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Liebeserklärung an Hans Fallada

September 17, 2019
by Ruprecht Frieling
Literarische Gedenkstätten
2 Comments
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Hans Falladas Arbeitszimmer in Carwitz: ein schöner, dreifenstriger Raum mit einem elfenbeinfarbenen Ofen. Hier entstand ein großer Teil des epischen Werks, u.a. die Romane »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« und »Wir hatten mal ein Kind«. Gleichzeitig fungierte der Raum als Wohnzimmer der Ditzens, in dem Familienfeste stattfanden und der Weihnachtsbaum aufgestellt wurde. Hier empfing der Schriftsteller seine Gäste und hatte einen Teil seiner 4.000 Bände umfassenden Bibliothek verfügbar. Bücherregale und Kastenschränke wurden von ihm selbst entworfen und in einer Feldberger Tischlerei gefertigt. Die eigenwillige Farbgebung – schwarz-orange – ist Falladas Vorliebe für japanische Lackmalerei zu verdanken. Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling

Liebeserklärung an Hans Fallada

Ein Gastbeitrag von Heike Pohl, TEXTWERK

Lieber Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen,

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Fallada tippte einen Teil seiner Romane auf einer tragbaren Remington-Schreibmaschine

es hat eine ganze Weile gedauert, bis unser beider Wege einander kreuzten. Zu verdanken habe ich diese Zufallsbekanntschaft dem Aufbau-Verlag und der Wiederentdeckung Ihres wunderbaren Romans Jeder stirbt für sich allein.

Namentlich sind Sie mir freilich längst zuvor begegnet und ich wünschte, Ihr bewegender und zugleich beängstigender Roman würde zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen.

Sie haben, wie ich lesen darf, ein recht bewegtes Leben hinter sich, waren morphium- und alkoholabhängig, haben mit Waffen hantiert, planten einen – romantisch? – verklärten Doppelselbstmord via Duell, bei dem Ihr Freund ums Leben kam, landeten daraufhin wegen Totschlags verurteilt – dank der Ihnen nachgewiesenen Schuldunfähigkeit – »nur« in einer psychiatrischen Klinik und schließlich als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg.

Es folgten diverse Aufenthalte in Sanatorien, eine zweite Haft, die Sie anzutreten hatten wegen Betrugs- und Unterschlagungsdelikten, eine landwirtschaftliche Lehre, eine Anstellung als Gutsverwalter und schließlich Ihr Durchbruch als Schriftsteller.

Bauern, Bonzen und Bomben, Kleiner Mann – was nun?

Zu Ihrem schönen Pseudonym verhalf Ihnen mein liebstes Märchen der Brüder Grimm – Die Gänsemagd. Über dem Stadttor hängt er, der abgeschlagene Kopf vom Gaul der Gänsemagd – Falada. Und weil Sie offensichtlich ein überaus positiver Mensch gewesen sein müssen, fand auch der Hans im Glück Einzug in Ihr schriftstellerisches Pseudonym.

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Fallada erwarb Haus und Anwesen in Carwitz im Juli 1933 und lebte hier bis 1944. In dieser Zeit entstanden einige seiner bedeutendsten Werke. Ab 1977 wurde das Arbeitszentrum des Schriftstellers schrittweise rekonstruiert. Seitdem ist das Hans-Fallada-Haus eine Pilgerstätte für Freunde und Fans seiner Bücher

Lese ich mich durch Ihre Vita, so begegne ich einem Tausendsassa, der nichts – aber auch gar nichts – auszulassen schien, was dieses seltsam schöne Leben an Möglichkeiten zu bieten hatte. Ihre Erfahrungen als Gefängnisinsasse haben Sie in Wer einmal aus dem Blechnapf frisstsowie in unzähligen anderen Werken – en passant – literarisch umzusetzen verstanden.

Ja selbst die Nazis haben Sie mit diesem Werk – wohl ungewollt – überzeugen können, da sich Ihre Sozialkritik an die Weimarer Republik gerichtet hatte. Die Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer hatte man Ihnen verwehrt im Sinne dessen, Sie weder zuzulassen noch Ihnen eine Absage zu erteilen. Ein Umstand, der Ihnen ein Publikationsverbot ersparte und Sie sich eher politisch unverfänglicher Unterhaltungsliteratur zuwenden ließ.

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Rund drei Dutzend Romane schrieb Hans Fallada, mehrere wurden Welterfolge, die in viele Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt wurden

Ihre Ehe mit Anna – Suse – scheiterte. Im Streit sollen Sie sogar in einen Tisch geschossen haben, um erneut zur Beobachtung in Haft genommen zu werden. Dem unfreiwilligen Aufenthalt dort verdanken wir Ihr Werk Der Trinker, erschienen erst nach Ihrem Tode.

Ein weiteres Mal haben Sie geheiratet, Ursula Losch, eine deutlich jüngere Frau, die mit Ihnen nicht nur Haus und Hof, sondern auch die Sucht nach dem Rausch zu teilen schien. Am Ende blieb die Nervenklinik der Charité und uns allen Jeder stirbt für sich allein. Ihr Herz hat Ihnen den Dienst verweigert und Sie haben Ruhe gefunden in Pankow, lieber Herr Fallada.

Ich schreibe Ihnen von Seite 986 Ihres unglaublichen Romans Wolf unter Wölfen, den zu lesen ich noch weitere 200 Seiten lang das Vergnügen haben werde.

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Ein weitläufiger verträumter Garten hinter dem Wohnhaus in Carwitz inspirierte den Autor

Was sich hier liest wie eine schlichte Aneinanderreihung der Meilensteine Ihres ungewöhnlichen Lebens und Schaffens, ist eine Liebeserklärung an Ihre Gabe, dem menschlichen Wesen ins Herz und hinter die Stirn zu blicken. Eine Liebeserklärung an einen Schriftsteller, dem nichts Menschliches fremd gewesen sein muss und dem es trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gelungen ist, seinen Protagonisten sehr genau auf die Finger zu blicken, ohne sie für ihre Schwächen und Schwachheiten zu strafen. Im Gegenteil, Sie lassen in Ihren Romanen eine feine Milde walten und stellen sich niemals über Ihre Figuren. Vielleicht kann solche Großzügigkeit nur walten lassen, wer sich selbst erkennt?

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»Und plötzlich ist die Kälte weg. Eine unendlich sanfte grüne Woge hebt sie auf und ihn mit ihr», heißt es auf der Grabplatte an Falladas letzter Ruhestätte. Bis 1981 war Fallada auf dem Friedhof Pankow III in einem Ehrengrab beigesetzt. Auf Betreiben von Anna Ditzen erfolgte die Umbettung auf den alten Friedhof von Carwitz.

Für mich sind Sie einer der ganz Großen Ihrer Zeit. Ein Menschenkenner. Ein Schriftsteller mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Mit Ihren Büchern bereiten Sie mir eine große Freude.

Ihre Themen haben bis heute nichts an Aktualität verloren.

Dafür danke ich mit einem Zitat aus Ihrer eigenen Feder: Vergangenes kann man nicht ändern, aber man kann sich ändern – für die Zukunft.

Heike Pohl

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Das Hans-Fallada-Museum, Zum Bohnenwerder 2, 17258 Feldberger Seenlandschaft / OT Carwitz ist täglich außer Montags für das Publikum geöffnet. Von Mai bis September findet jeweils freitags um 20 Uhr eine Lesung statt. Seit 2014 werden in Carwitz im jedem Sommer Hans-Fallada-Tage veranstaltet

Mehr Information zu Hans Fallada und zum Fallada-Haus in Carvitz: https://www.fallada.de

ÜBER MEINE GASTAUTORIN
Heike PohlHeike Pohl lebt und schreibt auf einem alten Hof in Schleswig-Holstein, umgeben von Marschwiesen, jeder Menge Schafe und anderer Viechereien. Die freie Journalistin und Fotografin wurde 1966 in Schwenningen geboren, zog mit 22, nach ihrer kaufmännischen Ausbildung, an den Starnberger See und folgte ihrer Arbeit schließlich von München über Berlin nach Hamburg. Ihre Eindrücke, Begegnungen, Lebenserfahrung, Gedanken und Ideen setzt sie seit vielen Jahren in ihren Texten, Kurzgeschichten und Romanmanuskripten um. Die Autorin mag Menschen, das Unkonventionelle, den Norden Europas und die Umsetzung historischer Themen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit den Themen Krieg und den Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Homepage der Autorin: https://heikepohl.com Unter dem Label »LandGlück« betreibt sie seit einigen Jahren ein eigenes Blog und auch eine viel besuchte Facebookseite.

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Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
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2 Comments
  1. Hendrik Boomgaarden 17. September 2019 at 15:37 Antworten

    Ein toller Text über einen noch immer teilweise verkannten Großen der deutschen Literatur!

    Fallada ist mir erst in diesem Frühjahr begegnet, obwohl mir der Name natürlich schon länger bekannt war. Anlaß war ein Essay von Jörg Fauser, der Fallada zu seinen Idolen zählte. Ich finde, unter den Nachkriegsschriftstellergeneration konnte kaum einer so energisch schreiben wir Fauser – vor allem, wenn er über seine Vorbilder wie Roth, Fallada etc. schrieb. Fauser hatte sich Anfang der 80er auf Spurensuche in Neumünster begeben, wo Falladas erster Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ entstand. Diesen Roman habe ich dann verschlungen. Selten habe ich gesellschaftliche Probleme und politische Entscheidungsprozesse so spannend und nachvollziehbar zu Papier gebracht gesehen. Sehr beeindruckend und ohne große Mühe zu lesen. Fallada ist es geglückt, ernste Themen in lesbare Form zu kleiden und noch dazu zu unterhalten. Wahrscheinlich hat das aber auch dazu geführt, daß er hierzulande lange Zeit nicht wirklich ernst genommen wurde. Aber warum eigentlich? Man kann durchaus Joseph Roth lieben – und Fallada ebenfalls. Mir jedenfalls geht es so – seit diesem Frühjahr. Und auch für Jörg Fauser hat es nie einen Unterschied zwischen so genannter „hoher“ und „niederer“ Literatur gegeben. Ihm ging es um die Echtheit, die Lebensnähe. Und die war sowohl bei Roth als auch bei Fallada gegeben.

    P. S. Ich muß ja gestehen, daß ich in den letzten Jahren eine eigenartige Liebe für Schreibtische entdeckt habe. Wenn ich heute etwas lese, durchstöbere ich erstmal Google, um ein Bild vom Arbeitsplatz des Autors zu sehen.

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