Von Prinz Rupi
Ein Hauch von Wehmut, gemischt mit der Fröhlichkeit eines Straßenfestes, lag über Leipzig-Reudnitz, als das Clown-Museum Leipzig sich am 27. Juli 2024 von seinen Freunden und Förderern verabschiedete. Die einzigartige Sammlung, die in Leipzig keine städtische Anerkennung fand, emigriert in das Zirkus- und Clownmuseum Wien. Ein Verlust für Leipzig, ein Gewinn für die österreichische Hauptstadt. HIER geht es weiter →

Ein Schwungsrad von vier Metern Durchmessern für zwölf Seile, einen Laufkran und einen Generator ist das Herzstück der Dampfmaschine aus dem Jahre 1899, die im Maschinenhaus des Dampfmaschinenmuseums Werdau zur Vorführung per Elektromotor in Bewegung gesetzt wird
Zu einem herausragenden Erfolg sowohl für das Dampfmaschinenmuseum Werdau als auch für die Steampunk-Bewegung avancierte der Werdauer Dampftag am Samstag, dem 21. Oktober 2023.

Hilfsbereit, freundlich, kompetent: Museumsleiter Markus Döscher hatte die Steampunker als zusätzliche Attraktion in sein Haus eingeladen
Im Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau können Besucher eine Zeitreise in die um das Jahr 1200 entstandene Stadt Werdau unternehmen. Ein detailgetreues Stadtmodell, das unter anderem das Rathaus, das Schloss, die Marienkirche und die Stadtmauer zeigt, gewährt einen faszinierenden Einblick in längst vergangene Tage. Archäologische Funde dokumentieren zudem die Anfänge Werdaus.
Das 1781 erbaute Baumgartsche Haus, welches das Museum beherbergt, bietet neben stadtgeschichtlichen Artefakten auch eine umfassende Sammlung von Fraureuther Porzellan.
Die Fraureuther Porzellan AG, die bis 1926 bestand, zählte zu den führenden und fortschrittlichsten Porzellanfabriken Deutschlands und wurde besonders durch ihre in »Meißenqualität« hergestellten Produkte weltweit bekannt.
Der weitläufige Museumsgarten und das angrenzende Dampfmaschinenhaus präsentieren eine ganz andere Welt. Eine imposante 600-PS-Dampfmaschine von 1899, oft als das »Kronjuwel der sächsischen Dampfmaschinen« bezeichnet, stellt eines der wertvollsten Industriedenkmäler Sachsens dar.
Neben dieser gibt es eine kleinere 35-PS-Dampfmaschine aus Adorf zu bestaunen. Eine begehbare Dampfspeicherlokomotive und eine Miniatureisenbahn im Maßstab 1:20 auf über 300 Metern Schienen runden das Freigeländeangebot ab.

KI-Bilder zum Thema Steampunk sowie Bücher von Prinz Rupi konnten Besucher des Werdauer Dampftages im Maschinenhaus des Heimatmuseums betrachten und erwerben
Zum alljährlichen »Dampftag« kamen verschiedene Aussteller aus der Steampunk-Szene nach Werdau. Im historischen Maschinenhaus des Museums präsentierten sie ihre Werke.

Holgi Infinitus Steam aus Leipzig stellt seine Arbeiten aus, darunter ein aus Papier gefertigtes Luftschiff

Am Vortag hatte dieser freundliche Besucher noch die Dampfmaschine poliert, um sich dann am Dampftag in einen Repräsentanten der viktorianischen Zeit zu verwandeln
Besonders beeindruckend war das Umfeld der Expansionsdampfmaschine aus dem Jahr 1899 mit ihrem imposanten Schwungrad von vier Metern Durchmesser, vor welchem Steampunker ihre zeitversetzten Konstruktionen und Exponate vorführten.
Steampunk ist eine lebendige Hommage an vergangene Epochen, inspiriert von der Dampfmaschinentechnologie und der Kultur des Viktorianischen Zeitalters.
Unter den Ausstellern befanden sich der Weltraumbahnhof Rautenkranz sowie der Pittler Æthersalon.
Chris-To unterhielt mit Swing- und Jazzmusik von historischen Schellackplatten.
Das Amt für Ætherangelegenheiten mit dem Amt für Rettung und Rückholung verschollener Zeitreisender sowie Prinz Rupi mit seinen Steampunk-Bildern waren einige der teilnehmenden Erfinder, Entdecker und Künstler, die gemeinsam mit 400 Besuchern einen sonnigen Spätherbsttag verlebten.

Mit einem Original-Mikro aus den Jugendjahren des Radios kündigte Chris-To seine Einspielungen von alten Schellackplatten an

In 25 m Höhe kann man sich im Düsseldorfer K21 in einen Spinnenmenschen verwandeln. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Über der Piazza des Kunstmuseums K21 in Düsseldorf schwebt in rund 25 Metern Höhe ein riesiges Spinnennetz. Das ist die Rauminstallation in orbit des 1973 geborenen argentinischen Performance- und Installationskünstlers Tomás Saraceno. Besonders Mutige dürfen hinauf ins Netz und sich dort wie gewaltige Spinnen bewegen, und ich will mutig sein – der Kunst zuliebe.

Blick in die Hofanlage des Kurt-Mühlenhaupt-Museums.
Rund 70 Kilometer nördlich von Berlin lockte lange Jahre in Bergsdorf bei Zehdenick ein liebevoll restaurierter Vierseithof Kunstfreunde aus aller Welt ins Reich des Kreuzberger Malerpoeten Kurt Mühlenhaupt. Im Sommer 2019 jedoch zog das Mühlenhaupt-Museum wieder in Kurtchens alte Wirkungsstätte nach Berlin-Kreuzberg, Aus dem Kunsthof Bergsdorf soll eine Art chinesische Villa Massimo werden. Ein chinesischer Investor hat das Gelände gekauft, der hier chinesischen Künstlern einen Deutschlandaufenthalt ermöglichen will.

Kurt Mühlenhaupt 1976 vor seinem Selbstbildnis in seinem Hof in Berlin-Kladow. Alle Fotos: ©Ruprecht Frieling
Am 19. Januar 1921 wurde Kurt Mühlenhaupt auf einer Bahnfahrt von Prag nach Berlin in einem Zug geboren. Das bei der Geburt nächstgelegene Klein Ziescht wird als Geburtsort eingetragen. Seine Eltern sind bettelarm. Aus Geldnot bewohnen sie eine Laubenkolonie in Tempelhof. 1932 zieht die Familie nach Blankenfelde an den Stadtrand von Berlin. Das aufgeweckte Kind will Bildhauer werden, zu jener Zeit für einen Sprössling aus armen Verhältnissen ein unrealistischer Wunsch. Kurt beginnt eine Lehre als Modelltischler.
Nach der Lehre wird er zum Fallschirmjäger ausgebildet. Beim Absprung über Kreta wird er angeschossen, die linke Hand bleibt für immer steif, am Bein fehlt auch ein Stück. Trotz seiner Verwundung wird der junge Mann wieder eingezogen, landet aber wegen Aufsässigkeit in einer Strafkompanie.

Auch der berühmte Leierkasten steht heute im Museum
Mit Hamsterfahrten und illegalem Tabakanbau überlebt die Familie das Kriegsende. Kurt malt, wann immer er kann, und wird dabei von Karl Hofer, Direktor der Berliner Hochschule für bildende Künste (HfBK) auf den Riesenfeldern entdeckt. Mühlenhaupt beginnt ein Studium an der HfBK. Sein Wunsch, Schüler des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff zu werden, lehnt dieser schroff ab: »Aus Ihnen wird nie ein Maler, Sie sind zu grau«. – Mühlenhaupt verfällt in tiefe Depression, es folgt ein langer Klinikaufenthalt in der Psychiatrie Berlin-Buch.

Kurt Mühlenhaupt: Selbstporträt als Schnürsenkelverkäufer in Berlin. Sammlung Frieling
Als er sich wieder aufgerappelt hat, arbeitet er als Tierzüchter, Trödelhändler, Schnürsenkelverkäufer und Leierkastenmann in Berlin-Kreuzberg, wo er seit 1958 lebt. Das Milieu schenkt ihm die Motive, für die er später berühmt wird. 1960 nimmt er erstmals an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. zwei Jahre darauf kauft er eine heruntergekommene Kaschemme in der Zossener Straße 1, die sich schon bald zum angesagten Künstlerlokal »Leierkasten« mausert. Dort finden legendäre Feste statt: Günter Grass, Wolfgang Schnell, Günter Anlauf und Günter Bruno Fuchs sind gern gesehene Gäste. Mühlenhaupts Atelier am Kreuzberger Chamissoplatz ist ein weiterer Treffpunkt für Künstlerfreunde aus Nah und Fern. Bald ist Kurt Mühlenhaupt DER typische Kreuzberger Milieu-Maler, der in einem Atemzug mit Heinrich Zille und Otto Nagel genannt wird, und er kann von seiner Arbeit leben.
Kurt Mühlenhaupt lernte ich 1973 im Rahmen der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) kennen. Damals stellte ich im Rahmen der Künstlervereinigung »Die rote Nelke« Fotografien aus, Kurt hatte mit Freunden die Gruppe »Malerpoeten« gegründet. Wer damals das von ihm ausgestellte Ölgemälde »Meine Hauswartsfrau« für 1.600 DM erwarb, hatte in Bezug auf die spätere Entwicklung des Kunstmarkts ein gutes Geschäft gemacht.

Hannelore Mühlenhaupt (links), hier mit ihrer Schwester, kümmert sich liebevoll um den Nachlass
Mehrfach traf ich den Meister in seinem Kreuzberger Atelier, aus dem er dann aber wegsaniert wurde, um sich 1975 einen Bauernhof in Berlin-Kladow zu kaufen. Er residierte im schönsten der noch erhaltenen dörflichen Anwesen, einem Bauernhof mit Nebengebäuden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Sakrower Kirchweg. Dort baute er den großen Feuerwehrbrunnen für den Kreuzberger Mariannenplatz, der immer noch eine Augenweide ist. 1981 wurde ihm erstmals mit einer riesigen Retrospektive in der von Dieter Ruckhaberle geleiteten »Kunsthalle« an der Gedächtniskirche auch staatliche Anerkennung zuteil.
Unmittelbar nach der Wende kaufte er mit seiner Frau Hannelore 1990 einen Gutshof in Bergsdorf (Brandenburg). Für Kurt Mühlenhaupt war die Entwicklung des verfallenen Barockensembles zum Museum das letzte große Abenteuer. Dort träumte er bis zu seinem Ende am 16. April 2006 von einer Begegnungsstätte für sein Publikum.

Der letzte Arbeitsplatz von Kurt Mühlenhaupt
Seit 2020 ist das Mühlenhaupt-Museum wieder im einstigen Berliner Kiez angesiedelt.

Plastik von Kurt Mühlenhaupt
Kurt Mühlenhaupt Museum
Fidicinstrasse 40
10965 Berlin
Telefon: 030.61627505
Geöffnet
Mittwoch bis Sonntag 14:00 bis 18:00 Uhr
Dienstag auf gut Glück
Montag geschlossen
Home: https://www.muehlenhaupt.de

Sir Richard von Gigantikow aka Reinhard Zabka: der letzte Dadaist im wilden Osten • Foto: Ruprecht Frieling
Die lange Odyssee des Lügenmuseums
Nach jahrelangem Rechtsstreit wurde das Lügenmuseum im brandenburgischen Gantikow zum 22. Juli 2010 fristlos gekündigt. Das Gutshaus, in dem das Museum 20 Jahre lang residierte, musste nach einer Fristverlängerung bis zum 31. Oktober 2010 besenrein geräumt werden. Das von dem Künstler Reinhard Zabka geführte Museum hatte sich mit seinen ungewöhnlichen Präsentationen und Aktionen in den letzten Jahren zu einem Publikumsmagneten in der Region entwickelt. Zwanzig Jahren lang konnten die Besucher erleben, wie Zabka an diesem Lügenmuseum arbeitete und seinem Leitspruch folgte: Ziele nach dem Mond, selbst wenn du ihn verpasst, wirst du zwischen den Sternen landen. Inzwischen hat das Lügenmuseum einen neuen Standort in der Kötzschenbrodaer Strasse 39, 01445 Radebeul, gefunden. Aber auch hier wollen die Kulturpolitiker lieber »repräsentative« Kunst statt einen Ort ungestümer Kreativität. Die Odyssee scheint damit noch nicht zu Ende …
Die Ostprignitz nordwestlich von Berlin birgt Namen aus der Schatzkarte von Theodor Fontane: Die Ortschaft Ribbeck findet sich dort, Sitz derer von Ribbeck und heute noch Standort des viel zitierten Birnbaums. Nachfolger des berühmten Landadeligen sind wieder in den verschlafenen Flecken gezogen und vertreiben Birnenschnaps. Schloss Rheinsberg, das in der DDR-Zeit verdiente Ausgebrannte des Volkes beherbergte, übte schon Anziehungskraft auf Kurt Tucholsky aus. Heute laden über 50 Festsäle und Kabinette, darunter der Muschelsaal, zu einer Reise in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ein. Und in Kampehl lockt seit Jahrzehnten eine der unheimlichsten Mumien der Welt, der mumifizierte Ritter Kahlbutz mit seiner schrägen Geschichte. Damit ist das Potpourri an bekannten Sehenswürdigkeiten allerdings bereits weitgehend erschöpft. HIER geht es weiter →
Seine Geschichten und Figuren kennt wohl jeder. Max und Moritz, die fromme Helene, Hans Huckebein und viele andere Bilderpossen begeistern Generationen. Wilhelm Busch, Autor der satirischen Geschichten, legte mit seinem Werk den Grundstein für die facettenreiche Comicflut, die sich inzwischen über uns ergießt.
Am 15. April 1832 erblickt Wilhelm Busch als das erste von sieben Kindern im niedersächsischen Wiedensahl das Licht der Welt Sein Vater ist Krämer, klein, kraus, rührig, mäßig und gewissenhaft; stets besorgt, nie zärtlich; zum Spaß geneigt, aber ernst gegen Dummheiten. Er raucht beständig Pfeifen, aber, als Feind aller Neuerungen, niemals Zigarren, nimmt daher auch keine Streichhölzer, sondern bleibt bei Zunder, Stahl und Stein oder Fidibus. Jeden Abend spaziert er allein durch das 800-Seelen-Dorf zur Nachtigallenzeit in den Wald. Wilhelms Mutter, still, fleißig, fromm, pflegt nach dem Abendessen zu lesen. Sie leben einträchtig und häuslich, so beschreibt Busch die Idylle seiner Kindheit und Jugend. Gesangbuchverse, biblische Geschichten und eine Auswahl der Märchen von Andersen sind die früheste Lektüre des Mannes, der das verträumte Fleckchen Erde namens Wiedensahl berühmt macht.
Es lohnt sich, von eingefahrenen Straßen abzubiegen, um Wiedensahl bei Hannover und damit Wilhelm Busch zu besuchen. Erhalten ist dort das Wilhelm-Busch-Geburtshaus, das sich als Museum dem Andenken des Meisters widmet. Das Museum wurde 1957 gegründet und 1968 gründlich von außen und innen renoviert. Gezeigt werden unter anderem das Bett des Künstlers, einer seiner berühmten großkrempigen Hüte, sein Spazierstock. Viele Bilder zeigen Motive, die der aufmerksame Betrachter in Wiedensahl und Umgebung heute noch findet. Busch liebt das stille Dörfchen »an den Grenzen der Welt, wo das Getöse der großen Maschine nur noch gedämpft zu hören ist«. Hier entstehen seine inzwischen millionenfach in vielen Sprachen und Dialekten verbreitete Bildergeschichte »Max und Moritz«. In Wiedensahl zeichnet und schreibt Busch »Die fromme Helene«, »Plisch und Plum« und die »Knopp«Trilogie. In schaumburgischer Abgeschiedenheit kreiert er muntere Bildergeschichten, die in den »Fliegenden Blättern« und den »Münchner Bilderbogen« erschienen und als Urahnen der modernen Cartoons angesehen werden.
Busch entwickelt eine ihm eigene, persönliche Bildpoesie, ein unnachahmbar typisches Wechselspiel von Zeichnung und Poesie. Seine meisterhafte Lautmalerei sticht positiv ab von der oft unbeholfenen Hilflosigkeit der Texter vieler moderner Bildergeschichten, wenn man allein die Versuche, Geräusche in Begriffe umzusetzen (»peng!, kracks!, klirr!«), vergleicht. Bei Busch macht eine Türglocke »Pingelpingel«, eine Kutsche auf steiniger Straße »Bummelbammel hulterpulter«; eine Statue, die vom Gesims fällt »klickeradoms«. Und wenn ein voll beladener Kaffeetisch umstürzt, schallt das bei Busch »Rumbumklakerakplimplink«.
Der Zeichner nimmt in seinen launigen Werken den Menschen aufs Korn, dieses zweibeinige Wesen, das schläft, ißt, trinkt, heiratet, Kinder bekommt, stirbt, das vom Leben gezwackt und gequält wird, ewig zur Schule geht und doch nichts lernt. Busch bleibt immer ein Philosoph mit dem Zeichenstift, ist ein Mann des bisweilen pessimistischen Humors, ein Jünger Schopenhauers. Busch gilt als der verkörperte niederdeutsche Humor; in breiter Behäbigkeit sitzt er auf seinem Sorgenstuhl, stellt lachend seine Betrachtungen an und orakelt über sich selbst, über Welt und Menschen. Er sagt mit tiefsinniger Miene selbstverständliche Wahrheiten und mit selbstverständlicher Miene Tiefsinniges. Er freut sich an allem, das behäbig, gemütlich und bequem ist. Er liebt gutes Essen und Trinken, ruhigen Lebens- und Liebesgenuß und scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen: »Lachen ist mir der Ausdruck relativer Behaglichkeit. Ich bin ein Mensch und erfreue mich gern an den kleinen Verdrießlichkeiten und Dummheiten anderer Leute.«
Buschs Humor ist angewandte Philosophie. Er besteht darin, dass er die einfachsten Äußerungen des Lebens, die alltäglichsten und niedrigsten Betätigungen mit den Blicken und Ansprüchen eines Philosophen mißt. Der Humor des Wilhelm Busch besteht darin, in dieser kleinen, lächerlich trivialen Welt Ausblicke auf das große Sein zu eröffnen. Bei einer Ohrfeige philosophiert er über Kraftumwandlung, bei einem Maulwurf über Leben und Tod. In Kinderstreichen sieht er das Gute wie das Böse, bei harmlos scheinenden Hundegeschichten bietet er Hinweise auf Erziehungsfragen.
Die Figuren des Karikaturisten sind meist äußerlichen, schmerzhaften Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Blut fließt dabei, und böse Buben enden in Fallen raffinierter Grausamkeit und Heimtücke. Was seinen Helden alles zustößt, in welche peinliche Situationen sie gebracht werden, wie leicht bei ihm die Dinge umstürzen, zerbrechen, Menschen fallen, andere mit sich reißen, ist tragikomisch. Zum Schluß spielt sich oft ein ganzes Feuerwerk von Beziehungen und Verwicklungen, ein allgemeines unkontrolliertes Tohuwabohu ab. Doch stets ist der Humor des Wortes erlösend, man weiß, das ist doch nur ein Scherz.
Zum Zeichenstift findet Busch durch Zufall. Nachdem er sich unter dem Pseudonym »Motzhoven« an Opern versucht hat, schleppt ihn ein Bekannter in Düsseldorf in eine Malschule. Von dort gerät er nach Antwerpen, wo er zum ersten Mal die Werke alter Meister sieht. Und da selbst der Taschendieb täglich auf Arbeit ausgeht, versucht Busch sich künftig als Dichter und Karikaturist.
Zu eigenen Werken steht Busch zeitlebens in amüsierter Distanz. »Ich betrachte«, schreibt er an einen Freund, «meine Sachen einfach als das, was sie sind, als Nürnberger Tand, deren Wert nicht in ihrem künstlerischen Gehalt, sondern in der Nachfrage des Publikums zu suchen ist.« Dass zum Erfolg aber neben dem guten Autoren auch ein verständiger und weitsichtiger Verleger gehört, muß Busch bisweilen mit Verbitterung erleben. Seinen »Max und Moritz«, das mittlerweile berühmteste Kinderbuch deutscher Sprache, bietet er dem Dresdener Verleger Richter sogar kostenlos an, doch der lehnt verschlafen ab. Für ein Taschengeld verkauft Busch seine Bildergeschichte schließlich an einen anderen Verlag. Tausend Gulden, umgerechnet 1.710 Goldmark, bekommt er für sein Stückchen, das ihn zum Millionär hätte machen können. Er bezahlt mit dem Honorar drückende Schulden. Und es gibt noch mehr Wolken, die den Himmel verdunkeln.
Wegen seines Buchs »Der heilige Antonius von Padua« wird er auf »Herabwürdigung der Religion und Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Schriften« verklagt. Der clevere Busch dreht den Prozeß um zu einer Public-Relations-Kampagne für sein neues Opus, bis er schließlich freigesprochen werden muß. Lediglich in Österreich-Ungarn und im zaristischen Rußland bleibt das »Pamphlet« als aufwieglerisch verboten.
Ein ähnlich starker Renner wie der heilige Antonius wird »Die fromme Helene«, die es bekanntlich mit einem Priester treibt. Es ist die nach »Max und Moritz« meist gedruckte Geschichte des Zeichners aus Wiedensahl. Der bald als Kirchenfeind Verschrieene spießt noch manchen Frömmler, Jesuiten und Pastor auf die Spitze seiner Zeichenfeder. Mitunter ist er dann aber auch biedermeierlich brav, verträumt, Spitzweg-like. Er läßt die Mühle am rauschenden Bach klappern, träumt von starkem Tobak und knisternden Kaminen, schließt mit Bienen und possierlichen Käfertieren Freundschaft. Das sind behagliche Ruheinseln vor dem mitreißenden Sturm der nächsten aktionsreichen Bild-Feuerwerke.
Sein Bart ist schon schlohweiß, das Werk zur Vollendung gebracht, als Wilhelm Busch am 9. Januar 1908 in Mechtshausen (heute zu Seesen) im Alter von 76 Jahren stirbt. Vergessen ist er seitdem keineswegs. Im Gegenteil. Die Gemeinde der Wilhelm-Busch-Fans wächst kontinuierlich und krisenfrei.
