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Die Autobiografie als Schurkenstreich oder: Wie Josef Müller immer reicher wurde

November 04, 2013
by Ruprecht Frieling
Autobiographie, Hochstapler
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Josef Müller

Millionenbetrüger mit Heiligenschein: Josef Müller

Auch Rezensenten sind mitunter neugierig. So folge ich der persönlichen Einladung einer Schweizer »Medienstelle« und lasse mir ein Exemplar der Geschichte des ehemaligen Finanzjongleurs Josef Müller samt aufwändiger Hochglanz-Information zusenden.
HIER geht es weiter →

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Blogger vor 40 Jahren: eine Zeitreise

Januar 03, 2009
by Ruprecht Frieling
Autobiographie, wilhelm ruprecht frieling
0 Comment

Meiner im Herbst erscheinenden Autobiographie entnehme ich heute ein kleines Stück: Als junger Mann trampte Prinz Rupi im Zuge der Flower-Power-Zeit durch Europa, lebte ein Vierteljahr in London und landete schließlich mit knapp 17 im damaligen Westberlin. Dieser Ort brachte den seinerzeit unschätzbaren Vorteil mit sich, nicht zur Bundeswehr zu müssen …


INSULANER IM ROTEN MEER


Bei meinem Eintreffen in Westberlin 1968/69 brannte die Luft, und es roch aus allen Ecken und Winkeln nach Straßenkampf und Revolution. Die ummauerte Stadt erlebte die aufregendste Zeit seit Kriegsende. Studenten, Schüler und Auszubildende errichteten Barrikaden und lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit der Staatsgewalt. Der Kurfürstendamm verwandelte sich Abend für Abend in eine spannungsgeladene Diskussionsmeile. Kraftstrotzende Demonstrationszüge zogen durch die Stadt. Lautstarke Teach-Ins und hochfliegende Büttenreden im Audimax der Universität zählten zur Tagesordnung. Rote Fahnen knatterten im Wind. »Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiß, wie er ihn meiden soll«, lässt Goethe seinen Faust im zweiten Teil sagen, und genauso infizierte mich die Aufbruchstimmung in Berlin.

Hunderttausende rebellierten gegen den Vietnamkrieg und das bestehende gesellschaftliche System, gegen staatliche Autoritäten, gegen Reaktionäre in Politik und Verwaltung, gegen die Ewiggestrigen und den Muff von tausend Jahren unter den Talaren. Wir wollten mit der älteren Generation abrechnen, die Hitler und den Zweiten Weltkrieg ermöglicht hatten, zumal viele ehemalige Nazi-Funktionäre wieder an den Schalthebeln der Macht saßen. Wir waren die Generation der »Vatermörder«, wie Modeschöpfer Wolfgang Joop einmal spitz bemerkte. Es war die Blütezeit der als APO berühmt gewordenen außerparlamentarischen Opposition, deren Aktivisten Deutschlands überfällige Liberalisierung in Gang setzten. Wer bislang noch nicht politisiert war, wurde spätestens mit der Übersiedelung in Richtung Funkturm zum Revoluzzer. Ich hielt es bei meiner Ankunft am Bahnhof Zoologischer Garten mit Dante Alighieri, dessen »Göttliche Komödie« ich auf der Zugfahrt in meine neue Heimat gelesen hatte. Darin sprach mir Italiens bekanntester Dichter aus dem jungen Herzen: »Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt«.

Ein Siebzehnjähriger, der in bewegten Zeiten mutterseelenallein und mit einem Seesack voller Träume nach Berlin kommt, sucht sozialen Schutz. WGs genannte Wohngemeinschaften boten die besten Möglichkeiten, mit Gleichaltrigen Kontakt zu bekommen und preiswert zu überleben. WGs standen außerdem als alternative Lebensformen im Mittelpunkt des Interesses junger Leute. Sie bildeten die praktische Alternative zur klassischen Familie, deren Enge verantwortlich gemacht wurde für Kleingeistigkeit und reaktionäres Denken. Sie boten eine Wohnform, die sich in den verschiedensten Formen langfristig etablieren sollte. Der Staat interpretierte sie als besonders heimtückischen Angriff auf die Familie als kleinste Zelle des Staatswesens, und Kirchenfürsten bekamen Herzinfarkte im Dauerabonnement, weil ihre Moral praktisch infrage gestellt wurde.

Die WG, in die ich durch Vermittlung von Freunden einzog, hatte sich als Untermieter in einer weitläufigen Berliner Altbauwohnung in der Heilbronner Straße 3 in Schöneberg eingenistet. In Spitzenzeiten bewohnten bis zu vierzehn Gestalten zwei große Berliner Zimmern und eine Kammer, sie teilten sich Betten, Couches und Matratzen. Unsere Schlafgelegenheiten, Mobiliar vom Sperrmüll und Trödel, waren an den Wänden aufgereiht, und es galt eine ungeschriebene, aber feste Hierarchie: diejenigen, die neu einzogen, mussten mit den schäbigsten Plätzen vorlieb nehmen. Je zwei Mann teilten sich eine Matratze oder ein Sofa. Das wurde mitunter zu einer recht knirschen Angelegenheit, aber da manche der möblierten Herren bevorzugten, tagsüber zu ruhen und nachts auszuschwärmen, war am Abend die Schlafstatt für den nächsten Kandidaten frei.

Die Fluktuation in unserer WG war erheblich. Es ging zu wie in einem überquellenden Taubenschlag. Nahezu täglich flogen neue Bewohner ein und aus. Ich arbeitete mich im Laufe der Wochen auf einen Frischluftplatz am Fenster vor und bezog schließlich als Krönung ein kleines Nebengelass, das ich nach zwei Monaten alleine bewohnte. In der Mitte des großen Berliner Zimmers stand ein ausziehbarer Holztisch, auf dem sich Zeitungen, Flugblätter, Pfeifen, Tabak, Zigarettenpapier, Gläser, Flaschen und Essensreste türmten. An den Wänden unserer Behausung hingen lebensgroße Seidenbilder von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tse Tung, die der Propagandaversand Guozi Shudian, Postfach 399, Peking/Volksrepublik China gemeinsam mit der wöchentlich erscheinenden »Peking Rundschau« und der knallbunten Monatsillustrierten »China im Bild« in unser Heim schickte und uns von einem sozialistischen Utopia träumen ließ.

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Aus heutiger Sicht frage ich mich manchmal, wieso ich Despoten wie Stalin oder Mao in mein Herz schloss, wo ich doch unabhängig, antiautoritär und frei leben wollte. Sie erwiesen sich letztlich als Tyrannen, die hunderttausende Menschen für ihre Ideen opferten. Doch es ging eine enorme Faszination von diesen Leitfiguren aus, sie waren Idole für viele. Ersetzte uns Vorsitzender Mao mit seinem patriarchalischen Gehabe vielleicht den Vater, da wir blutjung von zu Hause ausgebrochen und in die Fremde gezogen waren? Pflanzten die faschistischen Strukturen, die das Dritte Reich in die Hirne unserer Eltern implantierte, sich quasi genetisch fort, so dass wir auf die Suche nach neuen Führern gingen, um Orientierung und Halt zu finden? Oder war es lediglich ein oppositioneller Schulterschluss mit Politgrößen, die von der herrschenden politischen Kaste abgelehnt und zu Feindbildern erklärt wurden?

Es böte Soziologen und Psychologen ein weites Feld, zu ermitteln, welche Parallelen zwischen den Eltern-Kind-Generationen und ihren Idealen bestanden. Vielleicht lässt sich damit sogar ermitteln, ob es tatsächlich so etwas gibt wie den genetisch codierten deutschen Untertanengeist, den Heinrich Mann in seinem Roman »Der Untertan« am Aufstieg und Fall des Diederich Heßling anschaulich beschreibt.

Unsere Informationen über die sozialistischen Superstars jedenfalls waren dürftig und von extremer Einseitigkeit. So schwer es aus heutiger Sicht ist, selbstkritisch zu urteilen, wir irrten in der Wahl unserer Helden, und es gibt keine Entschuldigung dafür, dass wir einen Personenkult pflegten, den wir zugleich nach außen hin heftig bekämpften. »Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden«, hatte die Sozialistin Rosa Luxemburg gefordert. Aber dieser Gedanke stand nicht unbedingt auf unseren Bannern geschrieben, wenngleich wir diese Freiheit auch und vor allem für uns reklamierten.

 

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