
Pressefotograf Jürgen Henschel bannte Zeitgeschichte auf Film. Sein berühmtestes Foto: Benno Ohnesorg stirbt in den Armen von Friederike Dollinger. Hier als Titelbild des FU-Spiegel 58, entnommen dem Ausstellungskatalog »Jürgen Henschel. Fotochronist im geteilten Berlin«
Dieses Foto hat Geschichte geschrieben: Aufgewühlt ruft eine junge Frau um Hilfe. Sie stützt den Kopf des sterbenden Studenten Benno Ohnesorg, der von dem Berliner Polizisten Kurras von hinten erschossen wurde. Der Fotograf der grausigen Szene heißt Jürgen Henschel. Zum 100. Geburtstag des Chronisten würdigt das Schöneberg Museum das Gesamtwerk des Bildberichterstatters.

Das John McLaughlin Quintet im Berliner Admiralspalast: Pianistin Jany McPherson, Bassist Étienne M’Bappé, Drummer Ranjit Barot, Drummer und Keyboarder Gary Husband sowie Gitarrist und Bandleader John McLaughlin © Ruprecht Frieling
Mit John McLaughlin betritt ein Grandseigneur alter Schule die Bühne im Berliner Admiralspalast: weiße Hose, weißes Hemd, bestickte Seidenweste, eleganter Binder. Über all dem leuchtet silberhell das weiße Haarkleid eines englischen Lords, der sich keiner Perücke bedienen muss. Das ist der Star des Quintetts, das seinen Namen trägt und dem man seine 82 Lenze kaum glauben mag. HIER geht es weiter →

Berlin. Im Gruselhaus Steglitzer Damm 110 spielt ein Hausbesitzer verrückt und bricht den Mietern die Fenster aus den Wohnungen
Lebt am Steglitzer Damm 110 in Berlin eine kranke Seele? Ist es ein Reichsbürger, der um alte Grenzen kämpft?? Handelt es sich um einen Drogen-, Alkohol- oder Spielbank-Süchtigen, der jeden Cent aus der Ruine herauspressen muss??? – Wer an dem Gruselhaus Steglitzer Damm 110 vorbeifährt, mag sich diese Fragen stellen.
Auf jeden Fall fühlt er sich in die Nachkriegszeit versetzt: Fenster sind herausgebrochen, Scheiben zerschlagen, Öffnungen notdürftig mit Matratzen und Pappe verstopft. Hinter blinden Fensterscheiben lauern Videokameras, die jeden, der sich dem Gebäude nähert, scannen.
Handelt es sich vielleicht um eine vergessene Filmkulisse? – Schön wär´s: Das mit öffentlichen Mitteln erbaute Wohnhaus zählt zum Besitztum einer Berliner Miethais, der die Wohnungsnot in der Hauptstadt gnadenlos ausnutzt und sich daran bereichert.
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Literatur auf der Parkbank im Berliner Tiergarten: Sogar ein Ehepaar, das in Bahrain lebt, kam, um sich auf Parkbank Nr. 42 Geschichten von Prinz Rupi vorlesen zu lassen. Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Trotz erbarmungsloser Hitze trafen sich am Sonntag, dem mit 39 Grad bislang heißesten Tag des Jahres, 50 Autoren aus Berlin, Brandenburg und Meck-Pomm. Sie lasen auf dem Event »Literatur auf der Parkbank« im Berliner Tiergarten jeweils vier Stunden lang aus ihren Werken. Dabei wurden nicht nur (nach einer wissenschaftlichen Untersuchung des Berichterstatters) 236 Liter Schweiß vergossen, es wurden auch zahlreiche Bücher an Besucher und Spaziergänger verkauft. Am Abend trafen sich die Akteure zu einer Party im Café Tiergarten, um bei Wasser, Limo und Bier die Lebenssäfte wieder aufzutanken und sich näher kennenzulernen. HIER geht es weiter →
Der Mond ist aufgegangen. Als Projektionsfläche für Romantik, Eroberungs- und Entdeckungsfantasien beschäftigt sich die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger mit dem Erdtrabanten. Zur Eröffnung des PalaisPopulaire in Berlin schuf sie eine faszinierende Installation unter dem Titel »Moondiver II« . HIER geht es weiter →

Für den Neuköllner Hamady-Clan heiligt Gier jedes Mittel Alle Fotos: © 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
Wem gehört Berlin? – Libanesischen Großfamilien wie den Hamadys und den al-Saafis, brutalen Rockerbanden wie den Cthulhus oder tschetschenischen Killersoldaten? Den Berlinern jedenfalls gehört die Stadt schon lange nicht mehr. In einer Orgie von Gewalt kämpfen in dem beeindruckend realistischen Gangster-Drama 4Blocks Verbrecherbanden um Vorherrschaft und Einfluss, während Polizei und Justiz weitgehend hilflos die blutigen Reste wegwischen dürfen. HIER geht es weiter →

Mein erstes Buchmanuskript war ein Tatsachenroman, der die Drogentransporte der seinerzeit in Westberlin stationierten US-Streitkräfte schilderte.
Es war die Zeit des Vietnam-Krieges, den die amerikanische Regierung angezettelt hatte, um ein liebenswertes Land und seine Bewohner mit Napalm und Splitterbomben zu zerstören, pardon: von den bösen Kommunisten zu befreien …

Blick in die Hofanlage des Kurt-Mühlenhaupt-Museums.
Rund 70 Kilometer nördlich von Berlin lockte lange Jahre in Bergsdorf bei Zehdenick ein liebevoll restaurierter Vierseithof Kunstfreunde aus aller Welt ins Reich des Kreuzberger Malerpoeten Kurt Mühlenhaupt. Im Sommer 2019 jedoch zog das Mühlenhaupt-Museum wieder in Kurtchens alte Wirkungsstätte nach Berlin-Kreuzberg, Aus dem Kunsthof Bergsdorf soll eine Art chinesische Villa Massimo werden. Ein chinesischer Investor hat das Gelände gekauft, der hier chinesischen Künstlern einen Deutschlandaufenthalt ermöglichen will.

Kurt Mühlenhaupt 1976 vor seinem Selbstbildnis in seinem Hof in Berlin-Kladow. Alle Fotos: ©Ruprecht Frieling
Am 19. Januar 1921 wurde Kurt Mühlenhaupt auf einer Bahnfahrt von Prag nach Berlin in einem Zug geboren. Das bei der Geburt nächstgelegene Klein Ziescht wird als Geburtsort eingetragen. Seine Eltern sind bettelarm. Aus Geldnot bewohnen sie eine Laubenkolonie in Tempelhof. 1932 zieht die Familie nach Blankenfelde an den Stadtrand von Berlin. Das aufgeweckte Kind will Bildhauer werden, zu jener Zeit für einen Sprössling aus armen Verhältnissen ein unrealistischer Wunsch. Kurt beginnt eine Lehre als Modelltischler.
Nach der Lehre wird er zum Fallschirmjäger ausgebildet. Beim Absprung über Kreta wird er angeschossen, die linke Hand bleibt für immer steif, am Bein fehlt auch ein Stück. Trotz seiner Verwundung wird der junge Mann wieder eingezogen, landet aber wegen Aufsässigkeit in einer Strafkompanie.

Auch der berühmte Leierkasten steht heute im Museum
Mit Hamsterfahrten und illegalem Tabakanbau überlebt die Familie das Kriegsende. Kurt malt, wann immer er kann, und wird dabei von Karl Hofer, Direktor der Berliner Hochschule für bildende Künste (HfBK) auf den Riesenfeldern entdeckt. Mühlenhaupt beginnt ein Studium an der HfBK. Sein Wunsch, Schüler des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff zu werden, lehnt dieser schroff ab: »Aus Ihnen wird nie ein Maler, Sie sind zu grau«. – Mühlenhaupt verfällt in tiefe Depression, es folgt ein langer Klinikaufenthalt in der Psychiatrie Berlin-Buch.

Kurt Mühlenhaupt: Selbstporträt als Schnürsenkelverkäufer in Berlin. Sammlung Frieling
Als er sich wieder aufgerappelt hat, arbeitet er als Tierzüchter, Trödelhändler, Schnürsenkelverkäufer und Leierkastenmann in Berlin-Kreuzberg, wo er seit 1958 lebt. Das Milieu schenkt ihm die Motive, für die er später berühmt wird. 1960 nimmt er erstmals an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. zwei Jahre darauf kauft er eine heruntergekommene Kaschemme in der Zossener Straße 1, die sich schon bald zum angesagten Künstlerlokal »Leierkasten« mausert. Dort finden legendäre Feste statt: Günter Grass, Wolfgang Schnell, Günter Anlauf und Günter Bruno Fuchs sind gern gesehene Gäste. Mühlenhaupts Atelier am Kreuzberger Chamissoplatz ist ein weiterer Treffpunkt für Künstlerfreunde aus Nah und Fern. Bald ist Kurt Mühlenhaupt DER typische Kreuzberger Milieu-Maler, der in einem Atemzug mit Heinrich Zille und Otto Nagel genannt wird, und er kann von seiner Arbeit leben.
Kurt Mühlenhaupt lernte ich 1973 im Rahmen der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) kennen. Damals stellte ich im Rahmen der Künstlervereinigung »Die rote Nelke« Fotografien aus, Kurt hatte mit Freunden die Gruppe »Malerpoeten« gegründet. Wer damals das von ihm ausgestellte Ölgemälde »Meine Hauswartsfrau« für 1.600 DM erwarb, hatte in Bezug auf die spätere Entwicklung des Kunstmarkts ein gutes Geschäft gemacht.

Hannelore Mühlenhaupt (links), hier mit ihrer Schwester, kümmert sich liebevoll um den Nachlass
Mehrfach traf ich den Meister in seinem Kreuzberger Atelier, aus dem er dann aber wegsaniert wurde, um sich 1975 einen Bauernhof in Berlin-Kladow zu kaufen. Er residierte im schönsten der noch erhaltenen dörflichen Anwesen, einem Bauernhof mit Nebengebäuden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Sakrower Kirchweg. Dort baute er den großen Feuerwehrbrunnen für den Kreuzberger Mariannenplatz, der immer noch eine Augenweide ist. 1981 wurde ihm erstmals mit einer riesigen Retrospektive in der von Dieter Ruckhaberle geleiteten »Kunsthalle« an der Gedächtniskirche auch staatliche Anerkennung zuteil.
Unmittelbar nach der Wende kaufte er mit seiner Frau Hannelore 1990 einen Gutshof in Bergsdorf (Brandenburg). Für Kurt Mühlenhaupt war die Entwicklung des verfallenen Barockensembles zum Museum das letzte große Abenteuer. Dort träumte er bis zu seinem Ende am 16. April 2006 von einer Begegnungsstätte für sein Publikum.

Der letzte Arbeitsplatz von Kurt Mühlenhaupt
Seit 2020 ist das Mühlenhaupt-Museum wieder im einstigen Berliner Kiez angesiedelt.

Plastik von Kurt Mühlenhaupt
Kurt Mühlenhaupt Museum
Fidicinstrasse 40
10965 Berlin
Telefon: 030.61627505
Geöffnet
Mittwoch bis Sonntag 14:00 bis 18:00 Uhr
Dienstag auf gut Glück
Montag geschlossen
Home: https://www.muehlenhaupt.de

Manische Wiegenlieder
Zierfische in Fensterbuchten,
starren stumm auf Straßenschluchten.
Zwei Schatten wühlen dort in Tonnen,
Frau Sonne onaniert voll Wonnen.
War das eine Freude, wenn in früher Jugendzeit der Zirkus ins Städtchen kam! Bereits Tage zuvor klebten verwegen aussehende Männer farbenfrohe Plakate an Bäume, Zäune und Masten. Aus dem Nichts kamen sie wieder und errichteten über Nacht in einem Gewirr von Stangen, Seilen und Segeltuch ein gewaltiges Zelt. Bald trafen Güterwagen mit exotischen Tieren ein: Elefanten wurden entladen und im Triumphzug vom Bahnhof zur Festwiese begleitet. Rassige Rösser, mürrische Mulis, klapprige Kamele und braune Bären trotteten durch den Staub langer Straßen.
Zirkusluft verhieß Abenteuer, das war der Stallgeruch der großen, weiten Welt. Und wurde gar ein Schild mit der Inschrift „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ aufgehängt, dann träumten wir, uns heimlich aus der Villa Mama zu schleichen und dem Ruf ins Ungewisse zu folgen.
Mit dem Älterwerden verflüchtigte sich die Zirkusluft, und spätestens, seitdem ich offiziell „erwachsen“ bin, also wählen gehen, den Führerschein befristet abgeben und den Zusammenbruch von Euro-Staaten mit immer mehr Schulden verzögern darf, hat der Zirkus von anno Tobak seinen Reiz verloren. Dennoch schaue ich hin, wenn ein Plakat mit einem Clownsgesicht oder einem Männchen machenden Dickhäuter meinen Weg kreuzt, und das geschieht zuverlässig alle vier Jahre. Denn dann zieht der Politzirkus durchs Land
An diesem Wochenende lacht mich ein zwei Meter hoher, giftgrüner Papagei von einer riesigen Plakatwand an. Das Plappermaul heißt Henkel, wie mir von kundigen Zirkusfreunden verraten wird. Pardon, der Vogel wirbt natürlich nur für ihn, denn Herr Henkel ist ein ehrenwerter Mann der Berliner CDU, der selbst mal an die Futternäpfe will. An jeden zweiten Baum hat er deshalb ein Plakat mit dem sinnigen Hinweis „Ich bin ein CDU-Baum“ tackern lassen, um die Leute zum Besuch der Vorstellung anzulocken. Er träumt davon, mit seinen Leuten die regierende SPD zu beerben, die auf ihren Ankündigungen behauptet, sie würde „Berlin verstehen“.
Die attackierten Berlinversteher präsentieren statt eines exotischen Tieres lieber ihren Regierungschef Wowereit. Der Chefdompteur hält eine alte Dame wie einen zerzausten Tanzbären an der Hand und will damit wohl die mütterlichen Instinkte der zahllosen Seniorinnen von Sprayathen gewinnen. Tatsächlich ist ein enges Miteinandergehen der Generationen schon deshalb sinnvoll, weil nächtens die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet wird, auch wenn der Mond lediglich verhangen strahlt, und Schlaglöcher Tiefen haben, die an den pazifischen Marianengraben erinnern.
Mit sorgendurchfurchter Stirn und Augenringen galoppiert daneben Renate Künast für „Die Grünen“ durch das Manegenrund, dass die Sägespäne fliegen. Die Spitzenkandidatin bietet sich dem hochverehrten Publikum mit Sprüchen wie „Renate kämpft“ und „Renate arbeitet“ als spaßfreier Kraftprotz mit Wadenbeißermentalität an. Inzwischen hat die Kunstreiterin allerdings kalte Füße bekommen und in einem Meisterstück öffentlichen Ungeschicks „Renate geht“ verkündet. Manche Auftritte gehen eben mal daneben.
Wie es sich für einen großen Zirkus gehört, gibt es neben Stars und Schwergewichten auch einen Tross mit Zauberern, Jongleuren und Tanzmäusen. Das kleinste Lebewesen unter der Zirkuskuppel heißt FPD. Die Partei der Westerwillis, Wendehälse und Wackelpeter möchte an der Zwei-Prozent-Hürde abgeholt werden und lädt mit besonderem Pfiff zur großen Zirkusshow ein: Auf den Plakaten der inzwischen kaum noch wahrnehmbaren Partei prangt vor dem Kürzel ein rapsgelber Aufkleber. Die „neue“ FPD will damit andeuten, dass mit etwas Make-up alles viel besser läuft als in den Jahrzehnten zuvor. Ob das reicht, um bei der nächsten Vorstellung wenigstens die Karten abreißen zu dürfen? Sichtbares Merkmal der blassgelben Werbebotschaften ist jedenfalls, dass sie sich bereits bei leichtem Regen ablösen und entsprechend schnell vom Winde verweht werden.
Zu jedem Zirkus gehört auch ein kleiner Kitzel, der von mahlendem Trommelwirbel begleitet wird. Mal ist es der Dompteur, der seinen Kopf in den Rachen des Löwen legt und ihn dabei krault. Manchmal sind es atemberaubende Sprünge ohne Netz und doppelten Boden. Diesmal wirbt ein verbissen wirkender Grauschopf in schwarzer Ledermonitur für einen Motorradstunt im Raubtierkäfig. Es ist der Chef der braunen NPD, dessen Konterfei hoch oben und unerreichbar unter dem Kuppelzelt klebt. Lautstark will der Todesfahrer aus wolkigen Höhen heraus „Gas
geben“. Offen bleibt bei dieser Losung, die auch direkt vor dem Jüdischen Museum prangt, wem er denn dieses Gas geben bzw. wen er ins Gas schicken will. Das wird sich wohl erst zeigen, wenn er freigelassen werden sollte, um mit steifem Am durch einen brennenden Reifen zu springen. In der großen Pause verteilt er derweil als Pausenclown lustige Kreuzworträtsel, deren Lösungswort „Adolf“ lautet.
Menschen, Tiere, Sensationen und ein wenig Nervenkitzel. Das Zirkusorchester setzt zum flotten Marsch „Einzug der Gladiatoren“ an und muntert mit Tusch und Fanfarenklängen auf. In die Manege drängen nun verwegene Akrobaten, die sich als Piraten verkleidet haben. Während sie mit blanken Messern zwischen den Zähnen in affenartiger Geschwindigkeit die Wanten entern, stürzen Go-go-Girls vom Team „Deutsche Angst“ in die Manege und zeigen Bilder von brennenden Autos, vermummten Männern und lodernden Fackeln. Ach, wäre es nicht furchtbar, wenn Piraten in die Parlamente zögen und dort Totenkopfflaggen hissten? Vielleicht würden sie gar Ministerin „Zensursula“ als Geisel nehmen? Nun weiß selbst der CDU-Papagei keinen Ausweg mehr und schweigt still.
Ratlos starrt das Publikum in die Zirkuskuppel
