
Was tun diese Leute? – Sie beten ein goldenes Idol an. Sie geben ihm die Gestalt eines Kalbes, verbeugen sich vor ihm und bitten es um Hilfe. 1897 illustrierte A. Sargent die Anbetung des Goldenen Kalbes für eine Bilderbibel von Charles Foster
Eine Stewardess schreibt ein Buch, veröffentlicht es mangels anderer Gelegenheit als E-Book und erobert damit in ultrakurzer Zeit Kohorten weiblicher Fans, die sie bald wie die Mücken das Licht umschwärmen. Ein grandioser Erfolg ist diesem ungewöhnlichen Talent, das aus dem Nichts die Bühne der Buchwelt betritt, beschieden. Alle jubeln. Alle sind froh. Alle umarmen sich. A star is born! HIER geht es weiter →

Katholische Erziehung basiert auf Angst: vor dem Teufel und der Hölle, vor Fehlverhalten und Sünde • Foto: © Ruprecht Frieling
Zum Thema Kirche, Chaos, Katastrophen interviewte mich Waltraud Gebert im Bayerischen Rundfunk. In dem am 10. September 2017 ausgestrahlten Beitrag schildere ich, wie wir als Kinder im westfälischen Münsterland zu guten Katholiken dressiert wurden, wobei der sexuelle Missbrauch für einige meiner Mitschüler zum Alltag gehörte. HIER geht es weiter →

Mit dem Steuerruder verwachsen: Angela Merkel • Foto © Ruprecht Frieling
Angela Merkel kommt in den Himmel. An der Rezeption begrüßt Petrus den hohen Gast: »Herzlich willkommen, Frau Ex-Bundeskanzlerin. Möchten Sie in den Himmel oder in die Hölle einziehen?« HIER geht es weiter →
Bodo Henke ähnelt einem pfiffigen Faun, der fröhlich pfeifend im Sonnenlicht auf einem Holzklotz hockt, beobachtet, mit den Augen lacht und keiner hübschen Nymphe widerstehen kann. Später setzt er sich dann an seinen Arbeitsplatz im Dachboden seines Hauses, greift zu Schnitzmesser, Stechbeitel und Hammer und formt aus Holz, dem Material, das ihm die Natur schenkt, Abbilder des schönen Geschlechts.
Beim ersten Blick mag der Betrachter der Arbeiten von Bodo Henke noch darüber hinwegsehen. Doch spätestens beim zweiten Blick fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Der Künstler stellt ganz überwiegend Frauen da, und diese Frauen sind meist nackt. Das mag einen kurzen Augenblick irritieren. Dann überwiegt die Faszination. Denn diese Nacktheit ist sinnlich und erotisch.
Es sind Gestalten, die stellvertretend stehen für die Mutter, die Geliebte, das junge Mädchen, die alte Frau, das Ewig-Weibliche. »Meine Frauen sind meine Partnerinnen«, sagt der Künstler über seine Werke, »sie sind emanzipiert, sie denken selbstständig, sie handeln selbstständig. Sie widerspiegeln auch meine Gefühlswelt, sie sind stolz, traurig, enttäuscht, stark, selbstbewusst, fragend, wissend.«
Der 1937 geborene Bodo Henke begann nach Abitur und Studium als Lehrer für Deutsch und Kunsterziehung, eine Tätigkeit, die er auch nach der Wende am von-Saldern-Gymnasium in Brandenburg ausfüllte.
Seit 1980 beschäftigt er sich neben der Malerei intensiv mit der Plastik und entdeckte dabei Holz als das ihm gemäße Material. Hunderte Skulpturen entstanden, die belegen, dass er es meisterhaft versteht, durch Sägen, Hauen, Schnitzen und Schleifen aus einem Holzklotz dreidimensionale Figuren zu entwickeln. Bisweilen wirken seine Holzskulpturen grob geschnitten, doch bei näherer Betrachtung, beim Drehen und Wenden der Plastik, eröffnen sich dem Betrachter Gestik und Mimik der in sich ruhenden Figuren.
Eine große Karriere war Bodo Henke in der DDR nicht beschieden. Er arbeitete nie explizit politisch, er verkündet keine Botschaft und ist auch kein Sachwalter irgendeiner Ideologie.
Dennoch spürt man in der Begegnung mit dem Bildhauer den »gelernten« DDR-Bürger in seiner unverkrampft-positiven Haltung zum menschlichen Körper und zur Erotik. Dabei kam ihm die religionsfreie Ausbildung im sozialistischen Deutschland zugute und eine innere Abscheu vor der vom klerikalen Mumpitz verklebten Sexualfeindlichkeit.
Nach der »Wende« musste Bodo Henke erst lernen, mit den hochgezogenen Augenbrauen der prüden Kunstbetrachter aus dem Westen umzugehen, die seine Werke mitunter anstößig fanden. Wen wundert es, wenn er bald dazu überging, explizite Darstellungen der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane in die hinteren Winkel seiner Ausstellungen zu verbannen.
Umso größer ist seine geradezu faustische Freude, wenn Besucher ihn explizit auf diese Arbeiten ansprechen und sich dafür begeistern. Arbeiten, die weder obszön noch pornographisch sind, die enthüllen ohne zu entkleiden.

Aus luftiger Höhe schaut Paul Wulf auf Münster
Fotos: © Ruprecht Frieling
Seit 2007 steht das 3,40 m hohe Denkmal für den im NS-Regime zwangssterilisierten Paul Wulf auf dem Münsteraner Servatiiplatz und überstand dort manche Attacke seiner Gegner. Nun soll der Platz saniert werden, Paul Wulf soll von der Bildfläche verschwinden. Wer war der Mann und wen stört er? HIER geht es weiter →

Der österreichische Schriftsteller Elmar Bereuter schuf mit dem historischen Roman »Die Schwabenkinder« einen lesenswerten Longseller. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Sein Händedruck ist fest, die Umarmung herzlich. Wer Elmar Bereuter trifft, begegnet einem wettergegerbten Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und lustig blitzenden Augen. Der Autor erfolgreicher historischer Romane wie »Schwabenkinder«, »Hexenhammer« und »Felders Traum« lebt abseits der großen Straßen in einem winzigen Dorf im württembergischen Oberschwaben nördlich des Bodensees.

Interview beim Weißwurstessen: Ruprecht Frieling und Elmar Bereuter
Elmar Bereuter kennt wie kaum ein anderer Autor das Sujet seiner Romane: Land und Leute im Bregenzerwald. Harte körperliche Arbeit bestimmte seine Kindheit: 1948 im österreichischen Lingenau als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie geboren, lernte er von klein auf, wie hart das Leben der Bauern im Bregenzerwald ist. Im Sommer ging es hoch auf die Alpe und zu einem schon seit Jahrhunderten minimalistischen Leben ohne Strom, Bad oder andere Annehmlichkeiten der Zivilisation. Nachdem das Gras abgeweidet war, wurden die Rinder und Kühe dann im Herbst wieder geschmückt zurück ins Tal getrieben. Mit der schulischen Fortbildung war es in der bäuerlich strukturierten Talschaft schlecht bestellt, der Junge wurde auf ein Internat im 500 km weit entfernten Graz geschickt.
Bereuter wurde, wie man so sagt, fast schon mit Skiern unter den Füßen geboren. Wen wundert es, dass er auch heute noch leidenschaftlicher Skifahrer ist, ausgedehnte Bergwanderungen unternimmt und Gipfel erklimmt. Als in den 1970er-Jahren der US-Amerikaner Mike Harker erstmals mit einem Flugdrachen von der Zugspitze flog, sollte es nicht mehr lange dauern, bis auch Bereuter mit einem solchen Hängegleiter durch die Lüfte glitt. Seine berufliche Laufbahn als Chef der Öffentlichkeitsarbeit einer Bergsportfirma passte da optimal, und als er sich 1991 mit einer Werbeagentur selbstständig machte, profitierte er von seinen Kenntnissen und Beziehungen.
Kindheit, Lebensweg und die Verbundenheit mit seiner österreichischen Heimat mögen Grund dafür sein, warum sich Elmar Bereuter stark mit der Aufarbeitung und Bewahrung der Geschichte von Land und Leuten des Bregenzerwaldes befasste. Ein unerwarteter Bezug zu seiner Heimat tat sich auf, als er in Oberschwaben feststellte, dass der Begriff »Schwabenkinder« im Schwabenland selbst völlig unbekannt war. »Ja, da waren schon fremde Kinder zum Arbeiten da«, erinnerten sich noch ältere Leute. Das war´s dann.
Bereuter war sich bewusst, dass er hier den Zipfel eines Stücks Geschichte in der Hand hielt, das drohte, völlig in der Vergessenheit zu verschwinden. Die letzten der noch lebenden Zeitzeugen waren schon steinalt und er beschloss, die Geschichte in Romanform unter dem Titel »Die Schwabenkinder« aufzuschreiben.
Anhand eines bewegenden Einzelschicksals erzählt dieser emotional packende Roman vom Sohn einer Bauernfamilie aus dem Bregenzerwald, der als Neunjähriger auf den Kindermarkt nach Ravensburg geschickt wird, wo er von einem grausamen Bauern ersteigert wird. Hintergrund ist die historische Tatsache, dass jahrhundertelang oftmals tausende Kinder bettelarmer Eltern jedes Frühjahr über die schneebedeckten Alpen nach Oberschwaben wanderten, um dem Hunger zu entkommen. Auf Kindermärkten, die von der damaligen Presse, sogar auch in den USA als »Sklavenmärkte« angeprangert wurden, wurden sie dann von schwäbischen Bauern als Arbeitskräfte in Empfang genommen. Dies waren die so genannten »Schwabenkinder«.
Elmar Bereuter typisierte anhand eines fiktiven Einzelschicksals ein grausames Kapitel europäischer Regionalgeschichte und setzte den Schwabenkindern mit seinem Roman ein literarisches Denkmal. Er verschickte das Manuskript an rund 30 Verlage, doch keiner griff zu. Über mehrere Umwege erfuhr auch der Münchener Regisseur Jo Baier von dem Manuskript. Der machte daraus allerdings ein eigenes Skript und verfilmte 2003 »Schwabenkinder« als Heimatfilm mit Tobias Moretti, Vadim Glowna und Jürgen Tarrach.

Natur pur: Der Bregenzerwald ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber und regt zum Schreiben an
Der den Anstoß gebende Autor, der das Thema für eine breite Öffentlichkeit entdeckt, recherchiert und zu Papier gebracht hatte, ging weitgehend leer aus. Lediglich Bereuters Name wird im Film ganz am Ende des Abspanns erwähnt.
Zum Glück des entsprechend frustrierten Autors griff schließlich die Verlagsgruppe LangenMüller Herbig zu und veröffentlichte 2002 »Die Schwabenkinder« als Hardcover. Der Erfolg war durchschlagend: Innerhalb weniger Wochen schoss das Buch in die Bestsellerlisten und es wurden sieben Auflagen verkauft. Es folgte eine Hörbuchausgabe und seit 2004 sind „Die Schwabenkinder“ beim Piper-Verlag ein Longseller.
Die ungeheure Materialfülle, die Elmar Bereuter zum Thema zusammengetragen hatte, nutzte der Autor gleich noch, um drei Rother-Wanderführer über die »Schwabenkinder-Wege« zu publizieren. Anhand dieser ungewöhnlich detaillierten Reisebegleiter können heute Wanderer grenzüberschreitend und auf den ursprünglichen Original-Wegen den Spuren der Schwabenkinder folgen und sich anhand des reichen Hintergrundmaterials ein ungefähres Bild der damaligen Lebensumstände machen.
Elmar Bereuters zweiter historischer Roman »Hexenhammer« benötigte keine große Lobbyarbeit, um im Jahr darauf von Herbig veröffentlicht zu werden. Auf 400 Seiten schildert der Autor anhand geschichtlicher Fakten die verschlungene Entstehungsgeschichte des berühmt-berüchtigten »Hexenhammers«, einer theologisch und juristisch begründeten Anleitung zur Hexenverfolgung. Im Mittelpunkt steht dessen Verfasser, der Dominikanermönch Heinrich Institoris mit seinen wüsten und frauenfeindlichen Obsessionen.
Auch dieses Werk schlug bei Kritik und Publikum ein, und so war es folgerichtig, einen weiteren Roman aus der Zeit der Hexenverfolgung nachzuschieben: »Lichtfänger« erschien 2005. »Lichtfänger« bekämpften unter ständiger Gefahr für Leib und Leben den bereits zum Allgemeingut gewordenen Hexenwahn. Bereuter erzählt darin, wie sich der amerikanische Historiker George Lincoln Burr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts quer durch Europas Archive wühlt, um die Schicksale von Lichtfängern wie Cornelius Loos oder Friedrich Spee zu erhellen.
2007 präsentierte der Verfasser profund recherchierter historischer Romane dann »Felders Traum. Die kaum glaubliche Geschichte eines Bergbauernbuben«. Bei der Schilderung der Lebensgeschichte des »schreibenden Bauern« Franz Michael Felder, spielt Elmar Bereuter wieder seinen Heimvorteil aus, selbst dem Bregenzerwald zu entstammen, in der diese Tatsachengeschichte spielt. Mit dem 500-seitigen Werk schenkt er dem Freigeist Franz Michael Felder ein mehr als verdientes Denkmal. Gleichzeitig setzt er mit dem ungemein spannenden, in einem mächtigen Rutsch zu lesenden historischen Roman, ein Signal gegen Ignoranz und Kleingeisterei.
Elmar Bereuter ist auch als Vortragender gefragt, wo er nicht nur aus seinen Büchern liest und von Hintergründen zu Schwabenkindern und Felder zu erzählen weiß, sondern auch über so manchen Irrtum zur Hexenverfolgung aufzuklären vermag.
Gibt es ein Thema, das ihn so fasziniert, dass bald der nächste Roman erscheint? – »Gäbe es schon, ja. Aber gerade das Thema „Schwabenkinder“ holt mich immer wieder ein, weil es trotz vieler neuer Erkenntnisse noch längst nicht ganz aufgearbeitet ist. Daran scheitert auch immer wieder ein seit Jahren geplantes Buch: Immer wenn du glaubst, du kannst ein Kapitel abschließen, taucht wieder etwas Neues auf, das dich zwingt, ganze Teile, ja sogar das ganze Konzept über den Haufen zu werfen.«
Bereuter sieht mich an und lächelt, wenn auch fast ein wenig resigniert. Der Autor wirft einen langen Blick zum Fenster, vor dem die Wolken in Richtung Bregenzerwald ziehen …
Meistersinger-Party im Hause Wagner. Lediglich Sixtus Beckmesser (ganz rechts) knabbert statt Nürnberger Lebkuchen an einem koscheren Butterbrot. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
In die überzeichnete Karikatur der Figur des Sixtus Beckmesser als jüdische Fratze mündet die Interpretation der »Meistersinger von Nürnberg« von Regisseur Barrie Kosky im Bayreuther Festspielhaus.
Bereits beim zehnminütigen Vorspiel der »Meistersinger von Nürnberg« herrscht reges emsiges Treiben auf der Bühne im Bayreuther Festspielhaus: In Richard Wagners nachgebautem Salon von »Villa Wahnfried« empfängt der hektisch umherspringende Meister im Rembrandt-Look seinen Schwiegervater Franz Liszt, den Dirigenten Hermann Levy und andere illustre Gäste.

Wagner ex machina. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Bilder, Pakete und Noten werden vom Personal hereingetragen, der Hausherr versprüht Parfum aus bunten Flakons, Frau Cosima hat Migräne und dem Flügel entsteigen als Wagner-Replikate die Söhne des Meisters. Stühle und Sessel werden in Richtung Publikum gedreht. Es steht eine Privatvorführung der »Meistersinger von Nürnberg« an.
Glaubt der Zuschauer während dieser Eingangsszene noch, in einer Filmszene mit vorzüglichem Kostümbild zu sitzen, so verwandeln sich die vermeintlichen Schauspieler kurz darauf in Sänger. Wagner wird zu Hans Sachs, Levy zu Sixtus Beckmesser, Liszt zu Veit Pogner. Wie in einem Kammerspiel präsentiert Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, den ersten Aufzug von Richard Wagners monumentalem Werk, und der Zuschauer staunt in eine Guckkastenbühne.
In Wagners Dreiakter möchte ein verliebter Ritter ein Mädchen erobern, das als Preis eines Sängerwettstreites ausgesetzt wurde. Dazu muss der junge Mann allerdings Widersacher besiegen und in die Geheimnisse der Meistersinger eindringen, die den Sängerwettkampf ausschreiben und sich hinter einem komplizierten Regelwerk verstecken. So weit der Plot.
Richard Wagner verarbeitete das Thema zu einer großen Künstleroper mit einer enormen Portion Humor, feinstem Sprachwitz, Situationskomik und Spott, während auf der Bühne die Fetzen fliegen. Es geht inhaltlich darum, die Freiheit und Weiterentwicklungsmöglichkeit von Kunst zu vertreten, statt diese in ein enges Regelwerk zu zwingen.
Um den Konflikt zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Morgen zu verdeutlichen, schuf Wagner die Figuren des Schuhmachers Hans Sachs als Vertreter der Moderne und des Stadtschreiber Sixtus Beckmesser als seinem konservativen Gegenspieler.
Wagner schildert Beckmesser im Gegensatz zu seinem besonnenen und progressiv eingestellten Protagonisten Hans Sachs als besserwisserischen Erbsenzähler, der sich aber im Ergebnis mit seiner Haltung nur selbst schadet und unsterblich lächerlich macht. Der Name »Beckmesser« ging sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Vorlaute Zeitgenossen, die gern andere korrigieren, werden als »Beckmesser« bzw. »beckmesserisch« bezeichnet. Der Duden übersetzt die Wortbedeutung »beckmessern« mit »kleinlich tadeln, kritisieren«.

»Meistersinger Beckmesser« in der Darstellung von Hugo L. Braune © Sammlung Frieling
Sixtus Beckmesser ist keine Gestalt, die Wagners Phantasie entsprang. Noch im 17. Jahrhundert war vom »gülden Ton« eines Sixt Beckmesser die Rede. Da sein Name aber in den Archiven fehlt, besteht Grund zur Vermutung, der Meister habe tatsächlich »Sixt Beck« geheißen, und der Namenszusatz »messer« sei ein Hinweis auf seinen Beruf als Messerschmied. In den Archiven der Stadt Nürnberg wird 1539 die Witwe eines Sixt Beck genannt; ferner bestand eine Messerschmiede namens Beck bis ins 17. Jahrhundert.
Mit der Figur Beckmessers karikiert Wagner jedenfalls diejenigen Kritiker und Rezensenten, die nach überholten Maßstäben urteilen und ihr kleinlich-pedantisches Kritikasterdasein leben. In seinem ersten Entwurf hatte Wagner die Figur noch »Veit Hanslich« genannt, eine Anspielung auf seinen Intimfeind, den einflussreichen Musikrezensenten der Wiener »Neue Freie Presse«, Eduard Hanslick. Dieser Mann hatte sich abfällig über Wagners Werk geäußert, sie gar als »Katzenmusik« bezeichnet. Der Komponist wollte sich wohl auf seine Art rächen und änderte den Namen der Figur erst in einem weiteren Entwurf in Sixtus Beckmesser ab.
Beckmesser indes als »Juden« darzustellen, blieb den Antisemiten vorbehalten, die Schöpfer und Werk vor allem in der Nazizeit für ihre Zwecke missbrauchten. Dabei steht in dem Werk kein einziger Hinweis auf einen möglichen semitischen Hintergrund der Beckmesser-Figur.
Sixtus Beckmesser tanzt mit einer Maske, damit auch jeder merkt, dass er einen Juden darstellen soll. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Regisseur Barrie Kosky zieht nun die alte Nazinummer wieder aus der Rumpelkammer hervor und überzeichnet Beckmesser in seiner Bayreuther Inszenierung von »Die Meistersinger von Nürnberg« als hässlichen Juden. Dazu lässt er den Stadtschreiber mit einer Judenmaske herumtanzen und entfaltet zum Abschluss des zweiten Aufzuges eine gewaltige Judenfratze mit Davidstern aus dem »Stürmer«. Ein völlig überdimensionierter Holzhammer!
Wie kaum ein anderer Künstler hat auch Wagner schon zu Lebzeiten stark polarisiert. Der von sich selbst als »Genie« überzeugte Egomane beglich seine Schulden nicht, er lebte gern auf größerem Fuße, als ihm seine Einkünfte erlaubten, und er versuchte auf alle möglichen Arten seine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Dazu zählte sicherlich sein aufgebauschter Antisemitismus, mit dem er gemeinsam mit seiner Frau Cosima versuchte, von der höheren Gesellschaft anerkannt zu werden und der in seinem unsäglichen Aufsatz »Das Judenthum in der Musik« gipfelte.
Auf der anderen Seite hatte er viele jüdische Freunde und vertraute zum Ende seines Lebens die Uraufführung seines »Parsifal« Hermann Levi an, der Sohn eines Rabbiners war. In seinem Werk, und das ist wohl das Wesentliche, lässt sich keine antisemitische Zeile finden.
Regisseur Barrie Kosky ist ebenfalls dafür bekannt, auf die Pauke zu hauen, und das tut er in seiner Bayreuther Inszenierung der »Meistersinger von Nürnberg« auch kräftig. So fährt er seine Inszenierung aus der Salonatmosphäre in den berühmten Saal 600, in dem die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stattfanden. Jetzt steht Wagner/Sachs auf der Anklagebank, wird inszenatorisch »freigesprochen« und dirigiert zum Schluss ein aus dem Hintergrund hereinfahrendes Orchester zum furiosen Abschluss der Oper.
Die sogenannten Meistersinger waren Handwerksmeister im 15. und 16. Jahrhundert, die sich zu Gilden zusammenschlossen, um in ihrer Freizeit der Dichtkunst zu frönen. In einer »Schulordnung« legten sie den Umgang miteinander und ihre Auftritte fest. Sie gliederten sich in Schüler, Schulfreund, Singer, Dichter und Meister.
Meistersinger konnte nur werden, wer gemäß des in der »Tabulatur« niedergelegten Regelwerks vor der Gildenleitung ein eigenständiges Lied fehlerfrei vortrug. Sämtliche Meistersinger arbeiteten in ihren bürgerlichen Berufen, die Arbeit innerhalb der künstlerischen Gemeinschaften erfolgte ohne Vergütung, und auch ihre Veranstaltungen waren kostenfrei zugänglich. Die Darbietungen der Meistersinger fanden meistens im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst statt. Sie wurden als »Singschulen« bezeichnet.
Die bekanntesten Nürnberger Meistersinger waren Fritz Kettner, der Bäcker Konrad (Kunz) Nachtigall, der Nagelschmied Fritz Zorn, Sixt Beckmesser und der Leinenweber Lienhard Nunnenbeck, der wiederum Hans Sachs ausgebildet hatte. Durch die Kunst des Hans Sachs erlebte der Meistergesang eine Blütezeit, die über den Tod des dichtenden Schuhmachermeisters hinaus bis etwa 1630 anhielt. Danach setzte ein Verfall der Meisterschulen ein, die letzte Gesellschaft wurde 1839 in Ulm aufgelöst.
Als Erfinder ihrer Kunst verehrten die Meistersinger eine Reihe fahrender Sänger des 13. und 14. Jahrhunderts, die ihnen zum Vorbild dienten. Die heute bekanntesten dieser sogenannten »12 alten Meister« waren Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach, der Schöpfer des »Parzival«.
Innerhalb der Meistersinger kam es vor allem im Zuge der Reformation immer wieder zu Diskussionen über die teilweise sehr enge Auslegung des Regelwerks. Richard Wagner parodiert genau diese Auseinandersetzung, indem er in der Gestalt des Sixtus Beckmesser den Prototyp des »Merkers« schuf, der sich als Erbsenzähler und Pedant ausweist. Hans Sachs hingegen verkörpert den fortschrittlichen, von der Reformation geprägten Geist, der die Starre der Tabulatur in Frage stellt und im Interesse einer künstlerischen Entwicklung lockern möchte.
Sachs/Wagner mutterseelelallein im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Nach dem beeindruckenden ersten Aufzug im Salon der Wagner-Villa tritt Regisseur Barri Kosky das Gaspedal durch, indem er 72 Jahre nach Kriegsende Wagner vor das Nürnberger Tribunal stellt, das Thema Antisemitismus plakatiert und den Baseballschläger schwingt. Diese Nazi-Karte darf der australische Regisseur allein aus dem Grund ziehen, weil er jüdische Wurzeln vorweisen kann. Ein anderer Regisseur würde für diese plumpe Metapher gesteinigt.
»In Bayreuth nur der genießt, der die Augen verschließt« heißt es spöttisch in Kreisen eingefleischter Wagnerianer. Diese Inszenierung darf mit offenen Augen gesehen werden. Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) ist sorgfältig gestaltet, die Kostüme (Klaus Bruns) sind spektakulär, die Chöre unter Eberhard Friedrich sind präzise und das Orchester unter dem Dirigat von Philippe Jordan spielt sprühend und teilweise anmutig.

Opern-Blogger Ruprecht Frieling am Dirigentenpult im Bayreuther Orchestergraben. Foto: privat
Die Sänger in dem Männerstück machen die diesjährigen »Meistersinger« aber zu dem eigentlichen Erlebnis. Vor allem Michael Volle als Hans Sachs überzeugt durch sein authentisches Auftreten, deutliche Aussprache und enorme Kondition in einer der schwierigsten Rollen der Operngeschichte. Seine Stimme berührt emotional und strahlt alles andere als schwülstig-fett. Wundervoll differenziert wirkt Bariton Johannes Martin Kränzle als ausgegrenzter Sixtus Beckmesser. Er versteht, die Eigenart seiner tragikomischen Figur schauspielerisch und stimmlich herauszuarbeiten. Lediglich Evchen (Anne Schwanewilms) wirkt stimmlich nicht ganz so überzeugend, wie es »der schönste Preis« erwarten lässt.
Insgesamt bietet Bayreuth anno 2017 wieder großes Kino, das in diesem Jahr sogar ohne die typischen Skandale im Vorfeld ablief. Da es bei der Premiere regnete, müssen im Nachhinein auch keine Schweißflecken bei den obligatorischen Angela-Merkel-Fotos wegretuschiert werden. Endlich kann wieder über die Oper an sich gesprochen werden.

Gigantisches Bühnenbild: »Carmen« auf der Seebühne in Bregenz
Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Die Bregenzer Festspiele 2017 demonstrieren mit »Carmen« und »Moses in Ägypen«, welche gewaltige Spanne zwischen Kitsch und Kunst im Musiktheater liegt.

SS-Aufseherin Lisa drangsaliert Häftlinge im KZ Auschwitz Foto: Semperoper/Jochen Quast
Am Dresdener Theaterplatz, wo gern die Pegida krakeelt, setzt die Semper-Oper mit der zeitgenössischen Produktion »Die Passagierin« ein deutliches Zeichen gegen den Naziterror. HIER geht es weiter →

In einer groß angelegten Ausstellung zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin bis zum 31. Oktober 2017 »Die Erfindung der Pressefotografie«. Ausgewählt wurden rund 350 Fotografien aus der insgesamt fünf Millionen Fotos umfassenden Sammlung Ullstein. Am Beispiel der Ullstein-eigenen »Berliner Illustrirten Zeitung« (BIZ) wird aufgezeigt, wie sich die Pressefotografie zu einem eigenen Genre entwickelte HIER geht es weiter →
