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Das Hohelied der Vergesslichkeit

Februar 07, 2009
by Ruprecht Frieling
alzheimer, Kolumnen, vergesslichkeit, wilhelm ruprecht frieling
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Es rieselt und rasselt in allen Ecken und Enden meines Oberstübchens, und ich fürchte mich davor, langsam aber sicher alles zu vergessen. Schüttele ich mein greises Haupt, schneien weiße Plättchen zu Boden, das sind wohl Bits und Bytes meines Erinnerungsvermögens. Suche ich etwas, habe ich es meistens so gut verlegt, dass ich es erst Tage später wieder finde. Versuche ich, mich an Namen, Daten oder Ereignisse zu erinnern, benötige ich gewaltige Assoziationsbrücken, um wenigstens an den Rand einer vagen Erkenntnis zu kommen. Stelle ich mein Auto ab, ohne Straße und Hausnummer aufzuschreiben, durchlebe ich oft mehrere Panikattacken, bis ich meinen fahrbaren Untersatz nach ziellosem Umherstreifen und Suchen wieder entdecke. In dunklen Träumen irre ich umher und versuche, mich zu orientieren. Dabei führe ich im Großen und Ganzen ein geordnetes Leben. Dennoch – oder gerade deshalb – stellt mir Alois Alzheimer erfolgreich nach.

Mit Ticks und Tricks mühe ich mich, dem Prozess des Älterwerdens zu begegnen und mich zu wappnen. Bekannte schlucken Gingko-Präparate und versprechen sich davon mentale Frische. Mir dient die Befolgung immer gleicher Rituale, Dinge zu finden und Abläufe zu erledigen. Moderne Technologien unterstützen mich dabei gnädig. Das nimmt bisweilen skurrile Formen an, und ich könnte jeden verstehen, der dies belächelt. Deshalb würde ich auch nie offen darüber sprechen oder gar schreiben.

Einen tiefen Brunnen der Erinnerung bietet die Ablage. Mein Leben ist in bunte Ordner abgelegt. In fetten roten Folianten lagern die Unterlagen, die materielle Werte meines Lebens betreffen, das sind widerspenstige Vorgänge mit Banken und Versicherungen. Es gibt gelbe Ordner mit Krankenkassenunterlagen, Arztberichten, Anamnesen und blutigem Schriftverkehr. Blau steht für die Hoffnung, hier finden sich Unterlagen zu Zweirad und Auto; schwarze sammeln Reiseunterlagen, Restaurantquittungen und Rechnungen. Aus allen Nähten platzen die Ordner zum Stichwort Elektronik, die mehrfach unterteilt wurden. Darin findet sich alles zum Thema Multimedia, Computer, Telefon und Internet.

Ich weiß, so sieht es auch in jedem halbwegs geordneten Büro aus. Das ist doch kein Zeichen beginnender Verwirrung. Dennoch fürchte ich das schwarze Loch des Vergessens wie der Teufel das Weihwasser und nutze auch auf meinem Rechner eine Unmenge Ordner, Listen und Verzeichnisse. Ich führe ein brandaktuelles Haushaltsbuch, in das jede Zahlung taggleich gebucht wird. Das schenkt immerhin den Vorteil, dass ich seit einem Jahrzehnt meine Ausgaben kenne und genau sehe, ob ich »über meine Verhältnisse« lebe oder die nächsten hundert Jahre unbesorgt Löcher in den Himmel starren kann. Inzwischen mutiere ich zum Tier, wenn mir ein Beleg entgleitet oder meine Traumfrau nicht brav jede frisch geschleckte Eiskugel zu Protokoll gibt. Mein Leben führe ich wie einen mittelständischen Betrieb.

Nennt mich einen Pedanten, einen Pfennigfuchser, einen Erbsenzähler. Das System hat mir immerhin geholfen, halbwegs den Überblick zu behalten. Namen, Adressen und Telefonnummern kannte ich früher auswendig, heute reicht ein Klick auf das entsprechende Dokument, und ich kenne mich aus. Wege muss ich mir nicht mehr einprägen, das GPS-System im Auto leitet mich sicher und (meist) unfehlbar ans Ziel. Klingelt das Telefon, öffnet sich ein Fenster im virtuellen Raum, und ich sehe bereits beim Entgegennehmen des Anrufs, wie der Anrufer heißt, mit wem er liiert ist, wie seine Kinder und Kindeskinder, sein Hund und sein Goldfisch heißen. Dies dient der Kommunikation und erspart mir peinliche Fragen nach dem Gesundheitszustand des Haushundes, der vielleicht schon vor vier Jahren sanft verschied, obwohl er mir in meiner Erinnerung noch die Hand leckt.

Auch Dinge des täglichen Lebens organisiere ich mit methodischer Regelmäßigkeit. Vor allem den Haustürschlüssel umklammere ich, als hinge mein Leben davon ab. Eine Zeitlang erfreute sich ein Schlüsselanhänger großer Beliebtheit, der auf Pfiff reagierte und sich so orten ließ. Sobald ich heute das Haus verlasse, binde ich den Schlüssel am Hosenbund fest, damit ich ihn nicht irgendwo vergesse und in Panik suchen muss. Bargeld kommt immer in dieselbe Tasche, Papiere werden brav und rituell verstaut. Zunehmend Probleme bereitet mir dabei jedoch meine Prinzessin, die mich zwingt, gelegentlich Hosen, Hemden und vor allem Jacken zu wechseln, bevor sie zerschlissen oder aus allen Fugen gegangen sind. Deshalb kann es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen durchaus passieren, dass sich ein wesentliches Utensil wie Sonnenbrille, Handy oder Autoschlüssel in einen anderen Rock verirrt und mich eine Weile planlos herum irren lässt.

Jetzt hat es mich trotz aller Maßnahmen voll erwischt. Jedenfalls fahren wir in den Winterurlaub und verladen dazu alles, was treu sorgende weibliche Hände raffen können. Ach, wie praktisch, dass ich einen Kombi fahre und einen mittleren Hausstand darin unterbringen kann. Ich packe und stapele Schneeschuhe, Thermokleidung, Mützen, Schals, Handschuhe und Proviant in geordneter Folge neben-, über- und untereinander, damit alles griffbereit liegt. Den Inhalt der Kisten, Koffer und Kasten, der Tüten und Taschen kenne ich nicht. Hier hat die Kommandierende die Übersicht, ich würde es sowieso in Sekunden wieder vergessen haben und an etwas anderes denken. Eigentlich bin ich bei derartigen Unternehmungen inzwischen nur noch für mich selbst verantwortlich. Ansonsten sind meine Aufgabenbereiche auf Fahren und Bezahlen begrenzt, und selbst das ist manchmal schon zu viel.

Auf dem Weg in den verschneiten Süden machen wir nach 250 Kilometern einen Zwischenhalt in der sächsischen Heimat der Prinzessin, um Verwandte zu besuchen. Im Gasthaus »Sachsenkrone« will ich meine Börse aus der Jacke ziehen, um eventuell anwesenden Langfingern das Leben zu erschweren. Gütiger Himmel, sie ist weg!

Mein Blutdruck steigt und eine seltsame Kühle kriecht vom Nacken über meinen Rücken. Systematisch durchsuche ich alle Taschen noch einmal. Wie viele mögliche Verstecke solch eine Wetterjacke bietet! Doch ich werde nicht fündig. Mit hektischen Bewegungen taste ich meinen Körper ab, ob irgendwo eine schwarze Ledertasche pappt. Ich bleibe erfolglos. Panik steigt auf, und ich gehe zum Auto zurück. Vielleicht ist sie beim Aussteigen in den Schnee gefallen und lacht mich jetzt aus? Aber auch auf und unter dem Sitz liegt sie nicht. Dafür entdecke ich dort andere Habseligkeiten, nach denen schon länger gefahndet wird. Ich entrümpele meinen Rucksack, um die hübschen Kreditkarten, Ausweise und Fahrzeugpapiere vielleicht dort wieder zu finden. Kabel, Ladegeräte, Stecker und Computer blinzeln mich verschlafen an, von meiner Brieftasche haben meine Elektrofreunde nichts gesehen.

Ich brauche dringend Verbündete und informiere mein Lebensglück von dem Verlust. Sie verlangt das, was mir am schwersten fällt: ich soll mich genau erinnern. »Wann hast du die Brieftasche zum letzten Mal gesehen? In welche Jackentasche hast du sie gesteckt? Wo könnte sie heraus gefallen sein?« Ich reagiere stets empört, wenn jemand meine Erinnerungsfähigkeit in Zweifel zieht und glaubt, ich hätte tatsächlich etwas anders gemacht als behauptet. Da ich mich aber mit zunehmendem Alter besser kennen lerne, bricht dieser Widerstand rasch in sich zusammen. Es ist schließlich durchaus denkbar, dass ich die Börse verlegt habe oder versehentlich fallen ließ. Einmal ist schließlich immer das erste Mal. Aber warum gerade heute??? Gemeinsam suchen wir Jacke, Tasche und Fahrzeug ab. Alle Mühen bleiben vergebens. Was für ein Mist!

Im Restaurant wähle ich Schnitzel mit Pommes. Zu einem interessanteren Gericht fehlt mir jeder Appetit. Aber selbst die geliebten Pommes können mich nicht aufmuntern und liegen wie Wackersteine im Magen. Den vollen Teller bedecke
ich mit einer Papierserviette, gebe ihn zurück und nippe lediglich am stillen Wasser. In meinem Kopf rasen Szenarios ab. Ich muss mich genau erinnern! Was habe ich zuvor gemacht, was tat ich danach, wohin legte ich dies und das? Es ist ein Kreuz mit den Verrichtungen des Alltags: so monoton und gleichmäßig sie auch scheinen, die konkrete Ausführung liegt im Nebel des Vergessens. Ein Würgeeisen legt sich um meinen Hals, bedenke ich die Konsequenzen: Kreditkarten sperren lassen, Papiere neu beantragen, Bürokratie ohne Ende – und alles mündet in der großen Ungewissheit, ob ich nicht vielleicht nur schusselig war, und die Sammlung Plastikpreziosen schlummert an einem sicheren Ort und lacht sich krank. Jedenfalls will und kann ich so nicht entspannt in Urlaub fahren.

Wild entschlossen entere ich das Automobil und rolle durch die Nacht nach Berlin zurück. Es regnet, die Temperatur liegt unter Null. Glitzernd spiegelt der Highway. Das wäre jetzt die gerechte Strafe für einen, der alles vergisst: in einen Crash verwickelt zu werden und der Bulleria nicht einmal einen Ausweis zeigen zu können. Das Rockradio dröhnt, ich gebe Gas. Donnernde Musik und gefühlte 300 Stundenkilometer, mit der ich die linke Fahrspur pflüge, beflügeln meine Erinnerung. In Gedanken bin ich inzwischen vollkommen klar und ruhig. Alles wird sich finden.

In Berlin biege ich in meine kleine Wohnstraße ein und beäuge sie im Schweinwerferlicht. Vielleicht liegt die gute, alte Börse einsam und platt gewalzt auf der Straße herum und ruft flehentlich nach mir? Leider nein, und auch in der Tiefgarage liegt sie nicht und weint, weil ich sie im Stich gelassen habe. Ich haste ins Haus, das ich erst wenige Stunden zuvor verließ, verschloss und verriegelte. Dort weiß ich genau, wo ich suchen soll. Garderobe ist Möglichkeit eins von sechs, Flurschrank ist Möglichkeit Nummer zwei, Küchentisch drei, Schreibtisch vier, rechte Schreibtischschublade fünf, rechte Schublade sechs und Schluss. Oh weh. Meine wundervolle Brieftasche samt Inhalt bleibt unsichtbar. Sie ist weg, verschwunden auf alle Ewigkeit. Das ist der Preis meiner Schusseligkeit.

Ich gebe nicht auf und wiederhole die Suche in der Wohnung der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieses Mal schaue ich sogar unter Schränken und Behältnissen nach und frage die Staubmäuse, ob sie etwas wissen. Doch ich bleibe erfolglos. Was tat ich zuletzt, bevor ich ging? Ich setzte mich an meinen Lieblingsplatz, den alten Schreibtisch, der mich täglich ertragen muss und dem niemand Mitgefühl schenkt. Hatte ich nicht Postkarten aus einer Zigarrenkiste genommen, um mich mit Werbematerial auszurüsten? Ich klappe das Kistchen mit den farbigen Banderolen auf – und da lacht sie mir tatsächlich unschuldig entgegen! Simsalabim. Meine Brieftasche ist wieder da.

Glücklich und erschöpft sacke ich zusammen, greife zum Telefon, um Frauchen zu benachrichtigen und klappe erst einmal meinen Rechner auf, um diesen Vorgang festzuhalten. Damit kann ich es beim nächsten Urlaubsantritt vorher lesen und weiß, wohin ich unbedingt schauen muss. Dann vergesse ich es bestimmt nie wieder!

Auf der Rückfahrt zur Eisprinzessin lausche ich einem Hörbuch. Otto Sander liest Geschichten von Charles Bukowski. Der Mann mit der Ledertasche war hoch neurotisch und führte stets mehrere Sätze Autoschlüssel mit sich, weil er Angst davor hatte, sie zu verlegen und zu verlieren. Was steht mir wohl noch alles bevor, wenn das unheimliche Vergessen weiter von mir Besitz ergreift?

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Im Würgegriff der Mafia

Januar 31, 2009
by Ruprecht Frieling
Computersucht, mafia, wilhelm ruprecht frieling
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MafiaWarsIch wurde beraubt. Ich wurde geplündert. Ich wurde ausgenommen. Sieben Mal innerhalb weniger Minuten fiel ein schmieriger Ganove über mich her und bestahl mich. Nach jeder Attacke war ich um glatte 100.000 Taler ärmer. Im Nullkommanichts wurde mein Barvermögen um insgesamt siebenhunderttausend geschmälert. Ich schäume vor Wut. Batters heißt das Schwein, das es wagte, mich zu attackieren. Dreist hat er auch noch seine Visitenkarte an meine Tür geheftet. Jetzt wird er mich kennen lernen. Ich heuere einen Auftragskiller an, ihn auszulöschen und lobe ein Kopfgeld aus. Gleich wird er spüren, wen er sich als Gegner ausgesucht hat. Dabei muss ich mir selbst nicht einmal die Finger schmutzig machen. HIER geht es weiter →

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Der neue Laptop

Januar 27, 2009
by Ruprecht Frieling
wilhelm ruprecht frieling
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Fingerscan

Der neue Laptop beim Discounter mit dem großen blauen »A« lockt verführerisch in perlschwarz. Er bietet alles, was des Users Herz begehrt und wohl noch vieles mehr. Um die vielen Extras zu betonen, hat der Anbieter einen bunten Werbeprospekt in doppelter Größe auflegen lassen und den Einfallsreichtum ausgesuchter Texter bemüht. Im Mittelpunkt der Promotion leuchtet das gewisse Extra des Rechners: ein Fingerabdruck-Scanner als Schlüssel für den Zugang!

»Sichere Sache. Da komme ich nur noch ganz allein rein«, frohlockt Heinrich Himpel, den diese technische Neuerung spontan begeistert. Seit Jahren plant er die Anschaffung eines neuen PC, nachdem sein betagter Weggefährte erst die Festplatte und dann auch noch den Bildschirm zum Teufel jagte. Gepiesackt von Familie und Freunden, wann er denn endlich mit seiner Entscheidung zu Potte kommen wolle, steht sein Entschluss fest: dieser hochmoderne Schlepptop soll sein Freund und Begleiter beim Erkunden der virtuellen Welt werden! Zur Absicherung wird als letzte Instanz noch der EDV-Mann im Betrieb befragt. Als dessen Augen ebenfalls leuchten, eilt Heini zum genannten Termin früh um acht zum nächsten Verkaufstempel und schwenkt den Prospekt. Er wirft ein Bündel Geldscheine auf die Theke und schleppt stolz wie Oskar die schimmernde Beute heim.

Das Wunderbare an Computern der neuen Zeit ist, dass sie bereits vollständig aufgerüstet und eingerichtet sind. Betriebssystem und Programme wurden von kundigen Heinzelmännlein vorab installiert. Das Gerät kann damit gleich in Betrieb genommen werden: ein Segen für jeden, dem das Computern unheimlich ist. Himpel klappt den Deckel seines neuen schwarzen Schätzchens auf. Der Kasten summt und brummt fröhlich, und der Geist der Maschine begrüßt nach wenigen Augenblicken seinen neuen Herrn und Meister. Der strahlt über beide Backen und freut sich über das Willkommen eines freundlichen Assistenten, der ihn bei seinen ersten Schritten begleiten möchte. Gleich wird Heini um das Wichtigste gebeten, das ist sein individueller Fingerabdruck.

Früher galt ein Fingerabdruck als erster Schritt in die Verbrecherkartei, heute erschließt er den Zugang zum Paradies. Mit ihm öffnet sich der Zugang zum virtuellen Himmelreich. Der Einrichtungsassistent verlangt, einen Finger auszuwählen und über den Scanner zu streichen. Heini wählt einen besonders fleischigen Finger aus, damit die Kapillaren besonders gut erkennbar sind und erledigt diesen Job gleich mehrmals. Dann tippt er wunschgemäß verschiedene Namen und Passworte ein, weil der freundliche Helfer ihn darum bittet. Dabei wählt er eine perfide Buchstaben-Ziffern-Kombination, damit keiner, der vielleicht die Fingerabdrucksperre überwindet, an seine intimen Daten kommt. Heinrich Himpel schaut gern fern, er hört im Auto Radio, und er ist seit Jahrzehnten Abonnent einer Lokalzeitung. Ihm macht so schnell keiner was vor. Deshalb variiert er die erwünschten Passworte auf raffinierte Weise, mal kombiniert er Namen und Geburtstag der Tochter, mal wählt er die Adresse der Eltern und verarbeitetet sie zu einem persönlichen Geheimcode. Der Assistent akzeptiert und dankt, dann verabschiedet er sich. Alles scheint in bester Ordnung. Himpel triumphiert: er hat sein neues Spielzeug ganz für sich allein, und niemand kann ohne seinen Fingerzeig darüber verfügen.

Am Abend stellt Heini das neue Familienmitglied vor. Der stolze Vater fährt den Rechner hoch. Gattin, Tochter und Schwiegersohn schweigen erwartungsvoll. Himpel streicht mit dem Finger über den Scanner. »Too fast« meldet eine Anzeige. »Zu schnell« übersetzt das Töchterlein. Erneut zieht Heini einen Finger über den Sensor. Ein großes rotes Kreuz verweigert den Zugang. Erfolglos versucht er es ein weiteres Mal. »Bist du sicher, dass es der richtige Finger ist«, fragt ihn seine Frau, die ihren Mann wie kein anderer kennt. Der sinkt einige Millimeter in sich zusammen, knurrt unwillig und ratscht wieder über die Leseleiste. Drei Mal bleibt er erfolglos. Dafür öffnet sich ein neues Fenster, ein »PBA« wird erfragt. Erleichtert atmen alle auf. Der Schwiegersohn stand von Anbeginn dem Fingerabdruck skeptisch gegenüber und empfahl, diese Abfrage auszulassen. »Jetzt musst du nur dein Generalpasswort eingeben, dann ist alles klar«, muntert er den Schwiegervater auf.

Himpel macht ein Gesicht, als wolle er den Gesang der Wale entschlüsseln und tippt diverse Zeichen ein. Der Rechner schüttelt ablehnend den Kopf. »Hast du dir etwa schon wieder das Passwort nicht aufgeschrieben«, funkelt ihn die Gattin an. Stumm und mit eingezogenem Kopf tippt der Göttergatte weitere Buchstabenkombinationen in das Abfragefeld. Nach diversen Versuchen schaltet der Computer auf stur. Ohne Neustart lässt sich nichts mehr bewegen. Wieder fährt der Rechner hoch, drei Mal wird der Finger von oben, von unten, mal langsam, mal schnell über die Lesezone gezogen. Heini bleibt erfolglos und meldet nach dem mehrfachen Versuch, erneut das richtige Passwort einzugeben, Bankrott an. Hektisch steht er auf und wühlt in einem Zettelhaufen. Stolz zieht er daraus einen Papierfetzen hervor und hält ihn den anderen hin. Da ist das Passwort! »Vati, das ist dein Handy-Passwort, das kennen wir schon«, schüttelt die Tochter ungnädig den Kopf. Erneut wühlt Heini in seinen Unterlagen. Weil er nichts findet, probiert er noch ein paar Mal alle erdenklichen Passwörter in Groß- und Kleinschreibung. Schließlich ist der ehemals stolze Besitzer des neuen Rechners derart konfus, dass er den Deckel seines neuen Besitztums zuklappt. Der Abend nimmt seinen Lauf.

Am nächsten Tag wird die Versuchsreihe erneut gestartet. Leider erinnert sich der Computer auch im Wiederholungsfall weder an den Fingerabdruck noch an das Simsalabim zur Öffnung der Schatztruhe. Was tun? Der Schwiegersohn rät zur Neuinstallation des Systems und zum Rücksetzen sämtlicher Kennworte. Eine Rettungs-CD mit dem System wird eingeschoben, und alles wird neu konfiguriert. Passworte, Gerätenamen und Sicherheitsfrage werden eingegeben und unter Argusaugen notiert. Der Einrichtungsassistent für den Fingerabdruck wird übergangen, weil alle Anwesenden entsetzt »Nein« schreien, als Heini wieder den Einrichtungsassistenten bestätigen will. Alles läuft zur Zufriedenheit, der Rechner scheint geheilt. Jetzt kann es endlich richtig losgehen.

Aufgeregt klickt Himpel ein Programm an und öffnet eine Demoversion, die ihn 60 Tage lang unentgeltlich locken möchte. Er tippt, er schaut verlegen, er tippt erneut. »Ich muss mich anmelden, aber es geht nicht«, entfährt es ihm unsicher. Die am Tisch versammelten Blicke irritieren ihn. »Du hast doch immer noch keinen Internet-Anschluss«, murmelt der Schwiegersohn leicht genervt, »darum wolltest du dich doch schon vor Monaten kümmern«. Himpel schaut, als verstehe er die Welt nicht mehr. Aber wie soll er denn jetzt ins Internet kommen, um seine neuen Programme freizuschalten? »Versuchen wir erst einen Neustart, ob jetzt alles in Ordnung ist«, rät ihm der Mann, der ihm die Tochter nahm, »dann sehen wir weiter«.  Gesagt, getan.

Der Rechner fährt runter, der Rechner fährt hoch, und wieder wird der Fingerabdruck verlangt. »Mist, wir müssen das Ding vollkommen abschalten«, entfährt es dem Berater, »also wieder alles von vorn«. Er schnappt sich den glänzenden Kasten, installiert erneut das System, überschreibt alle Passworte und erklärt dem Assistenten, der die Vorzüge des Fingerabdruckscans schmackhaft machen will, dass er darauf unbedingt und auf jeden Fall verzichten will. Endlich läuft die Kiste und lässt sich mit Hilfe des notierten Passwortes auch problemfrei nutzen. Der Eigentümer wird ermahnt, auf keinen Fall weitere Passworte einzugeben oder etwas zu ändern. Sicherheitshalber notieren alle Anwesenden das Generalpasswort. Natürlich nur für alle Fälle.

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Blogger vor 40 Jahren: eine Zeitreise

Januar 03, 2009
by Ruprecht Frieling
Autobiographie, wilhelm ruprecht frieling
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Meiner im Herbst erscheinenden Autobiographie entnehme ich heute ein kleines Stück: Als junger Mann trampte Prinz Rupi im Zuge der Flower-Power-Zeit durch Europa, lebte ein Vierteljahr in London und landete schließlich mit knapp 17 im damaligen Westberlin. Dieser Ort brachte den seinerzeit unschätzbaren Vorteil mit sich, nicht zur Bundeswehr zu müssen …


INSULANER IM ROTEN MEER


Bei meinem Eintreffen in Westberlin 1968/69 brannte die Luft, und es roch aus allen Ecken und Winkeln nach Straßenkampf und Revolution. Die ummauerte Stadt erlebte die aufregendste Zeit seit Kriegsende. Studenten, Schüler und Auszubildende errichteten Barrikaden und lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit der Staatsgewalt. Der Kurfürstendamm verwandelte sich Abend für Abend in eine spannungsgeladene Diskussionsmeile. Kraftstrotzende Demonstrationszüge zogen durch die Stadt. Lautstarke Teach-Ins und hochfliegende Büttenreden im Audimax der Universität zählten zur Tagesordnung. Rote Fahnen knatterten im Wind. »Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiß, wie er ihn meiden soll«, lässt Goethe seinen Faust im zweiten Teil sagen, und genauso infizierte mich die Aufbruchstimmung in Berlin.

Hunderttausende rebellierten gegen den Vietnamkrieg und das bestehende gesellschaftliche System, gegen staatliche Autoritäten, gegen Reaktionäre in Politik und Verwaltung, gegen die Ewiggestrigen und den Muff von tausend Jahren unter den Talaren. Wir wollten mit der älteren Generation abrechnen, die Hitler und den Zweiten Weltkrieg ermöglicht hatten, zumal viele ehemalige Nazi-Funktionäre wieder an den Schalthebeln der Macht saßen. Wir waren die Generation der »Vatermörder«, wie Modeschöpfer Wolfgang Joop einmal spitz bemerkte. Es war die Blütezeit der als APO berühmt gewordenen außerparlamentarischen Opposition, deren Aktivisten Deutschlands überfällige Liberalisierung in Gang setzten. Wer bislang noch nicht politisiert war, wurde spätestens mit der Übersiedelung in Richtung Funkturm zum Revoluzzer. Ich hielt es bei meiner Ankunft am Bahnhof Zoologischer Garten mit Dante Alighieri, dessen »Göttliche Komödie« ich auf der Zugfahrt in meine neue Heimat gelesen hatte. Darin sprach mir Italiens bekanntester Dichter aus dem jungen Herzen: »Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt«.

Ein Siebzehnjähriger, der in bewegten Zeiten mutterseelenallein und mit einem Seesack voller Träume nach Berlin kommt, sucht sozialen Schutz. WGs genannte Wohngemeinschaften boten die besten Möglichkeiten, mit Gleichaltrigen Kontakt zu bekommen und preiswert zu überleben. WGs standen außerdem als alternative Lebensformen im Mittelpunkt des Interesses junger Leute. Sie bildeten die praktische Alternative zur klassischen Familie, deren Enge verantwortlich gemacht wurde für Kleingeistigkeit und reaktionäres Denken. Sie boten eine Wohnform, die sich in den verschiedensten Formen langfristig etablieren sollte. Der Staat interpretierte sie als besonders heimtückischen Angriff auf die Familie als kleinste Zelle des Staatswesens, und Kirchenfürsten bekamen Herzinfarkte im Dauerabonnement, weil ihre Moral praktisch infrage gestellt wurde.

Die WG, in die ich durch Vermittlung von Freunden einzog, hatte sich als Untermieter in einer weitläufigen Berliner Altbauwohnung in der Heilbronner Straße 3 in Schöneberg eingenistet. In Spitzenzeiten bewohnten bis zu vierzehn Gestalten zwei große Berliner Zimmern und eine Kammer, sie teilten sich Betten, Couches und Matratzen. Unsere Schlafgelegenheiten, Mobiliar vom Sperrmüll und Trödel, waren an den Wänden aufgereiht, und es galt eine ungeschriebene, aber feste Hierarchie: diejenigen, die neu einzogen, mussten mit den schäbigsten Plätzen vorlieb nehmen. Je zwei Mann teilten sich eine Matratze oder ein Sofa. Das wurde mitunter zu einer recht knirschen Angelegenheit, aber da manche der möblierten Herren bevorzugten, tagsüber zu ruhen und nachts auszuschwärmen, war am Abend die Schlafstatt für den nächsten Kandidaten frei.

Die Fluktuation in unserer WG war erheblich. Es ging zu wie in einem überquellenden Taubenschlag. Nahezu täglich flogen neue Bewohner ein und aus. Ich arbeitete mich im Laufe der Wochen auf einen Frischluftplatz am Fenster vor und bezog schließlich als Krönung ein kleines Nebengelass, das ich nach zwei Monaten alleine bewohnte. In der Mitte des großen Berliner Zimmers stand ein ausziehbarer Holztisch, auf dem sich Zeitungen, Flugblätter, Pfeifen, Tabak, Zigarettenpapier, Gläser, Flaschen und Essensreste türmten. An den Wänden unserer Behausung hingen lebensgroße Seidenbilder von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tse Tung, die der Propagandaversand Guozi Shudian, Postfach 399, Peking/Volksrepublik China gemeinsam mit der wöchentlich erscheinenden »Peking Rundschau« und der knallbunten Monatsillustrierten »China im Bild« in unser Heim schickte und uns von einem sozialistischen Utopia träumen ließ.

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Aus heutiger Sicht frage ich mich manchmal, wieso ich Despoten wie Stalin oder Mao in mein Herz schloss, wo ich doch unabhängig, antiautoritär und frei leben wollte. Sie erwiesen sich letztlich als Tyrannen, die hunderttausende Menschen für ihre Ideen opferten. Doch es ging eine enorme Faszination von diesen Leitfiguren aus, sie waren Idole für viele. Ersetzte uns Vorsitzender Mao mit seinem patriarchalischen Gehabe vielleicht den Vater, da wir blutjung von zu Hause ausgebrochen und in die Fremde gezogen waren? Pflanzten die faschistischen Strukturen, die das Dritte Reich in die Hirne unserer Eltern implantierte, sich quasi genetisch fort, so dass wir auf die Suche nach neuen Führern gingen, um Orientierung und Halt zu finden? Oder war es lediglich ein oppositioneller Schulterschluss mit Politgrößen, die von der herrschenden politischen Kaste abgelehnt und zu Feindbildern erklärt wurden?

Es böte Soziologen und Psychologen ein weites Feld, zu ermitteln, welche Parallelen zwischen den Eltern-Kind-Generationen und ihren Idealen bestanden. Vielleicht lässt sich damit sogar ermitteln, ob es tatsächlich so etwas gibt wie den genetisch codierten deutschen Untertanengeist, den Heinrich Mann in seinem Roman »Der Untertan« am Aufstieg und Fall des Diederich Heßling anschaulich beschreibt.

Unsere Informationen über die sozialistischen Superstars jedenfalls waren dürftig und von extremer Einseitigkeit. So schwer es aus heutiger Sicht ist, selbstkritisch zu urteilen, wir irrten in der Wahl unserer Helden, und es gibt keine Entschuldigung dafür, dass wir einen Personenkult pflegten, den wir zugleich nach außen hin heftig bekämpften. »Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden«, hatte die Sozialistin Rosa Luxemburg gefordert. Aber dieser Gedanke stand nicht unbedingt auf unseren Bannern geschrieben, wenngleich wir diese Freiheit auch und vor allem für uns reklamierten.

 

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Wie backe ich Killerkekse

Dezember 19, 2008
by Ruprecht Frieling
Killerkekse, Prinz Rupi, wilhelm ruprecht frieling
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Killerkekse à la Prinz Rupi
Unter dem prinzlichen Weihnachtsbaum treten Killerkekse äusserst raffiniert als Nussmürbchen auf


Backen zum Advent
Heute:
Wie backe ich Killerkekse – Das Geheimrezept


Aus dem geschätzten Leserkreis meines Buches »Angriff der Killerkekse« erreicht mich stets ein- und dieselbe Frage: Es geht darum, das Geheimnis der Killerkekse zu lüften, jener legendären Spezialität, die Flügel verleiht und helfen kann, die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen.

Seitdem ich mich unter dem Druck der Öffentlichkeit einverstanden erklärte, das streng gehütete Rezept frei zu geben, werde ich mit Zuschriften überschüttet. Stellvertretend für Millionen begeisterter Leser äußerte sich im Vorfeld Herr Flogni: »Dass du dann auch noch das Rezept für dieses köstliche Rezept freigeben willst, macht die Sache umso interessanter. Es könnten glatt meine neuen Lieblingsplätzchen werden«. Die Schriftstellerin Nurel aus Hohen Neuendorf erklärt, sie würde »gern mal einen probieren«, und Fräulein Ormuz aus Ilmenau fordert lautstark: »Ich will auch Keksdiät machen !!!«

Das Rezept des magischen Gebäcks:

Folgende Zutaten werden für die Plätzchen benötigt:

50 g Butter
125 g Margarine
4 Eigelb
1 komplettes Ei (ohne Schale)
2 Päckchen Vanillezucker (ohne Tüten)
500 g Mehl

Munter geht es los: Butter, Zucker und Eigelb schaumig rühren. Restliche Zutaten dazugeben und gut durchkneten. Der Teig wird dann in den Kühlschrank gestellt.

Magische Zutaten vom Fachhändler

Während der Teig ruht, springen wir in den nächsten fahrbaren Untersatz und machen einen Einkaufsbummel nach Holland. Dort besuchen wir einen »Coffee Shop« und erwerben zehn Gramm der Heilpflanze Marihuana. Diese ist derzeit in deutschen Landen illegal und deshalb nur unter der Hand auf Schulhöfen, in Szenekneipen und an Bahnhöfen erhältlich. Ein Bezug aus kontrolliertem Anbau ist auf jeden Fall vorzuziehen.

Wieder daheim zerdrücken wir die Pflanzenteile in einem Mörser zu feinem Gras. Der Teig wird ausgerollt, und das Pulver großzügig über die Masse verteilt. Dann stechen wir mit einem umgedrehten Eierbecher die Plätzchen aus und bestreichen sie mit Eigelb.

Zauberworte für magisches Gebäck

Abschließend verdunkeln wir die Küche, entzünden Räucherwerk und verneigen uns drei Mal vor dem Backblech. Dabei ruft der Zuckerbäcker jedes Mal deutlich »MUTABOR!« und erinnert sich an das Märchen von »Kalif Storch«.

Der Kalif Chasid zu Bagdad kaufte danach bei einem Krämer ein Zauberpulver, womit er seine magischen Plätzchen würzte. Mit diesen Keksen konnten er und sein Großwesir sich in Störche verzaubern. Sie vergaßen aber den Zauberspruch und konnten sich nicht mehr in Menschen zurückverwandeln. Beide machten sich auf den Weg, um Hilfe zu suchen. Sie kamen zu einer Ruine, wo ihnen eine verzauberte Prinzessin weiterhalf. Wieder erlöst, kehrten sie zu dritt in den Palast zurück und verzehrten glücklich bis zu ihrem Lebensende ihre geliebten Killerkekse.

Das vergessene Zauberwort lautete „Mutabor“ und bedeutet – aus dem Lateinischen übersetzt – ich werde verwandelt werden. Damit uns nicht das Schicksal des Kalifen ereilt, legen wir bereits den Zauber beim Zubereiten auf die Glückskekse.


Killerkekse sparsam genießen

KillerkekseNach diesem Ritual backen die Köstlichkeiten etwa zehn Minuten bei 200 Grad im Ofen. Goldgelb lachen sie uns entgegen und wollen am liebsten gleich verzehrt werden. Doch Vorsicht!

Wer zum ersten Mal Killerkekse nascht, sollte sich mit einem Plätzchen begnügen. Es ist angeraten, die Köstlichkeit in einer angenehmen Atmosphäre zu genießen. Die Wirkung entfaltet sich erst nach einigen Stunden und kann durchaus einen halben Tag andauern. Deshalb ist der Verzehr in den Abendstunden sinnlos, der schönste Teil würde glatt verpennt.

Am besten ist es, am frühen Nachmittag ein Plätzchen zu genießen und sich dann auf einen besinnlichen Adventsabend zu freuen. Dann bitte auf einem weichen Sofa Platz nehmen, Kerzen entzünden, entspannende Musik auflegen und zu meinem Buch »Angriff der Killerkekse« greifen. Denn dort wird verraten, was dem passiert, der zu viele Killerkekse verschlingt. Guten Appetit! Wer das Büchlein immer noch nicht in Griffnähe hat, bekommt es zum Preis von nur € 14,80 signiert, liebevoll verpackt und portofrei direkt vom Autor. (E-Mail an frieling@aol.com mit Versandadresse genügt).

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Vom Bashing und Prokrastinieren

Dezember 13, 2008
by Ruprecht Frieling
bashing, Berlin, digitale boheme, prokrastinieren, wilhelm ruprecht frieling
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Prenzelberg

Berlin-Prenzelberg: Charme des Verblassens
Fotomontage: Pocemon

Vom Bashing und Prokrastinieren

In Berlin leben derzeit 190 verschiedene Nationalitäten einträchtig nebeneinander. Dennoch kommt es hier und da zu kleinen Reibereien. In Marienfelde erlebe ich Kulturkampf pur auf einem Trödelmarkt. In Sachen »Ethik oder Religion« sammelt dort eine Kampagne Unterschriften, die von christlichen Kirchen initiiert wird und darum barmt, auch weiterhin an staatlichen Schulen Religionsunterricht veranstalten zu dürfen. Ich gehe schnell weiter.

Doch bereits an der nächsten Ecke bremsen mich moderne Kreuzritter. Sie versuchen mit kruden Argumenten, meine Stimme gegen die Errichtung von Moscheen zu kassieren. Islam-Bashing heißt dieser Trend, der dem Andersgläubigen das Streben nach der Weltherrschaft unterstellt und dabei klammheimlich den »richtigen« Glauben propagiert. Ich fühle mich unwohl, entere die S-Bahn und fliehe gen Mekka.

In »Prenzelberg« ersehne ich Ruhe und Frieden. Der derart liebevoll abgekürzte In-Bezirk Prenzlauer Berg im Osten Berlins löste nach der Wende das im Westen gelegene Kreuzberg als Hochburg der Alternativen, Künstler und Freaks ab. Kreuzberg, das bis 1989 im Schatten der Mauer verkümmerte, stieg zum neuen Augenstern der Spekulanten auf. Alternativ bot der Prenzlauer Berg mit seinen unsanierten Mietskasernen und verlotterten Höfen die stilechte Kulisse für das Leben der städtischen Subkultur. Es wurde zum idealen Rückzugsgebiet für Lebenskünstler und Habenichtse, die sich nostalgisch am verblassenden Schein des Realsozialismus wärmen.

Doch auch in dieser Gegend voll vergilbtem Charme gibt es Fronten. Denn in Prenzelberg nistet ein neuer Feind, und der wird inzwischen aktiv angegangen: Es sind nicht die Gegner des Religionsunterrichts oder die Erbauer von Bethäusern mit Minaretten und Kuppeln. Die wahren Feinde sind »die Schwaben«, verrät mir ein Flugblatt, das mir der Wind in die Hände spielt.

»Schwaben« werden diejenigen genannt, die in den letzten Jahren Prenzelberg überfluteten, wenn man den Dialektchorälen auf Straßen und Plätzen folgt. Von Mutti und Vati in der Ferne mit reichlich Kohle ausgestattet, können sie sich attraktive Dachgeschosse und große Wohnungen leisten und treiben damit die Mieten in die Höhe. Einige kaufen sich gar ein Loft, denn das gilt als Zukunftsinvestition. Das ruft die eingefleischte Prenzelberger Szene auf den Plan, die den »Ökoschwaben« den Kampf angesagt hat. Schwaben-Bashing, das öffentliche Beschimpfen der Schaffe-schaffe-Häusle-baue-Schicht, heißt der neue Volkssport missmutiger Zeitgenossen.

Die von überall bunt zusammen gewürfelte »Ureinwohnerschaft« der Kiezes will es laut öffentlichen Aufrufen nicht mehr hinnehmen, »dass siebenjährige blonde Mädchen mit täglich neu geflochtenen Zöpfen schon wissen, was Dim Sum mit Shrimps, Frühlingslauch und Koriander ist«. Sie verwahren sich gegen »Pornobrillenträger«, die »mit ihren Sechziger-Jahre-Citroens sämtliche Parkplätze besetzen und die Cafébänke blockieren, weil sie zwischen zwei wichtigen Gesprächen noch einen Latte trinken müssen«.

Die verhassten Prenzelberger Schwaben schicken ihre Kleinen zum Kinder-Yoga, damit sie »etwas ruhiger« werden. Sie geben ihren Weimaranern und Windhunden nur dann Auslauf, wenn Herrchen die »Shrek«-DVD zur Videothek zurück bringt. Sie beziehen vom Ökomarkt »Katzenkroketten mit Fisch« und tun gleichzeitig so, als lebten sie linksalternativ, schockiert mich das fliegende Blatt.

Im frisch gebackenen Mittelständler erkennt der Eingeborene, der allerdings meist selbst irgendwann zugezogen ist, den neuen Intimfeind. Schon an ihren geheimnisvollen Berufsbezeichnungen werden die »Schwaben« ausgemacht. Denn jeder von ihnen ist längst vom simplen Webdesigner zum »CEO« oder »Head-of-Irgendwas« aufgestiegen. Und zu jedem Willi Wichtig gehört selbstverständlich eine taffe Businessfrau mit dickem Portemonnaie.

Dabei sind die Mitglieder der neuen Kaste, und das stört den eingefleischten Prenzelberger offenbar besonders, oft konservativer als die eigenen Eltern. In ihren Cafés erteilen sie Farbigen und Sinti Hausverbot und leisten alles, um Mittelmaß und Spießertum zu verbreiten. Doch der schlimmste Vorwurf lautet: die Schwaben wollen den Ku´damm des Kiezes, die Kastanienallee, zu einem Berliner Ballermann umgestalten, auf dem hordenweise Touristen rauf- und runter getrieben und in Edelläden ausgenommen werden. Der echte Prenzelberger wünscht sich deshalb sein Paradies zurück und verflucht die verwöhnten Yuppies aus dem reichen Süden.

Und schon begegnen mir leibhaftige Schwaben, als einer ihrer Sprösslinge mit einem Holzrad unsanft über meine Füße fährt. Im wahrsten Wortsinn in der Gosse lande ich wenig später, als zwei schwäbelnde Mütter vom Kollwitzplatz mit ausladenden Kampfpanzern nebeneinander den engen Gehweg pflügen, bevor sie sich in einem Café verbarrikadieren. Sie existieren also tatsächlich!

Wo einstmals morbider Charme lockte, herrscht heute verbaler Straßenkampf. Wo gestern noch unisono Eintracht herrschte, werden heute Lebensstile verglichen, als gelte es, epochale Zäsuren festzumachen. Besonders, seitdem die »digitale Bohème« das Schlagwort vom »Prokrastinieren« vereinnahmt hat, treten die Gegensatz schärfer denn je zu Tage.

Unter diesem Zungenbrecher darf der Nichtlateiner das zur Kulturleistung erhobene gepflegte Aufschieben notwendiger Leistungen verstehen. Im Kern geht es also um den frontalen Zusammenstoß jener, die den unbeschwerten Lebensgenuss pflegen, mit jenen, die dem schwäbischen Motto »Schaffe, schaffe, Häusle baue« huldigen.

Berlin, Berlin, Berlin! Als hätte die Stadt keine anderen Sorgen, wird an jeder Ecke aktives Bashing betrieben. Da prokrastiniere ich doch lieber ein Weilchen und lebe in fröhlicher Armut wie ein großer Herr.

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Johanna Szameit: Wunderwelt der Natur

Dezember 08, 2008
by Ruprecht Frieling
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Johanna Szameit presst die Wunderwelt der Natur zwischen zwei Glasplatten und verlötet sie dann. Fotos: © Wilhelm Ruprecht Frieling/Sammlung Frieling

Johanna Szameit, eine leidenschaftliche Radwanderin und Hobbybotanikerin, findet einen Großteil der Herrlichkeiten, die sie in ihren filigranen Miniaturen verwendet, am Wegesrand. Sie sammelt Sporen, Blüten und Blätter und nimmt sie mit in ihre Wohnung in Berlin-Reinickendorf. Dort trocknet sie ihre Schätze und presst sie anschließend mit einer alten Buchbinderpresse, die ihr der Zufall schenkte. Anschließend drapiert sie die getrockneten Pflanzenteile zwischen zwei Glasscheiben und verschließt diese mit einem Lötrand.

Auf diese Weise entstehen wunderbare kleine Pflanzenbildnisse, die an die streng-formalen Arbeiten des Fotografen Karl Blossfeldt erinnern, der sich als Vertreter der Neuen Sachlichkeit in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert auf Urformen der Kunst spezialisierte.

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Johanna Szameit: »Gespräch«, 18,6 x 5,5 cm, Rahmenmaß 21,0 x 15 cm

Die Künstlerin Johanna Szameit geht aber darüber hinaus. Sie malt und gestaltet selbst und schafft neben ihren Pflanzenbildern phantastische Miniaturgemälde, die sie teilweise übereinander klebt, um räumliche Effekte zu erzielen. Auch diese Bilder werden in selbst gelötete Rahmen fest eingeschmolzen. Diese Rahmen sind teils streng, teils äußerst phantasievoll gestaltet. Ihre dekorativ geschwungene Linien sowie floralen Ornamente und die Aufgabe von Symmetrien enthalten Elemente des Jugendstil.

Löten ist eine sehr alte Technik, die nachweislich schon um 5000 vor unserer Zeitrechnung bekannt war. Gold, Silber und Kupfer wurden von unseren Vorvätern mit Hilfe lötfähiger Legierungen miteinander verschmolzen. Die berühmte Goldmaske des altägyptischen Königs Tutanchamuns ist beispielsweise mit Hilfe der Löttechnik geschaffen worden.

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Johanna Szameit: »Paar«, 8,5 x 6,8 cm, Rahmenmaß 18,5 x 11,5 cm

Johanna Szameit verweigert sich dem etablierten Kunstbetrieb und lehnt eine Zusammenarbeit mit Galerien ab, um ihre Arbeiten preiswert abgeben zu können. Sie akzeptiert keine Atelierbesuche und betreibt auch keine Homepage.

Johanna Szameit

Johanna Szameit

Ihr ist wichtig, den Liebhabern ihrer Kleinodien persönlich zu begegnen. Deshalb hat sie sich vor Jahren entschlossen, ihre Produktion ausschließlich auf einem Kunstmarkt anzubieten, der jeweils zu Ostern und an den Adventswochenenden auf dem Mexikoplatz in Berlin-Zehlendorf stattfindet. Dort wird sie dann von Fans und Sammlern belagert und innerhalb kurzer Zeit »geplündert«.

Seit einigen Jahren hat die Künstlerin auch begonnen, kleine Skulpturen und Plastiken aus kleinteiligem Trödel und bemaltem Pappmaché zusammenzusetzen. Diese Arbeiten haben eine wundervolle Leichtigkeit, es entstehen phantasiereiche Luftwesen, die jede Wunderkammer bereichern.

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Neuköllner Oper zeigt Mozart à la Turque

Dezember 06, 2008
by Ruprecht Frieling
Neuköllner Oper, türkenoper, wilhelm ruprecht frieling
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Einige Jahre vor seiner legendären »Zauberflöte« schrieb Wolfgang Amadeus Mozart nach dem Libretto von Emanuel Schikaneder die Märchenoper »Der Wohltätige Derwisch«. Darin verlässt ein türkischer Prinz seine Heimat, um sein Glück im Königreich Basora zu suchen. Ein Weiser schenkt ihm für diese Reise ein Schatzkästchen mit magischem Inhalt. Es gibt im Verlauf der Geschichte ein wildes Hin und Her um die Zauberdinge, die der Kasten verbirgt. Natürlich geht es in erster Linie um die Liebe, um Beziehungschaos, um fiese und um freundliche Frauen sowie gute und schlechte Ratgeber. Im Geist der damaligen Zeit entstand eine bunte »Türkenoper« mit Derwischen, Dschinns und Haremsdamen. Berlins »Neuköllner Oper« nahm sich nun dieses erst vor wenigen Jahren Mozart zugeordneten Stoffes an, um ihn in die heutige Zeit zu transponieren. HIER geht es weiter →

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LittleLilly liest »Schweine im Weltall«

November 29, 2008
by Ruprecht Frieling
wilhelm ruprecht frieling
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Schweine im Weltall

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Zum 1. Advent liest die Wiener Bloggerin LittleLilly die Satire »Schweine im Weltall« aus meinem Buch »Angriff der Killerkekse«.

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Robert Lebeck, Fotojournalist

November 26, 2008
by Ruprecht Frieling
Fotografie, Fotojournalismus, robert lebeck
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Robert Lebeck im Berliner Martin-Gropius-Bau. © Wilhelm Ruprecht Frieling

Wie kaum ein anderer hat Robert Lebeck den Fotojournalismus in Deutschland geprägt. Anlässlich seines 80. Geburtstages waren im Berliner Martin-Gropius-Bau klassische Reportagen und Portraitserien aus einem halben Jahrhundert im Rahmen einer großen Werkschau zu sehen. Ruprecht Frieling traf den Meisterfotografen dort zum Gespräch.

Robert Lebecks Karriere als Fotoreporter begann mit einer geschenkten Kamera. Der 23jährige startete seine Laufbahn mit einem Porträt des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der dem jungen Mann zufällig vor die Linse lief. Adenauer zu fotografieren kann nur nützlich sein, dachte der angehende Reporter und schaffte es mit einem Porträtfoto auf Anhieb auf die Titelseite einer Heidelberger Lokalzeitung. Der Lohn der Mühe betrug acht DM, seinerzeit der übliche Preis für eine Schwarzweißabbildung. Davon konnte ein Bildberichterstatter weder leben noch sterben.

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Alfred Hitchcock, Hamburg 1960. © Robert Lebeck

Lebeck hatte Zeit seines Lebens den richtigen Riecher. Der Autodidakt erkannte, dass alles eine Frage der richtigen Adresse ist. Deshalb schickte er seine Fotos zu einer Illustrierten und hatte gleich wieder Erfolg. Doch diesmal betrug das Honorar 75 DM, und damit war klar, für wen der Fotoreporter künftig arbeiten wollte.

Seine Karriere verlief von nun an steil bergauf. Er wurde Frankfurter Büroleiter der Zeitschrift »Revue«, danach Fotoreporter bei »Kristall«. 1961 erschien sein Buch »Afrika im Jahre Null«, und Henri Nannen entdeckte ihn für den Stern. Er warb Lebeck ab und ließ ihn als ersten deutschen Reporter in New York arbeiten. Später stieß Lebeck zur Zentralredaktion in Hamburg und gab 1977 gemeinsam mit Klaus Happrecht ein kurzes Intermezzo als Chefredakteur von »Geo«.

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Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968. © Robert Lebeck

Bis 1994 war Lebeck für den »Stern« tätig. Er veröffentlichte hunderte Bildreportagen und zahlreiche Bildbände. Dabei legte er besonders Augenmerk auf die Großen der Zeit, auf Staatsmänner und Künstler, denn der Geschäftsmann im Fotografen wusste, wie stark derartige Motive gefragt sind.

Die Berliner Werkschau gliedert die Exponate thematisch. In Räumen wie »Jazz« begegnet der Besucher Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Lionel Hampton, Duke Ellington, Oscar Peterson und anderen Jazzgrößen.

»Hurra wir leben noch« sind Fotos aus den Nachkriegsjahren überschrieben. Da feiert und tanzt man von Stuttgart bis St. Pauli in staubgrauen Trümmerstädten, da treffen Heimkehrer aus der Gefangenschaft mit Wattejacken, Holzkoffern und zerschlissenen Schuhen in Durchgangslagern ein, und da bauen Menschen aus Ruinen und Baracken neues Leben auf.

Es gibt einen Saal der »Köpfe der Politik«. Ein anderer Raum ist Künstlerportraits gewidmet. Vor allem Romy Schneider hatte es Lebeck angetan, der den Star als »der kamerafreundlichste Mensch, den ich jemals vor die Linse bekommen habe« bezeichnet.

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Romy Schneider, Berlin 1976. © Robert Lebeck

Robert Lebeck starb am 14. Juni 2014 im Alter von 85 Jahren.

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