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Wer sich nicht bewegt, verschwindet

Juni 01, 2026
by Ruprecht Frieling
Ehrenamt, Schlaraffen, Vereine
5 Comments
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Illustration Wer sich nicht bewegt, verschwindet

Wer sich nicht bewegt, verschwindet

Wer sich nicht bewegt, verschwindet

Von Prinz Rupi

Es gibt Ideen, die sind so einfach, dass man sich wundert, warum sie nicht längst umgesetzt wurden. Ein kleiner Aufkleber auf dem Auto zum Beispiel. Eine freundliche, witzige, neugierig machende Botschaft. Sichtbar im Alltag, bezahlbar, unaufdringlich, wirkungsvoll. Kein Großprojekt, keine Satzungsänderung, keine neue Kommission, kein Strategiepapier mit Vorwort, Zwischenbericht und Endfassung. Nur ein kleiner Impuls, der nach außen zeigt: Seht her, es gibt uns noch. Wir sind lebendig. Wir haben etwas zu bieten.

Und doch geschieht oft nichts.

Wer sich seit vielen Jahren in Vereinen, kulturellen Gemeinschaften oder ehrenamtlichen Strukturen bewegt, kennt dieses Phänomen. Eine Idee wird freundlich aufgenommen. Man nickt. Man lobt. Man findet den Vorschlag „eigentlich sehr gut“. Dann wird noch einmal darüber gesprochen, vielleicht auch ein zweites Mal, bis die Sache schließlich in jenem weichen Nebel verschwindet, in dem so viele gute Absichten ihr stilles Ende finden. Niemand war dagegen. Aber auch niemand hat etwas getan.

Das ist vielleicht das eigentliche Drama vieler Gemeinschaften: nicht der offene Widerstand, nicht der heftige Streit, nicht einmal die ausdrückliche Ablehnung. Gefährlicher ist die lautlose Trägheit. Sie trägt ein freundliches Gesicht, spricht versöhnlich, vermeidet Konflikte und bewahrt scheinbar den Frieden. Tatsächlich aber verhindert sie Entwicklung.

Dabei lebt jede Gemeinschaft vom steten Bemühen. Das klingt altmodisch, beinahe moralisch, vielleicht sogar ein wenig nach Küchenphilosophie. Aber es ist wahr. Nichts bleibt lebendig, wenn es nicht immer wieder erneuert, gepflegt, befragt und bewegt wird. Ein Verein, der sich nur noch selbst genügt, beginnt langsam zu erstarren. Eine kulturelle Gemeinschaft, die nur noch die Gegenwart gemütlich ausleuchtet, ohne an ihre Zukunft zu denken, merkt oft zu spät, dass im Hintergrund bereits das Licht ausgeht.

Natürlich ist es verständlich, dass viele Menschen vor allem ein paar schöne Stunden erleben möchten. Gerade in einer Zeit, die von Unsicherheit, Reizüberflutung und Zumutungen aller Art geprägt ist, sehnen sich viele nach Ruhe, Verlässlichkeit und vertrauten Formen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch das Spiel, die Geselligkeit, der Humor und das freundschaftliche Miteinander haben ihr gutes Recht. Sie sind kein Luxus, sondern ein Stück Lebensqualität.

Problematisch wird es erst, wenn aus dem Wunsch nach schönen Stunden eine Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft entsteht. Wenn man zwar gerne genießt, was frühere Generationen aufgebaut haben, aber wenig Neigung zeigt, selbst etwas dafür zu tun, dass es weiterlebt. Wenn man Nachwuchs vermisst, aber keine neuen Wege gehen möchte. Wenn man Aufmerksamkeit erwartet, aber jede Form zeitgemäßer Ansprache misstrauisch beäugt. Wenn man Veränderung fordert, solange sie nichts verändert.

In mancher Hinsicht erinnert diese Haltung an den Umgang der Menschheit mit den großen Fragen unserer Zeit. Jeder halbwegs klare Geist weiß, dass wir mit der Erde nicht umgehen können, als hätten wir noch zwei oder drei Ersatzplaneten im Keller. Jeder weiß, dass sich etwas ändern müsste. Und trotzdem geht vieles weiter wie bisher. Man erkennt das Problem, bedauert es, diskutiert es, erklärt es für wichtig — und lebt dann, als beträfe es andere oder eine ferne Zukunft.

Im Kleinen ist das nicht anders. Auch Vereine, Freundeskreise, kulturelle Zusammenschlüsse und Traditionsgemeinschaften können an diesem Widerspruch leiden. Man weiß, dass etwas getan werden müsste. Man spürt, dass die alte Selbstverständlichkeit nicht mehr trägt. Man erkennt, dass Sichtbarkeit, Offenheit und Erneuerung nötig wären. Aber sobald eine konkrete Initiative auf dem Tisch liegt, beginnt das große Abwägen. Ist das nicht zu modern? Zu auffällig? Zu schlicht? Zu teuer? Zu billig? Zu ernst? Zu lustig? Zu ungewöhnlich? Zu anstrengend?

Am Ende gewinnt oft nicht das bessere Argument, sondern die bequemere Untätigkeit.

Das stete Bemühen ist deshalb keine lästige Pflichtübung, sondern eine Haltung. Es bedeutet, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn eine Idee nicht sofort zündet. Es bedeutet, Vorschläge nicht schon deshalb aufzugeben, weil sie im ersten Anlauf auf desinteressierte Gesichter treffen. Es bedeutet aber auch, die eigene Gemeinschaft nicht nur zu konsumieren, sondern mitzugestalten.

Gerade traditionelle Vereinigungen brauchen diese Haltung. Tradition ist kein Museum, in dem man gelegentlich den Staub von den Vitrinen wischt. Tradition ist ein lebendiger Zusammenhang zwischen Herkunft, Gegenwart und Zukunft. Wer nur bewahren will, ohne weiterzugeben und zu erneuern, bewahrt am Ende nichts. Wer nur wiederholt, was immer schon war, verliert irgendwann den Sinn dessen, was einmal lebendig gemeint war.

Das gilt auch für einen Verein wie die Schlaraffia. Ihr Spiel, ihre Sprache, ihre Rituale, ihr Humor und ihre eigentümliche Mischung aus Kunst, Freundschaft und heiterer Weltferne sind kostbar. Aber gerade deshalb dürfen sie nicht in selbstzufriedener Innerlichkeit verschwinden. Wer möchte, dass dieses Spiel auch morgen noch gespielt wird, muss heute daran arbeiten, es sichtbar, verständlich und einladend zu machen.

Dazu braucht es keine gigantischen Programme. Manchmal beginnt es mit einer Einladung, einem guten Gespräch, einem originellen Hinweis, einem offenen Abend, einem gelungenen Text, einem Bild, einem kleinen Aufkleber. Nicht alles muss sofort weltbewegend sein. Entscheidend ist, dass überhaupt etwas in Bewegung bleibt.

Natürlich wird nicht jede Initiative erfolgreich sein. Manche Ideen werden verpuffen. Manche werden zerredet. Manche kommen zu früh, manche zu spät, manche gar nicht. Auch das gehört dazu. Wer sich engagiert, muss eine gewisse Frustrationstoleranz entwickeln. Er muss hinnehmen, dass nicht jeder Einfall dankbar aufgenommen wird. Er muss ertragen, dass manche lieber klagen als handeln. Und er darf dennoch nicht verbittern.

Denn Verbitterung ist der leise Tod des Engagements. Sie macht aus Tatkraft Rechthaberei, aus Humor Sarkasmus und aus berechtigter Kritik eine müde Litanei. Das stete Bemühen braucht deshalb nicht nur Ausdauer, sondern auch Heiterkeit. Eine gewisse gelassene Hartnäckigkeit. Die Fähigkeit, über Widerstände zu lächeln, ohne sie zu verharmlosen. Den Mut, weiterzumachen, obwohl man weiß, dass man nicht immer sofort Erfolg haben wird.

Vielleicht besteht darin überhaupt die Kunst des kulturellen Ehrenamts: nicht auf den großen Durchbruch zu warten, sondern immer wieder kleine Türen zu öffnen. Nicht darauf zu hoffen, dass plötzlich alle begeistert mitziehen, sondern dort anzufangen, wo zwei oder drei Menschen bereit sind, etwas zu bewegen. Nicht über die Trägheit der anderen zu verzweifeln, sondern ihr mit Fantasie, Geduld und einer Prise Unverschämtheit zu begegnen.

Denn jede Gemeinschaft, die weiterleben will, braucht Menschen, die mehr tun als nur anwesend sein. Sie braucht Menschen, die fragen, anregen, gestalten, schreiben, werben, organisieren, widersprechen, einladen und gelegentlich auch nerven. Ohne solche Menschen wird aus Tradition Gewohnheit, aus Gewohnheit Routine und aus Routine irgendwann Stillstand.

Das stete Bemühen ist darum kein Pathos, sondern Überlebenskunst. Es hält den Raum offen für Veränderung, ohne das Bestehende achtlos wegzuwerfen. Es verbindet Erfahrung mit Neugier. Es weigert sich, den bequemen Satz „Das haben wir immer so gemacht“ für ein Argument zu halten. Und es vertraut darauf, dass auch kleine Zeichen Wirkung entfalten können.

Vielleicht ist ein Autoaufkleber am Ende nur ein Autoaufkleber. Vielleicht aber ist er auch ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass jemand noch nicht aufgegeben hat. Dass jemand sichtbar machen will, was ihm wichtig ist. Dass jemand verstanden hat, dass eine Gemeinschaft nicht allein dadurch lebt, dass man sie liebt, sondern dadurch, dass man sich um sie bemüht.

Und zwar nicht einmal. Nicht gelegentlich. Nicht nur dann, wenn es bequem ist.

Sondern stetig.

© Prinz Rupi 2026

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Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
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5 Comments
  1. Oh! www. 1. Juni 2026 at 17:51 Antworten

    Wie wahr, lieber Rupi!

  2. Rolf Wilms 1. Juni 2026 at 21:16 Antworten

    R.G.u.H.z.
    Viellieber Prinz Rupi,
    Ihr bringt es mit Eurem lesens- und bedenkenswerten Text auf den Punkt.
    Die Verantwortung liegt bei uns selbst!
    In einer Zeit in der immer mehr beruflich erfolgreiche Männer im gehobenen Alter nach Sinn und Lebensfreude suchen, in einer Zeit in der die demographische Pyramide beginnt auf dem Kopf zu stehen, ist das Mitgliederpotential für Schlaraffia größer denn je. Die Verantwortung für positive Veränderungen liegt bei uns Schlaraffen allein. Bei jedem Einzelnen in jedem Reych. Trägheit, Überheblichkeit, fehlende Begeisterung und Angst vor Veränderung dominieren zu oft den schlaraffischen Geist.
    Aber es geht auch anders. Es gibt einige Reyche, die wachsen, die gedeihen oder ihre Mitgliedszahlen seid Jahren konstant halten können. Fragen wir doch die dort Verantwortlichen und Mitglieder, wie sie es geschafft haben. Zum Beispiel die Kremisia Wachaviae R 165, deren Mitglied ich bin. Mit 75 Sassen wurde a.U. 167 der höchste Mitgliederstand seid Bestehen des Reyches erreicht. Vor vielen Jahren waren es mal knapp über 20. Und weitere Prüflinge warten auf die Kugelung.
    Und ja, Ihr schreibt es überzeugend, es sind die vielen kleinen Aktivitäten, es sind die zahlreichen persönlichen Gespräche mit Interessenten, es ist summa summarum eine dezente und gezielte Öffentlichkeitsarbeit im privaten und öffentlichen Bereich. Sie entsteht bei den Kremisen aus der Freude am schlaraffischen Spiel und der daraus sinngebenden und bindenden Kraft gemeinsam erlebter Lebensfreude.
    So einfach, ich gestehe aber auch, so anspruchsvoll ist das. Die Zukunft der Schlaraffia ist positiv. Nur die Schlaraffia wird anders sein. Es wird weniger Reyche, weniger Sassen geben als heute, aber in ihnen wird der Geist der Praga in einer zeitgemäßen Form weiterleben.
    Davon bin ich zutiefst überzeugt.
    Uhuhertzlich,
    Ihr Rt Skripticus

    • Ruprecht Frieling 1. Juni 2026 at 22:05 Antworten

      Vielen Dank für Euren Beitrag, lieber Rt Skripticus!

  3. Van der Goschen 2. Juni 2026 at 12:26 Antworten

    R.G.u.H.z.!
    Viellieber Ritter „Prinz“ Rupi,
    “ wer mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“,
    heißt: Besinnung auf die alten bewährten Wege, statt aufwendiger und trendiger Werbemaßnahmen die uns überfluten.
    Bewährte Wege: persönliche Ansprache von geeignet erscheinenden Menschen (Freunden). Beim Erstbesuch nicht aufdringliche persönliche Kontaktaufnahme durch die Sassenschaft und den Thron. Und dann essentiell: die Sippung muss den Schilderungen bei der Kontaktaufnahme entsprechen.
    „Schlaraffenland des Geistes“ ,geistvolles Spiel ohne Selbstdarstellung oder Profilneurosen. Auch und besonders die Wahlwürden sind Spieler!
    Der Interssent muss wahrnehmen, dass in der Burg durch die Regeln von Spiegel und Ceremoniale ein „geschützter Raum“ entsteht in dem die Sassen evtl verborgene Fähigkeiten künstlerischer Art entfalten können, die sie in der Profanei aus verschiedenen Gründen nicht ausüben wollen oder können.
    Es gibt Reyche in denen das funktioniert, vielleicht nur wenige. aber es könnten mehr.
    Lulu
    Van der Goschen

    • Ruprecht Frieling 2. Juni 2026 at 13:44 Antworten

      Dankeschön, viellieber Rt van der Goschen!

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