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Von goldenen Kälbern und dem Geschmack des Publikums

Oktober 05, 2017
by Ruprecht Frieling
Martina Gercke, Plagiat, Self-Publishing, Urheberrecht
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640px Foster Bible Pictures 0068 1 Praying to a Golden Idol

Was tun diese Leute? – Sie beten ein goldenes Idol an. Sie geben ihm die Gestalt eines Kalbes, verbeugen sich vor ihm und bitten es um Hilfe. 1897 illustrierte A. Sargent die Anbetung des Goldenen Kalbes für eine Bilderbibel von Charles Foster

Eine Stewardess schreibt ein Buch, veröffentlicht es mangels anderer Gelegenheit als E-Book und erobert damit in ultrakurzer Zeit Kohorten weiblicher Fans, die sie bald wie die Mücken das Licht umschwärmen. Ein grandioser Erfolg ist diesem ungewöhnlichen Talent, das aus dem Nichts die Bühne der Buchwelt betritt, beschieden. Alle jubeln. Alle sind froh. Alle umarmen sich. A star is born!

Ein Musterbeispiel für den Mut, selbst aktiv zu werden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, sei die Erfolgsautorin, heißt es landauf, landab. Küsschen, Küsschen, jubeln die Leser – und so heißen denn auch die Romane des frisch gebackenen Schreibstars »Holunderküsschen«, »Champagnerküsschen«. Allseits wird kräftig geknutscht.

Schon schießt die frisch gebackene Bestsellerin auf Platz Eins der Verkaufslisten. Selbst etablierte Holzverlage springen auf den fahrenden Zug. Ein besonders geschäftstüchtiges Unternehmen veröffentlicht die Werke des neuen Superstars innerhalb weniger Wochen auf Papier, um am Boom teilzuhaben. Sanft fällt Goldstaub vom Himmel und pudert die Gemeinde. Bussi, Bussi, Bussi!

Die mehrheitlich weiblichen Fans sind inzwischen kaum noch zu halten, es regnet »Likes« und »Gefällt mir«. Amateur-Rezensenten bei Amazon und auf anderen Plattformen überschlagen sich und steigern sich gegenseitig in ihren Rausch vom neuen Superstar. Jede(r) möchte ein Stückchen vom Ruhm und hofft, er färbt ab. Die Erfolgsautorin sieht zudem recht attraktiv aus mit ihren langen blonden Haaren und macht sich gut in den zahllosen Fernsehinterviews, die mit ihr ausgestrahlt werden. Ein Teufelsweib! Leserinnen, die von Sex, Romantik und Abenteuer träumen, während sie im Büro wichtig Papiere bewegen, haben endlich ein Sprachrohr gefunden. Schnell wird ein neues literarisches Genre geboren, um alles auch wissenschaftlich zu untermauern: »Chic-lit« heißt die Küsschen-Literatur.

So liebten sich alle, und würden, wenn sie nicht gestorben sind, noch heute miteinander kuscheln … wäre da nicht eine gewisse Ungeschicklichkeit der schreibenden Flughostess ruchbar geworden: Denn ein Teil der Küsschen-Botschaften ist schlicht und einfach geklaut, abgeschrieben aus den Romanen gestandener Autorinnen, die seit Jahren im Geschäft sind. Zwar bestreitet die Plagiatorin anfangs alles, doch schnell wird ihr das Gegenteil nachgewiesen. Ist sie lediglich blond oder gar eine perfide Lügnerin? Sie versucht es mit Ausflüchten, die fremden Texte seien lediglich »Platzhalter« gewesen, die sie vergessen habe, mit eigenem Wohllaut zu füllen. Doch alle Ausreden werden von Kritikern schnell widerlegt. Und über Nacht wendet sich das Blatt: Blondies Bestseller platzen wie Seifenblasen. Die bislang treuen Gefolgsleute reagieren sauer. Sie wurden getäuscht! Vorbei ist es mit dem Ruhm der Starautorin.

Das Publikum tobt. Es schreit nach Rache. Ein beispielloser Shitstorm bricht los. Während im Hintergrund findige Anwälte Schadenersatz fordern, wüten im Vordergrund die sich getäuscht fühlenden LeserInnen und machen ihrem Herzen Luft. Die Küsschen-Verteilerin, gestern noch die größte, beste und herzallerliebste Hoffnungsträgerin unerfüllter Sehnsüchte und Träume, wird mit Schlamm und Scheiße beworfen, dass sich die Zeilen biegen. Aus den lieben Liebenden werden harte Hasser, die schlicht vergessen haben, dass sie kurz zuvor noch das Objekt ihrer aktuellen Empörung als Erfolgsgöttin angebetet hatten und sie umtanzten wie die Israeliten das goldene Kalb.

Drang monatelang unreflektiert Weihegesang und Lobpreisung aus allen Ecken, so schäumt aus dem scheinbaren Nichts Unrat über die Charterschlampe. Die macht sich schnell vom Acker und verschwindet über Nacht vom Markt. Ihre Bücher werden virtuell geschreddert, die Hitlisten gesäubert, kein Finger rührt sich mehr für die Saftschubse, die zu bescheuert war, einen eigenen Text zu verfassen. Gnadenlos reagiert der Pöbel: Die Königin wird vom Thron gestoßen, mit großem Trara hingerichtet und in so kleine Einzelteile zerfetzt, dass keine Spur mehr von ihr übrigbleibt.

Ob sie wenigstens weiterhin hoch oben über den Wolken Kaffee servieren darf? Kein Schwein fragt nach. Denn schon betritt der nächste Superstar die Bühne, an den sich die Meute klammert, um von Selbstverwirklichung und einem Leben in Saus und Braus zu träumen, bis er in Ungnade fällt.

Der Geschmack des Publikums ist flüchtig. Sicher ist nur, dass Hassgefühle heute schneller als Liebe aus den Synapsen der Masse strömen. Fast unweigerlich muss sich jeder Prominente damit abfinden, beim kleinsten Fehltritt oder Ungeschick von den eigenen Fans ausgebuht, mit faulen Eiern beworfen oder einem Shitstorm ausgesetzt zu sein.

Das ständige Twittern und Posten von jeder noch so kleinen Regung im 24-Stunden-Takt macht Prominenz nicht nur möglich sondern auch angreifbar und verletzlich. Denn wehe, die neidische Volksseele kocht über und lechzt nach Rache. Dann wird jedes »Like« vielfach zurückverlangt, während die Haut des Delinquenten in Streifen vom Leib gezogen und gegrillt wird.

Der Preis des Ruhms ist in kurzlebigen Zeiten höher denn je. Die (ab)schreibende Stewardess hat ihn gezahlt und könnte ein Buch darüber schreiben.

Zum Hintergrund

Diese Kolumne wurde erstmals am 1. Mai 2003 auf der Autorenplattform Qindie veröffentlicht. Sie berücksichtigt nicht die Entwicklung der letzten Jahre.

Aktuelle Plagiats-Vorwürfe

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Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
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