Das Heiligtum der Schlaraffen
Von Prinz Rupi
Wer in Bielefeld nach den verborgenen Wundern der Stadt sucht, stößt früher oder später auf einen Ort, den Außenstehende kaum kennen, der für Schlaraffen jedoch den Rang eines Heiligtums besitzt. In der Schlaraffenburg des Reyches Ravensbergia in der Hermannstraße 32a steht ein Kunstwerk, das weit mehr ist als ein Möbelstück, weit mehr als ein Erinnerungsort: der Ahalla-Schrein der Allmutter Praga.
Wer ihn sieht, spürt sofort, dass hier Geschichte nicht in Vitrinen erstarrt ist, sondern atmet.
Ein Schrein mit Aura
Behütet wird die kostbare Antiquität von Prof. Dr. Ekkehard Pröve, der im schlaraffischen Spiel den sprechenden Ritternamen „Ei Ei Ei der sich Entwickelnde“ führt. Mit sichtbarer Hingabe pflegt er das ehrwürdige Kleinod und zeigt es gern jenen Besuchern, die den Weg zur Ravensbergia finden.
Der Schrein selbst ist ein kunstvoll gearbeiteter hölzerner Altar der Schlaraffia-Tradition. In ihm werden die Bilder der verstorbenen Schlaraffen, der sogenannten Ahalla-Sassen, verwahrt. In der Symbolik der Schlaraffia ist die Ahalla das Jenseits, der Ort derer, die nicht vergessen werden. Bei Totengedenken, den Ahallafeyern, steht dieser Schrein im Mittelpunkt. Vor ihm verneigen sich die Sassen mit gesenktem Schwert.
Man versteht rasch: Dies ist kein dekoratives Beiwerk schlaraffischer Folklore, sondern ein Ort des Gedächtnisses.
Was ist eigentlich Schlaraffia?
Die Schlaraffia ist ein international verzweigter deutschsprachiger Bund, der sich seit seiner Gründung den Werten Kunst, Freundschaft und Humor verschrieben hat. Entstanden ist die Gemeinschaft 1859 in Prag, als sich Künstler, Literaten und Musiker zu einem Freundschaftsbund zusammenschlossen. Bis heute pflegen die Schlaraffen ein humorvoll-parodistisches Ritterspiel, das das Mittelalter nicht historisch nachstellt, sondern heiter verfremdet.
Die Mitglieder tragen als Erkennungszeichen eine Perle im Revers und werden deshalb auch Ritter von der Rolandnadel genannt.
Was heute traditionsreich erscheint, begann einst in einer Welt ohne Telefon, ohne elektrisches Licht und ohne Motorfahrzeuge. Niemand konnte damals ahnen, dass aus dieser Prager Gründung einmal ein weltumspannender Bund erwachsen würde.
Verboten, verdrängt, nicht vergessen
Wie so vieles, was aus freiem Geist und unabhängiger Geselligkeit entstand, wurde auch die Schlaraffia in der Zeit des Nationalsozialismus zerschlagen. In den späten dreißiger Jahren verboten die Nationalsozialisten den Bund. Nach dem Ende des Faschismus konnte das schlaraffische Leben im Westen wieder aufblühen. Im Osten war es zwar nicht ausdrücklich verboten, doch weil sich die Schlaraffen nicht dem Kulturbund der DDR unterwerfen wollten, sippten sie im Verborgenen.
Prag blieb dennoch für viele eine Art mythischer Ursprungsort, ein Wallfahrtsziel der Erinnerung. Und genau dort beginnt die erstaunliche Geschichte jenes Schreins, der heute in Bielefeld steht.
Entdeckung im Prager Hotel Alcron
Ein Schlaraffen-Ritter der Ravensbergia, der beruflich in der damaligen ČSSR zu tun hatte, machte sich auf die Suche nach der alten Burg der Praga. Er fand sie in der Stefansgasse, unweit des Wenzelsplatzes, im Hinterhof des Hotels Alcron.
Noch standen dort geschmiedete Eingangstore mit großem „S“ und einem mächtigen Uhu. Dahinter befand sich ein gotisch anmutendes Tor mit Zinnen. Doch die einstige Burg war längst kein Ort schlaraffischen Lebens mehr. Die Räume waren verfallen und dienten nur noch als Abstellkammer des Hotels. Zwischen Gerümpel, Staub und Vergessen entdeckten die Besucher jedoch Wandmalereien mit schlaraffischen Motiven. Es musste sich tatsächlich um die ehemalige Burg gehandelt haben.
Zu retten schien zunächst nichts.
Doch dann fanden sie hinter allerlei altem Plunder eine Holztür. In sie war das Wort „Ahalla“ eingeschnitzt.
Damit war klar: Sie standen vor dem Ahalla-Schrein der Praga.
Diplomatie, Geduld und Westgeld
Was heute beinahe legendär klingt, war damals eine ebenso heikle wie mühselige Unternehmung. Mit viel diplomatischem Geschick, Ausdauer und nicht zuletzt mit Westgeld gelang es schließlich, das Kunstwerk zu erwerben und nach Bielefeld zu transportieren.
Am Heiligabend 1966 traf der Schrein dort ein. Sein Zustand allerdings war unerquicklich: Er bestand kaum noch aus mehr als einem Haufen Altholz. Was einmal ein schlaraffisches Heiligtum gewesen war, wirkte eher wie ein hoffnungsloser Fall für den Sperrmüll.
Doch man gab ihn nicht auf.
Die Tischlerwerkstatt des Bielefelder Oetker-Konzerns nahm sich des beschädigten Werkes an und restaurierte es vollständig. Schon im März 1967 konnte der wiederhergestellte Schrein der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
5,35 Meter Geschichte
Der restaurierte Schrein misst imposante 5,35 Meter. Wegen seiner gewaltigen Höhe muss er in drei Teilen aufgestellt werden. Der reich verzierte Mittelteil mit seinen Flügeltüren dient der Ravensbergia bis heute als Ahalla-Schrein. Im Streiflicht lassen sich auf den Türen sogar Biermalereien erkennen. Das Unterteil wird als Thron genutzt, der obere Teil dient heute als Unterschrank für das Schmierbuch.
So lebt das Objekt nicht nur als museales Stück fort, sondern bleibt in das schlaraffische Leben eingebunden.
Ein Zettel aus dem Jahr 1896
Als wäre die Wiederentdeckung des Schreins nicht schon aufregend genug, förderte die Restaurierung noch ein weiteres Detail zutage. Zwischen den Brettern fand sich ein verstecktes Papier, beschrieben von einem Kunsttischler, der offenbar an der Herstellung des Schreins beteiligt gewesen war. Darauf stand:
„Gearbeitet im Jahre 1896 im Monat Juli unter sehr schlechten Bedingungen. Als größter Hunger und größte Not das Volks zur Verzweiflung trieb. Deshalb rufe ich laut: Ein Hoch der Revolution, es lebe die Anarchie. J. Adam. Fort mit den blutigen Ausbeutern.“
Plötzlich bekam das Objekt eine weitere Stimme. Nicht nur die der Schlaraffen, sondern auch die eines Handwerkers aus einer Zeit sozialer Not und politischer Erregung. Durch diesen Fund lässt sich der Herstellungszeitpunkt des Schreins datieren, und zugleich wird er zu einem kulturhistorischen Zeugnis, das weit über die Geschichte des Vereins hinausweist.
Kleinod mit Seele
Für die Ravensbergia ist der Ahalla-Schrein der Praga ihr wichtigstes Kleinod. Er erinnert an die Gründungszeit der Schlaraffia, an ihre Ideale, an Verluste, an Beharrlichkeit und an die Kraft der Erinnerung.
Vor allem aber erzählt er eine außergewöhnliche Geschichte: von Verfall und Rettung, von Treue zur Überlieferung und von jener eigentümlichen Mischung aus Spiel, Ernst, Kunst und Gemeinschaft, die die Schlaraffia seit jeher prägt.
Dass ausgerechnet in Bielefeld ein solches Heiligtum bewahrt wird, mag überraschen. Wer es jedoch einmal gesehen hat, begreift schnell: Manche der bedeutendsten Orte liegen nicht im grellen Licht der Öffentlichkeit. Manche stehen still in einer Burg, hinter einer unscheinbaren Tür, und warten darauf, entdeckt zu werden.

Autor Prinz Rupi mit Rt Favorito, dem letzten Vorsitzenden des Allscharaffenrates (links) und Rt El Charro (rechts) vor dem Burgtor der ersten Schlaraffenreyches in Prag






Äusserst lesenswert und informativ!
Sehr Lulu !
Uhuhertzliche Gratululu zu diesem aufklärenden Artikel von meinem besten Schlaraffenfreund !
Dankeschön, lieber Freund!
So etwas zu lesen, macht mich demütig, dankbar, aber vor allem zuversichtlich, dass es auch mit Allschlaraffia so weitergeht. Ja, vielleicht muss manches überarbeitet, ersetzt aber auch restauriert werden. Mag sein, manches braucht evtl. auch so etwas wie einen neuen Rahmen, aber das schlaraffische Spiel um Freundschaft, Kunst und Humor (!!!) wird eigentlich niemals „alt“ und ist wert GELEBT und GESPIELT zu werden! Danke, lieber Freund!
Hervorragend ge- und beschrieben. Ja, eine „Pilgerstätte“ für jeden Schlaraffen, denn wo, in der westlichen Welt ist noch etwas von der Allmutter Praga erhalten geblieben? Das alte Tor wäre noch einmal eine solche Aktion wert. Seien wir demütig und froh, das der wunderschöne Schrein leicht erreichbar in Bielefeld steht.
In diesem Sinne, ein großes Lulu dem Verfasser und ein ebenso großes dem Schrein.
Danke für diesen großartigen Artikel! Es gibt nur noch wenige Menschen, die die Bedeutung und Kraft von kulturellem Erbe noch lebendig halten – und noch weniger, die es vermögen, die Wichtigkeit dessen – vor allem für die Jetztzeit – in klare und ebenso begeisternde Worte zu weben.
Dank an unseren Bücherprinzen Rupi!
Uhuhertzlichen Dank für diese sehr interessanten Informationen !!!
Schlaraffia soll leben !