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Janina Venn-Rosky: „Milliardärs-Romanzen schreibe ich nicht“

November 17, 2019
by Ruprecht Frieling
Autorenporträt, Künstlergespräche, Self-Publisher, Storytelling-Interview
3 Comments
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Janina Venn Rosky 03

Schreiben schenkt Freude: Autorin Janina Venn-Rosky arbeitet an ihrem unterhaltsamen Roman »Der Hühnerflüsterer, meine Oma & ich« Fotos: © Ruprecht Frieling

Janina Venn-Rosky ist sich in einem Punkt ganz sicher: Milliardärs-Romanzen schreibt sie auch künftig nicht. Die Verfasserin britisch angehauchter Liebesromane lebt ihren Traum vom Schreiben auf englische Art: Sie trinkt Tee und genießt auch die Amouren ihrer Titelhelden mit Gelassenheit und Augenzwinkern.

Milliardärs-Romanzen schreibe ich nicht

Ein Porträt der Self-Publisherin Janina Venn-Rosky

Von Ruprecht Frieling

 

High Tea im Hause Venn-Rosky. Auf dem Tisch steht eine dreistufige Etagere mit Köstlichkeiten: Dreieckige Sandwiches mit Lachs, Scones, Erdbeermarmelade und hausgemachter Clotted Cream, ein Streichrahm aus Kuhmilch, erwarten den Gast. Dazu wird schwarzer Tee gereicht: Duftiger Darjeeling und kräftiger Assam heben den Genuss.

Janina Venn-Rosky ist vorbereitet. Schließlich schuldet sie ihrem Image als »Teeprinzessin«, zu der ich sie als leidenschaftlicher Teetrinker geadelt habe, den entsprechenden Lebensstil.

Aber wie kam sie eigentlich auf den England-Trip?

Nach einem vierwöchigen Au-pair sowie Jobs in Teeläden verliebt sich die im Sternzeichen Zwilling am 12. Juni 1976 in Kiel geborene Janina Hals über Kopf in die englische Kultur. Ihre beste Freundin zieht nach London. Da ist es endgültig um die junge Frau geschehen.

Ein Studium der Anglistik und Kunstgeschichte ist der konsequente nächste Schritt. Seitdem liest sie die Klassiker von Jane Austen ebenso wie die Romane ihrer aktuellen Lieblingsautorinnen Kathleen Tessaro und Mhairi McFarlane im Original.

Janina gießt goldfarbenen Tee ein und lädt zum Verkosten der Köstlichkeiten ein. Sie wirkt dabei durchaus britisch: aufrecht sitzend, rötlich angehauchtes schulterlanges Haar, das meistens hinter die Ohren gesteckt ist, ein Porzellanteint mit Sommersprossen, in rosa, gelb, himmelblau und andere Alabasterfarben gekleidet, dabei stets ein klein wenig spitzbübisch lächelnd. Kein Wunder, dass auch ihre selbst entworfenen farbenfrohen Buchcover distinguiert Britisches ausstrahlen.

Leidenschaftliches Lesen und kreatives Schreiben

Schon als Schülerin will Janina Venn-Rosky Schriftstellerin werden. Unter der Schulbank schreibt sie heimlich gemeinsam mit einer Freundin eine Hanni-und-Nanni-Persiflage. Angeregt durch die Lektüre der Abenteuerromane von Enid Blyton, Astrid Lindgren und Jules Verne verfasst sie im zarten Alter von zehn Jahren das verschollene Kriminaldrama »Der Handschuh«. Als Mitglied eines Detektiv-Clubs hockt sie mit zwei Jungen, bewaffnet mit Schnick-Schnack aus Yps-Heften, im Gestrüpp und wartet darauf, dass vor ihren Augen ein Verbrechen geschieht, das sie dann aufklären können …

 

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Angeregt zum leidenschaftlichen Lesen und kreativen Schreiben wird sie von ihrer Deutschlehrerin. Mit ihr und zwei weiteren literaturbegeisterten Freundinnen geht sie ins Theater, trifft sich abends in der Kneipe, diskutiert Hölderlin, verschlingt »Narziß und Goldmund« von Hermann Hesse und Goethes romantische »Leiden des jungen Werther«. Zum Abitur überrascht sie gemeinsam mit drei Schreibfreundinnen ihre Mitschüler mit einem Theaterstück, das gespickt ist mit Aussprüchen von Lehrern und anderen wichtigen Philosophen. Im Sinne der Dichtkunst des Sinnvollen und Zwecklosen heißt das Stück »Zweck und Losigkeit«.

Die Teeprinzessin schenkt nach. Zum Glück kenne ich die Regeln der englischen Tea Time insoweit, als ich weiß: sich selbst nachzuschenken gilt als Taktlosigkeit. So lehrt es zumindest Anna, 7th Duchess of Bedford, die im frühen 19. Jahrhundert die Kunst der Teestunde einführte. Nach weiteren Häppchen aus der Etagere finden wir zu Janinas Lebenslauf zurück.

Studium und Beruf

Janina Venn Rosky 1Auf Kiel folgt nach zwei Jahren in Hamburg ein Studium in Textildesign. »Die kreative Arbeit war mehr mein Ding als die Wissenschaft«, kommentiert Janina Venn-Rosky, die diese Ausbildung mit dem sperrigen Titel »Diplom-Industriedesignerin Fachrichtung Textil« 2003 erfolgreich abschließt. Im Studium lernt sie ihren jetzigen Mann kennen, er ist das geeignete »Heiratsmaterial«. Inzwischen haben die beiden zwei süße Kinder.

Gemeinsam mit dem Schwiegervater erarbeitet die Autorin ein Farbwörterbuch, Planungshandbücher für Gestalter und Einrichtungsratgeber für einen Baumarkt. Es sind dicke, sorgfältig recherchierte und liebevoll layoutete Bücher zu Wohn- und Arbeitswelten. Bis heute produziert sie jährlich einen derartigen Wälzer. Text und Bildrecherche beanspruchen sie jeweils volle vier Monate und verdienen die Butter auf den Sandwiches.

Respektvoll nehme ich die dicken Wälzer in die Hand. Aus eigenem Erleben weiß ich, wie anstrengend die Produktion derartiger Sachbücher ist. Dies bewältigt nur, wer fleißig ist, äußerst strukturiert vorgeht, und diszipliniert schreibt. Das Schreiben von Romanen ist dagegen fast ein Befreiungsschlag.

Das erste Buch

Die Fee im Absinth

»Die Fee im Absinth« heißt der Erstling von Janina Venn-Rosky

Fünf Jahre schreibt Janina Venn-Rosky als kreativer Ausgleich an »Die Fee im Absinth«. Als der Roman endlich fertig ist, bittet sie ihren Mann, das Werk zu lesen. Auch die Freundin in London und zwei alte Schulfreundinnen werden als Testleserinnen gewonnen. Der Mann der einen bekommt das Manuskript in die Finger und meint zu seiner Frau, wenn sie »so etwas« geschrieben hätte, würde er sich von ihr scheiden lassen. Männer verschrecken kann Janina mit ihrem Werk offensichtlich ganz gut.

Von diesem erschrockenen Leser abgesehen, findet ihr Manuskript Zuspruch. Den Stress, Verlage anzuschreiben, erspart sich die Autorin. Aufgrund ihrer Ausbildung gelingt es ihr bei ihrem Erstlingswerk mithilfe ihrer Testleser auch ohne Lektoren, Korrektoren und Gestalter, eine erstklassige Druckvorlage zu schaffen. Bei ihren weiteren Werken greift die Autorin allerdings auf die Hilfe einer Lektorin zurück, die seitdem ihren Manuskripten den letzten Feinschliff verpasst.

2015 veröffentlicht Janina »Die Fee im Absinth« als E-Buch und Paperback über Amazon. Die Leserschaft greift zu und will mehr. Es folgen »Der perfekte Kuss«, »Liebe in Teedosen«, »Kein Tee für Mr. Darcy«, »Sehnsucht nach Teeküssen«, »Happy End mit Honigkuss«,  und – als jüngstes Küken im Hühnerstall – »Der Hühnerflüsterer, meine Oma und ich«.

In der Tradition von Jane Austen

Liebe in Teedosen

Als Anastasia eines Tages das charmante Tea Time entdeckt, ist sie sofort fasziniert von dem kirschroten Teeladen und seiner temperamentvollen Inhaberin. Aber sie findet nicht nur duftende Tees und gute Freundinnen im Tea Time. Ihr begegnet auch ein ungehobelter Gentleman mit dem Talent, sie immer wieder zur Weißglut zu bringen. Seine funkelnden Bernsteinaugen wollen sie dennoch einfach nicht loslassen …

Gleich morgens, sobald die Kinder in der Schule sind, beginnt die Autorin mit dem Schreiben. Manchmal plottet sie, aber später wird doch alles anders als geplant. Inzwischen sind sieben belletristische Titel aus ihrer Feder lieferbar. Ein Buch pro Jahr, mehr ist wegen der Festaufträge nicht drin. Parallel liest sie Romane von Bestsellerautorinnen, um zu sehen, wie die das machen.

Janina Venn-Rosky sieht sich in der Traditionslinie von Jane Austen. Der Titel »Kein Tee für Mr. Darcy« deutet bereits auf den Protagonisten Fitzwilliam Darcy in Austens »Stolz und Vorurteil« (Originaltitel: Pride and Prejudice), der um Elizabeth Bennet wirbt. »Austen ist eine scharfe und zeitkritische Beobachterin«, erklärt mir Janina, »die betrachtet das Leben auch bei den Teestunden etwas ironischer».

Die Heldin ihres letzten Romans »Happy End mit Honigkuss« ist Autorin und schreibt Liebesromane. Sie lebt ihre Sehnsüchte ausschließlich in ihren Romanen aus. Ansonsten hat sie nach einer Enttäuschung mit dem Thema Liebe abgeschlossen. Findet sie einen Mann attraktiv, dann wird er eben der Held ihres nächsten Romans. Sie schreibt um ihn herum eine Geschichte, und wenn dies abgeschlossen ist, hakt sie den Kerl ab und verschanzt sich weiter in ihrem Elfenbeinturm.

Das bricht dann irgendwann auf, als ein toller Typ vor ihrer Tür steht und sich plötzlich für sie interessiert. Die Heldin macht zwar Stück für Stück eine Entwicklung, zickt aber herum und glaubt nicht an die große Liebe. Das haben einige Leserinnen der Verfasserin übelgenommen. Dass die Protagonistin dem Herrn das Leben schwer macht, mögen sie dann doch weniger gern. Kommt der Traumprinz endlich, und ist dann auch noch nett, dann sollte die Heldin auch sofort in Freudentaumel verfallen und dem armen Mann nicht noch das Leben schwermachen.

Figuren kennen und verstehen

Janina Venn Rosky 01

Aktiver Einsatz auf Messen und Ausstellungen wie der BuchBerlin macht der Autorin Spaß und bringt sie in Kontakt zu ihren Lesern

Janina Venn-Rosky ist überzeugt: »Es ist für den Autor einfacher, etwas zu beschreiben, wenn man es selbst erlebt hat und insofern nachvollziehen kann oder zumindest Menschen kennt, die entsprechend agieren. Ich verstehe und kenne meine Figuren, identifiziere mich teilweise«.

Reaktionen der Leser wie private Nachrichten oder öffentliche Rezensionen bedeuten ihr viel. Der Self-Publisherin ist wichtig, hinter ihren Büchern stehen zu können. »Deshalb schreibe ich keine Milliardärs-Romanzen. Damit könnte ich mich nicht identifizieren, weil ich daran nicht glaube. Mir würden die Charaktere abhauen.«

Die Autorin ist überzeugt: Die meisten Autorinnen stecken viel von ihren eigenen Romantikvorstellungen in ihre Bücher. Damit werden die Texte überzeugender. Wer diese Art der Unterhaltungsliteratur ablehnt, wird deshalb kaum erfolgreich schreiben können.

Janinas Buchtitel erinnern mich an die Rosenromantik der Meisterin der Liebesschnulze, Rosamunde Pilcher. Darauf angesprochen widerspricht Janina lebhaft: »Pilcher ist kitschig. Romantik und Kitsch sind zwei verschiedene Dinge«.

Zwischen Romantik und Kitsch

Aber wie definiert Venn-Rosky Romantik?

»Romantik ist, wenn an die Liebe geglaubt wird. Dass Menschen ihre Träume verwirklichen können. Bei mir sind es Charaktere, die schon einen Bruch erlebt haben und trotzdem romantisch träumen. Romantik war immer da. Mit den Frauen, die ich beschreibe, wäre ich im „wahren Leben“ gern befreundet. Sie suchen ihren eigenen Weg, haben oft einen Bruch in ihrer Biographie wie eine Scheidung, eine gescheiterte Karriere und hegen den Traum von einem besseren Leben.«

Janina knabbert an einem Muffin, überlegt einen Moment und ergänzt dann auf meinen fragenden Blick: »Letztlich sind auch die Milliardärsgeschichten romantisch, wenn auch der Wohlstand den Ausschlag gibt und überzeugt. Damit kann ich mich allerdings nicht identifizieren, weil ich daran nicht selbst glaube«.

Wählt sie lieber Nice Guys als Bad Boys für ihre Romane aus?

»Genau. Die Männer, denen meine Heldinnen ihr Herz schenken, sind nett. Der Mann, in den sich meine Heldin verliebt, versucht nicht, sie klein zu halten, sondern ermutigt sie, ihre Schwingen zu entfalten. Natürlich darf er trotzdem gut aussehen …«

ROMANTIK

Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.

Novalis

 

Die Bedeutung der Atmosphäre

Milchwölkchen treiben im Tee. Unterstützt von den Kindern, die gelegentlich hereinschauen und extra ihre Zimmer für den Besucher aufräumen mussten, ist die Etagere weitgehend abgeräumt. Die Straße, an der Familie Venn-Rosky wohnt, ist in abendliches Zwielicht gehüllt. Autoscheinwerfer tasten durch den silbergrauen Nebelfilm, der Berlin umhüllt. Meine Gastgeberin entzündet eine Kerze und schenkt nochmals nach. (Wo bleibt eigentlich der Absinth, Madame Pompadour?)

»Atmosphäre spielt in meinen Büchern eine große Rolle. Meine Romane sollen alle Sinne ansprechen. Es wird mit Leidenschaft gekocht und gebacken, in den Räumen brennen Kerzen, gemütliche Teestunden werden zelebriert, und durch die Räume zieht der Duft von Apfelkuchen. Der Blick für Details ist mir wichtig. Am liebsten mag ich es, wenn Räume lebendig werden und man ganz in ihnen abtauchen kann.«

Janina Venn Rosky 02

Auch in diesem Jahr trifft man sie auf der BuchBerlin: Bücherprinz Ruprecht Frieling und Teeprinzessin Janina Venn-Rosky

Teeprinzessin Janina wünscht sich, dass ihre Bücher Wohlfühlorte sind, in denen der Leser eine Auszeit vom Alltag nehmen kann. Am liebsten schreibt sie über Dinge, die ihr selbst am Herzen liegen: über Liebe und Freundschaft, über die Magie kleiner Momente und großer Gefühle.

Träume können wahr werden

Langfristig würde sie gern zu einem guten Teil von ihren Romanen leben können. Dabei hat Erfolg in ihren Augen nur bedingt mit Umsatz zu tun. Sie möchte zufrieden sein mit dem, was sie produziert, und es interessiert sie in erster Linie, eine Leserschaft zu finden, die ähnlich tickt wie sie.

»Träume können wahr werden. Denn wenn wir an das glauben, was wir tun, ist alles möglich«, ruft sie mir beim Abschied noch ins Treppenhaus des Mietshauses nach.

Damit läuft sie bei mir offene Türen ein: Mein Motto »Folge deinem Stern« begleitet mich ein Leben lang. Es hat mir ein wundervoll abwechslungsreiches Dasein als Journalist beschert, in dem ich faszinierende Menschen wie Janina Venn-Rosky kennenlernen und interviewen darf.

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Stephan Graf von Bothmer: Stummfilmpianist mit Kultstatus

Januar 15, 2019
by Ruprecht Frieling
Film, Filmmusik, Interview, Künstlergespräche, Stummfilm
6 Comments
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Bothmer Fluegel schatten 630

Stephan Graf von Bothmer am Steinway   @Birgit Meixner

Stummfilmpianist Graf von Bothmer

Langsam erlischt das Licht. Stumm flimmern erste Filmsequenzen über die große Leinwand. Das Publikum spitzt die Ohren. Augenblicklich erwacht am Flügel ein Pianist: Stephan Graf von Bothmer greift wie elektrisiert in die Tasten und erweckt den Streifen zum Leben. Er ist die Hauptattraktion des Abends.

Von Charly Chaplin über Laurel & Hardy zu Klassikern wie »Metropolis« und anderen ausgegrabenen Klassikern des Stummfilms zeigt der Stummfilmpianist, was Musik aus einem Film machen kann. Er begeistert damit ein stetig wachsendes Publikum. Prinz Rupi traf Graf von Bothmer zum Gespräch über dessen künstlerische Arbeit und die nächsten Projekte.

Video: Graf von Bothmer begleitet Laurel & Hardy

Stephan Graf von Bothmer verwandelt Stummfilm zum Event. Er erweckt damit die weitgehend vergessene siebente Kunstform wieder zum Leben. Das stumme Kino hatte sich in den »goldenen« Zwanzigern als populärstes Unterhaltungsmedium etabliert und sich auch den Status als eigene Kunst erkämpft. Die Kunst der Regisseure und Akteure erreichte eine bis heute unübertroffene visuelle Ausdruckskraft, die dann aber durch den Tonfilm bald in Vergessenheit geriet. Wie ein Zeremonienmeister beschwört der Graf nun in seinen Stummfilm-Konzerten den Charme der Vergangenheit und macht Staunen über die Macht der Musik. Auf fünf Kontinenten ist er bereits aufgetreten, mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont.

Bothmer im ZDF 02 2019 01 08

Stummfilmpianist Stephan von Bothmer und Schauspieler Harald »Der Bergdoktor« Krassnitzer zu Gast bei Ingo Nommsen in der ZDF-Live-Sendung »Volle Kanne«  

Bothmer ist ein Maniac. Frühmorgens rast er in Düsseldorf zum ZDF in die Live-TV-Sendung »Volle Kanne«, dann sofort mit dem Zug zurück nach Berlin. Unterwegs werden telefonisch Dinge geregelt, Verabredungen getroffen und die sozialen Medien bedient. Die Bundesbahn hat wie immer Verspätung, ungeduldig wartet bereits ein Fahrzeug am Berliner Hauptbahnhof auf ihn. Schnellstmöglich geht es weiter nach Potsdam zum Fernsehstudio. Auch der RBB will den Mann, der in der Berliner Passionskirche ein Festival mit spektakulären Stummfilmkonzerten veranstaltet, interviewen. In letzter Sekunde landet er dort. In Bothmers Büro ist derweil der Teufel los. Telefone klingeln. Rechner glühen. Pakete mit Werbematerialien werden in dem kleinen Büroraum auf einen Haufen gestapelt. Wir verschwinden zum Gespräch in einem ruhigen Raum.

Popularität folgt aus Klarheit

Ruprecht Frieling: Graf von Bothmer ist seit Jahren eine Institution im Bereich des musikalisch unterlegten Stummfilms. Wie hast du eigentlich angefangen?

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Stephan Graf von Bothmer   ©Ruprecht Frieling

Stephan Graf von Bothmer: Lange bevor ich überhaupt Stummfilme kannte, habe ich diese Musik angefangen zu entwickeln. Tatsächlich habe ich meinen ersten Stummfilm vor 20 Jahren vertont, eher zufällig. Aber es hat mich total umgehauen, einfach ein Riesenspaß! Von dem Konzert habe ich ein Video (noch auf VHS) an verschiedene Veranstalter geschickt. Es ging dann ziemlich schnell. Es war damals unüblich, den Pianisten bei der Ankündigung zu nennen, genannt wurde nur der Stummfilm. Ich habe vorgeschlagen, das anders zu machen, damit die Leute, die von meiner Art begeistert sind zu mir kommen können, und jene, die von anderen Musikern mehr angesprochen werden, eben zu denen gehen. Nach meiner Überzeugung folgt nämlich Popularität aus Klarheit.

Damit hast du dich aber eher unbeliebt gemacht und wurdest nicht wieder gebucht.

Richtig. Ich hatte noch verschiedene Vorschläge, wie man die Aufführungen attraktiver machen kann. Damals war es üblich, vor der Veranstaltung einen Filmwissenschaftler auftreten zu lassen, der den Film erst mal schlecht machte. Für ein Publikum, das kein primär wissenschaftliches Interesse hat, war das vollkommen destruktiv. Es lief dann so ab, dass der Film riesig im Vordergrund stand und dazu einer auf dem Klavier herumdudelte, der den Film vielleicht vorher noch nie gesehen hatte und im Dunkel saß.

Du wolltest dem Publikum mehr bieten?

Ich hatte mich vorher vier bis sechs Wochen auf jeden einzelnen Film vorbereitet. Deshalb behaupte ich, auch eine höhere filmmusikalische Qualität zu liefern. Meine Veranstaltungen sollten das Niveau eines klassischen Konzertes bieten. Ein Konzert mit Film. Dazu schuf ich den Begriff »Stummfilm-Konzert«.

Mit dieser Idee bist du herumgezogen und hast versucht, Partner zu finden …

… aber keiner interessierte sich dafür und sah die Chance einer Finanzierung. Also habe ich auf mein eigenes Risiko einen Konzertsaal gemietet. Und zwar gleich für sieben Konzerte, damit die, die ich begeistern kann, auch wieder kommen können. Das war in der Kreuzberger Passionskirche, die damals als Konzertsaal richtig populär war. In meiner Naivität hatte ich einen Trumpf gezogen, was ich erst aus den Medien erfuhr.

Die Berliner Passionskirche brachte die Wende

In der Passionskirche zu spielen, das hatte was!

Dort mit Stummfilmen anzukommen war ein vollkommener Bruch. Da spielten damals internationale Größen. Allerdings musste ich den dreifachen Eintritt nehmen aufgrund der Mehrkosten, die ich an der Backe hatte. Es kamen trotzdem statt der sonst üblichen zwei Dutzend Leute plötzlich 200 Zuhörer – auf einen Schlag! Für das zweite Stummfilm-Konzert habe ich Willi Sommerfeld ausgegraben. Da kamen 220 Leute, und dann drei Mal 450 – wir waren ausverkauft. Damit war für mich klar, das weitermachen zu wollen.

Der Stummfilm brauchte einen Enthusiasten, der das nach vorne treibt.

Am Ende habe ich 64 Konzerte in einem Jahr allein in Berlin an verschiedenen Orten gespielt. Neben den Leuchtturmprojekten buddelte ich mit meinem Team auch unbekannte Filme aus. Für mich zählt die Vielfalt: Wer sechs Konzerte miterlebt hat, ist schon ein kleiner Stummfilm-Experte. Es ist leider inzwischen schwer geworden, weil die Filmlizenzen, aber auch Saalmiete und Werbung sehr teuer geworden sind. Ich habe manchmal den Eindruck, mehr Zeit mit Rechnen zu verbringen als am Flügel …

12 Nosferatu ChorOchester Bothmer @ Birgit Meixner Pandig Deutsche Kinemathek

Ein seltener Genuss: »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau in Verbindung mit Chor und Orchester @Birgit Meixner/Pandig/Deutsche Kinemathek

Wenn du also einen Film wie »Nosferatu« zeigen willst, musst du erst einmal tief in die Tasche greifen?

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Aber die Rechte sind nicht abgelaufen und für eine Aufführung dieser Filme muss man mitunter sehr viel Geld bezahlen. Das ist schade, denn ich würde gerne mehr Menschen begeistern und am Ende könnte ich den Rechteinhaber dann sogar mehr Geld zahlen als jetzt. Eine Tournee durch große Hallen, die dem Stummfilm-Genre insgesamt einen neuen Stellenwert hätte geben können, wurde so verhindert. Meine Veranstaltungen sind aber auch sonst viel teurer, weil aufwendiger, als andere.

Video: Bothmer und Chor zu »Nosferatu«. Schaurig schön

Lässt sich dieser Konflikt irgendwie lösen?

Ich würde mich gerne mit den Rechteinhabern zusammensetzen und ein ganz neues Veranstaltungs- und Vermarktungskonzept besprechen, das ich entwickelt habe. Dieses würde auch die Digitalisierung weiterer wunderbarer Filme enthalten. Was mich persönlich angeht: Meistens bin ich ja nicht selbst Veranstalter, sondern werde gebucht. Ich musste lernen, nicht den Pianisten, sondern Shows anzubieten. Die werden auf Veranstaltungsmessen verkauft.

Auch da holt mich wieder das Problem ein, dass Filme anders gehandelt werden, als Konzerte. Ich kann bei den meisten Rechteinhabern nur eine Aufführung für einen bestimmten Tag an einem bestimmten Ort kaufen. Und auch erst dann erfahre ich den Preis, der sich für jede Aufführung ändern kann. Den Veranstaltungen muss ich aber auf der Messe schon mitteilen, was die Show kostet. Das ist so aber unmöglich. Am Ende macht es die Sache für mich und für die Veranstalter unnötig schwer und es kommen weniger Aufführungen zustande.

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Auf fünf Kontinenten ist Graf von Bothmer bereits aufgetreten und mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont ©Ruprecht Frieling

Du zeigst auch Filme, für die kein »kollektives Unterbewusstsein« besteht. Damit hast du ein noch höheres Risiko als mit berühmten Stummfilmen.

Jetzt habe ich beispielsweise einen ganz, ganz tollen Film im Festivalprogramm: »Wunder der Schöpfung«. Es gibt Filme, die seit Jahrzehnten in den Archiven schlummern. Es macht mir einen Riesenspaß, diese Filme wieder aufzuführen und zu beweisen, dass sie ein Publikum finden. Zugpferd ist dabei natürlich meine musikalische Interpretation.

Funktioniert dein unternehmerisches Konzept so, dass du ein Gesamtpaket anbietest an Städte, Gemeinden und regionale beziehungsweise kommunale Einrichtungen zuzüglich undefinierbare Lizenzkosten?

Das stimmt, das Geheimnis ist das Gesamtpaket. Oft ist es auch ein Konzept für einen bestimmten charismatischen Ort oder eine Ausstellung. Meistens muss ich aber einen Endpreis sagen. Wie gesagt: Film- und Musikwirtschaft passen hier nicht zusammen.

Parallel dazu möchte ich zeigen, was noch geht. Und das mache ich, wenn ich selbst Veranstalter bin, so wie jetzt im Festival. Dazu grabe ich ständig Neues aus, im Vorjahr beispielsweise den Martin-Luther-Film. Der existiert nur in einer ausführbaren Fassung, weil ich mit meinem privaten Geld die Premiere ermöglichte. Alte Filme müssen restauriert werden, damit sie überhaupt aufgeführt werden können. Diese wichtige Arbeit hat das Bundesarchiv durchgeführt.

Ich habe ihn gleich vierzig Mal gezeigt, und es stellte sich heraus, dass es sich um einen extrem beeindruckenden Film und ein wichtiges Zeitdokument handelt.

Wenn ich selbst Veranstalter bin, kann ich auch die Show weiterentwickeln. Ich zeige Vorfilme, beispielsweise eine Kinowerbung von 1912 oder coole Animationsfilme. Die Veranstaltung hat dann etwas vom Varieté mit mehreren Nummern, wo das Kino ja auch entstand.

19 Metropolis Pyro Bothmer @ Maya von Bothmer

Musik und Pyro-Technik unterstützen die Vorführung von Fritz Langs Filmepos »Metropolis« aus dem Jahr 1925/26    @Maya von Bothmer

Schön ist auch ein Genre-Gegensatz, wenn der Hauptfilm beispielsweise ein Space-Film ist, ist ein sehr poetischer Vorfilm super, bei einer Tragöde nehme ich mindestens einen lustigen Vorfilm. Es ist übrigens viel schwieriger, kurze Filme zu begleiten, weil man exakt auf dem Punkt sein muss. Das hat etwas Virtuoses an sich, das vom Publikum entsprechend honoriert wird. Es gibt auch Infotainment und Musik ohne Film. Dieses Experimentierfeld brauche ich und das ermöglicht mir das Festival in der Passionskirche.

Dort habe ich dich mit »Metropolis« erlebt, in dessen Vorführung du sogar beim großen Untergang ein Feuerwerk eingebaut hast. Ein Erlebnis ohnegleichen, selbst wenn man den Film schon kennt.

Ich liebe die Show auch, das rockt richtig. Ich gehe über den Film hinaus, aber so, dass er nicht untergebuttert wird, sondern unterstützt. Er wird viel größer, tiefer und noch spektakulärer. Weil wir Feuer, Dampf und Explosionen sehr gezielt einsetzen – wie die Musik. Um das Publikum zu locken, benötigt man immer ein paar Saalfüller. Solche Highlights sind Stan-und-Olli-Programm (»Dick und Doof«), »Berlin, Symphonie einer Großstadt« und »Nosferatu«. Begeisterten Menschen kann man dann auch die echten Meisterwerke zeigen.

Du hast »Die kleinen Strolche« von Hal Roach ausgegraben, die kenne ich noch aus früher Jugend aus dem Fernsehen. Wir bist du denn darauf gekommen, du bist doch viel zu jung für diese Serie?

Doch, die habe ich noch im Fernsehen gesehen! Mit meinen Kindern habe ich die Filme an Sonntagen angesehen und sie entscheiden lassen, welche drei Folgen in mein Programm aufgenommen werden sollen. Das Programm wurde also von Kindern entschieden!

50 Jahre Mondlandung als Stummfilm-Programm

3 FrauimMond Bothmer @ Birgit Meixner Deutsche Kinemathek

Fritz Lang schuf 1928/29 den Science-Fiction-Stummfilm »Frau im Mond«   @Birgit Meixner/Deutsche Kinemathek

Dein nächstes Programm steht unter dem Titel »50 Jahre Mondlandung«.

Es geht um Space und Science-Fiction. Ich habe sechs Science-Fiction Filme im Programm. »Metropolis« ist ja auch ein Science-Fiction-Film. Dazu gibt es aber auch weiterhin die bewährten Rubriken: Komödien und Berlin-Filme.

Der russische Kult-Klassiker »Aelita« ist auch dabei. Die Romanvorlage von Alexej Tolstoi hatte bereits im Jahr 1922 in der jungen Sowjetrepublik Furore gemacht. Zwei Jahre später kam dann die Verfilmung in die Kinos.

Genau. Ich behaupte sogar, dass dieser Roman die russische Affinität zum Weltraum entscheidend mit beeinflusst hat. Der russische Vorsprung in der Weltraumforschung hat ja dann die Amerikaner überhaupt erst dazu bewogen, auf den Mond zu fliegen. Diese Filme sind also ein bisschen mit Ursache für die Mondlandung!

Dann gibt es »Algol«, einen deutschen Spielfilm aus dem Jahre 1920 von Hans Werckmeister.

Darin spielt der geniale Emil Jannings einen Grubenarbeiter, der von einem Außerirdischen vom Planeten Algol den Bauplan einer Maschine bekommt, die dessen unerschöpfliche Energie anzapft und ihn damit zum übermächtigen Menschen macht.

Richard Wagners »Rheingold«-Thema: Der Ring der Macht!

Stimmt. Das ist, wie bei den Rheintöchtern, auch ein wenig erotisch konnotiert, insgesamt ein großartiger Film. Ein Vorläufer von »Metropolis«, er geht aber in eine etwas andere Richtung. Der Protagonist möchte eigentlich, dass niemand mehr so hart im Bergbau für sein Brot arbeiten muss und sozialisiert die Hälfte seiner Erlöse. Aber er bringt die anderen Staaten in Abhängigkeit und stürzt die Welt ins Unglück, erkennt dies jedoch erst, als seine Frau bei einem Maschinenunglück ums Leben kommt. Auf eine gewisse Weise führt dieser Film den Glauben, den wir ja heute immer noch haben, dass man allein durch technischen Fortschritt beispielsweise die Erderwärmung verhindern könnte, ad absurdum. Wir müssen vor allem unser Handeln ändern.

Bothmer im RBB 01 2019 01 08

Gefragter Studiogast: Stummfilm-Pianist Stephan von Bothmer im RBB ©Ruprecht Frieling

»Das Wunder der Schöpfung« hattest du vorhin schon erwähnt.

In dem Film geht es darum, die Wunder der Schöpfung der Erde und des Weltalls zu zeigen. Es ist ähnlich wie eine Vorführung im Planetarium, mit Kapiteln über die Erde, das Sonnensystem und den tieferen Weltraum.

Dazu fällt mir spontan Gustav Holst mit seiner Planeten-Sinfonie ein. Baust du seine Musik ein oder zitierst sie?

Holst ist der Vater der Filmmusik, seine Suite entstand 1914. Hört man heute die Filmmusik zu »Star Wars«, dann wird man an ihn erinnert. Speziell gehe ich auf ihn aber nicht ein.

Das »Wunder der Schöpfung«

Das »Wunder der Schöpfung« ist eigentlich eher populärwissenschaftlich angelegt, ursprünglich ein Lehrfilm.

Die hochästhetischen Animationen sind heute noch spektakulär. Der Film ist in sechs Abschnitte aufgeteilt und endet mit der Relativitätstheorie. Es ist das erste Mal, dass Einsteins damals noch sehr junge Theorie im Film vorkommt. Der Zuschauer erlebt eine fiktive Reise in Lichtgeschwindigkeit und die damit verbundenen merkwürdigen physikalischen Phänomene.

Aber wie löst du die Darstellung der Relativitätstheorie musikalisch?

Das habe ich schon mal gelöst und zwar habe ich in der Sternwarte Treptow gespielt. Die haben das größte Teleskop Europas und auf der Bühne in dieser Sternwarte hat Einstein seine Relativitätstheorie vorgestellt. Exakt 100 Jahre später habe ich auf eben genau derselben Bühne diesen wunderbaren Film präsentiert dürfen. Musikalisch ist es eine Art wundersame Klangzauberei, mit der ich versuche, meine Zuschauer in den Film hinein zu saugen.

Das gelingt dir ausgezeichnet, und ich vermute, das spürst du auch, wenn du in die Tasten haust.

Stimmt. Ich habe mal einen Marathon veranstaltet und 30 Stunden lang Stummfilme gezeigt. Das habe ich kräftemäßig nur durchgehalten, weil ich unglaublich viel positive Energie von Publikum bekam. Danach kann man regelrecht süchtig werden.

Der manische Graf! – Gibt es eigentlich so etwas wie eine »richtige« Filmmusik?

Bei »Algol« beispielsweise kann ich das schwere Stampfen der Maschine auf dem Klavier darstellen und die Macht der Technik hörbar machen. Wenn es gut läuft, kann das Publikum im übertragenen Sinne das Schmieröl riechen. Ich kann aber auch ein kleines Thema leise in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber dieser gigantischen Maschine. Beides sagt dasselbe aus: die übermächtige Kraft der Maschine, die Faszination, das Bezwingen der Naturgewalten, den menschlichen Größenwahn und das hilflose Staunen des Betrachters – aber auf vollkommen gegensätzliche Weise. Welche der beiden Musiken besser ist, ist überhaupt nicht klar! Das hängt doch vom Publikum und auch von mir selbst ab, oder nicht?

10 OrgelSpaceSinfonie Bothmer @ FILMZ NASA

Stephan Graf von Bothmer spielt seine Space-Symphonie auf der Orgel   @FILMZ / NASA

Dazu braucht es künstlerische Intuition …

Meine Kompositionen sind wie Netze, mit Abzweigungen und verschiedenen Optionen. Welche Musik ich zu den jeweiligen Szenen spiele, entscheide ich jeden Abend neu. Dazu versuche ich intuitiv zu erspüren, wie das Publikum tickt. Schüler wollen tendenziell eher das Stampfen der Maschine hören, die wollen soundmäßig weggeblasen werden, ältere Semester mögen die komplexere Darstellung. Das entscheide ich vom Energiefeld des Publikums. Ich kann auch wechseln: erst die mechanische Kraft und dann eine musikalische Metamorphose in die Emotionalität. Entscheidend ist, das Publikum mitzunehmen. Diese Herausforderung macht mir riesig Spaß. Ich kann zur genannten Szene auch ein Vogelmotiv spielen, also etwas, das der Zuschauer überhaupt nicht sieht. Unterbewusst nimmt das Publikum über die Musik wahr: die industrielle Revolution verdrängt die Natur. Diese politische Erkenntnis steckt ja auch im Film! Man muss sie nur freilegen.

Auch in »Metropolis« mündet die ohnmächtige Wut der Menschen in einer gewissen Maschinenstürmerei nach der Devise, zerhacken wir die Maschine, ist das Problem gelöst.

Ähnlich ist es mit den heutigen Globalisierungsängsten. So glauben wir, wenn wir Atomkraftwerke abschalten, die EU zertreten oder TTIP blockieren, ist das Problem weg. Ist es aber nicht. Das ist in diesem alten Film alles schon vorhanden, die Musik macht es wieder lebendig.

Musik hat suggestive Kraft

Mit deiner Musik kannst du enorm suggestiv arbeiten und Doppelbotschaften schicken, denn Musik wird sehr viel tiefer aufgenommen als das Bild und läuft über unser Bauchhirn. Du hast also stets die Möglichkeit, zweisprachig zu arbeiten.

Mehr noch: Ich kann mit den Händen zwei unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Oder mit jedem Finger …

Ein Element deiner Kunst, Subbotschaften zu senden und zu steuern, ohne Untertitel zu benötigen?

Derzeit versuche ich ein Experiment, dass ich im Vorprogramm zeige. Es handelt sich um ganz verrückte, schnell geschnittene Aufnahmen: Ein Mensch fährt im Taxi durch New York, draußen sind absurde Szenen von verrückten Leuten. Mit meiner Musik kann ich den Eindruck erwecken, draußen tobe der Wahnsinn, das Unrecht, vielleicht ist es Gotham City. Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise: Spiele ich eine eher romantische Musik mit einer bestimmten Melancholie liegt plötzlich das Augenmerk des Zuschauers nicht mehr auf der Stadt, sondern auf dem Fahrgast, auf dem Menschen. Für meine Zuschauer kommt jetzt ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause, in die Stadt, die er so liebt, mit allen ihren Verrücktheiten. Ich habe manchmal den Eindruck, mit der Musik Texte übermitteln zu können.

Das hat was von Zauberei …

Filmmusik ist nicht nur eine Verstärkung von Gefühlen, es ist eben auch der Subtext, der unterlegt ist, die Begründung, warum das jetzt in diesem Moment so geschieht.

Plakat von Bothmer Festival

Plakat für das Stummfilm-Festival in der Berliner Passionskirche

Noch mal zurück zu dem geplanten Festival. Das läuft bis März 2019 mit 21 Aufführungen in der Kreuzberger Passionskirche?

Ganz genau! Und wir freuen uns riesig darauf. Die besten Komödien, die schönsten Berlinfilme, die abgefahrensten Space- und Science-Fiction-Filme. Und noch einige Specials, die über den Stummfilm hinausgehen.

Da scheint ein Workaholic am Werk zu sein. Du machst ja eigentlich auch alles so gut wie allein von der Vorbereitung über das Marketing bis zur Durchführung.

Ja, das ist ein Problem. Ich bin kein gelernter Unternehmer und habe in den vergangenen Jahren auch viel falsch gemacht. Da ich im Herzen Lehrer bin, habe ich in Praktikanten viel Energie gesteckt und heimlich gehofft, dass sie vielleicht bleiben. Die zogen aber weiter, und die ganze Geschichte hat eigentlich mehr Energie gekostet als Nutzen gebracht. Das habe ich aber erst sehr spät gemerkt. Dann habe ich eine Zeit lang ganz alleine gearbeitet, da bin ich fast umgefallen. Vor einem Jahr habe ich eine Mitarbeiterin eingestellt, es ist wunderbar! Aber es fällt mir auch schwer, zu delegieren, das Projekt ist sehr auf mich zugeschnitten und jede Show ist anders, mit anderen Problemen, die einfach die 20 Jahre Erfahrung erfordern.

Wie lautet eigentlich deine Berufsbezeichnung? Filmpianist? Stummfilmpianist?

Viele bezeichnen mich als Stummfilmpianist. Ich nenne mich Pianist und Komponist und lass das lieber offen. Ich mache ja auch anderes.

Was ist die herausragende Fähigkeit eines Stummfilmpianisten, also dein USP? Wie weit unterscheidest du dich von einem Konzertpianisten oder einem Organisten?

Das ist natürlich genau reingepiekt! Meine Technik, einen Film zu vertonen, unterscheidet sich von jedem anderen, weil ich nach einem anderen Grundprinzip arbeite. Ich nenne es, den Zuhörer in den Film hinein zu saugen. Das führt zu einer vollständig anderen Haltung. Als klassischer Pianist muss ich mein Stück spielen, egal was das Publikum tut. Wenn einer rausgeht, darf ich mich nicht durcheinanderbringen lassen. Ich hingegen höre die ganze Zeit auf das Publikum und reagiere, denn letztendlich übersetze ich den Film für meine Zuschauer. Ich spüre sehr schnell anhand der Publikumsreaktionen, ob ich sie packe. Im Gegensatz zu jedem anderen Filmkomponisten vertone ich einen Film nicht einmal, sondern bin jeden Abend auf der Bühne präsent und kann entsprechend die Musik variieren und weiterentwickeln. Für jede Szene habe ich fünf bis sechs Varianten, zwischen denen ich blitzschnell wechseln kann. Diese Möglichkeit hat ein klassischer Filmkomponist nicht. Es ist also nicht das Abspielen eines Stückes, es ist ein Kommunikationsvorgang. Zwischen Menschen. Es ist eine spontane Sache von Millisekunden.

Graf von Bothmer: Komponist, Pianist und Filmmusiker

Du bist Komponist, Pianist und Filmmusiker …

… das sind im Grunde drei verschiedene Tätigkeiten. Als Komponist muss ich die bewegten Bilder umsetzen können. Als Pianist muss ich es spielen können. Aber der Chef ist immer der Filmmusiker, der die Entscheidung trifft, wo die Reise hingeht.

Alles, was du spielst ist durchkomponiert?

Es ist wohl überlegt, sekundengenau, aber ich variiere es ständig. Beispiel: Stan und Olli. Es gibt diesen Running Gag, wo sich die beiden ihre Hüte falsch herum aufsetzen, also Stan setzt sich Ollis zu großen Hut auf und Olli Stans zu kleinen. Bei diesem Gag lachen die Leute immer, nur an einer Stelle lachen sie nicht. Man könnte vermuten, dass den beiden diese Szene nicht gelungen ist. Ich habe mir aber gedacht, dass ich es sein könnte, der etwas nicht richtig verstanden hat. Tatsächlich wird in der Szene davor, das Herunterfallen der Hüte durch eine Parallel-Handlung überlagert. Man übersieht das leicht. Also habe ich das Herunterfallen musikalisch unterstrichen. Man kann dann gar nicht woandershin schauen. Und siehe da: Beim Hut-Vertausch-Gag lachen alle! Welche Töne ich da genau spiele ist nicht so wichtig. Man muss die Mechanik des Gags verstehen! Die Entscheidung, das Herunterfallen zu unterstreichen ist zentral. Auf der zweiten Ebene kann ich jetzt den konkreten Tönen heute diese und morgen jene Färbung geben. Aber auf die Millisekunde präzise. Manchmal entscheide ich mich auch dafür, den Gag zu opfern und dafür eben diese Parallelhandlung wirken zu lassen. Beides geht.

Manchmal atme ich genau so wie die Darsteller, dadurch entsteht eine ganz besondere Nähe. Jeden Abend sitze ich vor der Tastatur und probiere etwas Neues aus. Und ich arbeite oft mit Archetypen. Diese Technik ist anstrengend, aber vielleicht mein Alleinstellungsmerkmal.

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Auf einer Wellenlänge: Ruprecht Frieling und Stephan von Bothmer   ©Ruprecht Frieling

Neben der Filmmusikshow arbeitest du an einer Orgel-Space-Sinfonie.

Die Filmmusik-Show ist eine Entertainment-Show in der ich hinter die Kulissen blicken lasse und einige Geheimnisse der Filmmusik enttarne. Gerade schreibe ich an einem großen Werk für Orgel. Das geht ein wenig in die Richtung Deep Purple, Pink Floyd, Cream, Tangerine Dream – aber ohne direkte Zitate.

Psychedelische Musik …

Eben, und auf der Leinwand laufen Wahnsinns-Space-Visuals, aber keine Filme die ich vertone. Entscheidend ist dieses Mal die Musik. Ich spiele auf eine ganz andere Weise, ich denke, so haben die Wenigsten schon eine Orgel gehört. Soll ich dir ein Geheimnis verraten?

Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen

Immer raus mit den Geheimnissen!

Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen. Ich habe keine einzige Orgelstunde in meinem Leben gehabt und gehe eher wie ein Kind an das gewaltige Instrument. Hier mal ziehen, da mal drücken, mich wegpusten lassen … Und plötzlich spiele ich im Königsberger Dom oder eröffne das 3. Internationale Orgelfestival in Kasachstan. Etwas Ähnliches mache ich auch am Klavier. Das war eigentlich eine Idee aus dem Publikum. Bei meiner »Piano Space Rhapsody« benutze ich auch Effekte, wie man sie von E-Gitarren kennt und moderne Loops.

Auf ein weiteres Special freue ich mich übrigens besonderes. Ich habe ein Programm mit den Pantomimen Bodecker und Neander erarbeitet. Die beiden sind fantastisch! Beide haben bei der Pantomime-Legende Marcel Marecau studiert. Ich vertone ihre Stücke, wir schaukeln uns gegenseitig richtig hoch. Es wird ein Fest!

Weitere Informationen: https://www.stummfilmkonzerte.de

Lesen Sie hier über ein gemeinsames Projekt von Graf Bothmer und Prinz Rupi.

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Mila Vázquez Otero: Kunstwerke aus Papiermaché

Januar 08, 2019
by Ruprecht Frieling
Atelierbesuch, Interview, Künstlergespräche, Künstlerporträt, Papierkunst, Sammlung Frieling
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Ausschließlich aus Papier fertigt Mila mit geschickten Fingern Kleinplastiken und Figuren • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling

Papier dient Mila Vázquez Otero als Werkstoff für filigrane Skulpturen. Aus alten Zeitungen und Kleister formen die geschickten Hände der Skulpteurin zierliche Kleinplastiken und Figuren. Ruprecht Frieling besuchte die in Berlin lebende Künstlerin, die sich mit der Gestaltung von Papier-Maché einer weitgehend vergessenen Technik bedient.


Die Welt der Mila Vázquez Otero

Von Ruprecht Frieling


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Mila Vázquez Otero: »Der Bücherprinz ist kein Papiertiger, sondern ein Berliner Bär« • Sammlung Frieling

Die Altbauten im Herzen Charlottenburgs sind typisch für den Bezirk Berlins, in dem sich das verflossene Westberlin noch immer am deutlichsten gegen die Verschmelzung von Ost und West stemmt. Die gepflegt wirkenden gutbürgerlichen Wohnanlagen entstanden in der Gründerzeit. Teilweise existieren noch Seitenflügel und Gartenhäuser. Einige der Fassaden sind prächtig. Stuckausstattung suggeriert gediegene Wohnatmosphäre, liebevolle Sanierung und ein allgemeines Wohlfühlambiente. Erst an den ausgetretenen Treppenhäusern zeigt sich, wie viele hundert Menschen in diesen vier- bis fünfstöckigen alten Kästen wohnen.

Mila Vázquez Otero lebt in einer kleinen Wohnung im obersten Stock eines dieser Wohngebäude. Platz für ein eigenes Atelier gibt es dort nicht. Der Schreibtisch in ihrem Zimmer dient als Arbeitsplatz, die Küche ist Gesellschaftsraum. Dort schlürfen wir Tee, knabbern selbst gemachte vegane Plätzchen und sprechen über ihre Arbeit.

Skulpturen aus Papier-Maché

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Mila Vázquez Otero präsentiert die Büste: »Junge Frau« nach einem Gemälde von Piero del Pollaiuolo, das in der Gemäldegalerie in Berlin hängt

Die dunkelhaarige Spanierin modelliert Skulpturen aus Papier-Maché. Diese ursprünglich aus dem orientalischen Raum stammende Technik ist in Europa seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Krippenfiguren und Puppen wurden einstmals daraus gefertigt. Als preiswerter Werkstoff diente zum Ausklang des 18. Jahrhunderts das Material sogar zur Innen- und Außendekoration von Schlössern und Kirchen und ersetzte den teuren Marmor. Im 19. Jahrhundert erlebte das Material seine Blütezeit, schuf die Basis für tausende Arbeitsplätze und begründete im Saarland sogar eine Pappmaché-Dynastie.

Mit der Erfindung vollsynthetisch, industriell produzierter Kunststoffe wie Bakelit Anfang des 20. Jahrhunderts geriet die Kunst des Gestaltens mit Papier in Vergessenheit. Pablo Picasso und Georges Braque setzten dann im Jahr 1912 die entscheidende Zäsur. Erstmals verwendeten sie in ihren Zeichnungen und Bildern »kunstfremde« Materialien wie Papier, die sie ihrem ursprünglichen Kontext entnahmen. In ihrer Traditionsfolge sieht Mila Vásquez Otero ihr Werk.

Geschichte einer Leidenschaft

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Alles aus Papier: Handgefertigte Kleinplastiken von Mila Vázquez Otero

»Als Kind habe ich schon gern mit Ton gearbeitet und kleine Figuren gestaltet«, erzählt die 1978 im spanischen Galicien Geborene, »und in meiner Schulklasse war ich berühmt für meine Zeichnungen«. Dennoch dauerte es eine Weile, bis Mila Vázquez Otero Papier als ihr gemäßes Material entdeckte und ihre Kunstfertigkeit entfalten konnte.

Milas Vater war Schneider. Er liebte klassische Musik und hätte es wohl am liebsten gesehen, wenn das Töchterchen Musikerin geworden wäre. Die lernte dann auch brav Geige und Klavier. Doch nach dem Tod des Vaters und dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Kunstgeschichte.

Dies begann Mila in Santiago de Compostela und beendete es in Granada mit dem Master-Abschluss. Von dort zog sie im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms weiter nach Rom.

Die Liebe verschlug die zierliche Kunsthistorikerin schließlich nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt jobbte sie in einer Galerie und hielt sich mit Spanisch-Unterricht über Wasser. Bei dem auf Kunst ausgerichteten Fernsehsender IkonoTV kuratierte sie Dokumentarfilme über Architektur und Kunst.

Doch obwohl sie in ihrer Wunschbranche tätig war, fehlte ihr etwas. Mila verzweifelte. Sie wusste aus eigenem Erleben, dass es mit zunehmendem Alter schwierig wird, einen langfristigen Job in einer Galerie zu finden. »Plötzlich dachte ich: Ich mache einen Kurs in einer Volkshochschule zum Thema Papier«, entschied sie temperamentvoll und traf damit ins Schwarze. Der Kurs entfachte ein inneres Feuer. Denn schon während der Weiterbildung entstanden vor ihrem inneren Auge Bilder der Arbeiten, die sie fertigen wollte.

Wie entstehen Papier-Skulpturen?

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»Mayurasana – Der Pfau«. Der Pfau (Mayurasana) ist die 10. Asana der zwölf Grundstellungen der Yoga Vidya Reihe • Sammlung Frieling

»Es ist nicht leicht, mit Papier zu arbeiten«, verrät Mila. »Das Material ist unflexibel und man kann nur in Etappen arbeiten. Vor allem die kleinen Figuren sind sehr schwierig.«

Die Skulptur wird von innen aufgebaut und geformt. Mila reißt Zeitungspapier in passende Streifen und Stücke, bestreicht das Material mit Kleister und legt es um eine Form von zerknülltem Papier. Sie klebt, faltet, knittert, presst, biegt, staucht, knickt, befeuchtet, modelliert, formt, spannt und schichtet das Material, das ihr als Tageszeitung ins Haus geliefert wird.

Schicht um Schicht entsteht und bald wird die gewünschte Form sichtbar. Größere Objekte werden im Inneren mit kleinen Metallstangen fixiert. Dann müssen die collagierten Papiere erst einmal ein paar Tage trocken, bevor weitergearbeitet werden kann. Aus diesem Grunde arbeitet die Künstlerin immer an mehreren Projekten gleichzeitig.

Ohne Pinsel, ohne Farbe

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Detail »Der Pfau«. Ohne Pinsel, ohne Farbe: ein Mosaik aus Papier

Im nächsten Arbeitsgang werden die Konturen der Plastik mit Schleifpapier nachgearbeitet. »Dann grundierst und lackierst du die Arbeit«, spinne ich den Faden weiter und erinnere mich an verschiedene Pappmaché-Arbeiten, die ich aus Museen kenne. Doch mit der Frage trete ich in ein Fettnäpfchen.

Mila funkelt mich empört an: »Ich bemale sie doch nicht!«.

Oooops! – Wie jetzt? »Aber wie entstehen denn sonst diese grandiosen Muster?«

»Ich arbeite ausschließlich mit Papier. Ich suche die Farben in den Papierfetzen und gestaltete alles ausschließlich daraus. Pinsel und Farben verwende ich grundsätzlich nicht.«

Gleich sehe ich mir ihre Arbeiten noch einmal genauer an und kann es kaum glauben. Die farbenfrohen Papiermaché-Skulpturen sind wie filigrane Mosaiken zusammengesetzt und wirken nur aus der Distanz wie gemalt. Tatsächlich sind die Plastiken komplett aus Papierfetzen gefügt. Ob es sich um Tiere, Büsten oder um eine Serie von Yoga-Positionen handelt: Milas Figurinen bestehen vollständig aus Papier, das am Ende des Trocknungsprozesses hart wie Holz wird. Das erinnert mich an Max Ernst, der selbst mit Papier arbeitete und die perfekte Collage mit dem perfekten Verbrechen verglich, denn »es fehlen die Indizien«.

Wo trifft man Mila?

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Auch bei Wind und Wetter stellt Mila ihre Arbeiten auf ausgewählten Kunstmärkten aus

Wie vertreibt man Kunstwerke aus Papier? Mila Vázquez Otero stellt auf Kunstmärkten aus, wo ich sie auch entdeckt habe. Diese Märkte bieten ihr den direkten Kontakt zum Menschen, sie spürt die Reaktionen der Besucher, genießt die Gespräche und auch die Anerkennung, die ihr für ihre Arbeit wichtig ist. Galerien verwehren diese direkte Möglichkeit und verlangen außerdem als Mittler happige Kommissionen, die verhindern, Kunst zu erschwinglichen Preisen anzubieten.

Über die individuelle Begegnung hinaus öffnet das Netz den Zugang zu Kunstfreunden in aller Welt. Auf der beachtenswerten Homepage der Skulpteurin finden sich Beispiele für die Serien, an denen sie bislang gearbeitet hat. In »Antitrophäen« schlägt sie umweltkritische Töne an, wenn sie eine Schildkröte zeigt, die sich im Plastikmüll verfangen hat und dem Untergang gewidmet ist. In einer anderen Arbeit trägt eine Eisbärin ihr Junges auf dem Rücken und treibt gefangen auf einer Eisscholle auf der Suche nach einem neuen Habitat.

 

Engagement für Natur und Umwelt

Kuh Erica von Mila

Typisch für die positiv-kritische Sichtweise der Künstlerin ist die fröhlich springende Kuh Erica

Als typisch für ihre positiv-kritische Sichtweise und ihr Engagement für Natur und Umwelt kann die fröhlich springende Kuh Erica gesehen werden. Durch einen Instagram-Post ließ sich Mila zu dieser Figur inspirieren. Eine Kuh, die sich nicht mehr erheben wollte, wurde kurz vor der Schlachtbank von Tierfreunden gerettet und erstmals in ihrem Leben auf eine grüne Wiese gelassen. Übermütig sprang das Tier über die Weide und vollführte Freudensprünge. »Die Kuh Erica ist für mich ein Beweis, dass Tiere nicht nur eigene Wünsche haben, sondern auch über ein emotionales Bewusstsein sowie Selbstwahrnehmung verfügen«, kommentiert Vázquez Otero.

Aktuell arbeitet die Skulpturenkünstlerin an einer Serie über Alltagsmenschen im Gewand mythologischer Gottheiten. Sie stellt Menschen, die ihr begegnen, in Verbindung mit einem mythologischen Gott dar. Lediglich über den Kopf oder durch Details will Mila zeigen, dass es sich um eine Gottheit handelt.

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Auf dem Sofa mit Nika Lubitsch

Oktober 29, 2017
by Ruprecht Frieling
Autorenporträt, Kriminalromane, Künstlergespräche, Self-Publisher, Verfilmung
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Nika Lubitsch aka Monika von Ramin ist die erste selbst verlegende Autorin im deutschsprachigen Raum, deren Werk fürs Fernsehen adaptiert wurde. Das ZDF produzierte ihren Krimi »Der 7. Tag« zur besten Sendezeit und erreichte damit überdurchnittlich viele Zuschauer: 6.190.000 sahen sich den spannenden Streifen an. Wie der Krimi von Nika Lubitsch ins ZDF kam, wollte ich von der Schriftstellerin persönlich erfahren und besuchte sie zum Interview.

der siebte tag

Der 7. Tag, ein spannender Krimi von Nika Lubitsch, wurde jetzt verfilmt und im ZDF ausgestrahlt

Wie ein Albtraum beginnt der ZDF-»Fernsehfilm der Woche« »Der 7. Tag«, der erstmals am 23. Oktober 2017 um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde.

Sybille Thalheim (Stefanie Stappenbeck) wacht in einem fremden Hotelzimmer auf, in ihrer Hand ein blutverschmiertes Messer. Alles sieht danach aus, als habe sie einen Mord begangen. Die Polizei ist im Anmarsch, Sybille selbst erinnert sich an nichts. Panisch flieht sie. Der Tote ist ihr verschollen geglaubter Mann, der Notar Michael Thalheim (Steve Windolf).

Anderthalb Jahre zuvor hatte sich Michael mit 20 Millionen Euro an veruntreuten Mandantengeldern nach Südamerika abgesetzt. Ohne eine Erklärung hatte er die damals schwangere Sybille zurückgelassen. Sie verlor ihr Haus, ihren gesamten Besitz – und ihr Baby. Obwohl ihre Trauer und die Wut auf Michael grenzenlos sind, ist Sybille sicher, dass sie nicht die Mörderin ihres Mannes ist. Um ihre Unschuld zu beweisen, macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Die Kommissare Tanja Braungart (Josefine Preuß) und Rainer Warnke (Henning Baum) sind ihr dicht auf den Fersen.

Hilfe bekommt Sybille von ihrer Freundin Gabi (Katharina Schüttler) und deren Mann Ullrich Henke (Marcus Mittermeier), Michaels früherem Kanzleipartner. Stück für Stück schließt sich Sybilles Gedächtnislücke. Sie fängt an zu begreifen, in welch großer Gefahr sie sich tatsächlich befindet.

Das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Nika Lubitsch schrieb André Georgi. Roland Suso Richter führte Regie.

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• Zu Gast bei Elmar Bereuter

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Elmar Bereuter, Autor der »Schwabenkinder«

August 02, 2017
by Ruprecht Frieling
Autorenporträt, historischer Roman, Künstlergespräche
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Der österreichische Schriftsteller Elmar Bereuter schuf mit dem historischen Roman »Die Schwabenkinder« einen lesenswerten Longseller. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling

Zu Gast beim Autor der »Schwabenkinder«

Sein Händedruck ist fest, die Umarmung herzlich. Wer Elmar Bereuter trifft, begegnet einem wettergegerbten Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und lustig blitzenden Augen. Der Autor erfolgreicher historischer Romane wie »Schwabenkinder«, »Hexenhammer« und »Felders Traum« lebt abseits der großen Straßen in einem winzigen Dorf im württembergischen Oberschwaben nördlich des Bodensees.

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Interview beim Weißwurstessen: Ruprecht Frieling und Elmar Bereuter

Elmar Bereuter kennt wie kaum ein anderer Autor das Sujet seiner Romane: Land und Leute im Bregenzerwald. Harte körperliche Arbeit bestimmte seine Kindheit: 1948 im österreichischen Lingenau als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie geboren, lernte er von klein auf, wie hart das Leben der Bauern im Bregenzerwald ist. Im Sommer ging es hoch auf die Alpe und zu einem schon seit Jahrhunderten minimalistischen Leben ohne Strom, Bad oder andere Annehmlichkeiten der Zivilisation. Nachdem das Gras abgeweidet war, wurden die Rinder und Kühe dann im Herbst wieder geschmückt zurück ins Tal getrieben. Mit der schulischen Fortbildung war es in der bäuerlich strukturierten Talschaft schlecht bestellt, der Junge wurde auf ein Internat im 500 km weit entfernten Graz geschickt.

Bregenzerwald 01

Fast ein Idyll: Der Bregenzerwald

Bereuter wurde, wie man so sagt, fast schon mit Skiern unter den Füßen geboren. Wen wundert es, dass er auch heute noch leidenschaftlicher Skifahrer ist, ausgedehnte Bergwanderungen unternimmt und Gipfel erklimmt. Als in den 1970er-Jahren der US-Amerikaner Mike Harker erstmals mit einem Flugdrachen von der Zugspitze flog, sollte es nicht mehr lange dauern, bis auch Bereuter mit einem solchen Hängegleiter durch die Lüfte glitt. Seine berufliche Laufbahn als Chef der Öffentlichkeitsarbeit einer Bergsportfirma passte da optimal, und als er sich 1991 mit einer Werbeagentur selbstständig machte, profitierte er von seinen Kenntnissen und Beziehungen.

Elmar Bereuter entstammt dem Bregenzerwald

Kindheit, Lebensweg und die Verbundenheit mit seiner österreichischen Heimat mögen Grund dafür sein, warum sich Elmar Bereuter stark mit der Aufarbeitung und Bewahrung der Geschichte von Land und Leuten des Bregenzerwaldes befasste. Ein unerwarteter Bezug zu seiner Heimat tat sich auf, als er in Oberschwaben feststellte, dass der Begriff »Schwabenkinder« im Schwabenland selbst völlig unbekannt war. »Ja, da waren schon fremde Kinder zum Arbeiten da«, erinnerten sich noch ältere Leute. Das war´s dann.

Bereuter war sich bewusst, dass er hier den Zipfel eines Stücks Geschichte in der Hand hielt, das drohte, völlig in der Vergessenheit zu verschwinden. Die letzten der noch lebenden Zeitzeugen waren schon steinalt und er beschloss, die Geschichte in Romanform unter dem Titel »Die Schwabenkinder« aufzuschreiben.

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Im Bregenzerwald darf das Rindvieh noch Glocken tragen und wird nicht als Lärmbelästigung empfunden

Anhand eines bewegenden Einzelschicksals erzählt dieser emotional packende Roman vom Sohn einer Bauernfamilie aus dem Bregenzerwald, der als Neunjähriger auf den Kindermarkt nach Ravensburg geschickt wird, wo er von einem grausamen Bauern ersteigert wird. Hintergrund ist die historische Tatsache, dass jahrhundertelang oftmals tausende Kinder bettelarmer Eltern jedes Frühjahr über die schneebedeckten Alpen nach Oberschwaben wanderten, um dem Hunger zu entkommen. Auf Kindermärkten, die von der damaligen Presse, sogar auch in den USA als »Sklavenmärkte« angeprangert wurden, wurden sie dann von schwäbischen Bauern als Arbeitskräfte in Empfang genommen. Dies waren die so genannten »Schwabenkinder«.

Elmar Bereuter typisierte anhand eines fiktiven Einzelschicksals ein grausames Kapitel europäischer Regionalgeschichte und setzte den Schwabenkindern mit seinem Roman ein literarisches Denkmal. Er verschickte das Manuskript an rund 30 Verlage, doch keiner griff zu. Über mehrere Umwege erfuhr auch der Münchener Regisseur Jo Baier von dem Manuskript. Der machte daraus allerdings ein eigenes Skript und verfilmte 2003 »Schwabenkinder« als Heimatfilm mit Tobias Moretti, Vadim Glowna und Jürgen Tarrach.

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Natur pur: Der Bregenzerwald ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber und regt zum Schreiben an

Der den Anstoß gebende Autor, der das Thema für eine breite Öffentlichkeit entdeckt, recherchiert und zu Papier gebracht hatte, ging weitgehend leer aus. Lediglich Bereuters Name wird im Film ganz am Ende des Abspanns erwähnt.

Zum Glück des entsprechend frustrierten Autors griff schließlich die Verlagsgruppe LangenMüller Herbig zu und veröffentlichte 2002 »Die Schwabenkinder« als Hardcover. Der Erfolg war durchschlagend: Innerhalb weniger Wochen schoss das Buch in die Bestsellerlisten und es wurden sieben Auflagen verkauft. Es folgte eine Hörbuchausgabe und seit 2004 sind „Die Schwabenkinder“ beim Piper-Verlag ein Longseller.

Bereuter setzt den »Schwabenkindern« ein Denkmal

Die ungeheure Materialfülle, die Elmar Bereuter zum Thema zusammengetragen hatte, nutzte der Autor gleich noch, um drei Rother-Wanderführer über die »Schwabenkinder-Wege« zu publizieren. Anhand dieser ungewöhnlich detaillierten Reisebegleiter können heute Wanderer grenzüberschreitend und auf den ursprünglichen Original-Wegen den Spuren der Schwabenkinder folgen und sich anhand des reichen Hintergrundmaterials ein ungefähres Bild der damaligen Lebensumstände machen.

Bregenzerwald HexenhammerElmar Bereuters zweiter historischer Roman »Hexenhammer« benötigte keine große Lobbyarbeit, um im Jahr darauf von Herbig veröffentlicht zu werden. Auf 400 Seiten schildert der Autor anhand geschichtlicher Fakten die verschlungene Entstehungsgeschichte des berühmt-berüchtigten »Hexenhammers«, einer theologisch und juristisch begründeten Anleitung zur Hexenverfolgung. Im Mittelpunkt steht dessen Verfasser, der Dominikanermönch Heinrich Institoris mit seinen wüsten und frauenfeindlichen Obsessionen.

Auch dieses Werk schlug bei Kritik und Publikum ein, und so war es folgerichtig, einen weiteren Roman aus der Zeit der Hexenverfolgung nachzuschieben: »Lichtfänger« erschien 2005. »Lichtfänger« bekämpften unter ständiger Gefahr für Leib und Leben den bereits zum Allgemeingut gewordenen Hexenwahn. Bereuter erzählt darin, wie sich der amerikanische Historiker George Lincoln Burr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts quer durch Europas Archive wühlt, um die Schicksale von Lichtfängern wie Cornelius Loos oder Friedrich Spee zu erhellen.

Elmar Bereuter auf den Spuren von Franz Michael Felder

Bregenzerwald Felders Traum2007 präsentierte der Verfasser profund recherchierter historischer Romane dann »Felders Traum. Die kaum glaubliche Geschichte eines Bergbauernbuben«. Bei der Schilderung der Lebensgeschichte des »schreibenden Bauern« Franz Michael Felder, spielt Elmar Bereuter wieder seinen Heimvorteil aus, selbst dem Bregenzerwald zu entstammen, in der diese Tatsachengeschichte spielt. Mit dem 500-seitigen Werk schenkt er dem Freigeist Franz Michael Felder ein mehr als verdientes Denkmal. Gleichzeitig setzt er mit dem ungemein spannenden, in einem mächtigen Rutsch zu lesenden historischen Roman, ein Signal gegen Ignoranz und Kleingeisterei.

Elmar Bereuter ist auch als Vortragender gefragt, wo er nicht nur aus seinen Büchern liest und von Hintergründen zu Schwabenkindern und Felder zu erzählen weiß, sondern auch über so manchen Irrtum zur Hexenverfolgung aufzuklären vermag.

Gibt es ein Thema, das ihn so fasziniert, dass bald der nächste Roman erscheint? – »Gäbe es schon, ja. Aber gerade das Thema „Schwabenkinder“ holt mich immer wieder ein, weil es trotz vieler neuer Erkenntnisse noch längst nicht ganz aufgearbeitet ist. Daran scheitert auch immer wieder ein seit Jahren geplantes Buch: Immer wenn du glaubst, du kannst ein Kapitel abschließen, taucht wieder etwas Neues auf, das dich zwingt, ganze Teile, ja sogar das ganze Konzept über den Haufen zu werfen.«

Bereuter sieht mich an und lächelt, wenn auch fast ein wenig resigniert. Der Autor wirft einen langen Blick zum Fenster, vor dem die Wolken in Richtung Bregenzerwald ziehen …

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Hélène Grimaud: Blind Date mit Mozart?

September 29, 2011
by Ruprecht Frieling
Interview, klassische Musik, Klavier, Künstlergespräche, mozart
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Hélène Grimaud ist eine der faszinierendsten Pianistinnen unserer Zeit. Die am 7. November 1969 geborene Künstlerin aus Aix-en-Provence zählt zur Weltspitze und schlägt von Berlin über New York bis Tokio Zuhörer in Bann. Grimaud legte neben vielen anderen Arbeiten eine kongeniale Interpretation von Bach-Werken vor, die sie auf dem Flügel einspielte. Prinz Rupi sprach mit der begnadeten Künstlerin über ihr musikalisches Schaffen sowie über ihren Umgang mit dem Internet.

Prinz Rupi: Hélène, bei unserer letzten Begegnung sprachen wir über Johann Sebastian Bach. Nun präsentierst Du Wolfgang Amadeus Mozart. Warum hast Du Dich für Mozart entschieden?

Hélène Grimaud: Man kann sich wohl kaum Musiker nennen, wenn man nicht auch Mozart spielt. Mozart ist für mich eine spezielle Angelegenheit, schon als Kind und später als Teenager spielte ich viel von ihm. Vom intuitiven, fast instinktiven Spiel wechselte ich mit dem Älterwerden in einen intellektuelleren Umgang mit seinem Werk, und das ist das eigentlich Schwierige an Mozart: Wieder zurück zu finden zur Einfachheit seiner Kompositionen – das bedeutet übrigens sehr viel Arbeit.

Prinz Rupi: Bachs Musik ist recht schwer. Seine Stücke sind voller Tiefgang und Strenge. Mozart erscheint mir dagegen wie ein Fliegengewicht.

Hélène Grimaud: Die Leichtigkeit und Anmut macht Mozarts Musik so einzigartig und unverwechselbar. Seine Musik ist aber auch voller Tiefe: Sie umspannt einen weiten Bogen menschlicher Gefühle ohne Pathos und Sentimentalitäten. Genau darin liegt die Schwierigkeit.

Prinz Rupi: In Deutschland ist Mozart äusserst populär. Seine „Zauberflöte“ ist die meist gespielte Oper an allen Musiktheatern, gefolgt von „Hochzeit des Figaro“ und „Don Giovanni“. Wie würdest Du den „wahren“ Mozart beschreiben?

Hélène Grimaud: Für mich persönlich ist das „Requiem“ in „Don Giovanni“ der wahre Mozart. Er hat natürlich sehr viel mehr Facetten, sehr viel mehr Gesichter. Schon als Kind spürte ich, dass sich hinter den glücklichen und leichten Seiten seines Schaffens sehr viel mehr verbirgt, eine gewisse charakterliche Instabilität ……

Prinz Rupi: … … etwas hinter der vermeintlich glücklichen Maske ……

Hélène Grimaud: … … eine manische Energie, die zu diesen scheinbar glücklichen Momenten führt. Es sind nicht nur Schönheit, Anmut und der Unterhaltungswert seiner Musik. Es sind nicht nur Perlen, die vom Himmel fallen. …

Prinz Rupi: Während er am „Figaro“ arbeitete, schrieb Mozart sein berühmtes Klavierkonzert No. 23 in A-Dur, das Du auf Deiner neuen CD interpretierst. Ohne Pauken und Trompeten ist es reine Kammermusik. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks?

Hélène Grimaud: Mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks habe ich unter verschiedenen Dirigenten mehrere Programme eingespielt. Dann hörte ich von dem Kammerorchester, mit dem ich ein Programm „Best of Bach“ plante. Die Zusammenarbeit war wundervoll, wir entschieden uns für weitere gemeinsame Konzerte. Da wir alle sehr stark eingebunden sind, gab es nur wenige Termine für ein Mozart-Programm, das ich mit höchsten Erwartungen verknüpfte. Die Konzerte gelangen dann so einzigartig, dass die Idee der Live-Aufzeichnung entstand und das neue Album geboren wurde.

Prinz Rupi: Den zweiten Satz des A-Dur-Klavierkonzerts hast Du mal als „das erhabenste Orchesterstück bezeichnet, das Mozart je schrieb“.

Hélène Grimaud: Das ist nur meine persönliche Ansicht. Für mich ist dieser Satz absolut erhaben, einer dieser Augenblicke in der Musik, wo es nichts anderes braucht. Es stammt fast aus einer anderen Welt und ist gleichzeitig verankert in diesseitigen Erfahrungen. Es versöhnt das Diesseits und Jenseits, und die Wirkung des Satzes ist beeindruckend – das spüre ich nicht nur selbst sondern erlebe es auch bei Zuhörern. Deshalb wurde es für die Aufnahme gewählt.

Prinz Rupi: Dieses Adagio aus No. 23 beginnt mit zwölf Solotakten und Mozart schrieb ein spezielles Siciliano-Thema für das dem Klavier folgende Orchester: süß und schmerzlich … Ist das Musik, die Dein Herz berührt?

Hélène Grimaud: Auf jeden Fall. Das ist auch der Grund, warum die Musik heute noch lebt. Sie berührt uns, sonst würden wir sie nicht brauchen. Das macht klassische Musik auch so wertvoll: Sie hat die Fähigkeit, Menschen zu bewegen und Gefühle zu verändern. Sie berührt die Seele, das macht sie einzigartig.

Prinz Rupi: Glaubst Du, Mozart erzählt eine Geschichte mit diesem 23. Klavierkonzert?

Hélène Grimaud: Ich bin nicht so stark in Musikgeschichten. Natürlich ist es gut zu wissen, welche Ideen und Visionen ein Komponist hatte, und ich würde gern erfahren, was Mozart bewogen hat, dieses Stück zu schreiben. Am Ende jedoch ist die Musik immer sehr viel größer als alle Geschichten, die vielleicht am Anfang standen. Für meinen Geschmack reduzieren Geschichten die Musik auch ein wenig, darum bin ich kein großer Freund dieses Gedankens. Was meinst Du dazu?

Prinz Rupi: Ich weiß es nicht. Aber es könnte eine traurige Liebesgeschichte dahinter stecken. Ein Geschichte von Liebe, Zärtlichkeit und Hingabe.

Hélène Grimaud: Liebe ist immer ein gutes Thema.

12 Ruprecht Frieling mit Starpianistin Helene Grimaud

Mozart im Ohr: Hélène Grimaud und Prinz Rupi

Prinz Rupi: Wie hörst Du eigentlich Musik? Kaufst Du Wagenladungen Schallplatten und CDs? Oder sitzt Du lieber im Konzert und hörst live?

Hélène Grimaud: Heh, das ist eine Fangfrage! Aber im Ernst: Ich könnte weder ohne das eine noch das andere leben. Wenn ich im Konzertsaal bin und es geschieht etwas Besonders auf der Bühne, dann ist das der beste Platz, den ich mir vorstellen kann. Es gibt nichts, das dieser Magie gleich kommt. Auf der anderen Seite kann ich mir auch nicht vorstellen, ohne einen Ort der Ruhe und Zurückgezogenheit zu sein, an dem ich meine Lieblingsstücke höre.

Prinz Rupi: Mit meiner Frage möchte Dich in die Welt des Internets locken. Hast Du schon mal Musik von iTunes oder einer anderen Plattform gezogen?

Hélène Grimaud: Na klar!

Prinz Rupi: … und hast sie dann auf einem iPod oder iPhone gehört?

Hélène Grimaud: Ja, auf beiden. Ich mag die Bequemlichkeit: Einfach nur schauen, was ich gerade brauche und sofort darüber zu verfügen. Manchmal entdecke ich Stücke oder Interpretationen, von deren purer Existenz ich nicht einmal wußte. ABER: Ich bin jemand, der Dinge gern in Händen hält und in den Booklets liest. Ich nehme auch gern CDs aus dem Regal und stelle sie später wieder zurück. Ich möchte nicht ausschließlich mit meinem iPod hören, dabei habe ich exzellente Kopfhörer und versuche, das Beste herauszuholen. Natürlich ist es toll, eine riesige Discothek zur Verfügung zu haben, wenn ich unterwegs oder auf einem Flug bin.

Prinz Rupi: Findest Du es toll, wie das Internet zur Verbreitung von Musik beiträgt?

Hélène Grimaud: Durchaus. Dass all diese Dinge verfügbar sind, finde ich gut.

Prinz Rupi: Du hast tausende Fans in aller Welt. Wie kommunizierst Du mit ihnen?

Hélène Grimaud: In erster Linie durch meine Musik, hoffe ich. Ich bin kein großer Kommunikator. Das Beste, was Künstler bieten können, ist ihr Werk, ist das, was sie tun. Sie geben alles auf der Bühne oder im Studio vor dem Mikrofon. Ich weiß natürlich, dass Freunde klassischer Musik ein Bedürfnis nach größerer Nähe verspüren. Für mich ist das weniger wichtig. Eine Journalistin fragte mich kürzlich, was ich täte, wenn ich ein Date mit Mozart hätte, und ich hoffe, ich habe sie nicht zu sehr mit meiner Antwort schockiert, aber ich habe kein Interesse an einem Treffen mit Mozart. Ich muss nicht wirklich wissen, was hinter der Kunst steckt. Mich interessiert die Kunst, alles andere ist Nebensache.

Prinz Rupi: Nutzt Du Netzwerke wie Facebook oder Twitter?

Hélène Grimaud: Facebook habe ich eine gewisse Zeit genutzt, aber ich schreibe dort nur unregelmäßig. E-Mails und SMS nutze ich im Geschäftsverkehr und wenn es notwendig ist. Um mit engen Freunden zu sprechen, nehme ich das gute alte Telefon und höre gern ihre Stimmen.

Prinz Rupi: Greifst Du auf langen Flugreisen auch mal zu einem Buch?

Hélène Grimaud: Ich liebe es! Das Flugzeug bietet eine der letzten Möglichkeiten, vollkommen ungestört zu lesen. Man ist für eine Zeitspanne isoliert und kann nicht aus der Lektüre gerissen werden.

Prinz Rupi: Schon mal ein E-Book gelesen?

Hélène Grimaud: Bis jetzt noch nicht. Ich habe einem Freund ein Lesegerät geschenkt, das ist eine große Erfindung.

Prinz Rupi: Du hast natürlich endlos viel von und über Mozart gelesen. Gibt es ein Werk oder eine Biographie, die Du empfehlen kannst?

Hélène Grimaud: Nicht wirklich. Magst Du vielleicht eine Empfehlung abgeben?

Prinz Rupi: Das wage ich hier nicht. Aber ich würde Mozart gern einmal treffen und ein wenig ausfragen. So wie Dich …

Hélène Grimaud: Das glaube ich Dir sofort. Toll, unser Gespräch hat Spaß gemacht!

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Dr. Hunter S. Thompson interviewt Prinz Rupi

April 19, 2007
by Ruprecht Frieling
Gonzo, hunter s thompson, interviews, Journalismus, Künstlergespräche
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Gonzo-Journalisten bei der Arbeit. Ungewöhnlich: Wer bei seinen Kollegen die meisten Läuse entdeckt, darf den Aufmacher der nächsten Ausgabe schreiben. Foto: © Prinz Rupi

 

Dr. Hunter S. Thompson, legendärer Begründer des »Gonzo-Journalismus« und in den USA als Superstar gefeiert, führte kurz vor seinem Freitod ein Gespräch mit Prinz Rupi.

 

»Bloggen ist Gonzo!«

Hunter S. Thompson interviewt Prinz Rupi

 

Hunter S. Thompson: Dein Blog ist echt Gonzo. Wie heißt das Teil noch gleich?

Prinz Rupi: »PRINZ RUPI«

Hunter S. Thompson: Werde wohl nie vergessen, wie ich Dich damals im Flieger kennen lernte. Wir sollten für irgendwelche gut zahlenden Glitzermagazine über den America´s Cup aus Valencia berichten. Du hattest eine ganze Menge von diesen wundervollen purpurnen Pillen dabei.

Prinz Rupi: Es ging um berühmte Segelboote und einen wichtigen Pokal.

Hunter S. Thompson: ich glaube, es war Psilocybin. Das Zeug wurde gerecht geteilt, und wir gaben uns die Kante. Es war ein infernalisches Farbenfeuerwerk, ich weiß nicht mehr, wie wir überhaupt aus dem Flugzeug gekommen sind. Jedenfalls erwachten wir im Hotel. Hostessen bemühten sich um uns. Später gab es Streit, weil der Verlag die Spesenrechnung monierte.

Prinz Rupi: Wir sollten über diese komische Regatta schreiben.

Hunter S. Thompson: Es sollte eine echte Gonzo-Reportage entstehen, mit einzigartigem Blick auf die Ereignisse. Wir nahmen ein Schlauchboot, um an eine dieser messerscharfen Yachten heranzuschleichen und »Fuck the Pope« auf den Rumpf zu sprayen. Am nächsten Tag hätte jeder diesen Spruch lesen können, nur die Mannschaft hätte nichts bemerkt. Das war die Idee für unsere Story.

Hunter S Thompson Buch

Prinz Rupi: Von Regatten verstanden wir überhaupt nichts, und auf ein Boot hatten wir uns auch noch nie zuvor getraut.

Hunter S. Thompson: Aber ich habe es geschafft, das Schlauchboot zu Wasser zu lassen und uns damit in den Hafen zu rudern. Nur gut, dass wir mexikanisches Gras dabei hatten, das ersetzte das fehlende Nachtsichtgerät.

Prinz Rupi: Diese Luxusyachten glitzerten wie silberne Zigarren und wurden bewacht wie Fort Knox.

Hunter S. Thompson: Wir kamen bis an den Rumpf eines Seglers. Du warst für den künstlerischen Teil zuständig und musstest die Sprayflaschen schütteln. Überall waren Scheinwerfer und Wächter, aber keiner rechnete mit einem Angriff von der Seeseite.

Prinz Rupi: Die Kugel in der Farbdose klapperte mächtig …

Hunter S. Thompson: … und als Du dann zu fluchen begannst, weil die Farbe beim Ausströmen auch noch zischte, wurden die Typen auf uns aufmerksam und fingen an, wie wild zu brüllen. Im Scheinwerferfeuer bin ich um unser Leben gerudert. Jeden Augenblick dachte ich, sie ballern uns ab.

Prinz Rupi: Wir Journalisten machen einen echt gefährlichen Job.

Hunter S. Thompson Rolling Stone

Hunter S. Thompson: Zur Beruhigung haben wir schnell noch einen Joint durchgezogen. Dann habe ich Dich in den nächsten Flieger gesetzt, damit Du außer Landes fliehen konntest. Schließlich hatten sie uns erkannt und wollten uns ans Leder. Ausgenüchtert hast Du daheim einen saustarken Life-Bericht über das America´s Cup fabriziert, als ob Du erster Steuermann warst.

Prinz Rupi: Das war voll Gonzo!

Hunter S. Thompson: Derweil musste ich mich um meine Kandidatur zum Sheriff von Aspen, Colorado, kümmern. Ich ließ mir eine Glatze schneiden, um meinen widerlichen republikanischen Herausforderer einen »langhaarigen Hippie« nennen zu können. Fast wäre ich sogar gewählt worden.

Prinz Rupi: Cool! Du hättest es voll verdient.

 

BONUS: ALLES ÜBER GONZO-JOURNALISMUS

 

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