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Dr. Hunter S. Thompson interviewt Prinz Rupi

April 19, 2007
by Ruprecht Frieling
Gonzo, hunter s thompson, interviews, Journalismus, Künstlergespräche
98 Comments
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Gonzo-Journalisten bei der Arbeit. Ungewöhnlich: Wer bei seinen Kollegen die meisten Läuse entdeckt, darf den Aufmacher der nächsten Ausgabe schreiben. Foto: © Prinz Rupi

 

Dr. Hunter S. Thompson, legendärer Begründer des »Gonzo-Journalismus« und in den USA als Superstar gefeiert, führte kurz vor seinem Freitod ein Gespräch mit Prinz Rupi.

 

»Bloggen ist Gonzo!«

Hunter S. Thompson interviewt Prinz Rupi

 

Hunter S. Thompson: Dein Blog ist echt Gonzo. Wie heißt das Teil noch gleich?

Prinz Rupi: »PRINZ RUPI«

Hunter S. Thompson: Werde wohl nie vergessen, wie ich Dich damals im Flieger kennen lernte. Wir sollten für irgendwelche gut zahlenden Glitzermagazine über den America´s Cup aus Valencia berichten. Du hattest eine ganze Menge von diesen wundervollen purpurnen Pillen dabei.

Prinz Rupi: Es ging um berühmte Segelboote und einen wichtigen Pokal.

Hunter S. Thompson: ich glaube, es war Psilocybin. Das Zeug wurde gerecht geteilt, und wir gaben uns die Kante. Es war ein infernalisches Farbenfeuerwerk, ich weiß nicht mehr, wie wir überhaupt aus dem Flugzeug gekommen sind. Jedenfalls erwachten wir im Hotel. Hostessen bemühten sich um uns. Später gab es Streit, weil der Verlag die Spesenrechnung monierte.

Prinz Rupi: Wir sollten über diese komische Regatta schreiben.

Hunter S. Thompson: Es sollte eine echte Gonzo-Reportage entstehen, mit einzigartigem Blick auf die Ereignisse. Wir nahmen ein Schlauchboot, um an eine dieser messerscharfen Yachten heranzuschleichen und »Fuck the Pope« auf den Rumpf zu sprayen. Am nächsten Tag hätte jeder diesen Spruch lesen können, nur die Mannschaft hätte nichts bemerkt. Das war die Idee für unsere Story.

Hunter S Thompson Buch

Prinz Rupi: Von Regatten verstanden wir überhaupt nichts, und auf ein Boot hatten wir uns auch noch nie zuvor getraut.

Hunter S. Thompson: Aber ich habe es geschafft, das Schlauchboot zu Wasser zu lassen und uns damit in den Hafen zu rudern. Nur gut, dass wir mexikanisches Gras dabei hatten, das ersetzte das fehlende Nachtsichtgerät.

Prinz Rupi: Diese Luxusyachten glitzerten wie silberne Zigarren und wurden bewacht wie Fort Knox.

Hunter S. Thompson: Wir kamen bis an den Rumpf eines Seglers. Du warst für den künstlerischen Teil zuständig und musstest die Sprayflaschen schütteln. Überall waren Scheinwerfer und Wächter, aber keiner rechnete mit einem Angriff von der Seeseite.

Prinz Rupi: Die Kugel in der Farbdose klapperte mächtig …

Hunter S. Thompson: … und als Du dann zu fluchen begannst, weil die Farbe beim Ausströmen auch noch zischte, wurden die Typen auf uns aufmerksam und fingen an, wie wild zu brüllen. Im Scheinwerferfeuer bin ich um unser Leben gerudert. Jeden Augenblick dachte ich, sie ballern uns ab.

Prinz Rupi: Wir Journalisten machen einen echt gefährlichen Job.

Hunter S. Thompson Rolling Stone

Hunter S. Thompson: Zur Beruhigung haben wir schnell noch einen Joint durchgezogen. Dann habe ich Dich in den nächsten Flieger gesetzt, damit Du außer Landes fliehen konntest. Schließlich hatten sie uns erkannt und wollten uns ans Leder. Ausgenüchtert hast Du daheim einen saustarken Life-Bericht über das America´s Cup fabriziert, als ob Du erster Steuermann warst.

Prinz Rupi: Das war voll Gonzo!

Hunter S. Thompson: Derweil musste ich mich um meine Kandidatur zum Sheriff von Aspen, Colorado, kümmern. Ich ließ mir eine Glatze schneiden, um meinen widerlichen republikanischen Herausforderer einen »langhaarigen Hippie« nennen zu können. Fast wäre ich sogar gewählt worden.

Prinz Rupi: Cool! Du hättest es voll verdient.

 

BONUS: ALLES ÜBER GONZO-JOURNALISMUS

 

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Generation Gonzo und New Journalism

April 19, 2007
by Ruprecht Frieling
hunter s thompson, Journalismus, Prinz Rupi
22 Comments

Logo des Gonzo-Journalismus

Logo des Gonzo-Journalismus

Aus der literarischen Tradition der »Beat Generation« wuchs mit der Hippie-Bewegung das Bestreben engagierter Schreiber, neue journalistische Formen auszuprobieren, die unmittelbarere Ausdrucksformen gestatteten und den Leser stärker zu fesseln vermochten. Das ist der »New Journalism« der Generation Gonzo.

Tom Wolfe begründete den »New Journalism« mit seiner Geschichte über »Das bonbonfarbene tangerin-rot-gespritzte Stromlinienbaby«. Truman Capote, Norman Mailer, Gay Talese und Hunter S. Thompson sind weitere weltberühmte Vertreter des Stils.

Wesensmerkmal des »Neuen Journalismus« ist ein extrem subjektiv geprägter Reportagestil, der gern Randfiguren zu Hauptdarstellern macht und Themen aus einem völlig unerwarteten Gesichtswinkel beleuchtet. In seiner Geschichte »Frank Sinatra ist erkältet« versucht beispielsweise Gay Talese, wochenlang an den bekannten Sänger heranzukommen, was aber immer wieder daran scheitert, dass Sinatra tatsächlich erkältet oder einfach schlecht gelaunt ist. Stattdessen erfährt der Leser Erstaunliches über Freunde und Umfeld von Sinatra und seinem Milieu.

Ähnlich arbeitete Hunter S. Thompson, der erklärte Anarchist des »New Journalism«. Er nannte seine Form des Schreibens »Gonzo-Journalismus«, wobei das Adjektiv »gonzo« für bizarr, verrückt, hemmungslos und schräg steht. Monatelang lebte er unter »Hells Angels«, um ein Buch über sie zu schreiben. Er ging stets voll in seinem Thema auf, er nahm Recherche wichtig und versuchte, mit dem jeweiligen Milieu eins zu werden.

Zum Symbol wählte Thompson die Gonzo-Faust, eine zur Faust geballte Hand mit zwei nach innen zeigenden Daumen, die eine Peyote-Kaktee halten. Daraus wurde dann der Begriff der Generation Gonzo.

In seiner vielleicht bekanntesten Geschichte »Das Kentucky-Derby ist dekadent und degeneriert« besucht er mit einem britischen Zeichner das berühmte amerikanische Derby, um das feiste und verlogene Amerika zu beschreiben. Die Story verläuft turbulent, die Pferde sieht der Berichterstatter überhaupt nicht, da er meistens die VIP-Bar plündert. Er beschreibt, wie einige tausend volltrunkene Trottel »schreien, heulen, kopulieren, sich gegenseitig niedertrampeln und sich mit zerbrochenen Whiskeyflaschen angreifen«. Schließlich versprüht er eine Dose Kampfgas, was zu einem infernalischen Tohuwabohu führt. Dabei ist die vermeintliche Leichtigkeit, mit der die Geschichte daherkommt, Teil der Kunstfertigkeit des Autors und seiner Fähigkeit, sich selbst in seinen Texten zu inszenieren.

Beim Gonzo-Journalismus handelt es sich um einen unverwechselbaren Reportage-Stil, der auf William Faulkners Überzeugung basiert, die beste Dichtung sei weitaus wahrer als jede Art von Journalismus. Der im deutschen Sprachraum anspruchsvollen Journalisten als literarischer Maßstab dienende »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch dachte ähnlich über dieses Thema und schrieb: »Nichts ist verblüffender als die Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts fantastischer als die Wirklichkeit.«

Damit sei nun keinesfalls gesagt, dass Dichtung notwendigerweise »wahrer« als Journalismus ist – oder umgekehrt – sondern, dass es sich sowohl bei »Dichtung« wie bei »Journalismus« um künstliche Kategorien handelt; und dass beide Formen in ihren Sternstunden nur zwei verschiedene Mittel zum selben Zweck sind. Belege für diese Sternstunden des Genres liefert die ultimative Sammlung der legendären Gonzo-Papers, die inzwischen auf Deutsch vorliegt und Thompsons beste Artikel aus vier Jahrzehnten unermüdlichen Kampfes gegen Dummheit, Bigotterie und Korruption präsentiert.

Thompson ist Vorbild gesellschaftskritischer Autoren, die sich für das Verschmelzen von literarischen und journalistischen Stilelementen starkmachen. Er wurde zum Outlaw, weil er die klassischen Werte des »good old America« verhöhnt und zu einem der letzten Freiheitshelden, der sich mit Mitteln von Sprache und Stil gegen Vermassung und Verblödung wehrt und als kreativer Unruhestifter stets im Mittelpunkt seiner eigenen Geschichten steht.

»Echte Gonzo-Reportage«, schreibt Thompson, »erfordert die Talente eines Meisterjournalisten, das Auge eines Künstlers/Fotografen und den Mumm eines guten Schauspielers«. – Dieses Buch liefert auf 574 Seiten den Beweis für seine Meisterschaft.

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