
Hans Falladas Arbeitszimmer in Carwitz: ein schöner, dreifenstriger Raum mit einem elfenbeinfarbenen Ofen. Hier entstand ein großer Teil des epischen Werks, u.a. die Romane »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« und »Wir hatten mal ein Kind«. Gleichzeitig fungierte der Raum als Wohnzimmer der Ditzens, in dem Familienfeste stattfanden und der Weihnachtsbaum aufgestellt wurde. Hier empfing der Schriftsteller seine Gäste und hatte einen Teil seiner 4.000 Bände umfassenden Bibliothek verfügbar. Bücherregale und Kastenschränke wurden von ihm selbst entworfen und in einer Feldberger Tischlerei gefertigt. Die eigenwillige Farbgebung – schwarz-orange – ist Falladas Vorliebe für japanische Lackmalerei zu verdanken. Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Ein Gastbeitrag von Heike Pohl, TEXTWERK
Lieber Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen,
es hat eine ganze Weile gedauert, bis unser beider Wege einander kreuzten. Zu verdanken habe ich diese Zufallsbekanntschaft dem Aufbau-Verlag und der Wiederentdeckung Ihres wunderbaren Romans Jeder stirbt für sich allein.
Namentlich sind Sie mir freilich längst zuvor begegnet und ich wünschte, Ihr bewegender und zugleich beängstigender Roman würde zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen. HIER geht es weiter →
Eben wirkte sie locker wie eine Studiendirektorin, plötzlich verwandelt sie sich in eine fleischfressende Pflanze. Sarah Baines ist eine Frau mit unglaublichen Gesichtern. Einige davon spiegeln sich in ihren Büchern, mit denen die Autorin purpurschimmerndes Licht entzündet, das Leser wie Motten anlockt.
Ruprecht Frieling: Sarah, du machst kein Marketing, machst keine Gewinnspiele. Du fütterst keine »Stamm-Blogger« oder bemühst dich, welche zu bekommen. Du rennst keinen Rezensionen hinterher und schaltest keine Werbung. Keine Sponsored Ads. Keine 99 Cent-Aktionen. Kein Ich-poste-in-Gruppen-meine-Werbung-bis-Facebook-mich-sperrt-Aktionen. Trotzdem kannst du vom Schreiben leben. Was machst du denn überhaupt in werblicher Hinsicht?
Sarah Baines: Nicht mehr viel, nachdem ich gemerkt habe, dass der Effekt im Verhältnis zum Aufwand nur sehr gering ist. Ich habe einen Newsletter, auf den ich jeweils am Ende eines Buches und in meiner Vita verweise. Dieser Newsletter beinhaltet keine Gratis-Geschichten, Schreibentwicklungen o. ä., sondern dient einzig der Ankündigungen von Neuerscheinungen. Entsprechend erscheint der Newsletter nur alle zwei bis vier Monate und ist nichts weiter als eine Service-Mail.
Ich habe auch eine Homepage, die ich zwar überall mit aufführe, aber auch nicht gesondert bewerbe, um Traffic zu generieren. Entsprechend gering sind meine Besucherzahlen. Meine Blogposts erscheinen nur sporadisch und drehen sich eh nur selten direkt um meine Bücher.
»Für Twitter bin ich zu doof«
Ruprecht Frieling: Du betreibst aber eine Fanpage bei Facebook und eine Seite bei Instagram.
Sarah Baines: Ja. Für Twitter bin ich zu doof, sodass ich dort zwar einen Account habe, jedoch nicht aktiv bin. (Stichwort: Read-Only-Account) Ich mache keine Werbung für diese Accounts (mit Ausnahme eines Hinweises am Ende eines Buches), entsprechend wenig Likes habe ich dort. Ich habe für eine Weile dort Werbung geschaltet, aber schließlich damit wieder aufgehört, obwohl sie gute Reichweiten/Interaktionen hatten. Die Dinge, die ich also habe, werden einzig von jenen Menschen/Lesern genutzt, die das auch wirklich wollen.
NEWSLETTER GRATIS!Ruprecht Frieling: Wie werden der Newsletter und deine Social Media Accounts angenommen?
Sarah Baines: Die Öffnungsrate meines Newsletters liegt bei über 65 Prozent. Und obwohl ich nicht gezielt für den Newsletter werbe, kommen immer wieder neue Abonnenten hinzu. Die Interaktionsrate meiner Posts bei Facebook und Instagram liegt in der Regel zwischen zehn und 15 Prozent. Auf keinem dieser Kanäle poste ich täglich, sondern nur »bei Bedarf«. Das kann auch heißen, dass ich mal eine Woche nichts zu sagen habe.
Ich schreibe nur sporadisch mal was zu einem Beitrag in Gruppen. Und das dann auch privat. Mein »Privatprofil« bei Facebook ist nichts weiter als Blödelei, seltener mal politisch und das dann auch nicht korrekt, weil ich keine Lust habe, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Meine Social-Media-Bemühungen und -Erfolge sehen also aus wie eine langsam verrottende Industriebrache aus der ehemaligen DDR und sind somit exakt das, wovon jeder Autoren-Marketing-Ratgeber dringend abrät.
»Ich habe unfassbar tolle Leser«
Ruprecht Frieling: Trotzdem bist du Vollzeit-Autorin und kannst vom Schreiben leben.
Sarah Baines: Ja, seit zwei Jahren. Im Jahr erscheinen von mir vier bis fünf Bücher. Das ist für mein Genre, ich schreibe Romance, ein normaler Schnitt.
Ich habe Leser, die so unendlich großartig sind, dass ich sie auch ein ganzes Jahr (oder länger) auf ein bestimmtes Buch warten lassen kann. Ich habe Leser, die so unfassbar toll sind, dass sie wissen, dass sie mir auch jederzeit eine schlechte Rezension schreiben dürfen und auch sollen. Ich habe Leser, die unbesehen meine Bücher vorbestellen, sobald sie irgendwo einen Vorbestellungslink (den ich noch nicht mal angekündigt habe) schnuppern.
Diese Menschen sind es, die es mir ermöglichen, mich ausschließlich um das zu kümmern, was ich liebe: meine Bücher.
Ruprecht Frieling: Romance verfügt über eine gewisse Stereotypie in der Charaktergestaltung. Du hast 2008 darüber eine Examensarbeit geschrieben …
Sarah Baines: 2008 waren es für jedes Geschlecht jeweils acht Grundcharaktere, die man entsprechend miteinander kombinieren konnte. Unterm Strich hat sich daran bis heute auch nichts geändert. Allerdings ist ein Aspekt hinzugekommen, von dem alle diese Charakterschablonen profitieren: Die Dark Romance hat den Vorlagen zu mehr Tiefe verholfen, denn in ihr war und ist es notwendig, Motivationen genauer zu beleuchten, um einen Protagonisten noch »liebenswert« zu machen. Daher neige ich zu der These: Je kriminalisierter eine Geschichte ist, desto ausgeleuchteter und vielschichtiger werden auch die Charaktere.
»Wie weit ist zu weit?«
Ruprecht Frieling: Du bist schon zuvor als Leserin zielsicher auf Geschichten angesprungen, in denen es um Uneinvernehmlichkeit und Zwang ging. Oder um das Schlagwort mal in den Raum zu werfen: um ein »Forced Yes«. Damit wurde BDSM dein großes Thema.
Sarah Baines: Unter anderem, ja. Tatsächlich handeln die wenigsten meiner Bücher von/über BDSM oder haben ein entsprechendes Setting. Aber vielfach handeln sie von genau diesem »Forced Yes«, das ich schon als Teenie verschlungen habe. Damals waren es noch die sogenannten »Bodice Ripper«, die im Zuge steigender Emanzipation jedoch ihre Bedeutung verloren. Später kamen sie dabei dann mit der Dark Romance zurück. Es sind Grenzerfahrungen, um die es dabei geht. Oder die Frage: »Wie weit ist zu weit?« Ich mag die Herausforderung, die solche Geschichten auch als Autorin bedeuten. BDSM ist dabei letztlich nur eines von diversen Settings, in die man so etwas einbetten kann.
Ruprecht Frieling: Nach außen und vielleicht auch in deinen Texten wirkst du äußerst kontrolliert-beherrscht. Ich vermute, dass dahinter ein unsicherer, verletzlicher Kern ruht, dem jede Art von Außenwerbung widerstrebt.
Sarah Baines: Ich bin klassisch introvertiert. Insofern: Ja, Werbung, insbesondere die Eigenwerbung, liegt mir absolut nicht. Und trotzdem bin ich selbstbewusst genug, um zu wissen, was ich kann (und was ich nicht kann). Ich falle auf, weil ich viel zu oft meine Klappe nicht halten kann oder will. Wenn du das bereits unter Werbung summierst … okay. Ich tue es nicht. Für mich wären das halt Werbeplätze, Aktionen etc. Also klassische Werbung. Und da habe ich nur den Newsletter, die Homepage (ich blogge ja nicht mal wirklich), meine Facebook-Fanpage und Instagram. Aber auch die nutze ich nur sporadisch. Und bevor ich es vergesse: Seit diesem Jahr stelle ich auf der Leipziger Buchmesse aus, auf der ich mir mit Margaux Navara auch im nächsten Jahr einen Stand teile. Alle Blogger sind mir zugelaufen. Ich habe nicht danach gesucht
»Ich halte mich gern dort auf, wo ich mich verstanden fühle«
Ruprecht Frieling: Siehst du, genauso ist es mir auch gegangen: Ich bin dir zugelaufen. Also machst du alles richtig. Passend dazu mein Lieblingszitat und Geschäftsprinzip von Umberto Eco: »Verkleidet euch als Blumen, und die Bienen werden kommen«.
Sarah Baines: Ich bin eine Blume!
Im Ernst: Ich bin dankbar darum, dass ich tatsächlich kaum was anderes machen muss, als mich um meine Bücher zu kümmern.
Ruprecht Frieling: Vielleicht bist du sogar eine fleischfressende Pflanze. Wer weiß?
Sarah Baines: Das bleibt mein Geheimnis.
Ruprecht Frieling: Am liebsten würdest du dich nur auf Seiten tummeln, wo du dich verstanden fühlst. Du vermutest, nur dort LeserInnen finden zu können?
Sarah Baines: Nein. Meine Leser wollen die Bücher finden, mit mir hat das nichts zu tun. Aber ich ziehe es vor, mich dort aufzuhalten, wo ich nicht das Gefühl bekomme, mich rechtfertigen zu müssen. Oder wo man auf mich, bzw. meine Arbeit, herabsieht. Deshalb halte ich mich aus den üblichen Autoren-Gruppen auch mittlerweile raus. Auf deiner Homepage beispielsweise trifft man andere Autoren. Und die haben es nachweislich nicht so mit den »Schundroman-Autorinnen«. Also halte ich mich da lieber bedeckt, denn ich habe meine Erfahrungen damit gemacht.
Ruprecht Frieling: Dem muss ich jetzt aber in eigener Sache widersprechen. Ich bemühe mich um Leser, die dem Buchmarkt vorurteilsfrei gegenübertreten.
Sarah Baines: Nun, der große Unterschied zwischen deiner Zielgruppe und meiner ist allerdings die Intention. Meine Leser suchen Entspannung. Deine Leser suchen Wissen. Meine Leser werden daher nur bedingt deine Seite aufsuchen. Dafür aber viele Autoren, denn anderenfalls würdest du diese Beiträge nicht auch in Autorengruppen teilen.
Tja … Viele Autoren sind Romance-Kollegen gegenüber nicht sehr freundlich eingestellt. Es hat durchaus seine Gründe, warum ich mich aus allen Autoren-Gruppen abgemeldet habe. Mich regt das tatsächlich auf, ständig angegangen und/oder belächelt zu werden.
»Es ist verletzend, wenn man belächelt wird«
Ruprecht Frieling: Da wird wieder die Verletzung sichtbar. Insgesamt ein unglaublich spannendes Thema.
Sarah Baines: Ja, es ist verletzend, wenn man a) mehr Ahnung von Literatur hat als die meisten, die da so lauthals auf dem Misthaufen krähen und b) man mit dem, worin sein Herzblut steckt, auch noch belächelt wird. Ohne dass die Lächler auch nur je ein Buch zur Hand genommen hätten, um zu wissen, worüber sie sich gerade so amüsieren. Oder dass sie einfach die Toleranz mitbringen, gelten zu lassen, dass nicht jeder Leser mit der gleichen Intention zu Büchern greift. Und dass das vollkommen in Ordnung ist. Mein Fehler ist, dass mich das triggert. Ich komme dem nur so bei, dass ich mich von solchen Autoren-Ansammlungen fernhalte.
Ruprecht Frieling: Das kann ich gut nachvollziehen. Es ist eine Frage der Toleranzgrenze und der eigenen Glaubwürdigkeit. Ich habe ja auch mein Vorstandsamt im Selfpublisher-Verband in den Ring geworfen, weil ich die Verlogenheit und die daraus resultierende Mauschelei einiger Verantwortungsträger nicht länger ertragen konnte.
Sarah Baines: Nun, es bringt ja auch nichts, sich dem auszusetzen. Weder beim Schreiben noch bei dem unternehmerischen Teil einer Arbeit. Ich bin gut genug vernetzt mit anderen Autoren aus meinem Genre. Ich bin zwar grundsätzlich offen für neue Kontakte, aber an und für sich reicht mir das, was ich habe, um mich nicht allein zu fühlen. Ich weiß nicht, ob es eine Frage der Toleranzgrenze ist. Ich bin aus den Gruppen raus, weil ich zu viel Zeit dort vergeudet habe, die ich besser ins Schreiben investieren kann.
Ganz ehrlich? Seit ich da raus bin, habe ich sogar die Zeit, mich in die Hörbuchproduktion einzuarbeiten. Man glaubt gar nicht, wie viel Raum solcher Quark, ich meine die Autoren-Gruppen, einnehmen kann, wenn es einen reizt.
»Autoren-Gruppen sind vergeudete Zeit«
Ruprecht Frieling: Ich habe mal recherchiert, wie viele Daten Facebook in zehn Jahren Mitgliedschaft von mir gesammelt hat und wie viel Zeit, abgesehen von der Selbstentblößung als gläserner Mensch, ich damit vergeudet habe. Aber in dem Moment fand ich es eben wichtig und ich kann mich auch heute nicht nachträglich bestrafen, so unwirtschaftlich mit meiner Zeit umgegangen zu sein. Das alles hält schließlich vom Schreiben ab …
Sarah Baines: Es hat so gesehen keinen Nutzen. Aber es frisst viel Energie, wenn man sich regelmäßig über die Arroganz anderer aufregt. Auch bei mir war es jedoch ein Lernprozess, der zu meiner heutigen Meinung geführt hat. Nachträglich bestrafen werde ich mich dafür ganz sicher auch nicht. Er war wichtig, denn heute weiß ich, was ich will und was ich nicht brauche.
Sarah Baines’ erster Roman erschien 2006. Seit 2016 ist sie als Indie-Autorin auf dem Markt und hat keine Ambitionen, in einen Verlag zurückzugehen.
Ihr 20. Roman erscheint noch in dieser Woche.
Homepage: https://sarahbaines.com/
Facebook: facebook.com/fraeulein.schnee

Der 1938 geborene Blogger, Querdenker, WebARTist und Dada-Nerd Brunopolik am heimischen Schreibtisch. © Foto: Ruprecht Frieling
Horst A. Bruno ist ein Phänomen: Er malt und schreibt seit mehr als einem halben Jahrhundert, verbirgt seinen Klarnamen aufgrund gesellschaftlicher Zwänge unter einem Pseudonym und ist immer noch ganz vorn dabei, wenn es um die Nutzung neuer Medien zur Verbreitung seiner Kunst geht. Prinz Rupi besuchte den 1938 geborenen Osnabrücker Blogger, Querdenker, WebARTisten und Dada-Nerd, der als Brunopolik durch die virtuelle Welt turnt.
Schon als Kind entwickelte sich die Lust von Horst A. Bruno am Malen und Schreiben. Aber wer durchs Leben kommen will, muss einen Beruf haben, in dem man Geld verdienen kann. Und so begann der Start in eine bürgerliche Angestellten-Laufbahn bei Banken und Versicherungen. Künstlerische Ambitionen fanden nur in den freien Zeiten Gelegenheit, sich zu entfalten.
Wie geschaffen dafür war der sich 1969 gründende Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, in dem Horst A. Bruno nicht nur für seine inzwischen entstandenen Stories eine Öffentlichkeit bis hin in Schulbücher fand, sondern der ihn auch politisch emanzipierte.
Erst ein für Bruno glücklicher Vorruhestand mit 55 ermöglichte noch einen Hochschulbesuch, wo ihm wichtige Kenntnisse über Kunst von Beuys bis Duchamp vermittelt wurden. Damit öffnete sich sein Weg vom Schreiben in die bildende Kunst. Es folgten Ausstellungen seiner Bilder von Köln über Schwerin bis Hamburg.
Eine entscheidende Wende seiner künstlerischen Ausrichtungen trat ein, als er sich das Internet durchs Bloggen erschloss. Ganz neue Räume für seine Kreativität schaffte ihm dieses Medium, zumal er sich kurz zuvor sein Pseudonym Brunopolik zugelegt hatte. Unter diesem Namen konnte er nun unbegrenzt und ungehemmt unterwegs sein. Zunächst als Blogger, später mit eigener Homepage sowie auf Twitter, Facebook und Instagram

Screenshots von Haiku-Strophen aus dem Poetry-Text der PolitikerInnen-Worte mit dem Titel „Richtige Richtung – Im Medizinern Land“
Brunopoliks Poetry-Texte entstehen ausschließlich aus Sprache, die im Internet gefunden wird, wie beispielsweise Reden der Bundestagsabgeordneten. Er fertigt daraus Lyrik und Poesie »außerhalb sprachlicher Logik«. Die Texte werden gebaut bzw. konstruiert, und zwar in Haiku-Metrik.
Derartige Kunst-Aktionen interaktiver Kunst entwickeln sich dann zu Kampagnen wie die »PolitikerInnen-Worte«. Der Künstler konzentriert sich auf dessen mediale Substanz: – Blog – Twitter – Facebook – Google – Instagram. Seine Poetry auf Screen-Shots ist beliebig reproduzierbar – wie die Siebdruck-Bilder eines Andy Warhol.
Die daraus entstehenden Screenshots einzelner Haiku/Tanka-Strophen seiner Poetry-Texte aller Art verbreitet er via Twitter, Facebook, Instagram sowie seiner Website im Netz und stellt sie dort als Download zur freien Verfügung. Sie können ausgedruckt und gerahmt vielfältige Verwendung finden, beispielsweise als Plakate im öffentlichen Raum oder in Fenstern zur Sicht nach draußen geklebt und damit Zeichen setzend.
Brunopolik darf man auch als politischen Künstler verstehen. In turbulenten Zeiten des Umbruchs und gegen das Scheitern gerichtet werden seine jüngsten Arbeiten durch den Begriff Solidarität bestimmt, den er mit Essays in dem Online-Forum der Berliner Gazette, aber auch in seiner Performance mit Ratespielen der PolitikerInnen-Worte verbreitet.
Im hohen Alter hofft Brunopolik, dass junge Leute kapieren, was er künstlerisch treibt und sein Werk fortführen und vervielfachen. Nachfolger sind bislang noch nicht in Sicht, und so stellt sich für ihn als Künstler auch die klassische Frage des Scheiterns.
Für Brunopolik ist Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett mit seinem Scheitern eine Gottheit. »Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. (Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better)« lautet eine berühmte Sentenz des irischen Schriftstellers.
Er kennt die Problematik, den Begriff »Kunst« greifen und formelhaft erklären zu wollen. Er weiß, dass die Bewertung eines »guten« Kunstwerks von Regeln abhängt, die ihrerseits nur von ihrem Erfolg abhängen. Denn letztlich gerät jedes Kunstwerk, also auch Bücher, mit der Veröffentlichung in einen gnadenlosen Kreislauf.
Diese sich in den eigenen Schwanz beißende Logik geht wie folgt: Weil es gut ist, ist ein Werk erfolgreich, und weil es erfolgreich ist, ist es gut. So lautet die nicht von Vernunft, sondern von wirtschaftlichem Nutzen geprägte derzeitige Sichtweise. Doch was bedeutet das im Umkehrschluss? Ist ein Werk, das erfolglos ist, zwangsläufig auch schlecht, denn sonst wäre es wohl erfolgreich? Neben der »öffentlichen Meinung«, die von den ebenfalls im Rad rennenden Kunstkritikern gemacht wird, gibt es nichts, was die Benotung erklärt.
Das nach dieser Formel aussortiert Schlechte, letztlich also des Gescheiterten, verwehrt eine Archivierung des Gescheiterten. »Die Außerbetrachtnahme des sogenannt Schlechten also«,schreibt Manuela Branz in ihrem lesenswerten Aufsatz »Gelungenes Scheitern«, führt »zur Stabilisierung des Realitätszirkels: Nur im Notierten lässt sich jene Erschöpfung einer Idee erkennen, das für uns das Gute herstellt; im Vergessenen aber scheint nichts Wahres gelegen zu haben, im Verlorenen scheint kein Verlust auszumachen zu sein.«
Brunopolik weiß genau: Wenn er seine Kunst aufgibt, gibt er sich selbst auf. Solange es geht, will er daran festhalten. Manchmal ist er ziemlich weit unten. Doch dann hilft ihm die Kunst, wieder aufzustehen.
Ruprecht Frieling
Prinz Rupi interpretiert »Der Hase im Rausch«
Das Gedicht »Der Hase im Rausch« ist ein Klassiker. Es handelt sich dabei um eine in Versform gefasste Fabel aus der Feder Sergej Michalkows aus dem Jahre 1945. Ins Deutsche übersetzt wurde das Gedicht erstmals 1955. Die hier verwendete Übersetzung stammt von Bruno Tutenberg. HIER geht es weiter →

Viola und Axel Hollmann (Mitte) trafen sich mit Ruprecht Frieling zum Interview am Neuen See in Berlin-Tiergarten.
Berlin-Tiergarten. Café am Neuen See. Axel Hollmann, 50, ähnelt in Größe und Statur einem gemütlichen Bären. Der bekennende »SchreibDilettant« auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane kommt in Begleitung zum Interview. Viola, seine Frau und Muse, flankiert ihn seit 25 Jahren.
»Er kam irgendwann an und sagte: Schatz, ich möchte Schriftsteller werden«, verrät sie mir strahlend. –
»Ja, geht das denn so einfach?«, frage ich unschuldig und schalte schnell mein Tonband ein.

Axel Hollmann, bekennender SchreibDilettant auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Stephen King ist schuld, dass der 1968 im Sternzeichen Waage geborene Axel Hollmann sein Studium der Betriebswirtschaftslehre nicht abgeschlossen hat. Statt Vorlesungen zu besuchen, schmökert der junge Student im Lichthof der Technischen Universität im umfangreichen Werk des Kings of Horror.
»Ich hatte keinen Spaß am Studium und war auch nicht organisiert genug«, sagt Hollmann heute über jene Zeit. Das Lesen ermöglicht ihm kleine Fluchten, regt seine Phantasie an und hilft ihm, eigene imaginäre Welten zu erbauen.
Mit 13 Lenzen trifft sich Axel mit anderen Jugendlichen in einem akademischen Fechtclub. »Fechten klang cool«, meint er, als ich ihn zweifelnd ansehe. Dort lernt er einen Schüler von der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule kennen. Der wiederum erschließt ihm Spiele, die in den Vereinigten Staaten gespielt werden. »Dungeons & Dragons« (Verliese und Drachen) von Gary Gygax wird von nun an auch in Berlin gespielt.
Jede freie Minute investiert Axel Hollmann in das Rollenspiel. Dabei lernt er den vier Jahre jüngeren Marcus Johanus kennen, der heute als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Psychologie arbeitet sowie ebenfalls erfolgreich Krimis verfasst. Bald werden die beiden beste Freunde. Bis heute wirken sie eng zusammen.
In einem Zeitungsbericht entdeckt Axel eine Händleradresse und bezieht die Artikel und die für die Spielstruktur wichtigen Regelwerke aus den USA. Er ist gerade 13 Jahre jung, und das Internet als Massenphänomen existiert 1981 noch nicht.
Das Interesse an Pen-&-Paper-Rollenspielen wächst. Bei diesen Spielen nehmen die Mitwirkenden fiktive Rollen ein und erleben gemeinsam durch Erzählen ein Abenteuer. Als Hauptspielmittel werden fast immer die namensgebenden Stifte und Papier eingesetzt, um die dargestellten Rollen auf Charakterbögen zu beschreiben und Notizen zum Spielverlauf zu machen. Es handelt sich um eine kreative Mischung aus herkömmlichem Gesellschaftsspiel, freier Erzählung und spontanem Improvisationstheater.
In der Berliner Bundesallee eröffnet ein Laden für Fantasy-Rollenspiele. »Serious Games« (ernstzunehmende Spiele) heißt der Laden. Schon entsteht eine Filiale in der Bismarckstraße. Es gibt dort auch eine Bücherecke mit Romanen, Thrillern, Horror und SF-Büchern. Axel und Marcus stoßen dazu und werden Mit-Geschäftsführer.
Über das Rollenspiel lernen sich 1992 Viola und Axel kennen. Damals sind Frauen in Rollenspielkreisen dünn gesät. Sie ist fasziniert von seinem Talent, er verliebt sich in ihre Stärke. Seitdem sind die beiden ein Paar und Eltern von zwei Kindern.
Aber was hat all das mit dem Schreiben zu tun, Axel Hollmann?
»Über das Rollenspiel bin ich zum Schreiben gekommen. Bei jedem Rollenspiel braucht man einen Spielleiter, der sich die Geschichten ausdenkt und den Plot ausdenkt. Das war dann ich, der die Figuren entwickelte. Für meine drei, vier Freunde hatte ich begonnen, ein Fan-Magazin herauszubringen.«
Die ersten »richtigen« Artikel, die er schreibt, erscheinen in Rollenspiel-Magazinen. Dann passiert viele Jahre gar nichts mehr. Hollmann beginnt, einen Roman zu schreiben. Viele Zettel mit Ideen hängen an seiner Zimmertür. Dabei bleibt es vorerst.
Erst als es nach zehn Jahren mit der kleinen Ladenkette zu Ende geht, kommt der Prozess voran. Das Publikum für Importprodukte bestellt inzwischen direkt über das Netz und kommt auf diese Weise wesentlich preiswerter davon. Axel gewinnt Zeit für seine wirkliche Leidenschaft.
»Am ersten Tag, an dem ich nicht mehr in den Laden gegangen bin, habe ich mit dem Romanschreiben begonnen, um in kein Loch zu fallen. Jeden Tag habe ich zwei Stunden geschrieben.« Gleichzeitig ackert er als Bürohengst im Betrieb des Vaters. Den übernimmt er dann.
Wie bist du vorgegangen, um Schriftsteller zu werden?
»Gute Frage! Ich habe mir Bücher über das Schreiben besorgt, angefangen mit James N. Frey „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Der war ein Augenöffner, weil er eine andere Herangehensweise zum Schreiben vermittelte, anders als die deutsche Herangehensweise. Künftig habe ich eine Stunde gelesen, eine Stunde geschrieben.«
Was hat dir die Lektüre von Freys Bestseller gegeben?
»Frey hat mir beigebracht, dass Schreiben Handwerk ist. Der deutschen Mentalität ist das weitgehend fremd. In Deutschland spukt immer noch die Genietheorie von der göttlichen Inspiration in den Köpfen umher.«
Und warum gleich einen Roman statt einer Kurzgeschichte? Wolltest du vielleicht berühmt werden?
»Ich habe es gemacht, weil es eines meiner drei Ziele war: Ich wollte Marathon laufen, eine Familie gründen und ein Buch schreiben. Marathonlauf und Familie hatte ich inzwischen.«
Vielleicht wolltest du reich werden?
»Mir war völlig klar, dass man mit Schreiben nicht richtig reich werden kann. Als Rockmusiker verdient mal leicht das Zwanzigfache«, Axel lacht, »und bekommt zwanzigmal so viele Mädels ab.«
An seinen ersten Roman, einen Mittelalter-Horror-Fantasy-Text mit Rittern, kann sich Axel Hollmann kaum erinnern. Täglich hockt er in jener Zeit im »Café K«, dem Café im Kolbe-Museum. Dort kann er schreiben, daheim klappt es nicht. Axel sitzt an einem runden Marmortischchen, schlürft Kaffee und beschreibt die Seiten eines klassischen Moleskine-Notizbuch mit Füller.
Eines Tages lässt der Dauergast mangels Kleingelds seine Zeche anschreiben. Am Tag darauf bekommt er den Kassenbon, und da steht drauf »vom Autor«. Die Bedienung hat bereits mitbekommen, dass er schreibt.
»In dem Augenblick wußte ich: Jetzt bin ich Schriftsteller!«
Erleuchtung und Durchbruch beschert ein amerikanischer Podcast namens »Writing excuses«. Freund Marcus kennt diesen Internet-Podcast über das Romaneschreiben. Ziemlich bekannte Fantasy- und SF-Autoren sprechen darin über ihre Erfahrungen mit dem Handwerk des Schreibens.
Daraus entsteht die Idee der »SchreibDilettanten«. 2012 beginnt Axel Hollmann gemeinsam mit Marcus Johanus einen wöchentlichen Podcast nach amerikanischem Vorbild auf iTunes. Er beobachtet jedoch bei seinen Kids, dass sie viel auf YouTube abhängen. Und mit iTunes gibt es ständig Probleme. Darum schwenken die beiden Macher nach 150 Folgen, also nach etwa drei Jahren, um. Seitdem agieren sie ausschließlich auf YouTube.
Aufgezeichnet wird die Show meist montags um 07:45 Uhr. Axel schneidet den rund zwanzigminütigen Beitrag und lädt ihn hoch, nachdem Marcus ihm den letzten Schliff gegeben hat. Inzwischen sind 400 Sendungen online. Eine treue Community aus 2.300 Abonnenten wartet jede Woche auf Nachschub. Die Zuschauerzahlen steigen, mehr als eine Viertel Million Aufrufe verzeichnen die SchreibDilettanten insgesamt.
Werbung wollen sie nicht einblenden. Schon der Aufwand, alles buchhalterisch aufzubereiten, ist ihnen lästig. Auch ein Ende der Sendereihe ist nicht absehbar. »Wir machen das so lange, bis einer von uns umkippt«, versichert Axel.
Axel Hollmanns nennt seinen ersten abgeschlossenen Roman »Auf brüchigem Asphalt«, es ist ein Julia-Wagner-Krimi. Er besucht Schreibseminare, legt Wert auf Information und Weiterbildung.
Hoffnungsvoll verschickt er Leseproben an alle Agenturen. Resonanz? – Null! Einer fordert das vollständige Manuskript an, aber das war es.
Hollmann verfasst ein zweites Buch. Doch innerlich ist er bereits voll frustriert und begräbt seinen Berufswunsch schon wieder.
Da erzählt Freund Marcus, dass der Ullstein-Verlag ein neues Imprint namens Midnight für E-Books entwickelt. Wir schreiben das Jahr 2014.
»Da dachte ich mir: Schick es einfach hin! – Anderthalb Monate später kam mein E-Book unter dem Titel „Asphalt. Ein Fall für Julia Wagner“ auf den Markt!«
Axel Hollmann zählt zu den ersten vier Autoren, mit denen Midnight eröffnet. Vom Kindle hat er keine Ahnung und über Self-Publishing denkt er, das mache sowieso keiner.
»Die Zusammenarbeit mit dem Team von Ullstein war toll, sehr sympathische Leute. Ein flottes Lektorat, und schon kam das Cover. Ich fand es erst doof, Freunde fanden es aber gut und später sah ich ein, dass das Cover gut war.«
Der Verkauf läuft gut. Im ersten Halbjahr ist er einer der bestverkaufte Autor bei dem Label. Mit »Schlaglicht« folgt der zweite Band. Den hat Axel schon in der Schublade und schnell ein wenig umgebaut zu einer weiteren Julia-Wagner-Geschichte.
Plötzlich bekommt er doch noch Kontakt zu einer Literaturagentur. Schmidt und Abrahams bringen »Rissiges Eis« bei Amazons E-Pub-Verlag unter. Das Buch ist Hollmanns dritter Streich, mit Vorschuss und allem Tamtam.
Axel kann seine Protagonistin Julia vorerst nicht mehr sehen. Er will auch keine Heldinnen mehr haben, sondern einen Helden. Das Projekt findet der Amazon-Verlag unpassend.
Die Stunde des Self-Publishings schlägt: Hollmann gibt seinen Roman »Schwarzer Rost« selbst heraus, Buch No. 4 ist auf dem Markt.
»Ich kannte inzwischen viele Leute aus der Self-Publishing-Szene und war echt neugierig. Außerdem brauchte ich ein eigenes Buch, um mich am Self-Publishing-Preis zu beteiligen. Dort kam ich bis auf die Shortlist.«
Da er die Rechte von Midnight zurückbekommt, schreibt er noch eine Art Prequel zu Julia Wagner und gibt als fünften Streich »Benzin« heraus. Schnell ist er in die SP-Autoren-Szene integriert. Wissen weitergeben und mit dem Publikum interagieren, macht ihm Spaß. Auf diese Weise findet er die Verbindung zum Rollenspiel.
Der WILEY VCH-Verlag spricht ihn an. Im Internet ist dieser auf die YouTube-Show »SchreibDilettanten« gestoßen. Der dort gepflegte lockere Stil passt dem Unternehmen.
Gemeinsam mit Marcus Johanus verfasst Axel Hollmann daraufhin das Sachbuch »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies«.
Abgesehen von einem ihm unerreichbar scheinenden Spitzenplatz auf der Spiegel-Bestseller-Liste: Ist Axel Hollmann damit am Ziel seiner Träume vom Schriftstellern?
»Auf jeden Fall. Ich habe alles abgehakt, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn mich jetzt der Blitz treffen würde …«
Doch Blitzgott Loge ist geduldig und wartet noch ab, bis er zuschlägt … Deshalb sitzt Axel jetzt gemeinsam mit Marcus Johanus an einem Projekt, das sie gemeinsam produzieren.
Was das wohl wird? – Ich schiebe das Mikrophon unmerklich näher …
Axel Hollmann schweigt geheimnisvoll. Sein Blick schweift über den Neuen See in eine ferne Zukunft.
Axel hat immer tolle Geschichten erfunden«, sagt seine Frau Viola überzeugt. Doch Genaueres weiß selbst sie nicht …
Ruprecht Frieling

Seit rund 200 Jahren werden Schreib»claviere« und Schreibmaschinen entwickelt und genutzt •Bild: © Prinz Rupi
Kollegen, die sich vor die Schreibmaschine setzen und auf einen Rutsch druckreife Texte in die Tasten hauen, habe ich immer bewundert. Ich kenne Autoren, die es in einer einzigen Nacht geschafft haben, einen Science-Fiction-Roman zu verfassen und diese Leistung dutzendfach vollbrachten. Das Manuskript würdigten sie dann keines weiteren Blickes. Sie sandten es direkt an ihren Verlag, der es redigierte und herausgab. – Ich kann das nicht, aber um beim Schreiben kontinuierlich Leistung zu erbringen, nutze ich die klassische Regel »Nulla dies sine linea« = »Kein Tag ohne Zeile«.
Stets habe ich mich schwerer getan mit der Schreiberei als jene leichtfüßig über die Tastatur eilenden Kollegen. An manchen Sätzen fummele ich endlos, selbst kürzere Texte schreibe ich mitunter mehrfach um und feile am Ausdruck. Wer derart viel Energie in sein Geschreibsel fließen lässt, träumt zwangsläufig davon, ein wenig schneller schreiben zu können, kurz: produktiver zu sein und den inneren Schweinehund, der sich liebend gern aufs Sofa legen möchte, zu überwinden. Der Vergleich mit Thomas Mann, von dem behauptet wird, er habe für manchen Satz ein bis zwei Wochen gebraucht, tröstet dabei nicht wirklich.

Im 35. Band seines Werkes »Naturalis historia« (»Die Geschichte der Natur«) prägt Plinius den berühmten Satz „Nulla dies sine linea“
Ich gestehe, ich habe bisweilen zu allem Lust, nur nicht zum Schreiben. Dabei versuche ich mir schon optimale Bedingungen zu schaffen, damit die Sache flutscht. Ruhe, Getränke und Süßigkeiten sollen den Workflow fördern. Doch dann kommt der Reiz, schnell ein paar Mails lesen und beantworten zu müssen, in die Kneipe von Facebook zu gehen und einen Absacker bei Twitter zu nehmen.
Doch genau das ist die Krux am Beruf des Autors: Er ist zum Schreiben verflucht, ob er nun Lust hat oder nicht.
Jeder gute Vorsatz braucht eine Losung. »Nulla dies sine linea«, lautet mein entsprechendes Motto, das übrigens von einem Römer namens Plinius stammt, der offensichtlich wesentlich disziplinierter arbeitete als ich. Dieser Gaius Plinius Secundus d. Ä.war ein Universalgelehrter, der vor zweitausend Jahren lebte und von dessen zahlreichen Schriften das Werk »Naturalis historia« (»Die Geschichte der Natur«) erhalten geblieben ist.
»Kein Tag ohne Linie«lautet die wörtliche Übersetzung der Devise, die ursprünglich für die Malerei stand, später jedoch vor allem auch in der literarischen Welt Einzug hielt und die Notwendigkeit des täglichen Lesens und Schreibens betont.
Im 35. Buch seiner Naturgeschichte kommt Plinius ausführlich auf die Malerei zu sprechen, eine Kunst, die einst als »nobilis«galt, bevor sie im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Rom von Blattgold und Marmor verdrängt wurde. Bei der Beschreibung berühmter Maler und ihrer Werke bemerkt der Gelehrte, wie wichtig ihm die Darstellung der Entwicklung der Malerei sei. Er erwähnt den Griechen Apelles als größten Maler der Antike und beschreibt dessen kollegialen Wettstreit mit seinem Landsmann Protogenes, bei dem es darum ging, wer die feinere Linie malen könne. Apelles hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, niemals einen Tag vergehen zu lassen, ohne sich durch das Ziehen einer Linie in seiner Technik zu vervollkommnen.
Im Hause Protogenes habe sich Apelles in Abwesenheit des Hausherrn durch eine mit dem Pinsel gemalte Linie von höchster Feinheit vorgestellt. Diese versuchte der Hausherr seinerseits, nachdem er allein aufgrund der Qualität der gemalten Linie den Urheber identifiziert hatte, mit einer noch feineren Linie zu übertreffen. Schließlich ergänzte Apelles die vorhandenen beiden Linien mit einer dritten, und so ging es lustig weiter. Das tägliche Malen einer Linie wurde zum Sprichwort: »Nulla dies sine linea – kein Tag ohne Linie« heißt es seitdem und gilt vielen Künstlern und Literaten als Richtschnur.
Der Maler Paul Klee brachte es allein in seinem vorletzten Lebensjahr auf zwölfhundert tagebuchartige Arbeiten. 1938 notierte er den berühmten Satz aus der »Historia Naturalis«in seinen Oeuvrekatalog unter der Werknummer 365, einer Zeichnung mit dem Titel »Süchtig«.
Klees Arbeit »Kein Tag ohne Linie« gilt als bestimmendes biografisches Merkmal des Expressionisten und steht in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung seines Spätwerks. Es scheint, als habe Klee wie wild gegen den nahenden Tod angemalt.

»Der Große Schreibende« heißt eine von Reinhard Pfeiffer geschaffene Skulptur, die vor der Villa Pegasus in Berlin steht. Sie zeigt den Autor, der sich schreibend öffnet, sein Gewand sind Manuskriptseiten ©Sammlung Frieling
War die tägliche »Linie« ursprünglich ein feiner Pinselstrich, so wurde er in Folge gern erweitert gebraucht. Philosoph Friedrich Nietzsche pflegte den Leitspruch, und Schriftsteller Emile Zola ließ ihn als persönliches Motto über dem mächtigen Kamin in seinem Arbeitszimmer anbringen. Wer das zum Museum erhobene Domizil des Schriftstellers in Médan nahe Paris besucht, und sein Arbeitszimmer bewundert, erfährt, dass der Autor jeden Tag zwischen neun und dreizehn Uhr am Schreibtisch zu finden war, um mindestens vier bis fünf Seiten zu schreiben. Der Mann war produktiv: Ohne eiserne Disziplin hätte Zola es kaum auf mehr als zwanzig umfangreiche Romane gebracht.
Literaturkritiker Walter Benjamin greift in seiner Arbeit »Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen«den Gedanken von Plinius als These auf: »Nulla dies sine linea – wohl aber Wochen«. Damit unterstreicht er die Notwendigkeit, jeden Tag, und das sind sieben Tage pro Woche, schöpferisch tätig zu sein. Ab und zu aber seien kreative Urlaube gestattet, die ein Atemholen ermöglichen.
In einer weiteren These führt er dazu aus: »Höre niemals mit Schreiben auf, weil dir nichts mehr einfällt. Es ist ein Gebot der literarischen Ehre, nur dann abzubrechen, wenn ein Termin (eine Mahlzeit, eine Verabredung) einzuhalten oder das Werk beendet ist«.
Danke, Walter Benjamin! So gesehen bin ich auf einem guten Weg. Schauen wir mal, was mir morgen vor die Tasten kommt. Oder sollte ich erst einmal Kreativurlaub machen?
Prinz Rupi

Autorin Tanja Neise, hier mit Viola Hoffmann, überzeugt nicht nur im Newsletter mit ihrer herzlichen Art. Foto: © Ruprecht Frieling
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