem sich das verflossene Westberlin noch immer am deutlichsten gegen die Verschmelzung von Ost und West stemmt. Die gepflegt wirkenden gutbürgerlichen Wohnanlagen entstanden in der Gründerzeit. Teilweise existieren noch Seitenflügel und Gartenhäuser. Einige der Fassaden sind prächtig. Stuckausstattung suggeriert gediegene Wohnatmosphäre, liebevolle Sanierung und ein allgemeines Wohlfühlambiente. Erst an den ausgetretenen Treppenhäusern zeigt sich, wie viele hundert Menschen in diesen vier- bis fünfstöckigen alten Kästen wohnen.
Mila Vázquez Otero lebt in einer kleinen Wohnung im obersten Stock eines dieser Wohngebäude. Platz für ein eigenes Atelier gibt es dort nicht. Der Schreibtisch in ihrem Zimmer dient als Arbeitsplatz, die Küche ist Gesellschaftsraum. Dort schlürfen wir Tee, knabbern selbst gemachte vegane Plätzchen und sprechen über ihre Arbeit.

Mila Vázquez Otero präsentiert die Büste: »Junge Frau« nach einem Gemälde von Piero del Pollaiuolo, das in der Gemäldegalerie in Berlin hängt
Die dunkelhaarige Spanierin modelliert Skulpturen aus Papier-Maché. Diese ursprünglich aus dem orientalischen Raum stammende Technik ist in Europa seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Krippenfiguren und Puppen wurden einstmals daraus gefertigt. Als preiswerter Werkstoff diente zum Ausklang des 18. Jahrhunderts das Material sogar zur Innen- und Außendekoration von Schlössern und Kirchen und ersetzte den teuren Marmor. Im 19. Jahrhundert erlebte das Material seine Blütezeit, schuf die Basis für tausende Arbeitsplätze und begründete im Saarland sogar eine Pappmaché-Dynastie.
Mit der Erfindung vollsynthetisch, industriell produzierter Kunststoffe wie Bakelit Anfang des 20. Jahrhunderts geriet die Kunst des Gestaltens mit Papier in Vergessenheit. Pablo Picasso und Georges Braque setzten dann im Jahr 1912 die entscheidende Zäsur. Erstmals verwendeten sie in ihren Zeichnungen und Bildern »kunstfremde« Materialien wie Papier, die sie ihrem ursprünglichen Kontext entnahmen. In ihrer Traditionsfolge sieht Mila Vásquez Otero ihr Werk.
»Als Kind habe ich schon gern mit Ton gearbeitet und kleine Figuren gestaltet«, erzählt die 1978 im spanischen Galicien Geborene, »und in meiner Schulklasse war ich berühmt für meine Zeichnungen«. Dennoch dauerte es eine Weile, bis Mila Vázquez Otero Papier als ihr gemäßes Material entdeckte und ihre Kunstfertigkeit entfalten konnte.
Milas Vater war Schneider. Er liebte klassische Musik und hätte es wohl am liebsten gesehen, wenn das Töchterchen Musikerin geworden wäre. Die lernte dann auch brav Geige und Klavier. Doch nach dem Tod des Vaters und dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Kunstgeschichte.
Dies begann Mila in Santiago de Compostela und beendete es in Granada mit dem Master-Abschluss. Von dort zog sie im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms weiter nach Rom.
Die Liebe verschlug die zierliche Kunsthistorikerin schließlich nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt jobbte sie in einer Galerie und hielt sich mit Spanisch-Unterricht über Wasser. Bei dem auf Kunst ausgerichteten Fernsehsender IkonoTV kuratierte sie Dokumentarfilme über Architektur und Kunst.
Doch obwohl sie in ihrer Wunschbranche tätig war, fehlte ihr etwas. Mila verzweifelte. Sie wusste aus eigenem Erleben, dass es mit zunehmendem Alter schwierig wird, einen langfristigen Job in einer Galerie zu finden. »Plötzlich dachte ich: Ich mache einen Kurs in einer Volkshochschule zum Thema Papier«, entschied sie temperamentvoll und traf damit ins Schwarze. Der Kurs entfachte ein inneres Feuer. Denn schon während der Weiterbildung entstanden vor ihrem inneren Auge Bilder der Arbeiten, die sie fertigen wollte.

»Mayurasana – Der Pfau«. Der Pfau (Mayurasana) ist die 10. Asana der zwölf Grundstellungen der Yoga Vidya Reihe • Sammlung Frieling
»Es ist nicht leicht, mit Papier zu arbeiten«, verrät Mila. »Das Material ist unflexibel und man kann nur in Etappen arbeiten. Vor allem die kleinen Figuren sind sehr schwierig.«
Die Skulptur wird von innen aufgebaut und geformt. Mila reißt Zeitungspapier in passende Streifen und Stücke, bestreicht das Material mit Kleister und legt es um eine Form von zerknülltem Papier. Sie klebt, faltet, knittert, presst, biegt, staucht, knickt, befeuchtet, modelliert, formt, spannt und schichtet das Material, das ihr als Tageszeitung ins Haus geliefert wird.
Schicht um Schicht entsteht und bald wird die gewünschte Form sichtbar. Größere Objekte werden im Inneren mit kleinen Metallstangen fixiert. Dann müssen die collagierten Papiere erst einmal ein paar Tage trocken, bevor weitergearbeitet werden kann. Aus diesem Grunde arbeitet die Künstlerin immer an mehreren Projekten gleichzeitig.
Im nächsten Arbeitsgang werden die Konturen der Plastik mit Schleifpapier nachgearbeitet. »Dann grundierst und lackierst du die Arbeit«, spinne ich den Faden weiter und erinnere mich an verschiedene Pappmaché-Arbeiten, die ich aus Museen kenne. Doch mit der Frage trete ich in ein Fettnäpfchen.
Mila funkelt mich empört an: »Ich bemale sie doch nicht!«.
Oooops! – Wie jetzt? »Aber wie entstehen denn sonst diese grandiosen Muster?«
»Ich arbeite ausschließlich mit Papier. Ich suche die Farben in den Papierfetzen und gestaltete alles ausschließlich daraus. Pinsel und Farben verwende ich grundsätzlich nicht.«
Gleich sehe ich mir ihre Arbeiten noch einmal genauer an und kann es kaum glauben. Die farbenfrohen Papiermaché-Skulpturen sind wie filigrane Mosaiken zusammengesetzt und wirken nur aus der Distanz wie gemalt. Tatsächlich sind die Plastiken komplett aus Papierfetzen gefügt. Ob es sich um Tiere, Büsten oder um eine Serie von Yoga-Positionen handelt: Milas Figurinen bestehen vollständig aus Papier, das am Ende des Trocknungsprozesses hart wie Holz wird. Das erinnert mich an Max Ernst, der selbst mit Papier arbeitete und die perfekte Collage mit dem perfekten Verbrechen verglich, denn »es fehlen die Indizien«.
Wie vertreibt man Kunstwerke aus Papier? Mila Vázquez Otero stellt auf Kunstmärkten aus, wo ich sie auch entdeckt habe. Diese Märkte bieten ihr den direkten Kontakt zum Menschen, sie spürt die Reaktionen der Besucher, genießt die Gespräche und auch die Anerkennung, die ihr für ihre Arbeit wichtig ist. Galerien verwehren diese direkte Möglichkeit und verlangen außerdem als Mittler happige Kommissionen, die verhindern, Kunst zu erschwinglichen Preisen anzubieten.
Über die individuelle Begegnung hinaus öffnet das Netz den Zugang zu Kunstfreunden in aller Welt. Auf der beachtenswerten Homepage der Skulpteurin finden sich Beispiele für die Serien, an denen sie bislang gearbeitet hat. In »Antitrophäen« schlägt sie umweltkritische Töne an, wenn sie eine Schildkröte zeigt, die sich im Plastikmüll verfangen hat und dem Untergang gewidmet ist. In einer anderen Arbeit trägt eine Eisbärin ihr Junges auf dem Rücken und treibt gefangen auf einer Eisscholle auf der Suche nach einem neuen Habitat.
Als typisch für ihre positiv-kritische Sichtweise und ihr Engagement für Natur und Umwelt kann die fröhlich springende Kuh Erica gesehen werden. Durch einen Instagram-Post ließ sich Mila zu dieser Figur inspirieren. Eine Kuh, die sich nicht mehr erheben wollte, wurde kurz vor der Schlachtbank von Tierfreunden gerettet und erstmals in ihrem Leben auf eine grüne Wiese gelassen. Übermütig sprang das Tier über die Weide und vollführte Freudensprünge. »Die Kuh Erica ist für mich ein Beweis, dass Tiere nicht nur eigene Wünsche haben, sondern auch über ein emotionales Bewusstsein sowie Selbstwahrnehmung verfügen«, kommentiert Vázquez Otero.
Aktuell arbeitet die Skulpturenkünstlerin an einer Serie über Alltagsmenschen im Gewand mythologischer Gottheiten. Sie stellt Menschen, die ihr begegnen, in Verbindung mit einem mythologischen Gott dar. Lediglich über den Kopf oder durch Details will Mila zeigen, dass es sich um eine Gottheit handelt.

Blick in die Hofanlage des Kurt-Mühlenhaupt-Museums.
Rund 70 Kilometer nördlich von Berlin lockte lange Jahre in Bergsdorf bei Zehdenick ein liebevoll restaurierter Vierseithof Kunstfreunde aus aller Welt ins Reich des Kreuzberger Malerpoeten Kurt Mühlenhaupt. Im Sommer 2019 jedoch zog das Mühlenhaupt-Museum wieder in Kurtchens alte Wirkungsstätte nach Berlin-Kreuzberg, Aus dem Kunsthof Bergsdorf soll eine Art chinesische Villa Massimo werden. Ein chinesischer Investor hat das Gelände gekauft, der hier chinesischen Künstlern einen Deutschlandaufenthalt ermöglichen will.

Kurt Mühlenhaupt 1976 vor seinem Selbstbildnis in seinem Hof in Berlin-Kladow. Alle Fotos: ©Ruprecht Frieling
Am 19. Januar 1921 wurde Kurt Mühlenhaupt auf einer Bahnfahrt von Prag nach Berlin in einem Zug geboren. Das bei der Geburt nächstgelegene Klein Ziescht wird als Geburtsort eingetragen. Seine Eltern sind bettelarm. Aus Geldnot bewohnen sie eine Laubenkolonie in Tempelhof. 1932 zieht die Familie nach Blankenfelde an den Stadtrand von Berlin. Das aufgeweckte Kind will Bildhauer werden, zu jener Zeit für einen Sprössling aus armen Verhältnissen ein unrealistischer Wunsch. Kurt beginnt eine Lehre als Modelltischler.
Nach der Lehre wird er zum Fallschirmjäger ausgebildet. Beim Absprung über Kreta wird er angeschossen, die linke Hand bleibt für immer steif, am Bein fehlt auch ein Stück. Trotz seiner Verwundung wird der junge Mann wieder eingezogen, landet aber wegen Aufsässigkeit in einer Strafkompanie.

Auch der berühmte Leierkasten steht heute im Museum
Mit Hamsterfahrten und illegalem Tabakanbau überlebt die Familie das Kriegsende. Kurt malt, wann immer er kann, und wird dabei von Karl Hofer, Direktor der Berliner Hochschule für bildende Künste (HfBK) auf den Riesenfeldern entdeckt. Mühlenhaupt beginnt ein Studium an der HfBK. Sein Wunsch, Schüler des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff zu werden, lehnt dieser schroff ab: »Aus Ihnen wird nie ein Maler, Sie sind zu grau«. – Mühlenhaupt verfällt in tiefe Depression, es folgt ein langer Klinikaufenthalt in der Psychiatrie Berlin-Buch.

Kurt Mühlenhaupt: Selbstporträt als Schnürsenkelverkäufer in Berlin. Sammlung Frieling
Als er sich wieder aufgerappelt hat, arbeitet er als Tierzüchter, Trödelhändler, Schnürsenkelverkäufer und Leierkastenmann in Berlin-Kreuzberg, wo er seit 1958 lebt. Das Milieu schenkt ihm die Motive, für die er später berühmt wird. 1960 nimmt er erstmals an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. zwei Jahre darauf kauft er eine heruntergekommene Kaschemme in der Zossener Straße 1, die sich schon bald zum angesagten Künstlerlokal »Leierkasten« mausert. Dort finden legendäre Feste statt: Günter Grass, Wolfgang Schnell, Günter Anlauf und Günter Bruno Fuchs sind gern gesehene Gäste. Mühlenhaupts Atelier am Kreuzberger Chamissoplatz ist ein weiterer Treffpunkt für Künstlerfreunde aus Nah und Fern. Bald ist Kurt Mühlenhaupt DER typische Kreuzberger Milieu-Maler, der in einem Atemzug mit Heinrich Zille und Otto Nagel genannt wird, und er kann von seiner Arbeit leben.
Kurt Mühlenhaupt lernte ich 1973 im Rahmen der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) kennen. Damals stellte ich im Rahmen der Künstlervereinigung »Die rote Nelke« Fotografien aus, Kurt hatte mit Freunden die Gruppe »Malerpoeten« gegründet. Wer damals das von ihm ausgestellte Ölgemälde »Meine Hauswartsfrau« für 1.600 DM erwarb, hatte in Bezug auf die spätere Entwicklung des Kunstmarkts ein gutes Geschäft gemacht.

Hannelore Mühlenhaupt (links), hier mit ihrer Schwester, kümmert sich liebevoll um den Nachlass
Mehrfach traf ich den Meister in seinem Kreuzberger Atelier, aus dem er dann aber wegsaniert wurde, um sich 1975 einen Bauernhof in Berlin-Kladow zu kaufen. Er residierte im schönsten der noch erhaltenen dörflichen Anwesen, einem Bauernhof mit Nebengebäuden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Sakrower Kirchweg. Dort baute er den großen Feuerwehrbrunnen für den Kreuzberger Mariannenplatz, der immer noch eine Augenweide ist. 1981 wurde ihm erstmals mit einer riesigen Retrospektive in der von Dieter Ruckhaberle geleiteten »Kunsthalle« an der Gedächtniskirche auch staatliche Anerkennung zuteil.
Unmittelbar nach der Wende kaufte er mit seiner Frau Hannelore 1990 einen Gutshof in Bergsdorf (Brandenburg). Für Kurt Mühlenhaupt war die Entwicklung des verfallenen Barockensembles zum Museum das letzte große Abenteuer. Dort träumte er bis zu seinem Ende am 16. April 2006 von einer Begegnungsstätte für sein Publikum.

Der letzte Arbeitsplatz von Kurt Mühlenhaupt
Seit 2020 ist das Mühlenhaupt-Museum wieder im einstigen Berliner Kiez angesiedelt.

Plastik von Kurt Mühlenhaupt
Kurt Mühlenhaupt Museum
Fidicinstrasse 40
10965 Berlin
Telefon: 030.61627505
Geöffnet
Mittwoch bis Sonntag 14:00 bis 18:00 Uhr
Dienstag auf gut Glück
Montag geschlossen
Home: https://www.muehlenhaupt.de
Darf man ein Buch lediglich für einen einzigen Leser schreiben, der es dann möglicherweise für immer unter Verschluss hält? – Wolf Wondratschek (* 14. August 1943) darf es. Oder besser gesagt: Er tut es einfach, weil es ihm Spaß macht. Mit seinem Coup löst der James Dean der deutschen Poesie erbitterte Diskussionen im Netz aus.
Autor Markus Walther findet es »irgendwie dekadent«. Buch-Bloggerin Daphne Buchundmoor hingegen zieht den Hut: »Genial gelöst! Er hat jetzt Geld in der Kasse und weiß, wer nach seinem Ableben die Rechte an seinem Werk besitzt!« Self-Publisherin Patrizia Prudenzi bewundert den Mut, weil ein Autor »doch ein Publikum haben« will. Der Schweizer Designer Chris Hoefliger ahnt: »Vielleicht kommt eine Zeit, in der wir Wondratscheks Werke aufgehängt im Museum bestaunen dürfen«.
Michael Lang, langjähriger Chefredakteur von »Markt und Technik«, kritisiert, dass mit dem Verkauf an eine einzelne Person zwei wesentliche Aspekte eines literarischen Werks geändert werden: »Das Objekt wird mit der allgemeinen Nichtverfügbarkeit als Unikat (besonders im Kunstmarkt) früher oder später ein Spekulationsobjekt … Als Spekulationsobjekt wird aber auch sein Inhalt der Allgemeinheit entzogen/vorenthalten. Das wiederum ist eigentlich ein großer Schritt zurück im Literaturverständnis. Mich verwundert diese fast schon reaktionäre Handlungsweise besonders bei einem Autor, wie Wondratschek umso mehr, als er in den 60ern und 70ern noch groß über eine Demokratisierung der Literatur tönte«.
Wolf Wondratschek, einer der unkonventionellsten Autoren deutscher Sprache, hat seinen neuen Roman »Selbstbild mit Ratte« an einen einzigen Leser verkauft. Ein Senior Consultant einer Unternehmensberatung hat tief in die Tasche gegriffen. Nach Schätzungen des Züricher »Tagesanzeiger« legte er 40.000 Euro auf den Tisch, um das Manuskript sein eigen nennen zu dürfen. So wie sich andere Gemälde eines Malers kaufen und an die Wohnzimmerwand hängen, kaufte er sich ein Manuskript.
Für Wondratschek ist sein neuester Coup Methode. Vor einem halben Jahrhundert begann er als Self-Publisher. Er zog durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse und offerierte ein privat gedrucktes Bändchen mit Gedichten. »Die haben mich angestarrt und aus Barmherzigkeit ein Exemplar für fünf Mark abgekauft«, erzählt der Dichter heute. Kein Jahr später waren dieselben Gedichte Bestseller. »Chucks Zimmer« war der für lange Zeit meistgekaufte Gedichtband. 300.000 Exemplare wurden abgesetzt.
Mit dem unter alternativen Buchliebhabern hoch angesehen Vertrieb »Zweitausendeins« verkaufte Wondratschek bald darauf seine Bücher in hohen Auflagen am Buchhandel vorbei direkt an das interessierte Publikum.
Bald öffneten sich die Türen angesehener Verlage. Diogenes-Verleger Daniel Kehl veröffentlichte einige seiner Werke trotz geforderter Vorauszahlungen, die sich kaum einspielen ließen. Als Wondratschek, der angeblich kein Interesse an Geld hatte, für »Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre« von Kehl mit einer Kiste Gold entlohnt werden wollte, kam es zum Krach.
Doch der Autor blieb auf Erfolgskurs. Nach einer Lesung aus seinem symphonischen Gedicht »Carmen« im Münchner Marstall traf er in der einstigen Schwabinger Szene-Kneipe »Romagna Antica« Filmemacher Bernd Eichinger. Der von dem Text begeisterte Starregisseur schickte seinen Chauffeur los, der kam nach einer halben Stunde mit einem Briefumschlag voller Geldscheine wieder. Eichinger wollte unbedingt dieses Gedicht haben. Er veröffentlichte es später in einer nummerierten und vom Autor signierten Vorzugausgabe in 280 Exemplaren (siehe Abbildung), bevor der Text als Taschenbuch erschien.
Mit seinem Coup, »Selbstbild mit Ratte« an einen einzigen Leser zu veräußern, bewies sich Wolf Wondratschek erneut als Unikum der Verlagsszene. Der Autor versteht es meisterhaft, mit ungewöhnlichen Aktionen für Schlagzeilen zu sorgen und auf sich aufmerksam zu machen. Gleichzeitig liefert er höchste literarische Qualität und hat auch noch viel Spaß dabei.
Bezeichnend für den Humor, den der Außenseiter des Buchmarkts an den Tag legt, dürft seine »amtliche Verlautbarung« aus »Früher begann der Tag mit einer Schusswunde« sein. Damit erläutert er kongenial den Umgang mit den Begriffen »Wertsack«, »Wertbeutel«, »Versackbeutel« und »Wertpaketsack«. Noch heute glauben viele, der Mustertext für Beamtendeutsch sei ein amtliches Dokument der Deutschen Bundespost.
Ich habe mich auf YouTube an dem herrlichen Text versucht:
Der niederländische Ausnahmekünstler Jan Bouman ist am 16. Juli 2019 um 17:15 auf seine letzte Reise gegangen. Jan war ein halbes Jahrhundert lang mein bester Freund. Ich danke einem wundervollen Mann für fünfzig lange Jahre unverbrüchliche Freundschaft.
Kennengelernt habe ich Jan Bouman in den wilden 68er-Jahren im damaligen Westberlin. Er bewohnte mit seiner wundervollen Frau, der Künstlerin Beatrix Fey und ihrem 1969 geschlüpften Sohn Silvan eine Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung mit Aussenklo im Kreuzberger Mehringdamm 49. Diese Wohnung übernahm ich von Familie Bouman, als sie nach Enschede zogen.
Jan Bouman wurde am 11. Oktober 1945 im niederländischen Enschede geboren. Er ging nach Westberlin und besuchte von 1968 bis 1973 die Hochschule für Bildende Künste in Westberlin. Dort stellte er im Mai-Salon des Hauses am Lützowplatz aus, und ich entdeckte seine Bilder.
Es folgten zahlreiche Einzelausstellungen in Berlin, Göttingen, Amsterdam, Utrecht, Eschede, Deventer, Hengelo, Den Haag, Zwolle.
Den ersten Katalog mit Arbeiten von Jan Bouman veröffentlichte ich 1983 unter dem Titel »Ebenen der Wirklichkeit« in meinem damaligen Berliner Verlag. Der Titel ist bisweilen noch antiquarisch lieferbar.
Das Vorwort zum Katalog schrieb ich unter Pseudonym, da Jan den Text auf niederländisch übersetzen wollte. In dem Sprachumfeld klang „Johannes Baathorn“ holländischer und seriöser als „Ruprecht Frieling“.
Der Katalog schuf einen Einblick in Boumans eigene, unverwechselbare Bildsprache. Diese lässt sowohl Einflüsse der Meister der Altarbilder des Münsterlandes, flämischer Primitiver, Hieroynmus Bosch und Pierro della Francesca bis hin zu Max Beckmann, de Chirico und Dali erkennen.
Homepage des Künstlers: www.janbouman.com

1976: Der dreißigjährige Jan Bouman als spritziger junger Künstler voller Träume, Hoffnungen und Phantasien in Bentheim

Der siebzigjährige Jan Bouman in seinem Atelier in Enschede, Braamlanden: abgeklärt, weise und immer zu einem Spaß für den fotografierenden Freund bereit
Zahlreiche Pastelle von Jan Bouman entstanden in unserem gemeinsamen Zusammenwirken. Häufig war mein Wappentier, die Schnee-Eule, Gegenstand der Arbeiten. Die Zusammenarbeit mit Jan Bouman war stets eine besondere Freude: Er verstand es meisterhaft, Bilder, von denen ich eine genaue Vorstellung in meinem Kopf trug, diese aber nur verbal wiedergeben konnte, zu verstehen und zu visualisieren.
Jan Boumans Illustrationen fanden häufig Verwendung als Titel. Für meine Lebensabschnittsgeschichte „Der Bücherprinz“ malte und zeichnete er eine Schneeeule, die Bücher aus einem Zylinder zaubert. Von dann an bestellte ich Eulen-Pastelle in allen Variationen.
Kubanische Kunst ist im Kommen. Ein Beispiel für die Qualität der Arbeiten kubanischer bildender Künstler ist Zenen Vizcaino Ortiz.
Zenen Vizcaino Ortiz wurde 1962 in der kubanischen Hauptstadt Havanna geboren. Er besuchte die »Academia de Bellas Artes San Alejandro« und absolvierte sie erfolgreich im Jahre 1990. Die Kunsthochschule »San Alejandro« ist die älteste und angesehenste Ausbildungsstätte für bildende Künstler auf Kuba. Sie befindet sich im Vorort Marianao und wurde 1818 von dem französischen Maler Jean Baptiste Vermay ins Leben gerufen.
1990 trat Zenen Vizcaino Ortiz erstmals mit einer viel beachteten Einzelausstellung »De Buena Tinta. (Malas Palabras …)« in Havannas Centro de Arte in die Öffentlichkeit.
Mittlerweile hat der Künstler an mehr als 50 Ausstellungen in aller Welt teilgenommen und dabei zahlreiche Preise und Auszeichnungen kassiert.
Zenen Vizcaíno Ortiz malt in realistischer Manier in Öl. Seine Arbeiten sind durch zahlreiche surreale Elemente und Verfremdungen gekennzeichnet. Bei den hier vorgestellten Arbeiten aus privater Sammlung handelt es sich um Ölgemälde, die der Künstler auf alten Mustertapeten ausführte. Der Malgrund lässt die weichen Farben, in denen der Künstler arbeitet, wundervoll kontrastieren und hervortreten.
Kontakt zum Künstler über frieling@aol.com
Jan Bouman: Unbewachter Augenblick, 1997
Öl auf Leinwand. 140 x 100 cm
© W. R. Frieling
Jahreswechsel 1997/98. Es ging mir saudreckig! Ich hatte Liebeskummer und badete im Selbstmitleid (den Namen der Schönen habe ich inzwischen längst vergessen). Verzweifelt hockte ich bei meinem Freund Jan Bouman auf der Couch, ließ mich trösten, schlürfte Tee und starrte missmutig die Wand an. Ich starrte die Wand an und blickte auf eine dralle Blondine. In einem orangefarbenen Etuikleid saß sie auf einem Tisch, hatte die Arme auf ihrem Rücken verschränkt und streckte ihren Kopf in die Wolken.
Drei Tage lang blickte ich auf die herrlich gebaute Dame, und langsam besserte sich meine schlechte Laune. Ich hatte mich in das Gemälde verliebt! In einem unbewachten Augenblick, so der Titel des Bildes, packte ich zu. Mit dem Künstler wurde ich schnell handelseinig. Ich verschleppte das Bildnis ohne viel Federlesen in meinen Palast, und meine wunde Seele erholte sich geschwind. Es ging mir wieder prächtig!
Seitdem hängt »Unbewachter Augenblick« an einem Ehrenplatz meiner Sammlung und erinnert mich an die Flüchtigkeit, mit der die Liebe den Menschen bisweilen berührt aber auch wieder verlässt.
Für mein Buch »Angriff der Killerkekse« habe ich das Bouman-Bild als Titelillustration gewählt.
Jan Bouman: Beflügeltes Geflügel, 1998
Pastell auf Karton. 29 x 43 cm
© W. R. Frieling
Heute folgt das dritte der Eulenmotive aus meiner Sammlung, die der holländische Maler Jan Bouman schuf. Dieses festliche Motiv setzte der Frieling-Verlag als Grußkarte zum Jahreswechsel 1998/99 ein. Die Auflage betrug 20.000 Stück im Format DIN A 6, und ich trenne mich heute nur noch höchst selten von den allerletzten Karten, die ich gebunkert habe.
Die Entstehungsgeschichte des Motivs ist, wie häufig in der bildenden Kunst, mit einer persönlichen Geschichte verbunden: Ich hatte mich seinerzeit gerade mal wieder tierisch verliebt, und Meister Bouman besuchte mich und mein damaliges Lebensglück in Berlin. Wir feierten unser Wiedersehen, und ich setzte mich im Laufe des Abends an den Stutzflügel, der in meinem Musikzimmer steht und spielte ein paar Takte Einfinger-Eulenblues.
Dies regte den Meister zu der vorliegenden Arbeit an. Er malte ein Schneeeulenpaar, das am Stutzflügel die Korken knallen lässt. Anstelle der Notenblätter steht übrigens ein kleines Kopfkissen, was immer damit auch angedeutet sein will. Die Figuren samt Instrument stehen auf einem aufgeschlagenen Buch. Damit spielen das Schreiben und der Verlag ins Bild.
Die seitlichen Vorhänge deuten auf das Bühnenhafte der Szene hin. Das fröhlich feiernde Paar agiert vor einer nachtblauen Sternenkuppel, die wiederum auf Karl Friedrich Schinkels faszinierendes Bühnenbild für den Auftritt der Königin der Nacht in Mozarts »Zauberflöte« anspielt.
Mit diesem Motiv grüße ich die Leser und Freunde meiner Blogs ganz herzlich. Ich wünsche Euch für das neue Jahr alles erdenklich Gute, Gesundheit, Glück in der Liebe, Erfolg in Familie und Beruf, Freude beim Umgang mit den schönen und fröhlichen Dingen, die unser Leben bestimmen, und weiterhin Spaß im realen wie im virtuellen Leben!
Jan Bouman: Alle Jahre wieder Fröhliches Gefieder, 2000
Pastell auf Karton. 36 x 49 cm
© W. R. Frieling
Die Arbeit »Alle Jahre wieder Fröhliches Gefieder« des Niederländers Jan Bouman diente als Weihnachtskarte 2000/01 für den Frieling-Verlag. Es ging wieder darum, die Eule als Wappenvogel meines Unternehmens spielerisch einzusetzen. Schneeeulen versammeln sich deshalb zu einem illustren Kreis und verkünden die Weihnachtsbotschaft.
Die Damen des gefiederten Klangkörpers sind mit Perlenketten, die männlichen Eulen mit Smokingfliegen geschmückt. Einer der fröhlichen Sängerknaben kneift dem Betrachter ein Auge zu, damit diesem unmissverständlich deutlich wird, dass es um Spaß geht. Die versammelten Eulen sollten die Autoren des Verlages symbolisieren, deshalb singt ein jeder aus seinem eigenen Buch. Im Hintergrund wird ein geöffnetes Buch mit unbeschriebenen Seiten erkennbar, aus dem ein Feuerwerk empor schießt.
Um die Bildwirkung zu verstärken, hat der Künstler noch einen Rahmen gezeichnet, der das fröhliche Miteinander der Eulensänger unterstreicht.
Wie alle anderen Bouman-Motive wurde uns auch diese Postkarte (Auflage: 15.000) aus den Händen gerissen. Innerhalb kürzester Frist war sie ausverkauft. Wir erhielten begeisterte Zuschriften, und dem Maler wurde verdientes Lob gespendet. Lediglich eine ältere Dame meinte, der Künstler solle sich doch mal einen richtigen Chor ansehen. So jedenfalls stünde der nicht auf der Bühne, das Bild sei ergo »falsch«. Tja, so kann es dem Pinselheinrich gehen, wenn der Anspruch des hoch verehrten Publikums an den künstlerischen Realismus allzu hoch ist
