
Prinz Rupi wagte den ultimativen Covid-19-Test. Dazu scheute der unerschrockene Reporter ohne Grenzen weder Kosten noch Risiken. »Nur Forschergeist kann wilden Viren trotzen«, bekannte der Freigeist, bevor er sich unter die Erdkruste zurückzog.
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Mit Thomas R. P. Mielke ging am 31. August 2020 ein großartiger Erzähler und Autor in den Bücherhimmel ein. Mehr als 70 Heftchenromane und ein gutes Dutzend hochkarätiger historischer Romane wie »Gilgamesch« und »Attila« bleiben als Vermächtnis seiner Karriere zum Bestsellerautor zurück.
HIER geht es weiter →In »pädagogisch wertvollen« Aufklärungsvideos setzte sich TV-Sprecher Egon Hoegen (bekannt durch die TV-Spots »7. Sinn«) 1968 für katholische Keuschheit und deutschtümelnde Volksmusik ein. Er warnt die deutsche Jugend vor dem Besuch von Beat-Clubs und Diskotheken, die in jenen Jahren aus dem Boden schossen.
Während viele Erwachsene die Mahnungen des »Mannes, der sich nie verspricht« für bare Münzen nahmen, lachte der intelligente Teil der Bevölkerung über die Filmchen. Denn Hoegen hatte sich einen Spaß gemacht.
Die »Aktion« war eine großartige Satire. Sie nahm mit dem Warn-Video die Verklemmtheit der älteren Generation der 60er aufs Korn. HIER geht es weiter →

Ist das noch erlaubt oder muss das schnell weg? Der Mohrenkopf des Hl. Mauritius ziert das Wappen der Stadt Coburg
Mehr als einhundert »Mohren-Apotheken« im deutschsprachigen Raum müssen sich seit Monaten die Frage gefallen lassen, ob sie sich umbenennen sollen. Der Begriff »Mohr« impliziere sprachlichen Rassismus. Einige Apotheker unterwerfen sich der allgemeinen Hysterie und nennen sich nun wie zum Spott »Möhren-Apotheke«. Andere wiederum distanzieren sich von den Vorwürfen eines sprachlichen Rassismus und sammeln hunderte Unterschriften für die Beibehaltung des alten Namens. Doch wer oder was ist überhaupt ein »Mohr«? HIER geht es weiter →

Der Nürnberger Verleger, Kunst- und Buchhändler Paul Fürst (1608 – 1666) schuf den kolorierten Kupferstich des römischen Pestdoktors Schnabel. In Zeiten von Epidemien wurden Pestdoktoren besonders von Städten mit hohen Opferzahlen einberufen. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert trugen einige Pestdoktoren Schnabelmasken, die mit Kräutern und Flüssigkeiten gefüllt waren, weshalb man auch von Schnabeldoktoren sprach. Die Kleidung eines Pestdoktors bestand aus einem als Schutzanzug dienenden gewachsten Stoffmantel, einer Schnabelmaske mit zwei Augenöffnungen aus Glas, Handschuhen und einem Stab. So konnte Kontakt zu den Infizierten vermieden werden
Lange schon wütete der ›Rote Tod‹ im Lande; nie war eine Pest verheerender, nie eine Krankheit grässlicher gewesen. Blut war der Anfang, Blut das Ende – überall das Rot und der Schrecken des Blutes. Mit stechenden Schmerzen und Schwindelanfällen setzte es ein, dann quoll Blut aus allen Poren, und das war der Beginn der Auflösung. Die scharlachroten Tupfen am ganzen Körper der unglücklichen Opfer – und besonders im Gesicht – waren des Roten Todes Bannsiegel, das die Gezeichneten von der Hilfe und der Teilnahme ihrer Mitmenschen ausschloss; und alles, vom ersten Anfall bis zum tödlichen Ende, war das Werk einer halben Stunde. HIER geht es weiter →

Phil May, Sänger und Motor der legendären »Pretty Things« starb am 15. Mai 2020 an den Folgen eines Fahrradunfalls. Fotos: © Ruprecht Frieling
Die »Pretty Things« galten 1966 als härteste und schmutzigste Band der Welt, und wir wollten sie sehen. Ihre Hits »Get the picture«, »LSD« oder »Buzz the Jerk« kannten wir auswendig, ohne den Inhalt genau zu verstehen. Die Stücke waren in harter Gossensprache geschrieben, prall gefüllt mit sexuellen Anspielungen (to jerk = wichsen) und deshalb teilweise im prüden Amerika verboten. Der Brite Phil May, Gründer und Leadsänger der »hübschen Dinge«, war außerdem der Mann mit den längsten Haaren Europas. Sein bewusstes Anderseins und das Image der Band machte ihn vielen zum Vorbild.
Wir wollten der beklemmenden Enge unserer Elternhäuser entfliehen. Wir wollten weg von den Einflüsterungen des Klerus, weg von der Rohrstockerziehung unserer Pauker und der Eindimensionalität unserer Lehrherren. Wir glaubten, die Ketten der Konvention abschütteln zu müssen, um »frei« zu sein. Deshalb ließen wir unsere Haare wachsen. Deshalb trugen wir Blümchenhosen und abgelegte grüne Armeeparkas, die mit Losungen wie »Make love not war« verziert waren. Wir fühlten uns als Misfits, als Außenseiter, als Sonderlinge, die durch das Band der Beatmusik mit Gleichaltrigen auf der ganzen Welt verbunden waren, und wir verhielten uns entsprechend.

»Pretty Things«-Fans anno 1966: Ruprecht Frieling, Autor des Beitrags, damals 14jährig (rechts) nimmt mit Jugendfreund Wolfgang Haase ein Fußbad in einem Bielefelder Brunnen
Die Freunde hießen Günni, Charly, Kurti, Archi, Molli, Tommi und Theo – jeder hatte einen Spitznamen oder kürzte seinen Vornamen ein, ich hieß Rupi. Wir waren vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre jung. Die Volljährigkeit, damals erst mit dem 21. Geburtstag erreicht, erschien uns unerreichbar weit entfernt. Die wenigen Erwachsenen, die wir in unseren Kreis ließen, besaßen einen fahrbaren Untersatz. Das eigene Auto machte sie zu Schlüsselfiguren, denn Mobilität war eine zentrale Voraussetzung, um den Idolen der Zeit näherzukommen.
Es gab zwar die Deutsche Bundesbahn, mit der Städte wie Bielefeld erreichbar wurden. Doch Schwarzfahren war riskant. Man musste bei jedem Halt Ausschau halten, wie weit der Schaffner durch den Zug patrouilliert war und sich den Herren ohne Fahrschein näherte. War der Kontrolletti schnell, verschanzten wir uns auf dem Klo, um erst in Bielefeld Hauptbahnhof die Tür zu öffnen und vorsichtig um uns spähend aus dem Zug zu hüpfen. Sehr viel angenehmer war es dagegen, sich mit sieben, acht Freunden in einen alten DKW, Ford oder VW zu zwängen und unter Hallo und wildem Geheul über die Bielefelder Berge nach Puddingtown zu rollen.
Vom Bahnhof Bielefeld aus öffnete eine Unterführung den Zugang zu den weniger gut situierten Teilen der Stadt. Schier endlos zog sich die Jöllenbecker Straße, eine triste Magistrale. Es fuhr eine Straßenbahn, doch die kostete Geld. Also schlürten wir im Staub der Straße oder rollten mit unseren Privattaxen ein paar Kilometer geradeaus. Dann ging es rechts ab in eine Nebenstraße. Die mündete an einem düsteren Friedhof. Gegenüber stand ein großes Eckgebäude, das Ureinwohner als »Volkshaus Sudbrack« erinnerten.

Eröffnung des Star-Club Bielefeld mit den »Liverbirds«. The Liverbirds waren eine zwischen 1962 und 1967 aktive Beatband aus Liverpool. Die vier Bandmitglieder Pamela Birch, Valerie Gell, Mary McGlory und Sylvia Saunders waren eine der ganz wenigen weiblichen Bands aus der Merseybeat-Szene und eine der ersten Rock-Bands, die sich nur aus weiblichen Mitgliedern zusammensetzte. Der Name der Band entstammt der fiktiven Figur des Liver Bird , auf dem Turm des Liver Building, der das Symbol ihres heimischen Liverpools ist
In diesem Etablissement mit höchst wechselvoller Geschichte eröffnete am 2. Oktober 1964 der Star-Club Bielefeld. Künftig hatten Beatfans aus West- und Ostwestfalen einen Anlaufpunkt. Der Saal fasste 1.000 Besucher, eine Theke erstreckte sich in voller Länge an einer Seite. Die angeschlossene Kneipe bot ausreichend Gelegenheit, sich vor und nach den Shows abzufüllen. Getreu seinem zwei Jahre zuvor eröffneten gleichnamigen Vorbild in Hamburg spielten auch in Bielefeld Abend für Abend deutsche und britische Beatgruppen. Teilweise waren die Bands schon durch Schallplattenerfolge bekannt, die meisten von ihnen machten sich gerade einen Namen. Die Hamburger »Rattles« gaben »Remo Four«, »Liverbirds« und »Pretty Things« die Klinke in die Hand.
Die meisten Bands spielten mehrere Wochen lang am Stück jeden Abend zum Tanz auf. Insgesamt 79 Mal standen beispielsweise die »Beatles« aus Liverpool bis Ende 1962 auf der Bühne des Star-Clubs Hamburg und starteten hier ihre Weltkarriere. Auftritte im »Star-Club« konnten ein Sprungbrett sein. Auch die von uns so heiß ersehnten »Pretty Things« spielten mehrere Abende hintereinander im Bielefelder Star-Club. Es gab also mehrfach die Möglichkeit, die Gruppe zu erleben.
Als wir in Jöllenbeck eintrafen, schraubte ein vor dem Bühneneingang geparkter, zerbeulter Jaguar mit britischem Kennzeichen unseren Blutdruck in die Höhe. Dies sei das Fahrzeug, mit dem die Bandmitglieder unterwegs seien, raunten sich Fans zu, die teilweise schon Stunden vor Beginn der Veranstaltung eingetroffen waren. Wir hockten in der Kneipe des Clubs, tranken Bier und Sauren Paul, rauchten filterlos, schluckten Captagon, Preludin, »Hallo wach« und quatschten.
Endlich war es so weit. Der Star-Club öffnete seine Pforten. Türsteher in schlecht sitzenden Anzügen und weißen Nyltesthemden regelten den Einlass. Nyltesthemden standen für die drei »B«: bügelfrei, billig und bescheuert. Schwitzte man in dieser modernen Art der Oberbekleidung, dann roch man bald wie ein alter Iltis. Wir lehnten Plastikklamotten ab. Unsere mehrfarbigen Hemden waren aus Leinen, Cord oder Seide gefertigt, die schon viel miterlebt hatten und sichtbar angegriffen waren.
Die Luft im Inneren des »Star-Club« flirrte. Lichtkegel tasteten sich durch wabernde Rauchschwaden. Gewaltige Boxentürme lachten uns von der Bühne an. Die Lautstärke konnte nie hoch genug sein, und Bielefeld war berühmt für seine Anlage. Verstärker und Boxen wurden vom Bielefelder Musikalienhändler Rost gestellt. Nur Boxen von »Papa Rost« machten den richtigen Sound und erzeugten jene Wahnsinns-Lautstärke, die wir liebten.
Ein schlaksiger Ansager mit schmaler Krawatte kletterte auf die Bühne und kündigte »die härteste Beat-Band aller Zeiten« an. Ohne Umschweife setzten die »Pretty Things« ein: »I´m a Road Runner, honey« schrie Sänger Phil May und verschlang dabei fast das Mikrophon, das er an einem Ständer hinter sich herschleppte. Schlagzeuger Vic Prince traktierte ein Crash-Becken und Dick Taylor, Rhythmusgitarrist der Band, zog eine Glasscherbe langsam über die E-Saite seines Instruments und erzeugte ein langgezogenes Ratschen. »Beep Beep« antworteten die anderen Bandmitglieder im Chor.
https://www.youtube.com/watch?v=TiqhUKMZWYw
Die »Pretties« begannen jeden Auftritt mit »Road Runner«, ein Song, den der amerikanische Rock´n´Roller Bo Diddley 1960 geschrieben hatte. Begeistert wiederholte das Publikum den eingängigen Refrain. »Beep Beep.« »Beep Beep!« Ein paar Pärchen zappelten vor der Bühne und zuckten ekstatisch. Wir rückten Richtung Boxen, als könnten wir bei dem infernalischen Lärm irgendwas verpassen. »Beep Beep!« »Beep Beep!« Ein Hit folgte dem anderen. »Don´t bring me down«. »Cry to me«. »You don´t believe me«. Wir kannten sie alle und rockten mit.
Phil May und Dick Taylor hatten die »Pretty Things« 1963 in London gegründet. Taylor hatte zuvor mit Mick Jagger die »Rolling Stones« ins Leben gerufen und als Bassist begleitet. Die »rollenden Steine«, von deutschen Spießern als »Höhlenmenschen« bezeichnet, waren dem Musiker indes zu brav. Er wollte einen bodenständigen, schmutzigeren Sound schaffen, nicht nur Songs covern, sondern auch eigene Stücke schreiben. So gelangte die Band bald in den Geruch, eine finstere Bande zu allem entschlossener Musiker zu sein, die »dreckige« Rockmusik machten.
Die »Pretty Things« spielten härter und ungehobelter als die Stones und sahen verwegener aus. Neben Phil May und Dick Taylor wirkten die »Rolling Stones« wie »die sprichwörtliche Teegesellschaft im Pfarrhaus«, schrieb der englische Schriftsteller Nik Cohn 1969 in seiner Musikgeschichte »Pop From The Beginning« (deutscher Titel »AWopBopaLooBop ALopBamBoom«, 1971).

Label der Langspielplatte »Get The Picture« der »Pretty Things« aus dem Jahr 1965 – damals noch eine Monoaufnahme
Das Personal der Band wechselte häufig. Schlagzeuger Vic Prince musste später wegen seines exzessiven Alkoholkonsums entlassen werden. »Wenn Trommler trinken, werden ihre Hände weich«, meinte Phil May dazu, »ihre Köpfe denken es, aber ihre Hände können es nicht«. An dem Abend im Bielefelder »Star-Club« trommelte Prince auf allem, was ihm in die Quere kam. In der Pause stand er an der Bar und trommelte dort ohne Unterbrechung weiter.
Gegen 22 Uhr ging das Saallicht für einen Augenblick an. Das war ein Warnsignal für Minderjährige. Die Typen vom Jugendschutz rückten an und wollten Ausweise kontrollieren. Wir schlüpften über die Kneipe aus dem Etablissement und hasteten auf den gegenüberliegenden Friedhof. In diesem sicheren Versteck warteten wir, bis die Schnüffler abzogen und ein paar Teens abschleppten, die nicht schnell genug entkommen konnten.
Wir gingen wieder zurück in den Star-Club, und die »Pretty Things« spielten das nächste Set. Bis nachts um eins ging die wilde Show, und sie wäre wohl noch stundenlang weiter gegangen. Doch die Bielefelder Polizei rückte vor und setzte die Sperrstunde durch.

Einer der letzten Auftritte: Phil May mit Dick Taylor (links) und Arthur Brown (»The Crazy World of Arthur Brown«) im Berliner Quasimodo
Die »Pretty Things« schafften es nach jenen wilden Zeiten nicht, erneut die Hitlisten zu stürmen. Sie experimentieren, schufen mit »S.F. Sorrow« die erste Rockoper der Flower-Power-Ära und blieben durch immer neue Auftritte im Gespräch. Bis Ende 2019 tourten Phil May und Dick Taylor mit der Band durch Europa. Der Star-Club Bielefeld hatte bereits 1968 aufgegeben und seine Pforten geschlossen. Sein Erbe ging im Jaguar-Club Herford auf.
Seinen Ruf als Legende der Rockmusik verteidigte der Road Runner mehr als ein halbes Jahrhundert. Doch Alkohol, Drogen und ein ekstatisches Leben als Bühnenmusiker schwächten seinen Körper. Bei einem seiner letzten großen Auftritte mit Van Morrison wirkte er bereits angeschlagen.
Anfang der Woche brach sich Phil May bei einem Fahrradunfall die Hüfte. Unfallchirurgen operierten den 75-jährigen im Queen Elizabeth Krankenhaus Kings Lynn, Norfolk. Am 15. Mai um 7.05 Uhr am frühen Morgen erlag der Frontmann der legendären »Pretty Things« den Folgen der Operation. Der bisexuelle Rockstar hinterlässt seinen Sohn Paris May, seine Tochter Sorrel May und seinen Partner Colin Graham.
Während meiner PR-Arbeit für eine internationale Kunstausstellung lernte ich den seinerzeit schon weltberühmten Joseph Beuys kennen. Als Seelenverwandte schlossen wir spontan Freundschaft.
Professor Wilhelm A. Kewenig, Senator für kulturelle Angelegenheiten im einstmaligen Westberlin, hatte mich anno 1981 zum Pressesprecher der geplanten Ausstellung »Zeitgeist« berufen. Diese repräsentative Schau der Neuen Wilden im frisch restaurierten Martin-Gropius-Bau direkt an der Berliner Mauer bescherte der Stadt international positive Schlagzeilen und schrieb Kunstgeschichte.
Während meiner Tätigkeit, es war für ein paar Monate ein Knochenjob rund um die Uhr, lernte ich den omnipräsenten Joseph Beuys kennen. Wir wurden Freunde.

»Hirschdenkmäler« nannte Joseph Beuys seine gewaltige Installation im Atrium des Martin-Gropius-Baus
Durch meinen Einsatz als Pressesprecher der Kunstausstellung »Zeitgeist« begegnete ich internationalen Künstler wie Julian Schnabel, Cy Twombly, Andy Warhol, Salomé, A. R. Penck, Sandro Chia, Markus Lüpertz, Georg Baselitz, Mimmo Paladino und Jörg Immendorf. Sie kamen auf ein Schwätzchen in mein Pressebüro, wenn sie an ihren Installationen arbeiteten oder sich mit Hängung ihrer Bilder beschäftigten. Fluxus-Künstler Joseph Beuys, dem ich bei seiner ironischen Installation »Hirschdenkmäler« und beim Druck der Arbeit »Goldener Hase« in der Steglitzer Druckerei Hentrich helfen durfte, freundete sich sogar mit mir an. Er blieb mir bis zu seinem frühen Tod im Januar 1986 verbunden.
Bei dem »Hirschdenkmal« im Gropius-Bau handelte es sich um einen kolossalen Lehm-Berg, mit dem Beuys als Soziale Plastik eine völlig neue Kategorie in der Kunst schaffen wollte. Lehm galt ihm als Stoff der Erde, und so wurden Wagenladungen des schweren Materials in das Atrium des ehemaligen Kunstgewerbemuseums gekippt.
200 Kubikmeter Erdreich sollte in dem historischen Lichthof aufgetürmt werden. Der Boden hätte die tonnenschwere Last keinesfalls ausgehalten, das Gebäude wäre ernsthaft beschädigt worden. Deshalb wurde das Kunstwerk mit großen Styroporblöcken unterfüttert, auf die dann der Lehm aufgebracht wurde.

Plakat der Ausstellung »Zeitgeist«. Das Berliner Künstlerduo Stein & Ott schuf das Poster auf der Grundlage eines Kristalls von Cy Twombly
Neben dem Mount Everest aus Lehm errichteten wir ein grünes Zweipersonenzelt, das dem Meister Unterschlupf für sein monatelanges Arbeiten am Kunstwerk bieten sollte. Alles trug Werkstattcharakter und wirkte so authentisch, als sei der Kunst-Schamane Tag und Nacht beschäftigt, mit Kelle und Spaten das Denkmal zu errichten und hätte dazu seine komplette Werkstatt eigens von Düsseldorf nach Berlin verlegt. Das war jedoch pure Show!
Eines Morgens hatte ich das Vergnügen, dem Morgenmagazin des SFB ein Vorausinterview über die kommende Ausstellung geben zu dürfen. Es war gegen sieben Uhr in der Frühe. Wir standen vor dem noch unfertigen Lehm-Haufen im Atrium des Museums, und ich erklärte blumenreich, dass sich Meister Beuys die Seele aus dem Leib schufte, um das Opus termingerecht zu vollenden. Das Interview lief wie am Schnürchen. »Lassen Sie uns den Künstler selbst befragen, er wohnt doch hier im Zelt«, schlug die Reporterin plötzlich vor. Heiliger Bimbam, das war eine Livesendung! – Was sollte ich tun?
Beuys hatte in Wahrheit keine Minute in dem Unterschlupf verbracht, das Zelt diente ausschließlich der Inszenierung. »Das ist eine tolle Idee«, säuselte ich in das Mikrophon, »aber gerade um diese Zeit joggt Professor Beuys wie jeden Morgen ums Haus, um fit zu bleiben. In einer guten halben Stunde ist er wieder hier!«. Zu der Zeit war die Sendung natürlich längst vorüber. – Schwitz! – Das ging gerade noch einmal gut. Ein Pressesprecher muss sich eben auch gut herausreden können, gerät er einmal in die Klemme. – Meister Beuys jedenfalls amüsierte sich königlich über die Geschichte.
Als Öffentlichkeitsarbeiter, PR-Clown und Hofnarr stand ich unter einem permanenten Erfolgszwang. Dies trieb mich von Höhepunkt zu Höhepunkt, und jeder Gipfel musste höher sein als der zuvor erklommene. Ich brannte wie eine Zündschnur. Die Mahnung meiner Freunde, mein Pulver vorsichtiger zu verschießen, erreichte mich nicht.
Aufgrund der Vielzahl der Ereignisse und Aktionen war ich extrem aufgeputscht und fühlte mich wie ein Tänzer auf dem Vulkan des Zeitgeistes. Von früh bis spät hüpfte ich wie ein aufgezogener Roboter zwischen den verschiedenen Büros umher, in denen ich Mitarbeiter hatte, die alles umsetzen mussten. Dabei war mir stets bewusst, wie hauchdünn das Eis war, auf dem ich meine Pirouetten drehte. Da ich kein Freund von ausgefeiltem Taktieren und Schleimen war, das direkte Wort und die ehrliche Aussprache bevorzugte, entschloss ich mich, mir ein zusätzliches Standbein zu schaffen, das mich von den Launen des Marktes absichern sollte und baute meinen Verlag aus.

Joseph Beuys – mit Fahrrad auf den Stufen des Düsseldorfer Schlossturms, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 019_0073
Wesentlich für den Markterfolg eines Verlages ist nur in seltenen Fällen die Qualität seiner Bücher. Oft sind schon ein fetziger Titel und eine poppige Verpackung bares Geld wert. Diese Erfahrung machte ich, als ich 1985 den ersten esoterischen Stadtführer der Welt ersann. Die Idee für dieses ausgefallene Projekt entstand an einem sonnigen Nachmittag, den ich mit meinem Mitstreiter Michael Scharna an der Havel verlebte.
Wir freuten uns des prächtigen Wetters, rauchten ein wenig Gras, träumten den vorüberziehenden Booten nach und plauderten über den aktuellen Trend, der in jenen Tagen deutsche Lande in Bann schlug. Es ging um das Boomen von Wahrsagern, Hellsehern und Heilern, die Stadt und Land überschwemmten.
»Lass uns ein Telefonbuch mit Interviews und Fotos von all diesen Typen zusammenstellen«, schlug ich vor und wusste im gleichen Augenblick. Dieses Stadtadressbuch musste »Berlin okkult« heißen, und es sollte Joseph Beuys gewidmet sein, der mich bei der Zusammenarbeit an den Hirschdenkmälern zu mehr Verrücktheit und Originalität motiviert hatte.
Um die Idee vorab zu testen, setzte ich mich noch in der gleichen Nacht an mein Telefaxgerät. Diese seinerzeit von Redaktionen gern genutzten Geräte sind mittlerweile nur noch in Museen zu bestaunen. Mit Hilfe eines Lochstreifens konnten Texte an eine beliebige Zahl von Empfängern versandt werden. Ich verfasste einen schmissigen Werbetext, schickte ihn an einige hunderte Zeitungsverlage und kündigte das Erscheinen des Stadtführers »Berlin okkult« an. Die Resonanz war überwältigend!
Nahezu alle angeschriebenen Redaktionen vom »Spiegel« bis zum »Börsenblatt des deutschen Buchhandels« druckten ohne Rückfrage oder weitere Prüfung die Meldung ab, so als hätten sie nur darauf gewartet. Das Thema lag offensichtlich voll im Trend. Vielleicht lag es am Halleyschen Kometen, der Ende April 1986 mit Supergeschwindigkeit auf die Erde zu (und auf einer elliptischen Bahn wieder zurück in die Weiten des Weltraums) raste und bereits im Vorfeld ein wildes Lamento heiliger Hannahs über das Ende der Welt auslöste?
Das auf die Presseberichte folgende monströse Leserecho schlug alle Rekorde. Nach wenigen Tagen türmten sich insgesamt 32.000 Bestellungen aus dem Handel und von Privatleuten auf meinem Schreibtisch. 32.000 Leute wollten »Berlin okkult« besitzen und lesen! In meiner gesamten Laufbahn habe ich nie wieder einen solch spontanen Blitzerfolg eines Einzeltitels erlebt, der lediglich als lokale Neuerscheinung angekündigt wurde. Heute noch beeindruckt mich der Sturm der Ereignisse, der mit einer einzigen kurzen Telex-Meldung losgetreten wurde.
Zunächst einmal schuf diese Bestellflut ein echtes Problem. Denn der durch meine Pressenotiz gepuschte und stark vorbestellte Titel existierte bislang nur in der Phantasie. Es war noch keine Zeile geschrieben, kein Foto geschossen worden. Mir war nur verschwommen klar, was in dem Buch stehen sollte, und mir wurde massiv mulmig im Magengrund.
Verzweifelt rief ich Beuys an. Joseph schmunzelte über die Geschichte und meinte, nun müsse ich halt ran und das Buch liefern. »Mach es einfach«, posaunte er mir ins Ohr, und ich tat es.

Als Hommage an Joseph Beuys entstand im Frieling-Verlag 1985 der Bestseller »Berlin okkult«
Blitzschnell wurde Material für ein 96-seitiges Taschenbuch zusammengetragen, recherchiert und geschrieben. Wir tippten die Texte sauber mit einer Typenradmaschine in Blocksatz auf Bögen, die zuvor mit einem Rahmen aus Letraset-Reibefolie verziert worden waren. Parallel dazu wurden aktuelle Fotos geschossen. Einem jungen Mädchen mit besonders ausdrucksstarken Augen wurde ein Tuch umgelegt und ein Tablett mit zwei Kerzen und einem Totenkopf in die Hand gedrückt, den sie dem Betrachter entgegenstreckte. Damit entstand das unheimliche Porträt einer jungen Hexe. In jedem Keller zwischen Kreuzberg und Charlottenburg schien es plötzlich Hexenbeschwörungen und schwarze Messen zu geben.
Die halbe Stadt schien außerdem Beziehungen mit Außerirdischen zu pflegen. Auf einem unserer Fotos dokumentierten wir eine betagte Berlinerin, die mit Kopfhörern vor einem Kurzwellenradio hockte, über das sie in Kontakt mit Verstorbenen trat. Es meldeten sich Frauen, die sich von Ufo-Besatzungen geschwängert glaubten und schworen, von der Venus zu stammen. Hobbymaler fielen in Trance, während ihnen Geister aus anderen Sphären die Hand führten und ausgefallene Bilder zu Papier brachten, die geheimnisvolle Schutzengel und Wohnhöhlen der Fabelwesen zeigten.
Eine Fotografie zeigte einen indischen Heilslehrer mit Turban und weißem Bart, der im Lotussitz auf einem Tisch thronte und hunderten Jüngern predigte. Alles war wahr, wirkte aber erst in der Zusammenschau richtig.

Der heute in Costa Rica lebende Bildjournalist und Autor Michael Scharna leistete wesentliche Arbeit an »Berlin okkult«
Das gestern noch links und antiautoritär eingestellte Westberlin sehnte sich plötzlich nach spiritueller Erlösung. Sekten, Glaubensvereinigungen und Freikirchen schossen wie Krokusse in der Frühlingssonne ans Licht. Wir veröffentlichten alle Adressen und Angebote, derer wir habhaft wurden. Gemischt wurden diese Informationen und Berichte mit historischen Stichen und Zeichnungen. So entstand ein lebendiger Stadtführer, der den Eindruck vermittelte, er führe den Leser tatsächlich geradewegs in die esoterische Gegenwelt der Stadt.
Durch den Erfolg bei »Rock-City« angespornt, wurden zusätzlich noch Anzeigen besorgt. Wir gewannen Magier, Kartenleger und Astrologen, die neue Kunden suchten und bereitwillig für viel Geld ganzseitige Anzeigen in dem auflagenstarken Branchenführer schalteten. Schnell fanden sich Leute, die in Berlin Internationale Astrologietage veranstalten wollten und unser Medium als Werbeträger nutzten, um Berlins Internationales Kongresszentrum ICC zu füllen.
Über Nacht wurde das Buch schließlich in einem Moabiter Großbetrieb gedruckt und gebunden. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und machte mich aufgrund der schnellen Produktionsweise von insgesamt knapp vier Wochen auf heftige Kritik gefasst. Doch Frechheit siegt, und Verlag, Herausgeber und Redaktion wurden mit Lob überhäuft. Vor allem die esoterische Szene war ganz erpicht auf den Titel; allein der Berliner Esoterikbuchhändler Richard Schikowski in der Motzstraße 30 verkaufte im Handumdrehen mehr als tausend Exemplare der Veröffentlichung. – Mein Finanzamt erinnert sich heute noch gern an diese Sternstunde.
Die Freundschaft zu Joseph Beuys hatte sich damit auch in verlegerischer Hinsicht ausgezahlt. Kurz darauf, im Januar 1986, wurde ihm der Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg verliehen.
Nur elf Tage später, am 23. Januar, verstarb der Meister in seinem Atelier am Drakeplatz 4 in Düsseldorf-Oberkassel nach einer Entzündung des Lungengewebes an Herzversagen. Er wurde 64, während ich auf meinen 34. Geburtstag zusteuerte. Seine Asche wurde in der Nordsee beigesetzt.
Joseph Beuys war für mich ein fast väterlicher Freund, der mich bestärkte, meinem Stern treu zu bleiben. Der Schelm hatte wie kaum ein anderer den Schwachsinn unseres Kunstbetriebs verinnerlicht und bewusst damit gespielt, um sich zu verwirklichen. Mein Lebensmotto »Folge deinem Stern« bekam durch dieses Ausnahmetalent neue Nahrung und prominente Unterstützung. Dafür bleibe ich ihm dankbar und verbunden.
entstammt
meiner Lebensabschnittsgeschichte

Klaus Stuttmann, einer der besten zeitgenössischen deutschen Karikaturisten, bringt das vermeintliche Ende der Corona-Krise auf den Punkt: Es gibt wieder Toilettenpapier!
Hurra! Es regnet wieder Klopapier. Turmhoch stapeln sich in den Regalen der Supermärkte die weißen Rollen. Damit wird deutlich: Das mordlustige Corona-Virus hat sich augenscheinlich zurückgezogen. Das böse Virus hat sich vielleicht sogar ergeben oder belauert das Geschehen aus den Augen der Infizierten. Doch wen interessiert jetzt noch ein unsichtbares Virus? Wir sind Deutschland. Wir haben wieder Arschtapete im Überfluss. HIER geht es weiter →
Seit Monaten steckt ein Virus mit dem futuristischen Namen SARS-CoV-2 Millionen Menschen in ein Gefängnis sozialer Abgeschiedenheit. Vor allem bei älteren Menschen verstärkt der Hausarrest Gefühle von Alleinsein, Einsamkeit und Niedergeschlagenheit. Die heimische Wohnung wird manchem zur Kerkerzelle, deren Maße lediglich Ausflüge vom Sofa zum Schlafzimmer und von der Küche zum Bad gestatten. Als besten literarischen Beitrag zu diesem Thema habe ich das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke aufgezeichnet. HIER geht es weiter →

Kreativ-Künstler Moritz R. und Anja G. verstehen auch den Jahreswechsel 2020/21 als künstlerischen Event und feiern mit Masken gerüstet die Eröffnung ihrer neuen Online-Galerie chakchak.deSchrittweise möchte die Weltbevölkerung wieder zurückkehren in das Alltagsleben vor dem Angriff des unsichtbaren Corona-Virus. Allerdings gibt es weder Schutzimpfungen noch Schutzkleidung. Es fehlen Handschuhe und vor allem geeigneter Mundschutz. Nicht einmal für diejenigen, die unmittelbar mit den Erkrankten und Sterbenden zu tun haben, gibt es Schutzkleidung. HIER geht es weiter →
