
Das spektakuläre Bühnenbild vom »Der Freischütz« in Bregenz: ein im Morast versinkendes Dorf am Ende des Dreißigjährigen Krieges. Fotos: © Prinz Rupi
In einer apokalyptischen Inszenierung verwandelt Philipp Stölzl den »Freischütz« von Carl Maria von Weber auf der Bregenzer Seebühne in eine packende Gruselgeschichte. Mit einem Augenzwinkern gelingt es dem Regisseur, aus einem alten Stoff eine kluge und farbenfrohe Vorstellung zu schaffen, die das Publikum in ihren Bann zieht. HIER geht es weiter →
»Eugen Onegin« heißt die mitreißende russische Oper von Pjotr Iljitsch Tschaikowski aus dem Jahre 1879, die auf dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin aus dem Jahre 1830 basiert. Die Handlung dreht sich um die komplexen Beziehungen und Emotionen ihrer Hauptfiguren, die in einer Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Russland verwickelt sind. Die Oper Barcelona zeigt derzeit das Stück in einer Inszenierung von Christof Loy. Ruprecht Frieling besuchte die Premiere. HIER geht es weiter →

Schirmchen tragende Kimonos, die über ein zerknülltes Blatt Japanpapier trippeln, bestimmen das Bild der Bregenzer Inszenierung von »Madame Butterfly«. Sämtliche Fotos © Ruprecht Frieling
Die Premiere von »Madame Butterfly« auf den diesjährigen Bregenzer Festspielen fiel dem Klima zum Opfer. Nachdem es tagelang extrem schwül war, öffnete sich nach einer guten Stunde der Himmel über der gigantischen Seebühne. Mit Blitzgewittern, drohendem Donner und massiven Regengüssen protestierten die Wettergötter gegen das Unrecht, das der schönen Butterfly vom US-Offizier Pinkerton angetan wird. 1.600 besser zahlende Zuschauer konnten später im Inneren des Festspielhauses dem Fortgang des Stückes lauschen. 5.300 Besucher wurden nach Haus geschickt. Immerhin bekommen alle ihr Eintrittsgeld zurück.
Meistersinger-Party im Hause Wagner. Lediglich Sixtus Beckmesser (ganz rechts) knabbert statt Nürnberger Lebkuchen an einem koscheren Butterbrot. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
In die überzeichnete Karikatur der Figur des Sixtus Beckmesser als jüdische Fratze mündet die Interpretation der »Meistersinger von Nürnberg« von Regisseur Barrie Kosky im Bayreuther Festspielhaus.
Bereits beim zehnminütigen Vorspiel der »Meistersinger von Nürnberg« herrscht reges emsiges Treiben auf der Bühne im Bayreuther Festspielhaus: In Richard Wagners nachgebautem Salon von »Villa Wahnfried« empfängt der hektisch umherspringende Meister im Rembrandt-Look seinen Schwiegervater Franz Liszt, den Dirigenten Hermann Levy und andere illustre Gäste.

Wagner ex machina. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Bilder, Pakete und Noten werden vom Personal hereingetragen, der Hausherr versprüht Parfum aus bunten Flakons, Frau Cosima hat Migräne und dem Flügel entsteigen als Wagner-Replikate die Söhne des Meisters. Stühle und Sessel werden in Richtung Publikum gedreht. Es steht eine Privatvorführung der »Meistersinger von Nürnberg« an.
Glaubt der Zuschauer während dieser Eingangsszene noch, in einer Filmszene mit vorzüglichem Kostümbild zu sitzen, so verwandeln sich die vermeintlichen Schauspieler kurz darauf in Sänger. Wagner wird zu Hans Sachs, Levy zu Sixtus Beckmesser, Liszt zu Veit Pogner. Wie in einem Kammerspiel präsentiert Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, den ersten Aufzug von Richard Wagners monumentalem Werk, und der Zuschauer staunt in eine Guckkastenbühne.
In Wagners Dreiakter möchte ein verliebter Ritter ein Mädchen erobern, das als Preis eines Sängerwettstreites ausgesetzt wurde. Dazu muss der junge Mann allerdings Widersacher besiegen und in die Geheimnisse der Meistersinger eindringen, die den Sängerwettkampf ausschreiben und sich hinter einem komplizierten Regelwerk verstecken. So weit der Plot.
Richard Wagner verarbeitete das Thema zu einer großen Künstleroper mit einer enormen Portion Humor, feinstem Sprachwitz, Situationskomik und Spott, während auf der Bühne die Fetzen fliegen. Es geht inhaltlich darum, die Freiheit und Weiterentwicklungsmöglichkeit von Kunst zu vertreten, statt diese in ein enges Regelwerk zu zwingen.
Um den Konflikt zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Morgen zu verdeutlichen, schuf Wagner die Figuren des Schuhmachers Hans Sachs als Vertreter der Moderne und des Stadtschreiber Sixtus Beckmesser als seinem konservativen Gegenspieler.
Wagner schildert Beckmesser im Gegensatz zu seinem besonnenen und progressiv eingestellten Protagonisten Hans Sachs als besserwisserischen Erbsenzähler, der sich aber im Ergebnis mit seiner Haltung nur selbst schadet und unsterblich lächerlich macht. Der Name »Beckmesser« ging sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Vorlaute Zeitgenossen, die gern andere korrigieren, werden als »Beckmesser« bzw. »beckmesserisch« bezeichnet. Der Duden übersetzt die Wortbedeutung »beckmessern« mit »kleinlich tadeln, kritisieren«.

»Meistersinger Beckmesser« in der Darstellung von Hugo L. Braune © Sammlung Frieling
Sixtus Beckmesser ist keine Gestalt, die Wagners Phantasie entsprang. Noch im 17. Jahrhundert war vom »gülden Ton« eines Sixt Beckmesser die Rede. Da sein Name aber in den Archiven fehlt, besteht Grund zur Vermutung, der Meister habe tatsächlich »Sixt Beck« geheißen, und der Namenszusatz »messer« sei ein Hinweis auf seinen Beruf als Messerschmied. In den Archiven der Stadt Nürnberg wird 1539 die Witwe eines Sixt Beck genannt; ferner bestand eine Messerschmiede namens Beck bis ins 17. Jahrhundert.
Mit der Figur Beckmessers karikiert Wagner jedenfalls diejenigen Kritiker und Rezensenten, die nach überholten Maßstäben urteilen und ihr kleinlich-pedantisches Kritikasterdasein leben. In seinem ersten Entwurf hatte Wagner die Figur noch »Veit Hanslich« genannt, eine Anspielung auf seinen Intimfeind, den einflussreichen Musikrezensenten der Wiener »Neue Freie Presse«, Eduard Hanslick. Dieser Mann hatte sich abfällig über Wagners Werk geäußert, sie gar als »Katzenmusik« bezeichnet. Der Komponist wollte sich wohl auf seine Art rächen und änderte den Namen der Figur erst in einem weiteren Entwurf in Sixtus Beckmesser ab.
Beckmesser indes als »Juden« darzustellen, blieb den Antisemiten vorbehalten, die Schöpfer und Werk vor allem in der Nazizeit für ihre Zwecke missbrauchten. Dabei steht in dem Werk kein einziger Hinweis auf einen möglichen semitischen Hintergrund der Beckmesser-Figur.
Sixtus Beckmesser tanzt mit einer Maske, damit auch jeder merkt, dass er einen Juden darstellen soll. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Regisseur Barrie Kosky zieht nun die alte Nazinummer wieder aus der Rumpelkammer hervor und überzeichnet Beckmesser in seiner Bayreuther Inszenierung von »Die Meistersinger von Nürnberg« als hässlichen Juden. Dazu lässt er den Stadtschreiber mit einer Judenmaske herumtanzen und entfaltet zum Abschluss des zweiten Aufzuges eine gewaltige Judenfratze mit Davidstern aus dem »Stürmer«. Ein völlig überdimensionierter Holzhammer!
Wie kaum ein anderer Künstler hat auch Wagner schon zu Lebzeiten stark polarisiert. Der von sich selbst als »Genie« überzeugte Egomane beglich seine Schulden nicht, er lebte gern auf größerem Fuße, als ihm seine Einkünfte erlaubten, und er versuchte auf alle möglichen Arten seine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Dazu zählte sicherlich sein aufgebauschter Antisemitismus, mit dem er gemeinsam mit seiner Frau Cosima versuchte, von der höheren Gesellschaft anerkannt zu werden und der in seinem unsäglichen Aufsatz »Das Judenthum in der Musik« gipfelte.
Auf der anderen Seite hatte er viele jüdische Freunde und vertraute zum Ende seines Lebens die Uraufführung seines »Parsifal« Hermann Levi an, der Sohn eines Rabbiners war. In seinem Werk, und das ist wohl das Wesentliche, lässt sich keine antisemitische Zeile finden.
Regisseur Barrie Kosky ist ebenfalls dafür bekannt, auf die Pauke zu hauen, und das tut er in seiner Bayreuther Inszenierung der »Meistersinger von Nürnberg« auch kräftig. So fährt er seine Inszenierung aus der Salonatmosphäre in den berühmten Saal 600, in dem die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stattfanden. Jetzt steht Wagner/Sachs auf der Anklagebank, wird inszenatorisch »freigesprochen« und dirigiert zum Schluss ein aus dem Hintergrund hereinfahrendes Orchester zum furiosen Abschluss der Oper.
Die sogenannten Meistersinger waren Handwerksmeister im 15. und 16. Jahrhundert, die sich zu Gilden zusammenschlossen, um in ihrer Freizeit der Dichtkunst zu frönen. In einer »Schulordnung« legten sie den Umgang miteinander und ihre Auftritte fest. Sie gliederten sich in Schüler, Schulfreund, Singer, Dichter und Meister.
Meistersinger konnte nur werden, wer gemäß des in der »Tabulatur« niedergelegten Regelwerks vor der Gildenleitung ein eigenständiges Lied fehlerfrei vortrug. Sämtliche Meistersinger arbeiteten in ihren bürgerlichen Berufen, die Arbeit innerhalb der künstlerischen Gemeinschaften erfolgte ohne Vergütung, und auch ihre Veranstaltungen waren kostenfrei zugänglich. Die Darbietungen der Meistersinger fanden meistens im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst statt. Sie wurden als »Singschulen« bezeichnet.
Die bekanntesten Nürnberger Meistersinger waren Fritz Kettner, der Bäcker Konrad (Kunz) Nachtigall, der Nagelschmied Fritz Zorn, Sixt Beckmesser und der Leinenweber Lienhard Nunnenbeck, der wiederum Hans Sachs ausgebildet hatte. Durch die Kunst des Hans Sachs erlebte der Meistergesang eine Blütezeit, die über den Tod des dichtenden Schuhmachermeisters hinaus bis etwa 1630 anhielt. Danach setzte ein Verfall der Meisterschulen ein, die letzte Gesellschaft wurde 1839 in Ulm aufgelöst.
Als Erfinder ihrer Kunst verehrten die Meistersinger eine Reihe fahrender Sänger des 13. und 14. Jahrhunderts, die ihnen zum Vorbild dienten. Die heute bekanntesten dieser sogenannten »12 alten Meister« waren Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach, der Schöpfer des »Parzival«.
Innerhalb der Meistersinger kam es vor allem im Zuge der Reformation immer wieder zu Diskussionen über die teilweise sehr enge Auslegung des Regelwerks. Richard Wagner parodiert genau diese Auseinandersetzung, indem er in der Gestalt des Sixtus Beckmesser den Prototyp des »Merkers« schuf, der sich als Erbsenzähler und Pedant ausweist. Hans Sachs hingegen verkörpert den fortschrittlichen, von der Reformation geprägten Geist, der die Starre der Tabulatur in Frage stellt und im Interesse einer künstlerischen Entwicklung lockern möchte.
Sachs/Wagner mutterseelelallein im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Nach dem beeindruckenden ersten Aufzug im Salon der Wagner-Villa tritt Regisseur Barri Kosky das Gaspedal durch, indem er 72 Jahre nach Kriegsende Wagner vor das Nürnberger Tribunal stellt, das Thema Antisemitismus plakatiert und den Baseballschläger schwingt. Diese Nazi-Karte darf der australische Regisseur allein aus dem Grund ziehen, weil er jüdische Wurzeln vorweisen kann. Ein anderer Regisseur würde für diese plumpe Metapher gesteinigt.
»In Bayreuth nur der genießt, der die Augen verschließt« heißt es spöttisch in Kreisen eingefleischter Wagnerianer. Diese Inszenierung darf mit offenen Augen gesehen werden. Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) ist sorgfältig gestaltet, die Kostüme (Klaus Bruns) sind spektakulär, die Chöre unter Eberhard Friedrich sind präzise und das Orchester unter dem Dirigat von Philippe Jordan spielt sprühend und teilweise anmutig.

Opern-Blogger Ruprecht Frieling am Dirigentenpult im Bayreuther Orchestergraben. Foto: privat
Die Sänger in dem Männerstück machen die diesjährigen »Meistersinger« aber zu dem eigentlichen Erlebnis. Vor allem Michael Volle als Hans Sachs überzeugt durch sein authentisches Auftreten, deutliche Aussprache und enorme Kondition in einer der schwierigsten Rollen der Operngeschichte. Seine Stimme berührt emotional und strahlt alles andere als schwülstig-fett. Wundervoll differenziert wirkt Bariton Johannes Martin Kränzle als ausgegrenzter Sixtus Beckmesser. Er versteht, die Eigenart seiner tragikomischen Figur schauspielerisch und stimmlich herauszuarbeiten. Lediglich Evchen (Anne Schwanewilms) wirkt stimmlich nicht ganz so überzeugend, wie es »der schönste Preis« erwarten lässt.
Insgesamt bietet Bayreuth anno 2017 wieder großes Kino, das in diesem Jahr sogar ohne die typischen Skandale im Vorfeld ablief. Da es bei der Premiere regnete, müssen im Nachhinein auch keine Schweißflecken bei den obligatorischen Angela-Merkel-Fotos wegretuschiert werden. Endlich kann wieder über die Oper an sich gesprochen werden.

Ob als Wotan Wahnsinn, hässlicher Zwerg Mime, lodernder Lichtgott Loge – Stefan Kaminski zieht im Ring des Nibelungen sämtliche Register • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Es knistert, knarrt, knurrt und kratzt. Plötzlich keift ein grelle Weiberstimme: Wotan, Gemahl, erwache! Mit diesen Worten weckt Fricka ihren Mann, den Götterboss, aus seinen Träumen von Macht und Ruhm. Der reckt sich und ist sogleich vom Anblick seines neuen Palastes gefesselt: Die von ihm in Auftrag gegebene Götterburg ist vollendet! Mit der abenteuerlichen Reise durch die Welt der Götter, Riesen und Zwerge beginnt der spannendste Krimi der Opernwelt: Richard Wagners legendäre Oper »Der Ring des Nibelungen«.
Auf der Bühne agiert ein junger Schauspieler. Der scharrt mit den Füßen in einem Sandkasten, schlägt Kühlschranktüren zu, rasselt mit allerlei Gerät und flüstert, stöhnt, schmeichelt, quietscht und brüllt in verschiedene Mikrofone, die um ihn herum postiert sind: Stefan Kaminski ist allein auf weiter Flur und erzählt an insgesamt vier in sich geschlossenen Abenden das Heldenepos vom Kampf um den Ring der Macht, indem er sämtliche Figuren verkörpert, die in dem Vierteiler auftreten: mal ist er Gottheit, mal ist er Riese, mal Zwergenfürst. Kaminski gibt den Waldvogel wie den im Wald lauernden Drachen, er spielt die Guten wie die Bösen, und er lässt seinen Zuschauern dabei keine Zeit, auch nur kurz nach Luft zu schnappen.
Im Hintergrund der Bühne agiert Kaminskis Band: Hella von Ploetz spielt Glasharfe, ein seltsames Instrument mit unglaublicher Klangbreite, Sebastian Hilken betätigt Kontrabass, E-Cello und Perkussion; Natascha Zickerick bläst in Tuba und Gartenschlauch und dreht die Windmaschine; Stefan Brandenburg bearbeitet Synthesizer und Nadelklavier. Es werden gelegentlich E-Gitarre, eine kaputte Zither, eine Schalmei und das Theremin, eine Ätherwellengeige, eingesetzt. Gemeinsam weben sie einen Klangteppich, der Kaminskis Inszenierung zu einem Hör-Spiel der feinsten Art macht: Es ist schlicht atemberaubend, wie spannend, zeitnah und jung Wagners Ring des Nibelungen dargeboten wird.
Bei Kaminski gibt es kein, wie sonst bei klassischen Wagner-Opern üblich, hundertköpfiges Orchester, das den unvergleichlichen Wagner-Sound erzeugt. Hier schweben keine singenden, schwergewichtigen Walküren an Ketten hängend durch die Luft. Es schnaufen keine Fleischklopse über die Bühne, die zwar stimmgewaltig von Minne und Liebe singen, denen aber schon aufgrund ihrer Proportionen kaum zuzutrauen ist, in einem One-Night-Stand schnell einen Helden zeugen zu können. Es fällt auch keine metallene Tatze in den staubigen Bühnenraum, die einen Drachen verkörpern will.
Alles ist anders bei Stefan Kaminski. Bei ihm wird Wagners Opernkrimi zu dem, was Wagner zu seiner Zeit schon wollte: zu purem Rock´n´Roll. Ich kenne keinen besseren Einstieg in Wagners Welt als Kaminski live zu erleben, und ich habe von Bayreuth über Salzburg und London alles gesehen, was die Spielpläne hergeben. Jetzt gibt es endlich wieder Gelegenheit, den Stimmen-Morpher live zu erleben: In der „Neuköllner Oper“ spielt er ab 19. Juli den vollständigen Ring des Nibelungen gleich drei Mal hintereinander!
Um zu erfahren, wie der 1974 in Dresden geborene Mime auf die Idee kam, ausgerechnet die schwierigste Oper der Musikgeschichte für ein dreidimensionales Live-Hörspiel auszuwählen, traf ich Stefan Kaminski in Berlin.
Stefan, Du sprichst eine Zielgruppe an, die sich nie freiwillig für Wagner öffnen würde, indem du die Geschichte vom Ring des Nibelungen auf eine ungewöhnlich junge Weise erzählst. Wie hast du es geschafft, Wagner zu knacken?
Meine Frau hat lange bei Sony Klassik gearbeitet und mir die Schönheit und Tiefe der Geschichte nahe gebracht. Über den Zauber und die Mystik der Rheingold-Klänge bin ich dazu gekommen, das Libretto beim Hören durchzulesen. Damals machte ich schon mein Programm Kaminski on air, das sich vornehmlich Trash-kompatiblen Filmstoffen gewidmet hat, las diese Geschichte von den großen Antipoden, den Zwergen und Riesen, den Menschen, Göttern, Naturgewalten und sphärischen Zwischenwese und bekam eine Gänsehaut.
Schon im ersten Teil der Operntetralogie, dem Rheingold, öffnet sich ein Wahnsinnsszenario, das die Geschichte anreißt und bis in die Götterdämmerung führt. Die Archaik im Rheingold, die sehr melodramatisch zarte Liebesgeschichte der Walküre. der trashige, fast slapstickartige Siegfried und schließlich der bestialische Krimi Götterdämmerung als Apokalypse, aus der möglicherweise wieder etwas Neues entstehen könnte.
Das alles war so monumental, dass ich mich dem unbedingt annähern wollte. In meiner früheren Wirkungsstätte, dem Deutschen Theater, war ich mit meinem Format Kaminski on air schon so etabliert, dass ich mit dem Ring des Nibelungen auf offene Ohren stieß. Begonnen hatten wir in der Box; die Nachfrage war aber so groß, dass ich in die Kammerspiele gewechselt bin. So ist dann peu à peu der vierteilige Zyklus entstanden.
Von Anfang an bestand die Absicht, alle vier Teile, so unterschiedlich sie mir erschienen, ohne das große Gebläse eines riesigen Orchesters auf unterschiedlich temperierte Weise zu erzählen. Ich stelle kein Format vor, das über alle vier Teile gleich bleibt nur mit anderem Text, sondern unterscheide diese deutlich vom Klangmaterial wie von der Lesart. Ich beginne also mit dem mystisch-archaischen Rheingold, gehe dann zur zarten, knapp über der Stille liegenden Walküre, mache Siegfried als Haudrauf mit Pop-Musik und Eurovision-Trara richtig spannend und ende schließlich mit dem Neubauten-Gemetzel am Ende, der Götterdämmerung.
Du arbeitest mit den verschiedensten Klängen und teilweise abenteuerlichen Geräuschen. Lediglich ab und zu klingt dabei eines der großen Wagnerschen Leitmotive an. Welche Rolle spielt die Musik in Deinem Live-Hörspiel?
Alles hat sich ergeben aufgrund meiner tollen Musiker, die ihre Instrumente auf eigene Art und Weise einsetzen: Sie spielen nicht nur Cello, sondern können dies auch mit dem Lappen bearbeiten; sie bedienen die Glasharfe, ein Instrument, das kein Mensch kennt; sie spielen auf einer verbeulten Posaune oder setzen einem Gartenschlauch ein Tuba-Mundstück auf und imitieren damit ein Waldhorn.
Mein Format bietet an sich schon die Möglichkeit, die Geschichte neu zu erzählen, die Figuren durch mich wandern zu lassen und die Musik mit lediglich zwei, drei Musikern anders zu gestalten, Motive zu adaptieren aber auch eigene Entsprechungen für die Landschaften, die Wagner zaubert, zu basteln. Eigentlich handelt es sich im Ergebnis um die Erfüllung dessen, was ich seit meiner Kindheit erträume, und ich möchte es gern bis zur Rocker-Rente spielen: Meine Mischung aus Theater, meine Liebe zum Hörspiel und der Werkstatt, der Band, die ich brauche, um den Kontakt zum Publikum zu halten und Zwiesprache zu halten. Mein Ring ist also keine in sich abgeschlossene heilige Veranstaltung, ich erzähle die Geschichte mit dem Witz, der Anzüglichkeit, der Brisanz und der Tiefe der Geschichte ehrlich und mit einem Augenzwinkern.
Erstmals gehört hast Du Wagner auf CD in einer Einspielung mit Solti. Dann hattest Du die Chance, nach Bayreuth zu fahren und den Tankred-Dorst-Ring komplett zu sehen. Du kanntest den Bogen der Geschichte, hast Dir dann auch andere Inszenierungen auf DVD besorgt und in der Deutschen Oper Berlin die Inszenierung von Götz Friedrich gesehen. Hat Dich die Musik fasziniert oder war es eher der Inhalt?
Mich hat die Musik zum Inhalt geführt. Ich kannte zuerst nur die Musik. Es ist der Reiz der Arbeit gewesen, das Libretto endlich mal auszustanzen. Ich bin eigentlich kein großer Opernfan. Meine Basis war immer Heavy Metal, weil ich 1986 damit angefangen habe. Übrigens besteht eine große Nähe vieler solcher Kapellen zu der Musik von Wagner hinsichtlich der Dramatik und dem Geschichtenerzählen, ich rede jetzt nicht von Dumpfbackenmetall sondern von Geschichtenerzählern, von Leuten, die was bieten, die eine Vielfalt und Offenheit haben. Mozart als Opernkomponist beispielsweise hat mich nicht so überwältigt. Ich mag Macbeth von Verdi, ich mag Madame Butterfly und die Tosca von Puccini.
Wie darf man sich das nun weiter vorstellen: Du hast die Musik gehört, das Libretto gelesen, Inszenierungen gesehen und Dich damit auseinander gesetzt?
Beim Hören des Rheingold habe ich gespürt, dass ich einen episch wertigen Stoff gefunden hatte, der eine ernstzunehmende, tiefe Geschichte erzählt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ich auch stimmlich eine breite Palette fahren kann mit den menschlichen, nichtmenschlichen und ätherischen Gestalten. Da sehe ich über die witzige Idee hinaus, dass jemand alle Figuren spielt, die Story auf die Spitze treibt und scharfkantig überzeichnet, die Chance, eine Geschichte von Weltbelang zu erzählen, von der man berührt sein kann, wo man tiefer nachschürfen kann, wo man mit Charakteren ins Verderben gehen kann, wo man (bei einer unerfüllten Liebe) eine Träne vergießen kann.
Während der Bearbeitung sind mir noch viel mehr Dinge aufgegangen. Aktuelle Themen wie die Vergewaltigung der Natur, aber auch die allgemein menschliche Seite: der Ehekrach Fricka-Wotan (erinnert mich an Loriot).
Mein Ring von unten soll für alle verständlich sein. Ich will Bezüge herstellen, die sich jedem erschließen. Das war für mich die Möglichkeit, nicht nur mein Publikum zu beeindrucken sondern mich selbst weiterzuentwickeln und sowohl den Witz wie die schmerzhaften Momente nebeneinander zu stellen. Jeder wünscht sich, ein junger Siegfried zu sein, und mit dem Schwert eine Bresche in die Welt zu schlagen! Siegfried wiederum ist der einzige Ausweg für Wotan, diesen angehalfterten Politiker, der dem Suff erlegen ist. Für ihn gibt es keinen Weg zurück, sobald er Herr des Ringes wird, ist er dem Verderben geweiht. Wenn er ihn aber nicht behält, wird er jemanden anderem in die Hände fallen, der ihn wiederum absetzt und entthront. Also ist Wotans einzige Hoffnung, einen Folgemenschen zu finden, der in seinem Sinne weitermacht und ihn dennoch als Gottvater respektiert, um seine alte Welt zu erhalten, und das ist Siegfried.
Hast Du einen Lieblingscharakter in der »Ring«-Besatzung?
Mir ist Loge am nächsten, der Mann, der als Einziger eine normale Sprache spricht und doch Halbgott ist. Ich habe lange geknobelt, wie Loge klingen kann. Ihn schließlich im Sprechgesang rappen zu lassen, war auch für mich eine neue Erfahrung. Das ist eine Figur, die steht außerhalb der anderen Akteure. Schwierig war für mich bei einem 80-Minuten-Format die knackig nötigste Fassung zu schaffen und ein jeweils neues Klima ohne Redundanzen zu schaffen und jedes Mal neu erklären zu müssen, worum es überhaupt geht.
Welchen unverschämten Mut verlangt es, sich hinzustellen und alle Figuren an vier Abenden selbst zu präsentieren? Verlangt das eine unglaubliche Chuzpe, ein wahnsinniges Selbstbewusstsein, ein unglaublich freches Gemüt?
Es ist wirklich aus einem emotionalen Bedürfnis entstanden, aus Spiellust, aus Spielwut. Ich habe Informationen für die Menschen da draußen, ich habe die Möglichkeiten, mittels meiner Kunst Aufmerksamkeit zu erzeugen und ins Publikum zu transportieren. Ich wollte schon als Kind in vielen Stimmen sprechen und den gesamten Background dazu selbst erzeugen.
Hat die Schauspielerei nicht gereicht? Wie kommt es zu der Erweiterung? Hast du nie Angst vor dem Scheitern gehabt?
Ich wollte immer mehr am Theater machen als ich machen durfte. Ich habe als Ensembleschauspieler Hauptrollen gespielt und dann bei einem Deppen den Baum von links ich hatte mehr vor und zugleich das Gefühl, nicht alles bringen zu können, was ich kann.
Dimiter Gotscheff und Jürgen Kruse waren Regisseure, die mich in die Tiefe des Theaters gesogen haben. Von Kruse habe ich die Art und Weise, gemäldeartig mit tiefer Dunkelheit und in ganz vielen Feinheiten an den Stoff heranzugehen, den Dreck, den Rock´n´Roll, die Wildnis. Von Gotscheff habe ich das beißende fratzenhaft Viehische der Figuren, die aufeinander losgehen, mitgenommen. Bevor ich überhaupt Schauspiel studiert habe und am Theater war, hatte ich Spielwut und Freude, mit Menschen wie meinen Musikern zusammen zu arbeiten, die Dinge können, die ich nicht kann.
Ich wollte Wagner knacken, habe die Geschichte durchgekaut, geschrieben, umgeschrieben, »Siegfried« ist eine Slapstick-Nummer; das ist Rock´n´Roll.
Im »Deutschen Theater« hattest Du mit dem »Rheingold« begonnen als Test. Im Spielplan stand damals die Ankündigung, dass alle vier Teile kommen sollten, und das hast Du in 2010 auch tatsächlich realisiert. Praktisch hast Du einen Text geschrieben und inszeniert, oder wie lief das?
Nach der Wende 1991 habe ich mir einen Kassettenrecorder und ein Mikro gekauft und begonnen, eigene Radioshows zu machen und Interviews mit Bands (die ich alle selber war) und Musikeinspielungen (die ich komplett selber gemacht habe). Dann habe ich die Geschichte vom »Ring des Nibelungen« aufgeschrieben, mir dazu ein gelbes Reclam-Textheft gegriffen und Notizen gemacht. Zuerst habe ich Textstreichungen vorgenommen und die Story auf das Notwendigste gekürzt. Zu den Figuren habe ich mir kleine Icons gemalt, um sie zu charakterisieren. Ich hatte auch schon Kontakte zu meinen Musikerfreunden und kannte die Möglichkeiten der Instrumente.
Die Musiker waren frei bei der Gestaltung. Ich wollte bestimmte Temperaturgrundanlagen und Akzente. Jeder macht das, was er am besten kann, und deshalb erzählen wir die Wahnsinnsgeschichte vom »Ring« gemeinsam als Band.
