
Schreiben schenkt Freude: Autorin Janina Venn-Rosky arbeitet an ihrem unterhaltsamen Roman »Der Hühnerflüsterer, meine Oma & ich« Fotos: © Ruprecht Frieling
Janina Venn-Rosky ist sich in einem Punkt ganz sicher: Milliardärs-Romanzen schreibt sie auch künftig nicht. Die Verfasserin britisch angehauchter Liebesromane lebt ihren Traum vom Schreiben auf englische Art: Sie trinkt Tee und genießt auch die Amouren ihrer Titelhelden mit Gelassenheit und Augenzwinkern.
High Tea im Hause Venn-Rosky. Auf dem Tisch steht eine dreistufige Etagere mit Köstlichkeiten: Dreieckige Sandwiches mit Lachs, Scones, Erdbeermarmelade und hausgemachter Clotted Cream, ein Streichrahm aus Kuhmilch, erwarten den Gast. Dazu wird schwarzer Tee gereicht: Duftiger Darjeeling und kräftiger Assam heben den Genuss.
Janina Venn-Rosky ist vorbereitet. Schließlich schuldet sie ihrem Image als »Teeprinzessin«, zu der ich sie als leidenschaftlicher Teetrinker geadelt habe, den entsprechenden Lebensstil.
Aber wie kam sie eigentlich auf den England-Trip?
Nach einem vierwöchigen Au-pair sowie Jobs in Teeläden verliebt sich die im Sternzeichen Zwilling am 12. Juni 1976 in Kiel geborene Janina Hals über Kopf in die englische Kultur. Ihre beste Freundin zieht nach London. Da ist es endgültig um die junge Frau geschehen.
Ein Studium der Anglistik und Kunstgeschichte ist der konsequente nächste Schritt. Seitdem liest sie die Klassiker von Jane Austen ebenso wie die Romane ihrer aktuellen Lieblingsautorinnen Kathleen Tessaro und Mhairi McFarlane im Original.
Janina gießt goldfarbenen Tee ein und lädt zum Verkosten der Köstlichkeiten ein. Sie wirkt dabei durchaus britisch: aufrecht sitzend, rötlich angehauchtes schulterlanges Haar, das meistens hinter die Ohren gesteckt ist, ein Porzellanteint mit Sommersprossen, in rosa, gelb, himmelblau und andere Alabasterfarben gekleidet, dabei stets ein klein wenig spitzbübisch lächelnd. Kein Wunder, dass auch ihre selbst entworfenen farbenfrohen Buchcover distinguiert Britisches ausstrahlen.
Schon als Schülerin will Janina Venn-Rosky Schriftstellerin werden. Unter der Schulbank schreibt sie heimlich gemeinsam mit einer Freundin eine Hanni-und-Nanni-Persiflage. Angeregt durch die Lektüre der Abenteuerromane von Enid Blyton, Astrid Lindgren und Jules Verne verfasst sie im zarten Alter von zehn Jahren das verschollene Kriminaldrama »Der Handschuh«. Als Mitglied eines Detektiv-Clubs hockt sie mit zwei Jungen, bewaffnet mit Schnick-Schnack aus Yps-Heften, im Gestrüpp und wartet darauf, dass vor ihren Augen ein Verbrechen geschieht, das sie dann aufklären können …
Angeregt zum leidenschaftlichen Lesen und kreativen Schreiben wird sie von ihrer Deutschlehrerin. Mit ihr und zwei weiteren literaturbegeisterten Freundinnen geht sie ins Theater, trifft sich abends in der Kneipe, diskutiert Hölderlin, verschlingt »Narziß und Goldmund« von Hermann Hesse und Goethes romantische »Leiden des jungen Werther«. Zum Abitur überrascht sie gemeinsam mit drei Schreibfreundinnen ihre Mitschüler mit einem Theaterstück, das gespickt ist mit Aussprüchen von Lehrern und anderen wichtigen Philosophen. Im Sinne der Dichtkunst des Sinnvollen und Zwecklosen heißt das Stück »Zweck und Losigkeit«.
Die Teeprinzessin schenkt nach. Zum Glück kenne ich die Regeln der englischen Tea Time insoweit, als ich weiß: sich selbst nachzuschenken gilt als Taktlosigkeit. So lehrt es zumindest Anna, 7th Duchess of Bedford, die im frühen 19. Jahrhundert die Kunst der Teestunde einführte. Nach weiteren Häppchen aus der Etagere finden wir zu Janinas Lebenslauf zurück.
Auf Kiel folgt nach zwei Jahren in Hamburg ein Studium in Textildesign. »Die kreative Arbeit war mehr mein Ding als die Wissenschaft«, kommentiert Janina Venn-Rosky, die diese Ausbildung mit dem sperrigen Titel »Diplom-Industriedesignerin Fachrichtung Textil« 2003 erfolgreich abschließt. Im Studium lernt sie ihren jetzigen Mann kennen, er ist das geeignete »Heiratsmaterial«. Inzwischen haben die beiden zwei süße Kinder.
Gemeinsam mit dem Schwiegervater erarbeitet die Autorin ein Farbwörterbuch, Planungshandbücher für Gestalter und Einrichtungsratgeber für einen Baumarkt. Es sind dicke, sorgfältig recherchierte und liebevoll layoutete Bücher zu Wohn- und Arbeitswelten. Bis heute produziert sie jährlich einen derartigen Wälzer. Text und Bildrecherche beanspruchen sie jeweils volle vier Monate und verdienen die Butter auf den Sandwiches.
Respektvoll nehme ich die dicken Wälzer in die Hand. Aus eigenem Erleben weiß ich, wie anstrengend die Produktion derartiger Sachbücher ist. Dies bewältigt nur, wer fleißig ist, äußerst strukturiert vorgeht, und diszipliniert schreibt. Das Schreiben von Romanen ist dagegen fast ein Befreiungsschlag.

»Die Fee im Absinth« heißt der Erstling von Janina Venn-Rosky
Fünf Jahre schreibt Janina Venn-Rosky als kreativer Ausgleich an »Die Fee im Absinth«. Als der Roman endlich fertig ist, bittet sie ihren Mann, das Werk zu lesen. Auch die Freundin in London und zwei alte Schulfreundinnen werden als Testleserinnen gewonnen. Der Mann der einen bekommt das Manuskript in die Finger und meint zu seiner Frau, wenn sie »so etwas« geschrieben hätte, würde er sich von ihr scheiden lassen. Männer verschrecken kann Janina mit ihrem Werk offensichtlich ganz gut.
Von diesem erschrockenen Leser abgesehen, findet ihr Manuskript Zuspruch. Den Stress, Verlage anzuschreiben, erspart sich die Autorin. Aufgrund ihrer Ausbildung gelingt es ihr bei ihrem Erstlingswerk mithilfe ihrer Testleser auch ohne Lektoren, Korrektoren und Gestalter, eine erstklassige Druckvorlage zu schaffen. Bei ihren weiteren Werken greift die Autorin allerdings auf die Hilfe einer Lektorin zurück, die seitdem ihren Manuskripten den letzten Feinschliff verpasst.
2015 veröffentlicht Janina »Die Fee im Absinth« als E-Buch und Paperback über Amazon. Die Leserschaft greift zu und will mehr. Es folgen »Der perfekte Kuss«, »Liebe in Teedosen«, »Kein Tee für Mr. Darcy«, »Sehnsucht nach Teeküssen«, »Happy End mit Honigkuss«, und – als jüngstes Küken im Hühnerstall – »Der Hühnerflüsterer, meine Oma und ich«.

Als Anastasia eines Tages das charmante Tea Time entdeckt, ist sie sofort fasziniert von dem kirschroten Teeladen und seiner temperamentvollen Inhaberin. Aber sie findet nicht nur duftende Tees und gute Freundinnen im Tea Time. Ihr begegnet auch ein ungehobelter Gentleman mit dem Talent, sie immer wieder zur Weißglut zu bringen. Seine funkelnden Bernsteinaugen wollen sie dennoch einfach nicht loslassen …
Gleich morgens, sobald die Kinder in der Schule sind, beginnt die Autorin mit dem Schreiben. Manchmal plottet sie, aber später wird doch alles anders als geplant. Inzwischen sind sieben belletristische Titel aus ihrer Feder lieferbar. Ein Buch pro Jahr, mehr ist wegen der Festaufträge nicht drin. Parallel liest sie Romane von Bestsellerautorinnen, um zu sehen, wie die das machen.
Janina Venn-Rosky sieht sich in der Traditionslinie von Jane Austen. Der Titel »Kein Tee für Mr. Darcy« deutet bereits auf den Protagonisten Fitzwilliam Darcy in Austens »Stolz und Vorurteil« (Originaltitel: Pride and Prejudice), der um Elizabeth Bennet wirbt. »Austen ist eine scharfe und zeitkritische Beobachterin«, erklärt mir Janina, »die betrachtet das Leben auch bei den Teestunden etwas ironischer».
Die Heldin ihres letzten Romans »Happy End mit Honigkuss« ist Autorin und schreibt Liebesromane. Sie lebt ihre Sehnsüchte ausschließlich in ihren Romanen aus. Ansonsten hat sie nach einer Enttäuschung mit dem Thema Liebe abgeschlossen. Findet sie einen Mann attraktiv, dann wird er eben der Held ihres nächsten Romans. Sie schreibt um ihn herum eine Geschichte, und wenn dies abgeschlossen ist, hakt sie den Kerl ab und verschanzt sich weiter in ihrem Elfenbeinturm.
Das bricht dann irgendwann auf, als ein toller Typ vor ihrer Tür steht und sich plötzlich für sie interessiert. Die Heldin macht zwar Stück für Stück eine Entwicklung, zickt aber herum und glaubt nicht an die große Liebe. Das haben einige Leserinnen der Verfasserin übelgenommen. Dass die Protagonistin dem Herrn das Leben schwer macht, mögen sie dann doch weniger gern. Kommt der Traumprinz endlich, und ist dann auch noch nett, dann sollte die Heldin auch sofort in Freudentaumel verfallen und dem armen Mann nicht noch das Leben schwermachen.

Aktiver Einsatz auf Messen und Ausstellungen wie der BuchBerlin macht der Autorin Spaß und bringt sie in Kontakt zu ihren Lesern
Janina Venn-Rosky ist überzeugt: »Es ist für den Autor einfacher, etwas zu beschreiben, wenn man es selbst erlebt hat und insofern nachvollziehen kann oder zumindest Menschen kennt, die entsprechend agieren. Ich verstehe und kenne meine Figuren, identifiziere mich teilweise«.
Reaktionen der Leser wie private Nachrichten oder öffentliche Rezensionen bedeuten ihr viel. Der Self-Publisherin ist wichtig, hinter ihren Büchern stehen zu können. »Deshalb schreibe ich keine Milliardärs-Romanzen. Damit könnte ich mich nicht identifizieren, weil ich daran nicht glaube. Mir würden die Charaktere abhauen.«
Die Autorin ist überzeugt: Die meisten Autorinnen stecken viel von ihren eigenen Romantikvorstellungen in ihre Bücher. Damit werden die Texte überzeugender. Wer diese Art der Unterhaltungsliteratur ablehnt, wird deshalb kaum erfolgreich schreiben können.
Janinas Buchtitel erinnern mich an die Rosenromantik der Meisterin der Liebesschnulze, Rosamunde Pilcher. Darauf angesprochen widerspricht Janina lebhaft: »Pilcher ist kitschig. Romantik und Kitsch sind zwei verschiedene Dinge«.
Aber wie definiert Venn-Rosky Romantik?
»Romantik ist, wenn an die Liebe geglaubt wird. Dass Menschen ihre Träume verwirklichen können. Bei mir sind es Charaktere, die schon einen Bruch erlebt haben und trotzdem romantisch träumen. Romantik war immer da. Mit den Frauen, die ich beschreibe, wäre ich im „wahren Leben“ gern befreundet. Sie suchen ihren eigenen Weg, haben oft einen Bruch in ihrer Biographie wie eine Scheidung, eine gescheiterte Karriere und hegen den Traum von einem besseren Leben.«
Janina knabbert an einem Muffin, überlegt einen Moment und ergänzt dann auf meinen fragenden Blick: »Letztlich sind auch die Milliardärsgeschichten romantisch, wenn auch der Wohlstand den Ausschlag gibt und überzeugt. Damit kann ich mich allerdings nicht identifizieren, weil ich daran nicht selbst glaube«.
Wählt sie lieber Nice Guys als Bad Boys für ihre Romane aus?
»Genau. Die Männer, denen meine Heldinnen ihr Herz schenken, sind nett. Der Mann, in den sich meine Heldin verliebt, versucht nicht, sie klein zu halten, sondern ermutigt sie, ihre Schwingen zu entfalten. Natürlich darf er trotzdem gut aussehen …«
ROMANTIK
Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.
Novalis
Milchwölkchen treiben im Tee. Unterstützt von den Kindern, die gelegentlich hereinschauen und extra ihre Zimmer für den Besucher aufräumen mussten, ist die Etagere weitgehend abgeräumt. Die Straße, an der Familie Venn-Rosky wohnt, ist in abendliches Zwielicht gehüllt. Autoscheinwerfer tasten durch den silbergrauen Nebelfilm, der Berlin umhüllt. Meine Gastgeberin entzündet eine Kerze und schenkt nochmals nach. (Wo bleibt eigentlich der Absinth, Madame Pompadour?)
»Atmosphäre spielt in meinen Büchern eine große Rolle. Meine Romane sollen alle Sinne ansprechen. Es wird mit Leidenschaft gekocht und gebacken, in den Räumen brennen Kerzen, gemütliche Teestunden werden zelebriert, und durch die Räume zieht der Duft von Apfelkuchen. Der Blick für Details ist mir wichtig. Am liebsten mag ich es, wenn Räume lebendig werden und man ganz in ihnen abtauchen kann.«

Auch in diesem Jahr trifft man sie auf der BuchBerlin: Bücherprinz Ruprecht Frieling und Teeprinzessin Janina Venn-Rosky
Teeprinzessin Janina wünscht sich, dass ihre Bücher Wohlfühlorte sind, in denen der Leser eine Auszeit vom Alltag nehmen kann. Am liebsten schreibt sie über Dinge, die ihr selbst am Herzen liegen: über Liebe und Freundschaft, über die Magie kleiner Momente und großer Gefühle.
Langfristig würde sie gern zu einem guten Teil von ihren Romanen leben können. Dabei hat Erfolg in ihren Augen nur bedingt mit Umsatz zu tun. Sie möchte zufrieden sein mit dem, was sie produziert, und es interessiert sie in erster Linie, eine Leserschaft zu finden, die ähnlich tickt wie sie.
»Träume können wahr werden. Denn wenn wir an das glauben, was wir tun, ist alles möglich«, ruft sie mir beim Abschied noch ins Treppenhaus des Mietshauses nach.
Damit läuft sie bei mir offene Türen ein: Mein Motto »Folge deinem Stern« begleitet mich ein Leben lang. Es hat mir ein wundervoll abwechslungsreiches Dasein als Journalist beschert, in dem ich faszinierende Menschen wie Janina Venn-Rosky kennenlernen und interviewen darf.
• Manfred L., der schreibende Leichenflüsterer
• Sarah Baines: Von Schundromanen und Zeitfressern
• Wolf Wondratschek: Roman für nur einen Leser
• Auf einen Kaffee mit Elke Becker
• Elmar Bereuter, Autor der »Schwabenkinder«
• Brunopolik – Blogger, Querdenker, WebARTist, Dada-Nerd
• Auf einen Tee bei Tanja Neise
• Torsten S., der rasende Lokalreporter

Der 1938 geborene Blogger, Querdenker, WebARTist und Dada-Nerd Brunopolik am heimischen Schreibtisch. © Foto: Ruprecht Frieling
Horst A. Bruno ist ein Phänomen: Er malt und schreibt seit mehr als einem halben Jahrhundert, verbirgt seinen Klarnamen aufgrund gesellschaftlicher Zwänge unter einem Pseudonym und ist immer noch ganz vorn dabei, wenn es um die Nutzung neuer Medien zur Verbreitung seiner Kunst geht. Prinz Rupi besuchte den 1938 geborenen Osnabrücker Blogger, Querdenker, WebARTisten und Dada-Nerd, der als Brunopolik durch die virtuelle Welt turnt.
Schon als Kind entwickelte sich die Lust von Horst A. Bruno am Malen und Schreiben. Aber wer durchs Leben kommen will, muss einen Beruf haben, in dem man Geld verdienen kann. Und so begann der Start in eine bürgerliche Angestellten-Laufbahn bei Banken und Versicherungen. Künstlerische Ambitionen fanden nur in den freien Zeiten Gelegenheit, sich zu entfalten.
Wie geschaffen dafür war der sich 1969 gründende Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, in dem Horst A. Bruno nicht nur für seine inzwischen entstandenen Stories eine Öffentlichkeit bis hin in Schulbücher fand, sondern der ihn auch politisch emanzipierte.
Erst ein für Bruno glücklicher Vorruhestand mit 55 ermöglichte noch einen Hochschulbesuch, wo ihm wichtige Kenntnisse über Kunst von Beuys bis Duchamp vermittelt wurden. Damit öffnete sich sein Weg vom Schreiben in die bildende Kunst. Es folgten Ausstellungen seiner Bilder von Köln über Schwerin bis Hamburg.
Eine entscheidende Wende seiner künstlerischen Ausrichtungen trat ein, als er sich das Internet durchs Bloggen erschloss. Ganz neue Räume für seine Kreativität schaffte ihm dieses Medium, zumal er sich kurz zuvor sein Pseudonym Brunopolik zugelegt hatte. Unter diesem Namen konnte er nun unbegrenzt und ungehemmt unterwegs sein. Zunächst als Blogger, später mit eigener Homepage sowie auf Twitter, Facebook und Instagram

Screenshots von Haiku-Strophen aus dem Poetry-Text der PolitikerInnen-Worte mit dem Titel „Richtige Richtung – Im Medizinern Land“
Brunopoliks Poetry-Texte entstehen ausschließlich aus Sprache, die im Internet gefunden wird, wie beispielsweise Reden der Bundestagsabgeordneten. Er fertigt daraus Lyrik und Poesie »außerhalb sprachlicher Logik«. Die Texte werden gebaut bzw. konstruiert, und zwar in Haiku-Metrik.
Derartige Kunst-Aktionen interaktiver Kunst entwickeln sich dann zu Kampagnen wie die »PolitikerInnen-Worte«. Der Künstler konzentriert sich auf dessen mediale Substanz: – Blog – Twitter – Facebook – Google – Instagram. Seine Poetry auf Screen-Shots ist beliebig reproduzierbar – wie die Siebdruck-Bilder eines Andy Warhol.
Die daraus entstehenden Screenshots einzelner Haiku/Tanka-Strophen seiner Poetry-Texte aller Art verbreitet er via Twitter, Facebook, Instagram sowie seiner Website im Netz und stellt sie dort als Download zur freien Verfügung. Sie können ausgedruckt und gerahmt vielfältige Verwendung finden, beispielsweise als Plakate im öffentlichen Raum oder in Fenstern zur Sicht nach draußen geklebt und damit Zeichen setzend.
Brunopolik darf man auch als politischen Künstler verstehen. In turbulenten Zeiten des Umbruchs und gegen das Scheitern gerichtet werden seine jüngsten Arbeiten durch den Begriff Solidarität bestimmt, den er mit Essays in dem Online-Forum der Berliner Gazette, aber auch in seiner Performance mit Ratespielen der PolitikerInnen-Worte verbreitet.
Im hohen Alter hofft Brunopolik, dass junge Leute kapieren, was er künstlerisch treibt und sein Werk fortführen und vervielfachen. Nachfolger sind bislang noch nicht in Sicht, und so stellt sich für ihn als Künstler auch die klassische Frage des Scheiterns.
Für Brunopolik ist Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett mit seinem Scheitern eine Gottheit. »Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. (Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better)« lautet eine berühmte Sentenz des irischen Schriftstellers.
Er kennt die Problematik, den Begriff »Kunst« greifen und formelhaft erklären zu wollen. Er weiß, dass die Bewertung eines »guten« Kunstwerks von Regeln abhängt, die ihrerseits nur von ihrem Erfolg abhängen. Denn letztlich gerät jedes Kunstwerk, also auch Bücher, mit der Veröffentlichung in einen gnadenlosen Kreislauf.
Diese sich in den eigenen Schwanz beißende Logik geht wie folgt: Weil es gut ist, ist ein Werk erfolgreich, und weil es erfolgreich ist, ist es gut. So lautet die nicht von Vernunft, sondern von wirtschaftlichem Nutzen geprägte derzeitige Sichtweise. Doch was bedeutet das im Umkehrschluss? Ist ein Werk, das erfolglos ist, zwangsläufig auch schlecht, denn sonst wäre es wohl erfolgreich? Neben der »öffentlichen Meinung«, die von den ebenfalls im Rad rennenden Kunstkritikern gemacht wird, gibt es nichts, was die Benotung erklärt.
Das nach dieser Formel aussortiert Schlechte, letztlich also des Gescheiterten, verwehrt eine Archivierung des Gescheiterten. »Die Außerbetrachtnahme des sogenannt Schlechten also«,schreibt Manuela Branz in ihrem lesenswerten Aufsatz »Gelungenes Scheitern«, führt »zur Stabilisierung des Realitätszirkels: Nur im Notierten lässt sich jene Erschöpfung einer Idee erkennen, das für uns das Gute herstellt; im Vergessenen aber scheint nichts Wahres gelegen zu haben, im Verlorenen scheint kein Verlust auszumachen zu sein.«
Brunopolik weiß genau: Wenn er seine Kunst aufgibt, gibt er sich selbst auf. Solange es geht, will er daran festhalten. Manchmal ist er ziemlich weit unten. Doch dann hilft ihm die Kunst, wieder aufzustehen.
Ruprecht Frieling

Viola und Axel Hollmann (Mitte) trafen sich mit Ruprecht Frieling zum Interview am Neuen See in Berlin-Tiergarten.
Berlin-Tiergarten. Café am Neuen See. Axel Hollmann, 50, ähnelt in Größe und Statur einem gemütlichen Bären. Der bekennende »SchreibDilettant« auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane kommt in Begleitung zum Interview. Viola, seine Frau und Muse, flankiert ihn seit 25 Jahren.
»Er kam irgendwann an und sagte: Schatz, ich möchte Schriftsteller werden«, verrät sie mir strahlend. –
»Ja, geht das denn so einfach?«, frage ich unschuldig und schalte schnell mein Tonband ein.

Axel Hollmann, bekennender SchreibDilettant auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Stephen King ist schuld, dass der 1968 im Sternzeichen Waage geborene Axel Hollmann sein Studium der Betriebswirtschaftslehre nicht abgeschlossen hat. Statt Vorlesungen zu besuchen, schmökert der junge Student im Lichthof der Technischen Universität im umfangreichen Werk des Kings of Horror.
»Ich hatte keinen Spaß am Studium und war auch nicht organisiert genug«, sagt Hollmann heute über jene Zeit. Das Lesen ermöglicht ihm kleine Fluchten, regt seine Phantasie an und hilft ihm, eigene imaginäre Welten zu erbauen.
Mit 13 Lenzen trifft sich Axel mit anderen Jugendlichen in einem akademischen Fechtclub. »Fechten klang cool«, meint er, als ich ihn zweifelnd ansehe. Dort lernt er einen Schüler von der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule kennen. Der wiederum erschließt ihm Spiele, die in den Vereinigten Staaten gespielt werden. »Dungeons & Dragons« (Verliese und Drachen) von Gary Gygax wird von nun an auch in Berlin gespielt.
Jede freie Minute investiert Axel Hollmann in das Rollenspiel. Dabei lernt er den vier Jahre jüngeren Marcus Johanus kennen, der heute als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Psychologie arbeitet sowie ebenfalls erfolgreich Krimis verfasst. Bald werden die beiden beste Freunde. Bis heute wirken sie eng zusammen.
In einem Zeitungsbericht entdeckt Axel eine Händleradresse und bezieht die Artikel und die für die Spielstruktur wichtigen Regelwerke aus den USA. Er ist gerade 13 Jahre jung, und das Internet als Massenphänomen existiert 1981 noch nicht.
Das Interesse an Pen-&-Paper-Rollenspielen wächst. Bei diesen Spielen nehmen die Mitwirkenden fiktive Rollen ein und erleben gemeinsam durch Erzählen ein Abenteuer. Als Hauptspielmittel werden fast immer die namensgebenden Stifte und Papier eingesetzt, um die dargestellten Rollen auf Charakterbögen zu beschreiben und Notizen zum Spielverlauf zu machen. Es handelt sich um eine kreative Mischung aus herkömmlichem Gesellschaftsspiel, freier Erzählung und spontanem Improvisationstheater.
In der Berliner Bundesallee eröffnet ein Laden für Fantasy-Rollenspiele. »Serious Games« (ernstzunehmende Spiele) heißt der Laden. Schon entsteht eine Filiale in der Bismarckstraße. Es gibt dort auch eine Bücherecke mit Romanen, Thrillern, Horror und SF-Büchern. Axel und Marcus stoßen dazu und werden Mit-Geschäftsführer.
Über das Rollenspiel lernen sich 1992 Viola und Axel kennen. Damals sind Frauen in Rollenspielkreisen dünn gesät. Sie ist fasziniert von seinem Talent, er verliebt sich in ihre Stärke. Seitdem sind die beiden ein Paar und Eltern von zwei Kindern.
Aber was hat all das mit dem Schreiben zu tun, Axel Hollmann?
»Über das Rollenspiel bin ich zum Schreiben gekommen. Bei jedem Rollenspiel braucht man einen Spielleiter, der sich die Geschichten ausdenkt und den Plot ausdenkt. Das war dann ich, der die Figuren entwickelte. Für meine drei, vier Freunde hatte ich begonnen, ein Fan-Magazin herauszubringen.«
Die ersten »richtigen« Artikel, die er schreibt, erscheinen in Rollenspiel-Magazinen. Dann passiert viele Jahre gar nichts mehr. Hollmann beginnt, einen Roman zu schreiben. Viele Zettel mit Ideen hängen an seiner Zimmertür. Dabei bleibt es vorerst.
Erst als es nach zehn Jahren mit der kleinen Ladenkette zu Ende geht, kommt der Prozess voran. Das Publikum für Importprodukte bestellt inzwischen direkt über das Netz und kommt auf diese Weise wesentlich preiswerter davon. Axel gewinnt Zeit für seine wirkliche Leidenschaft.
»Am ersten Tag, an dem ich nicht mehr in den Laden gegangen bin, habe ich mit dem Romanschreiben begonnen, um in kein Loch zu fallen. Jeden Tag habe ich zwei Stunden geschrieben.« Gleichzeitig ackert er als Bürohengst im Betrieb des Vaters. Den übernimmt er dann.
Wie bist du vorgegangen, um Schriftsteller zu werden?
»Gute Frage! Ich habe mir Bücher über das Schreiben besorgt, angefangen mit James N. Frey „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Der war ein Augenöffner, weil er eine andere Herangehensweise zum Schreiben vermittelte, anders als die deutsche Herangehensweise. Künftig habe ich eine Stunde gelesen, eine Stunde geschrieben.«
Was hat dir die Lektüre von Freys Bestseller gegeben?
»Frey hat mir beigebracht, dass Schreiben Handwerk ist. Der deutschen Mentalität ist das weitgehend fremd. In Deutschland spukt immer noch die Genietheorie von der göttlichen Inspiration in den Köpfen umher.«
Und warum gleich einen Roman statt einer Kurzgeschichte? Wolltest du vielleicht berühmt werden?
»Ich habe es gemacht, weil es eines meiner drei Ziele war: Ich wollte Marathon laufen, eine Familie gründen und ein Buch schreiben. Marathonlauf und Familie hatte ich inzwischen.«
Vielleicht wolltest du reich werden?
»Mir war völlig klar, dass man mit Schreiben nicht richtig reich werden kann. Als Rockmusiker verdient mal leicht das Zwanzigfache«, Axel lacht, »und bekommt zwanzigmal so viele Mädels ab.«
An seinen ersten Roman, einen Mittelalter-Horror-Fantasy-Text mit Rittern, kann sich Axel Hollmann kaum erinnern. Täglich hockt er in jener Zeit im »Café K«, dem Café im Kolbe-Museum. Dort kann er schreiben, daheim klappt es nicht. Axel sitzt an einem runden Marmortischchen, schlürft Kaffee und beschreibt die Seiten eines klassischen Moleskine-Notizbuch mit Füller.
Eines Tages lässt der Dauergast mangels Kleingelds seine Zeche anschreiben. Am Tag darauf bekommt er den Kassenbon, und da steht drauf »vom Autor«. Die Bedienung hat bereits mitbekommen, dass er schreibt.
»In dem Augenblick wußte ich: Jetzt bin ich Schriftsteller!«
Erleuchtung und Durchbruch beschert ein amerikanischer Podcast namens »Writing excuses«. Freund Marcus kennt diesen Internet-Podcast über das Romaneschreiben. Ziemlich bekannte Fantasy- und SF-Autoren sprechen darin über ihre Erfahrungen mit dem Handwerk des Schreibens.
Daraus entsteht die Idee der »SchreibDilettanten«. 2012 beginnt Axel Hollmann gemeinsam mit Marcus Johanus einen wöchentlichen Podcast nach amerikanischem Vorbild auf iTunes. Er beobachtet jedoch bei seinen Kids, dass sie viel auf YouTube abhängen. Und mit iTunes gibt es ständig Probleme. Darum schwenken die beiden Macher nach 150 Folgen, also nach etwa drei Jahren, um. Seitdem agieren sie ausschließlich auf YouTube.
Aufgezeichnet wird die Show meist montags um 07:45 Uhr. Axel schneidet den rund zwanzigminütigen Beitrag und lädt ihn hoch, nachdem Marcus ihm den letzten Schliff gegeben hat. Inzwischen sind 400 Sendungen online. Eine treue Community aus 2.300 Abonnenten wartet jede Woche auf Nachschub. Die Zuschauerzahlen steigen, mehr als eine Viertel Million Aufrufe verzeichnen die SchreibDilettanten insgesamt.
Werbung wollen sie nicht einblenden. Schon der Aufwand, alles buchhalterisch aufzubereiten, ist ihnen lästig. Auch ein Ende der Sendereihe ist nicht absehbar. »Wir machen das so lange, bis einer von uns umkippt«, versichert Axel.
Axel Hollmanns nennt seinen ersten abgeschlossenen Roman »Auf brüchigem Asphalt«, es ist ein Julia-Wagner-Krimi. Er besucht Schreibseminare, legt Wert auf Information und Weiterbildung.
Hoffnungsvoll verschickt er Leseproben an alle Agenturen. Resonanz? – Null! Einer fordert das vollständige Manuskript an, aber das war es.
Hollmann verfasst ein zweites Buch. Doch innerlich ist er bereits voll frustriert und begräbt seinen Berufswunsch schon wieder.
Da erzählt Freund Marcus, dass der Ullstein-Verlag ein neues Imprint namens Midnight für E-Books entwickelt. Wir schreiben das Jahr 2014.
»Da dachte ich mir: Schick es einfach hin! – Anderthalb Monate später kam mein E-Book unter dem Titel „Asphalt. Ein Fall für Julia Wagner“ auf den Markt!«
Axel Hollmann zählt zu den ersten vier Autoren, mit denen Midnight eröffnet. Vom Kindle hat er keine Ahnung und über Self-Publishing denkt er, das mache sowieso keiner.
»Die Zusammenarbeit mit dem Team von Ullstein war toll, sehr sympathische Leute. Ein flottes Lektorat, und schon kam das Cover. Ich fand es erst doof, Freunde fanden es aber gut und später sah ich ein, dass das Cover gut war.«
Der Verkauf läuft gut. Im ersten Halbjahr ist er einer der bestverkaufte Autor bei dem Label. Mit »Schlaglicht« folgt der zweite Band. Den hat Axel schon in der Schublade und schnell ein wenig umgebaut zu einer weiteren Julia-Wagner-Geschichte.
Plötzlich bekommt er doch noch Kontakt zu einer Literaturagentur. Schmidt und Abrahams bringen »Rissiges Eis« bei Amazons E-Pub-Verlag unter. Das Buch ist Hollmanns dritter Streich, mit Vorschuss und allem Tamtam.
Axel kann seine Protagonistin Julia vorerst nicht mehr sehen. Er will auch keine Heldinnen mehr haben, sondern einen Helden. Das Projekt findet der Amazon-Verlag unpassend.
Die Stunde des Self-Publishings schlägt: Hollmann gibt seinen Roman »Schwarzer Rost« selbst heraus, Buch No. 4 ist auf dem Markt.
»Ich kannte inzwischen viele Leute aus der Self-Publishing-Szene und war echt neugierig. Außerdem brauchte ich ein eigenes Buch, um mich am Self-Publishing-Preis zu beteiligen. Dort kam ich bis auf die Shortlist.«
Da er die Rechte von Midnight zurückbekommt, schreibt er noch eine Art Prequel zu Julia Wagner und gibt als fünften Streich »Benzin« heraus. Schnell ist er in die SP-Autoren-Szene integriert. Wissen weitergeben und mit dem Publikum interagieren, macht ihm Spaß. Auf diese Weise findet er die Verbindung zum Rollenspiel.
Der WILEY VCH-Verlag spricht ihn an. Im Internet ist dieser auf die YouTube-Show »SchreibDilettanten« gestoßen. Der dort gepflegte lockere Stil passt dem Unternehmen.
Gemeinsam mit Marcus Johanus verfasst Axel Hollmann daraufhin das Sachbuch »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies«.
Abgesehen von einem ihm unerreichbar scheinenden Spitzenplatz auf der Spiegel-Bestseller-Liste: Ist Axel Hollmann damit am Ziel seiner Träume vom Schriftstellern?
»Auf jeden Fall. Ich habe alles abgehakt, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn mich jetzt der Blitz treffen würde …«
Doch Blitzgott Loge ist geduldig und wartet noch ab, bis er zuschlägt … Deshalb sitzt Axel jetzt gemeinsam mit Marcus Johanus an einem Projekt, das sie gemeinsam produzieren.
Was das wohl wird? – Ich schiebe das Mikrophon unmerklich näher …
Axel Hollmann schweigt geheimnisvoll. Sein Blick schweift über den Neuen See in eine ferne Zukunft.
Axel hat immer tolle Geschichten erfunden«, sagt seine Frau Viola überzeugt. Doch Genaueres weiß selbst sie nicht …
Ruprecht Frieling

„Morden für Anfänger“ heißt einer der Ratgeber des Diplom-Kriminalisten Dr. Manfred Lukaschewski. Fotos: © R. Frieling
Die besten Jäger folgen immer den größten Herausforderungen. »Manne« hieß einer der gefürchtetsten Mordermittler der ehemaligen DDR. Der Schrecken aller Totschläger und Mörder war ein Spitzenjäger, der auch im Ruhestand das Morden nicht sein lassen kann: Heute schreibt der Leichenflüsterer Ratgeber für Krimiautoren.
Anno 1985 treiben Kriminelle auf dem Friedhof der Fontanestadt Neuruppin ihr Unwesen. Handtaschenräuber überfallen alte Damen. Es kommt zu Sexualvergehen. Dann erfolgt ein Tötungsdelikt. Die örtliche Polizei ist ratlos. Um den Tätern auf die Spur zu kommen, schickt das DDR-Innenministerium die besten Kriminalisten des Landes. Und es dauert keine zehn Tage, da ist das Team um Major Dr. Manfred Lukaschewski erfolgreich und kann die Täter ermitteln. Der böse Spuk hat ein Ende. Zur Belobigung soll der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ dekoriert werden. Doch der lehnt ab, weil jedes Teammitglied die mit eintausend DDR-Mark dotierte Auszeichnung verdient habe. Zähneknirschend gibt Innenminister Friedrich Dickel nach und rückt sieben Orden heraus.
Neben dem Fernsehturm ist die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz seit 1969 eines der bekanntesten Wahrzeichen der Hauptstadt. Hier bin ich mit Manfred Lukaschewski verabredet. Der ehemalige Mordermittler und jetzige Ratgeber-Autor kennt den Kiez wie seine Westentasche. Wenige hundert Meter vom Alex entfernt residierte das Präsidium der Volkspolizei. Im zweiten Stock hatte er als Chef einer der drei (Ost-)Berliner Mordkommissionen ein Büro.

Noch lacht er: An der Weltzeituhr am Alexanderplatz verhaftet Verhörspezialist Ruprecht Frieling Kriminalrat Manfred Lukaschewski
Wir gehen ins 125 m hohe einstige „Interhotel Stadt Berlin“, das heute „Park Inn“ heißt. Manfred bestellt eine Cola, ich trinke eine Portion Assam. Meinen Gesprächspartner kenne ich von Buchmessen und aus seinen sachkundigen Buchveröffentlichungen. Am Abend hat er gemeinsam mit Patricia Holland Moritz eine Lesung in der Lichtenberger Krimibuchhandlung „Totsicher“. Uns bleiben knapp vier Stunden für das Interview, und das ist wenig Zeit, um einen gewieften Ermittler zu „verhören“.
Im Sternzeichen der Waage 1951 geboren, bringt Manfred Lukaschewski gute Voraussetzungen für seinen späteren Beruf mit. Denn eine typische Eigenschaft des Waage-Menschen ist seine Begabung, sich in andere hineinzuversetzen und die inneren Gedanken und Absichten seines Gegenübers zu lesen. Das ist wohl nicht die schlechteste Eigenschaft, die einen fähigen Ermittler auszeichnet.
Auf dem Weg zum Abitur absolviert Lukaschewski, wie in der DDR üblich, eine Lehre und darf sich seitdem Molkereifacharbeiter nennen. In Rostock studiert er erfolgreich Physik. Schon während des Studiums kommt er mit der Polizeiarbeit in Berührung. Er unterwandert eine Jugendbande, die im Stadtwald der Hansestadt ihr Unwesen treibt und besorgt sukzessiv Beweise. Seine Aufklärungsarbeit führt zur Zerschlagung der Gang.
Es ist insofern kein Wunder, dass die Kripo dem abenteuerlustigen Physiker nach Abschluss des Diploms eine Stelle als Ballistiker in der siebenköpfigen Berliner Mordkommission Drei anbietet. Mit den Besten der Besten arbeiten zu dürfen empfindet er als Auszeichnung. Manfred leistet den obligatorischen Wehrdienst in der Nachrichten-Aufklärung, wird dort zum Einzelkämpfer ausgebildet und als Direktstudent an die Berliner Humboldt-Universität zum Kriminalistik-Studium delegiert.
An der Humboldt-Uni lernt der wissbegierige Student alles, was ein qualifizierter Ermittler wissen muss: Strafrecht, Strafprozessrecht, Bürgerliches Recht, Völkerrecht, Grundlagen und Methodologie der Kriminalistik und Kriminaltaktik (Vernehmung, Observation, Hausdurchsuchung). Kriminaltechnik mit Fotografie, Trassologie, Ballistik, Waffenkunde, Schriftenuntersuchung und Signalementslehre zählen dazu. Schließlich kommen die medizinischen Fächer Forensische Medizin, Psychologie und Psychiatrie hinzu.
Manfred ist fasziniert von den Aspekten und Möglichkeiten moderner Kriminalistik und lernt mit Fleiß und Ausdauer. Brennend interessiert ihn die Daktyloskopie (Fingerabdrucktechnik), die zu seinem Diplomthema wird und über die er heute noch mit leuchtenden Augen spricht. Weltberühmte Professoren gehörten zu seinen Ausbildern: Horst Howorka, Otto Prokop, Karl-Heinz Römer, Reiner Werner, Christian Koriska.
1983 schließt Manfred Lukaschewski als Diplom-Kriminalist ab. Im Jahr darauf promoviert er. Sein spezielles Interesse gilt der Untersuchung von Fingerabdrücken an Leichen. Er entwickelt wissenschaftliche Verfahren, mit denen Abdrücke an Toten mittels ultraharter Röntgenstrahlen oder in der Vakuumkammer sichtbar gemacht werden können.
Die Kriminalistik der DDR ist zu jener Zeit Weltspitze. Weder Scotland Yard noch FBI halten mit den Ostdeutschen Schritt. Ich schaue meinen Interviewpartner ungläubig an. Wie das?

Für seine erfolgreiche Arbeit wurde der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ und anderen Auszeichnungen dekoriert
Manfred nippt an seiner Cola und erklärt: „In der DDR wurde Kriminalistik als Wissenschaft statt als polizeilicher Zweig betrachtet. Das gab es in dieser Qualität in keinem anderen Land der Erde. Unsere Lehrstuhlinhaber waren entsprechend gefragte Referenten in West und Ost.«
Nach der Wende wird der hochqualifizierte Kriminalrat weiterbeschäftigt. Als er dann aber erfährt, dass ihm die künftige Rente aufgrund seines hohen Dienstgrades gekürzt werden soll, ein unerfahrener Westbeamter als Vorgesetzter eingesetzt wird, und er auch noch seine Dienstwaffe abgeben soll, quittiert er den Dienst. Schutzlos Schwerkriminellen entgegentreten zu sollen, ist ihm unvorstellbar. Denn in gefährlichen Situationen nutzt ihm auch sein schwarzer Meistergürtel im Judo wenig.
Manfred Lukaschewski erlebt kopfschüttelnd die Auflösung der kriminalistischen Fakultät durch den Berliner Senat „mangels Bedarfs“. Man spürt, er ist immer noch fassungslos. „Das Niveau der Polizeiarbeit ist seitdem erschreckend gesunken“, urteilt er und beschreibt damit zugleich seine Intention, erworbenes Wissen weiterzugeben, bevor es mit der älteren Generation verweht.
„Es geht gar nicht darum, dass die Fachleute wegsterben. In der Praxis lässt sich vieles auch im Learning by Doing begreifen. Das Hauptproblem ist, dass mit der Schließung der Sektion die Forschung weggefallen ist.“ Folgerichtig kämpft er um die Wiedereinführung der akademischen Ausbildung.
„Meine Bücher sollen dem Wissensverlust entgegenwirken“, lautet die Maxime des ehemaligen Kriminalrates. Ein dreibändiges „Kompendium der Kriminalistik“ hat der Mordermittler deshalb inzwischen verfasst. Sein lexikalisch aufgebautes Lebenswerk findet sich in der Bibliothek jeder besseren Polizeiakademie.
Reicht ihm das? – Manfred Lukaschewski schaut durch die bodentiefen Fenster des Restaurants auf den belebten Alexanderplatz. Dort herrscht buntes Treiben. Drei Polizisten mit Schutzwesten patrouillieren durch die Menge und versuchen, dem „kriminalitätsbelasteten Raum“, in dem pro Jahr rund 8.000 Straftaten registriert werden, Autorität zu verleihen. Wir sehen ein Bürohäuschen, das die neu eingerichtete Wache beherbergt. Das „subjektive Sicherheitsgefühl des Bürgers“ soll damit nach Auffassung des Innensenators verbessert werden.
Dann antwortet mir mein Gesprächspartner indirekt. Plötzlich hat sich ein vollkommen neuer Markt geöffnet, der den Kriminalisten begeistert: Verfasser von Kriminalromanen bestürmen ihn mit Fragen. Sie wollen Genaueres über die Abläufe polizeilicher Ermittlungen wissen und sind erpicht, sachkundig zu schreiben. Wie sieht eine Schusswunde aus? Wie sieht eine Stichwunde aus? Wie sehen die Wunden aus, wenn sich jemand erhängt hat? Lukaschewski weiß es und beschreibt die Merkmale en detail.
Der ehemalige Polizeirat begeistert sich für Autoren, die sich von der realitätsfernen Darstellung der Polizeiarbeit auf Papier und Leinwand, abwenden. „Schon der Eindruck, dass irgendein einzelgängerischer Kommissar mit Depressionen und Neigung zum Whisky Fälle löst, ist Unsinn“, meint er. „Teamarbeit ist das Wichtigste“, lautet sein aus langjähriger Erfahrung gewonnenes Credo. „Nur Teams mit klar geregelter Aufgabenteilung sind erfolgreich“. Anders sei es unmöglich, eine Aufklärungsquote von 95 Prozent bei Tötungsdelikten zu erzielen.
Schlimm findet er, wenn Pseudowissen vermittelt wird. TV-Kommissare, die ohne Handschuhe und Mütze durch einen Tatort trampeln, begingen in der Realität ein Dienstvergehen. „Das gibt ein Disziplinarverfahren.“ Ein Rechtsmediziner wie Professor Börne im Münsteraner „Tatort“ dürfe gar nicht selbst ermitteln.
Ihn ärgert es, wie realitätsfern die Polizeiarbeit in Krimis auf Papier und Leinwand dargestellt wird. Die Munition, die ein Til Schweiger im Film verballere, würde höchstens auf dem Schießstand verbraucht, aber niemals in der Realität. Er selbst hatte in seinen Dienstjahren zweimal Waffengebrauch mit Schusswechsel, „aber ich habe nie das Magazin leergeschossen“.
„Die gefährlichsten Spuren sind immer die selbst verursachten.“ Das Schlimmste aber sei in der realen Ermittlungsarbeit die Spurenvernichtung. In der Szene spreche man auch von „Spurenvernichtungskommission“. In der DDR seien das Parteisekretäre gewesen, die einen Tatort für ihren Verantwortungsbereich hielten und teilweise mit der Zigarette im Mund herumlatschten.
Und er hält einen Rat für die Krimiautoren bereit: „Lasst eure Ermittler stets von einem Tötungsdelikt sprechen. Ob die vorliegende Tat als Mord gewürdigt werden wird, entscheidet nicht der Ermittler, auch nicht sein vorgesetzter Staatsanwalt, sondern einzig und allein das Gericht“.
Für mich ist es ein Glücksfall, einen Gesprächspartner zu treffen, von dem ich im Interview lernen kann. „Manne“, wie ihn seine Freunde nennen, erklärt mir, was eigentlich geschieht, wenn ein Mensch stirbt, also die Phänomenologie einer Ermittlung.

Kriminalrat Lukaschewski vor dem ehemaligen Präsidium der Deutschen Volkspolizei am Berliner Alexanderplatz. Sein Büro lag im zweiten Stock
„Bei unnatürlicher oder unbekannter Todesart kommt nach dem Arzt die Polizei. Die Beamten entscheiden dann, ob ein Tötungsdelikt auszuschließen ist. Finden die beispielsweise einen Abschiedsbrief, dann schließen sie vielleicht vorschnell auf Suizid und verzichten darauf, die Kripo zu rufen. Deshalb geht es darum, sehr vorsichtig und zurückhaltend bei der Beurteilung zu sein. Wenn ein Tötungsdelikt nicht als solches erkannt wird, ist es immer die Schlamperei des Arztes bzw. der ermittelnden Beamten.“
Ergo gibt es eine Dunkelziffer? Der gewiefte Ermittler schmunzelt, als ich ihn zur Dunkelzahl bei Tötungsdelikten befrage.
„Vielleicht kennst du den Spruch: Wenn auf den Friedhöfen auf jedem Grab, das als Tötungsdelikt nicht erkannt wurde, ein Licht brennt, dann wären die Friedhöfe hell erleuchtet. Auf jedes bekannte Tötungsdelikt kommt ein unbekanntes, und ich halte diese Auffassung sogar für zu optimistisch.“
Der Grund sei mangelnde Qualifikation des Arztes und der Polizisten. „Wenn bei einem Hauch von Verdacht nicht konsequent untersucht und aufgeklärt wird, ist es nie die Cleverness des Täters, sondern immer die Schlamperei der Beteiligten.“
In Deutschland wird wohl in keinem Bereich der Medizin so geschludert wie bei der Begutachtung von Toten. Nach einer Studie der Universität Münster kommt es jährlich „zu mehr als 11.000 übersehenen, nicht natürlichen Todesfällen, darunter mindestens 1.200 nicht erkannte Tötungsdelikte“.

Krimi-Autoren und -leser lieben Lukaschewskis Ratgeber: Auf „Morden für Anfänger“ folgt „Morden für Fortgeschrittene“
Seine literarische Karriere beginnt Manfred Lukaschewski als Self-Publisher. Er notiert, was ihm sein Vater aus dem 2. Weltkrieg erzählt. Der Überlebende der Schlacht von Stalingrad wurde von einer MG-Garbe durchlöchert. Er erwachte in einem sowjetischen Lazarett. Dort wurde er hochgepäppelt. „Verlorene Jahre“ nennt der Sohn die Veröffentlichung.
„Die Sprache der Toten“ und „Morden für Anfänger“ heißen zwei seiner Bücher, in denen er im Plauderton Wissen vermittelt. „Morden für Fortgeschrittene“ liegt bereits auf dem Schreibtisch seines Verlegers. Auch das „Kompendium“ wird überarbeitet und soll in einer erschwinglichen Ausgabe verfügbar gemacht werden.
Aufgrund des großen Interesses an seinem Wissensschatz reist Manfred von Hochschule zu Hochschule. Bis tief in die Nacht hinein beantwortet er E-Mail-Anfragen von Autoren. Gleichzeitig verfasst er neue Ratgeber für Kriminalschriftsteller und arbeitet an einer Geschichte der Kriminalistik.
„Ich schreibe im Kopf vor, habe das Konzept im Kopf und kann alles ordnen. Dann setze ich mich an den Rechner und schreibe vierzehn Tage durch. So entsteht das Buch“, beschreibt er seine Arbeitsweise.
Da ihn die Arbeit an neuen Manuskripten voll in Beschlag nimmt, ist er froh, in der Edition Antheum des Main-Verlages einen Partner gefunden zu haben, der sich um alles kümmert. Der Polizeirat im Unruhestand will am liebsten nur recherchieren, schreiben und sein Wissen an Interessierte vermitteln. Materielle Interessen sind ihm fremd.
Unauffällig schaut der Kriminalist auf seine Armbanduhr. Er fiebert spürbar seiner Lesung entgegen. Das Verhör ist beendet. Zum Abschied erzählt er noch, dass er guten Kontakt zu Mitgliedern der „Mörderischen Schwestern“ habe. Das wirkt wie ein weiteres „Banner der Arbeit“ auf den Sachbuchautor. Manne steigt in die U-Bahn gen Osten, ich nehme die S-Bahn Richtung Westen.
Gegen Mitternacht schickt er mir noch eine kurze Nachricht, dass die Veranstaltung gut besucht war. Das Publikumsinteresse an seiner Arbeit wächst, und das macht den schreibenden Mordermittler Manfred Lukaschewski glücklich.
„Fahren wir zum Beach-Cub?“ – Elke Becker steigt in ihr funkelndes Mercedes-Kabrio, lässt das Dach automatisch im hinteren Kofferraum verschwinden, setzt eine verspiegelte Sonnenbrille auf, bindet die dunkelbraune Mähne zusammen und drückt das Gaspedal durch. Entlang dem malerischen Stadtstrand von Mallorcas Hauptstadt Palma sausen wir über den Stadtring Via de Cintura auf die Autobahn. Der warme Inselwind zaust in den Haaren. Die Sonne lacht, es ist frühsommerlich warm, an einem solchen Tag hat schlechte Laune keine Chance. HIER geht es weiter →
Nika Lubitsch aka Monika von Ramin ist die erste selbst verlegende Autorin im deutschsprachigen Raum, deren Werk fürs Fernsehen adaptiert wurde. Das ZDF produzierte ihren Krimi »Der 7. Tag« zur besten Sendezeit und erreichte damit überdurchnittlich viele Zuschauer: 6.190.000 sahen sich den spannenden Streifen an. Wie der Krimi von Nika Lubitsch ins ZDF kam, wollte ich von der Schriftstellerin persönlich erfahren und besuchte sie zum Interview.
Wie ein Albtraum beginnt der ZDF-»Fernsehfilm der Woche« »Der 7. Tag«, der erstmals am 23. Oktober 2017 um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde.
Sybille Thalheim (Stefanie Stappenbeck) wacht in einem fremden Hotelzimmer auf, in ihrer Hand ein blutverschmiertes Messer. Alles sieht danach aus, als habe sie einen Mord begangen. Die Polizei ist im Anmarsch, Sybille selbst erinnert sich an nichts. Panisch flieht sie. Der Tote ist ihr verschollen geglaubter Mann, der Notar Michael Thalheim (Steve Windolf).
Anderthalb Jahre zuvor hatte sich Michael mit 20 Millionen Euro an veruntreuten Mandantengeldern nach Südamerika abgesetzt. Ohne eine Erklärung hatte er die damals schwangere Sybille zurückgelassen. Sie verlor ihr Haus, ihren gesamten Besitz – und ihr Baby. Obwohl ihre Trauer und die Wut auf Michael grenzenlos sind, ist Sybille sicher, dass sie nicht die Mörderin ihres Mannes ist. Um ihre Unschuld zu beweisen, macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Die Kommissare Tanja Braungart (Josefine Preuß) und Rainer Warnke (Henning Baum) sind ihr dicht auf den Fersen.
Hilfe bekommt Sybille von ihrer Freundin Gabi (Katharina Schüttler) und deren Mann Ullrich Henke (Marcus Mittermeier), Michaels früherem Kanzleipartner. Stück für Stück schließt sich Sybilles Gedächtnislücke. Sie fängt an zu begreifen, in welch großer Gefahr sie sich tatsächlich befindet.
Das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Nika Lubitsch schrieb André Georgi. Roland Suso Richter führte Regie.

Der österreichische Schriftsteller Elmar Bereuter schuf mit dem historischen Roman »Die Schwabenkinder« einen lesenswerten Longseller. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Sein Händedruck ist fest, die Umarmung herzlich. Wer Elmar Bereuter trifft, begegnet einem wettergegerbten Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und lustig blitzenden Augen. Der Autor erfolgreicher historischer Romane wie »Schwabenkinder«, »Hexenhammer« und »Felders Traum« lebt abseits der großen Straßen in einem winzigen Dorf im württembergischen Oberschwaben nördlich des Bodensees.

Interview beim Weißwurstessen: Ruprecht Frieling und Elmar Bereuter
Elmar Bereuter kennt wie kaum ein anderer Autor das Sujet seiner Romane: Land und Leute im Bregenzerwald. Harte körperliche Arbeit bestimmte seine Kindheit: 1948 im österreichischen Lingenau als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie geboren, lernte er von klein auf, wie hart das Leben der Bauern im Bregenzerwald ist. Im Sommer ging es hoch auf die Alpe und zu einem schon seit Jahrhunderten minimalistischen Leben ohne Strom, Bad oder andere Annehmlichkeiten der Zivilisation. Nachdem das Gras abgeweidet war, wurden die Rinder und Kühe dann im Herbst wieder geschmückt zurück ins Tal getrieben. Mit der schulischen Fortbildung war es in der bäuerlich strukturierten Talschaft schlecht bestellt, der Junge wurde auf ein Internat im 500 km weit entfernten Graz geschickt.
Bereuter wurde, wie man so sagt, fast schon mit Skiern unter den Füßen geboren. Wen wundert es, dass er auch heute noch leidenschaftlicher Skifahrer ist, ausgedehnte Bergwanderungen unternimmt und Gipfel erklimmt. Als in den 1970er-Jahren der US-Amerikaner Mike Harker erstmals mit einem Flugdrachen von der Zugspitze flog, sollte es nicht mehr lange dauern, bis auch Bereuter mit einem solchen Hängegleiter durch die Lüfte glitt. Seine berufliche Laufbahn als Chef der Öffentlichkeitsarbeit einer Bergsportfirma passte da optimal, und als er sich 1991 mit einer Werbeagentur selbstständig machte, profitierte er von seinen Kenntnissen und Beziehungen.
Kindheit, Lebensweg und die Verbundenheit mit seiner österreichischen Heimat mögen Grund dafür sein, warum sich Elmar Bereuter stark mit der Aufarbeitung und Bewahrung der Geschichte von Land und Leuten des Bregenzerwaldes befasste. Ein unerwarteter Bezug zu seiner Heimat tat sich auf, als er in Oberschwaben feststellte, dass der Begriff »Schwabenkinder« im Schwabenland selbst völlig unbekannt war. »Ja, da waren schon fremde Kinder zum Arbeiten da«, erinnerten sich noch ältere Leute. Das war´s dann.
Bereuter war sich bewusst, dass er hier den Zipfel eines Stücks Geschichte in der Hand hielt, das drohte, völlig in der Vergessenheit zu verschwinden. Die letzten der noch lebenden Zeitzeugen waren schon steinalt und er beschloss, die Geschichte in Romanform unter dem Titel »Die Schwabenkinder« aufzuschreiben.
Anhand eines bewegenden Einzelschicksals erzählt dieser emotional packende Roman vom Sohn einer Bauernfamilie aus dem Bregenzerwald, der als Neunjähriger auf den Kindermarkt nach Ravensburg geschickt wird, wo er von einem grausamen Bauern ersteigert wird. Hintergrund ist die historische Tatsache, dass jahrhundertelang oftmals tausende Kinder bettelarmer Eltern jedes Frühjahr über die schneebedeckten Alpen nach Oberschwaben wanderten, um dem Hunger zu entkommen. Auf Kindermärkten, die von der damaligen Presse, sogar auch in den USA als »Sklavenmärkte« angeprangert wurden, wurden sie dann von schwäbischen Bauern als Arbeitskräfte in Empfang genommen. Dies waren die so genannten »Schwabenkinder«.
Elmar Bereuter typisierte anhand eines fiktiven Einzelschicksals ein grausames Kapitel europäischer Regionalgeschichte und setzte den Schwabenkindern mit seinem Roman ein literarisches Denkmal. Er verschickte das Manuskript an rund 30 Verlage, doch keiner griff zu. Über mehrere Umwege erfuhr auch der Münchener Regisseur Jo Baier von dem Manuskript. Der machte daraus allerdings ein eigenes Skript und verfilmte 2003 »Schwabenkinder« als Heimatfilm mit Tobias Moretti, Vadim Glowna und Jürgen Tarrach.

Natur pur: Der Bregenzerwald ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber und regt zum Schreiben an
Der den Anstoß gebende Autor, der das Thema für eine breite Öffentlichkeit entdeckt, recherchiert und zu Papier gebracht hatte, ging weitgehend leer aus. Lediglich Bereuters Name wird im Film ganz am Ende des Abspanns erwähnt.
Zum Glück des entsprechend frustrierten Autors griff schließlich die Verlagsgruppe LangenMüller Herbig zu und veröffentlichte 2002 »Die Schwabenkinder« als Hardcover. Der Erfolg war durchschlagend: Innerhalb weniger Wochen schoss das Buch in die Bestsellerlisten und es wurden sieben Auflagen verkauft. Es folgte eine Hörbuchausgabe und seit 2004 sind „Die Schwabenkinder“ beim Piper-Verlag ein Longseller.
Die ungeheure Materialfülle, die Elmar Bereuter zum Thema zusammengetragen hatte, nutzte der Autor gleich noch, um drei Rother-Wanderführer über die »Schwabenkinder-Wege« zu publizieren. Anhand dieser ungewöhnlich detaillierten Reisebegleiter können heute Wanderer grenzüberschreitend und auf den ursprünglichen Original-Wegen den Spuren der Schwabenkinder folgen und sich anhand des reichen Hintergrundmaterials ein ungefähres Bild der damaligen Lebensumstände machen.
Elmar Bereuters zweiter historischer Roman »Hexenhammer« benötigte keine große Lobbyarbeit, um im Jahr darauf von Herbig veröffentlicht zu werden. Auf 400 Seiten schildert der Autor anhand geschichtlicher Fakten die verschlungene Entstehungsgeschichte des berühmt-berüchtigten »Hexenhammers«, einer theologisch und juristisch begründeten Anleitung zur Hexenverfolgung. Im Mittelpunkt steht dessen Verfasser, der Dominikanermönch Heinrich Institoris mit seinen wüsten und frauenfeindlichen Obsessionen.
Auch dieses Werk schlug bei Kritik und Publikum ein, und so war es folgerichtig, einen weiteren Roman aus der Zeit der Hexenverfolgung nachzuschieben: »Lichtfänger« erschien 2005. »Lichtfänger« bekämpften unter ständiger Gefahr für Leib und Leben den bereits zum Allgemeingut gewordenen Hexenwahn. Bereuter erzählt darin, wie sich der amerikanische Historiker George Lincoln Burr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts quer durch Europas Archive wühlt, um die Schicksale von Lichtfängern wie Cornelius Loos oder Friedrich Spee zu erhellen.
2007 präsentierte der Verfasser profund recherchierter historischer Romane dann »Felders Traum. Die kaum glaubliche Geschichte eines Bergbauernbuben«. Bei der Schilderung der Lebensgeschichte des »schreibenden Bauern« Franz Michael Felder, spielt Elmar Bereuter wieder seinen Heimvorteil aus, selbst dem Bregenzerwald zu entstammen, in der diese Tatsachengeschichte spielt. Mit dem 500-seitigen Werk schenkt er dem Freigeist Franz Michael Felder ein mehr als verdientes Denkmal. Gleichzeitig setzt er mit dem ungemein spannenden, in einem mächtigen Rutsch zu lesenden historischen Roman, ein Signal gegen Ignoranz und Kleingeisterei.
Elmar Bereuter ist auch als Vortragender gefragt, wo er nicht nur aus seinen Büchern liest und von Hintergründen zu Schwabenkindern und Felder zu erzählen weiß, sondern auch über so manchen Irrtum zur Hexenverfolgung aufzuklären vermag.
Gibt es ein Thema, das ihn so fasziniert, dass bald der nächste Roman erscheint? – »Gäbe es schon, ja. Aber gerade das Thema „Schwabenkinder“ holt mich immer wieder ein, weil es trotz vieler neuer Erkenntnisse noch längst nicht ganz aufgearbeitet ist. Daran scheitert auch immer wieder ein seit Jahren geplantes Buch: Immer wenn du glaubst, du kannst ein Kapitel abschließen, taucht wieder etwas Neues auf, das dich zwingt, ganze Teile, ja sogar das ganze Konzept über den Haufen zu werfen.«
Bereuter sieht mich an und lächelt, wenn auch fast ein wenig resigniert. Der Autor wirft einen langen Blick zum Fenster, vor dem die Wolken in Richtung Bregenzerwald ziehen …
