
Schreiben schenkt Freude: Autorin Janina Venn-Rosky arbeitet an ihrem unterhaltsamen Roman »Der Hühnerflüsterer, meine Oma & ich« Fotos: © Ruprecht Frieling
Janina Venn-Rosky ist sich in einem Punkt ganz sicher: Milliardärs-Romanzen schreibt sie auch künftig nicht. Die Verfasserin britisch angehauchter Liebesromane lebt ihren Traum vom Schreiben auf englische Art: Sie trinkt Tee und genießt auch die Amouren ihrer Titelhelden mit Gelassenheit und Augenzwinkern.
High Tea im Hause Venn-Rosky. Auf dem Tisch steht eine dreistufige Etagere mit Köstlichkeiten: Dreieckige Sandwiches mit Lachs, Scones, Erdbeermarmelade und hausgemachter Clotted Cream, ein Streichrahm aus Kuhmilch, erwarten den Gast. Dazu wird schwarzer Tee gereicht: Duftiger Darjeeling und kräftiger Assam heben den Genuss.
Janina Venn-Rosky ist vorbereitet. Schließlich schuldet sie ihrem Image als »Teeprinzessin«, zu der ich sie als leidenschaftlicher Teetrinker geadelt habe, den entsprechenden Lebensstil.
Aber wie kam sie eigentlich auf den England-Trip?
Nach einem vierwöchigen Au-pair sowie Jobs in Teeläden verliebt sich die im Sternzeichen Zwilling am 12. Juni 1976 in Kiel geborene Janina Hals über Kopf in die englische Kultur. Ihre beste Freundin zieht nach London. Da ist es endgültig um die junge Frau geschehen.
Ein Studium der Anglistik und Kunstgeschichte ist der konsequente nächste Schritt. Seitdem liest sie die Klassiker von Jane Austen ebenso wie die Romane ihrer aktuellen Lieblingsautorinnen Kathleen Tessaro und Mhairi McFarlane im Original.
Janina gießt goldfarbenen Tee ein und lädt zum Verkosten der Köstlichkeiten ein. Sie wirkt dabei durchaus britisch: aufrecht sitzend, rötlich angehauchtes schulterlanges Haar, das meistens hinter die Ohren gesteckt ist, ein Porzellanteint mit Sommersprossen, in rosa, gelb, himmelblau und andere Alabasterfarben gekleidet, dabei stets ein klein wenig spitzbübisch lächelnd. Kein Wunder, dass auch ihre selbst entworfenen farbenfrohen Buchcover distinguiert Britisches ausstrahlen.
Schon als Schülerin will Janina Venn-Rosky Schriftstellerin werden. Unter der Schulbank schreibt sie heimlich gemeinsam mit einer Freundin eine Hanni-und-Nanni-Persiflage. Angeregt durch die Lektüre der Abenteuerromane von Enid Blyton, Astrid Lindgren und Jules Verne verfasst sie im zarten Alter von zehn Jahren das verschollene Kriminaldrama »Der Handschuh«. Als Mitglied eines Detektiv-Clubs hockt sie mit zwei Jungen, bewaffnet mit Schnick-Schnack aus Yps-Heften, im Gestrüpp und wartet darauf, dass vor ihren Augen ein Verbrechen geschieht, das sie dann aufklären können …
Angeregt zum leidenschaftlichen Lesen und kreativen Schreiben wird sie von ihrer Deutschlehrerin. Mit ihr und zwei weiteren literaturbegeisterten Freundinnen geht sie ins Theater, trifft sich abends in der Kneipe, diskutiert Hölderlin, verschlingt »Narziß und Goldmund« von Hermann Hesse und Goethes romantische »Leiden des jungen Werther«. Zum Abitur überrascht sie gemeinsam mit drei Schreibfreundinnen ihre Mitschüler mit einem Theaterstück, das gespickt ist mit Aussprüchen von Lehrern und anderen wichtigen Philosophen. Im Sinne der Dichtkunst des Sinnvollen und Zwecklosen heißt das Stück »Zweck und Losigkeit«.
Die Teeprinzessin schenkt nach. Zum Glück kenne ich die Regeln der englischen Tea Time insoweit, als ich weiß: sich selbst nachzuschenken gilt als Taktlosigkeit. So lehrt es zumindest Anna, 7th Duchess of Bedford, die im frühen 19. Jahrhundert die Kunst der Teestunde einführte. Nach weiteren Häppchen aus der Etagere finden wir zu Janinas Lebenslauf zurück.
Auf Kiel folgt nach zwei Jahren in Hamburg ein Studium in Textildesign. »Die kreative Arbeit war mehr mein Ding als die Wissenschaft«, kommentiert Janina Venn-Rosky, die diese Ausbildung mit dem sperrigen Titel »Diplom-Industriedesignerin Fachrichtung Textil« 2003 erfolgreich abschließt. Im Studium lernt sie ihren jetzigen Mann kennen, er ist das geeignete »Heiratsmaterial«. Inzwischen haben die beiden zwei süße Kinder.
Gemeinsam mit dem Schwiegervater erarbeitet die Autorin ein Farbwörterbuch, Planungshandbücher für Gestalter und Einrichtungsratgeber für einen Baumarkt. Es sind dicke, sorgfältig recherchierte und liebevoll layoutete Bücher zu Wohn- und Arbeitswelten. Bis heute produziert sie jährlich einen derartigen Wälzer. Text und Bildrecherche beanspruchen sie jeweils volle vier Monate und verdienen die Butter auf den Sandwiches.
Respektvoll nehme ich die dicken Wälzer in die Hand. Aus eigenem Erleben weiß ich, wie anstrengend die Produktion derartiger Sachbücher ist. Dies bewältigt nur, wer fleißig ist, äußerst strukturiert vorgeht, und diszipliniert schreibt. Das Schreiben von Romanen ist dagegen fast ein Befreiungsschlag.

»Die Fee im Absinth« heißt der Erstling von Janina Venn-Rosky
Fünf Jahre schreibt Janina Venn-Rosky als kreativer Ausgleich an »Die Fee im Absinth«. Als der Roman endlich fertig ist, bittet sie ihren Mann, das Werk zu lesen. Auch die Freundin in London und zwei alte Schulfreundinnen werden als Testleserinnen gewonnen. Der Mann der einen bekommt das Manuskript in die Finger und meint zu seiner Frau, wenn sie »so etwas« geschrieben hätte, würde er sich von ihr scheiden lassen. Männer verschrecken kann Janina mit ihrem Werk offensichtlich ganz gut.
Von diesem erschrockenen Leser abgesehen, findet ihr Manuskript Zuspruch. Den Stress, Verlage anzuschreiben, erspart sich die Autorin. Aufgrund ihrer Ausbildung gelingt es ihr bei ihrem Erstlingswerk mithilfe ihrer Testleser auch ohne Lektoren, Korrektoren und Gestalter, eine erstklassige Druckvorlage zu schaffen. Bei ihren weiteren Werken greift die Autorin allerdings auf die Hilfe einer Lektorin zurück, die seitdem ihren Manuskripten den letzten Feinschliff verpasst.
2015 veröffentlicht Janina »Die Fee im Absinth« als E-Buch und Paperback über Amazon. Die Leserschaft greift zu und will mehr. Es folgen »Der perfekte Kuss«, »Liebe in Teedosen«, »Kein Tee für Mr. Darcy«, »Sehnsucht nach Teeküssen«, »Happy End mit Honigkuss«, und – als jüngstes Küken im Hühnerstall – »Der Hühnerflüsterer, meine Oma und ich«.

Als Anastasia eines Tages das charmante Tea Time entdeckt, ist sie sofort fasziniert von dem kirschroten Teeladen und seiner temperamentvollen Inhaberin. Aber sie findet nicht nur duftende Tees und gute Freundinnen im Tea Time. Ihr begegnet auch ein ungehobelter Gentleman mit dem Talent, sie immer wieder zur Weißglut zu bringen. Seine funkelnden Bernsteinaugen wollen sie dennoch einfach nicht loslassen …
Gleich morgens, sobald die Kinder in der Schule sind, beginnt die Autorin mit dem Schreiben. Manchmal plottet sie, aber später wird doch alles anders als geplant. Inzwischen sind sieben belletristische Titel aus ihrer Feder lieferbar. Ein Buch pro Jahr, mehr ist wegen der Festaufträge nicht drin. Parallel liest sie Romane von Bestsellerautorinnen, um zu sehen, wie die das machen.
Janina Venn-Rosky sieht sich in der Traditionslinie von Jane Austen. Der Titel »Kein Tee für Mr. Darcy« deutet bereits auf den Protagonisten Fitzwilliam Darcy in Austens »Stolz und Vorurteil« (Originaltitel: Pride and Prejudice), der um Elizabeth Bennet wirbt. »Austen ist eine scharfe und zeitkritische Beobachterin«, erklärt mir Janina, »die betrachtet das Leben auch bei den Teestunden etwas ironischer».
Die Heldin ihres letzten Romans »Happy End mit Honigkuss« ist Autorin und schreibt Liebesromane. Sie lebt ihre Sehnsüchte ausschließlich in ihren Romanen aus. Ansonsten hat sie nach einer Enttäuschung mit dem Thema Liebe abgeschlossen. Findet sie einen Mann attraktiv, dann wird er eben der Held ihres nächsten Romans. Sie schreibt um ihn herum eine Geschichte, und wenn dies abgeschlossen ist, hakt sie den Kerl ab und verschanzt sich weiter in ihrem Elfenbeinturm.
Das bricht dann irgendwann auf, als ein toller Typ vor ihrer Tür steht und sich plötzlich für sie interessiert. Die Heldin macht zwar Stück für Stück eine Entwicklung, zickt aber herum und glaubt nicht an die große Liebe. Das haben einige Leserinnen der Verfasserin übelgenommen. Dass die Protagonistin dem Herrn das Leben schwer macht, mögen sie dann doch weniger gern. Kommt der Traumprinz endlich, und ist dann auch noch nett, dann sollte die Heldin auch sofort in Freudentaumel verfallen und dem armen Mann nicht noch das Leben schwermachen.

Aktiver Einsatz auf Messen und Ausstellungen wie der BuchBerlin macht der Autorin Spaß und bringt sie in Kontakt zu ihren Lesern
Janina Venn-Rosky ist überzeugt: »Es ist für den Autor einfacher, etwas zu beschreiben, wenn man es selbst erlebt hat und insofern nachvollziehen kann oder zumindest Menschen kennt, die entsprechend agieren. Ich verstehe und kenne meine Figuren, identifiziere mich teilweise«.
Reaktionen der Leser wie private Nachrichten oder öffentliche Rezensionen bedeuten ihr viel. Der Self-Publisherin ist wichtig, hinter ihren Büchern stehen zu können. »Deshalb schreibe ich keine Milliardärs-Romanzen. Damit könnte ich mich nicht identifizieren, weil ich daran nicht glaube. Mir würden die Charaktere abhauen.«
Die Autorin ist überzeugt: Die meisten Autorinnen stecken viel von ihren eigenen Romantikvorstellungen in ihre Bücher. Damit werden die Texte überzeugender. Wer diese Art der Unterhaltungsliteratur ablehnt, wird deshalb kaum erfolgreich schreiben können.
Janinas Buchtitel erinnern mich an die Rosenromantik der Meisterin der Liebesschnulze, Rosamunde Pilcher. Darauf angesprochen widerspricht Janina lebhaft: »Pilcher ist kitschig. Romantik und Kitsch sind zwei verschiedene Dinge«.
Aber wie definiert Venn-Rosky Romantik?
»Romantik ist, wenn an die Liebe geglaubt wird. Dass Menschen ihre Träume verwirklichen können. Bei mir sind es Charaktere, die schon einen Bruch erlebt haben und trotzdem romantisch träumen. Romantik war immer da. Mit den Frauen, die ich beschreibe, wäre ich im „wahren Leben“ gern befreundet. Sie suchen ihren eigenen Weg, haben oft einen Bruch in ihrer Biographie wie eine Scheidung, eine gescheiterte Karriere und hegen den Traum von einem besseren Leben.«
Janina knabbert an einem Muffin, überlegt einen Moment und ergänzt dann auf meinen fragenden Blick: »Letztlich sind auch die Milliardärsgeschichten romantisch, wenn auch der Wohlstand den Ausschlag gibt und überzeugt. Damit kann ich mich allerdings nicht identifizieren, weil ich daran nicht selbst glaube«.
Wählt sie lieber Nice Guys als Bad Boys für ihre Romane aus?
»Genau. Die Männer, denen meine Heldinnen ihr Herz schenken, sind nett. Der Mann, in den sich meine Heldin verliebt, versucht nicht, sie klein zu halten, sondern ermutigt sie, ihre Schwingen zu entfalten. Natürlich darf er trotzdem gut aussehen …«
ROMANTIK
Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.
Novalis
Milchwölkchen treiben im Tee. Unterstützt von den Kindern, die gelegentlich hereinschauen und extra ihre Zimmer für den Besucher aufräumen mussten, ist die Etagere weitgehend abgeräumt. Die Straße, an der Familie Venn-Rosky wohnt, ist in abendliches Zwielicht gehüllt. Autoscheinwerfer tasten durch den silbergrauen Nebelfilm, der Berlin umhüllt. Meine Gastgeberin entzündet eine Kerze und schenkt nochmals nach. (Wo bleibt eigentlich der Absinth, Madame Pompadour?)
»Atmosphäre spielt in meinen Büchern eine große Rolle. Meine Romane sollen alle Sinne ansprechen. Es wird mit Leidenschaft gekocht und gebacken, in den Räumen brennen Kerzen, gemütliche Teestunden werden zelebriert, und durch die Räume zieht der Duft von Apfelkuchen. Der Blick für Details ist mir wichtig. Am liebsten mag ich es, wenn Räume lebendig werden und man ganz in ihnen abtauchen kann.«

Auch in diesem Jahr trifft man sie auf der BuchBerlin: Bücherprinz Ruprecht Frieling und Teeprinzessin Janina Venn-Rosky
Teeprinzessin Janina wünscht sich, dass ihre Bücher Wohlfühlorte sind, in denen der Leser eine Auszeit vom Alltag nehmen kann. Am liebsten schreibt sie über Dinge, die ihr selbst am Herzen liegen: über Liebe und Freundschaft, über die Magie kleiner Momente und großer Gefühle.
Langfristig würde sie gern zu einem guten Teil von ihren Romanen leben können. Dabei hat Erfolg in ihren Augen nur bedingt mit Umsatz zu tun. Sie möchte zufrieden sein mit dem, was sie produziert, und es interessiert sie in erster Linie, eine Leserschaft zu finden, die ähnlich tickt wie sie.
»Träume können wahr werden. Denn wenn wir an das glauben, was wir tun, ist alles möglich«, ruft sie mir beim Abschied noch ins Treppenhaus des Mietshauses nach.
Damit läuft sie bei mir offene Türen ein: Mein Motto »Folge deinem Stern« begleitet mich ein Leben lang. Es hat mir ein wundervoll abwechslungsreiches Dasein als Journalist beschert, in dem ich faszinierende Menschen wie Janina Venn-Rosky kennenlernen und interviewen darf.
• Manfred L., der schreibende Leichenflüsterer
• Sarah Baines: Von Schundromanen und Zeitfressern
• Wolf Wondratschek: Roman für nur einen Leser
• Auf einen Kaffee mit Elke Becker
• Elmar Bereuter, Autor der »Schwabenkinder«
• Brunopolik – Blogger, Querdenker, WebARTist, Dada-Nerd
• Auf einen Tee bei Tanja Neise
• Torsten S., der rasende Lokalreporter
„Fahren wir zum Beach-Cub?“ – Elke Becker steigt in ihr funkelndes Mercedes-Kabrio, lässt das Dach automatisch im hinteren Kofferraum verschwinden, setzt eine verspiegelte Sonnenbrille auf, bindet die dunkelbraune Mähne zusammen und drückt das Gaspedal durch. Entlang dem malerischen Stadtstrand von Mallorcas Hauptstadt Palma sausen wir über den Stadtring Via de Cintura auf die Autobahn. Der warme Inselwind zaust in den Haaren. Die Sonne lacht, es ist frühsommerlich warm, an einem solchen Tag hat schlechte Laune keine Chance. HIER geht es weiter →
Autorin Tanja Neise mit Terrier-Hündin Mila. Sämtliche Fotos: Ruprecht Frieling
Auf Buchmessen wird Tanja Neise von Fans erkannt und namentlich angesprochen. – Eine derartige Ansprache berührt das Herz der Schöpferin eines guten Dutzend erfolgreicher Romantic-Fantasy-Romane mehr als Verkaufszahlen und Likes in den sozialen Medien. Diese Reaktionen zeigen der Autorin, wie stark die Bindung der LeserInnen zu ihrem Werk ist, und das schenkt ihr Kraft und Inspiration, neue Ideen zu entwickeln.
»Der Schreibtisch eines Schriftstellers ist ein heiliger Ort, das privateste Heiligtum der Welt, dem Fremde sich nicht ohne Erlaubnis nähern dürfen«, schreibt der US-Erzähler Paul Auster in »Nacht des Orakels«, und tatsächlich umwehen geheimnisvolle Nebel die Arbeitsplätze von Autoren ebenso wie die Ateliers bildender Künstler.
Tanja Neise ist ein offener Typ ohne Starallüren. Sie führt mich in den Keller des Einfamilienhauses, das sie mit Mann, drei Kindern und Terrier-Hündin Mila bewohnt.
Sonnenstrahlen blinzeln durch ein schmales Kellerfenster in einen der Räume. An der linken Wand stapeln sich Bücher in Regalen. Fantasy und Krimi dominieren. Ein apple iMac thront auf einem für den Besucher aufgeräumten Schreibtisch. Hier lässt die Autorin ihren Gedanken freien Lauf. Daneben steht ein Regal mit Tanjas bislang veröffentlichten Werken. Überall liegen Geschenke von Fans.
In eine herzförmige Baumscheibe gravierte eine Leserin »Liebe – das sind wir«, so der Titel eines der jüngeren Neise-Bücher, und schmückte das Präsent mit Kerze, Schleifband und Glückskäfer. In lindgrünem Holzrahmen prangt ein Kastanienblatt an der Wand, das liebevoll mit »Der Orden der Weißen Orchidee«, einem anderen Buchtitel, beschriftet ist. Auch dies stammt von einer begeisterten Leserin, die Tanja Neise zur Lieblingsautorin erkoren hat. Die überwiegende Mehrheit ihrer Leser ist weiblich, erklärt die Schriftstellerin, »aber es sind auch ein paar Männer darunter, wie ich aus Leserbriefen weiß«.
Tanja Neise erblickte 1973 im Sternbild des Schützen das Licht der Welt. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie im Saarland. Dann zog die Familie weiter, die Eltern waren Hoteliers, ein Ortswechsel normal. Eine geheimnisvolle Urgroßtante faszinierte das Mädchen, diese besprach Warzen und wäre Jahrhunderte früher wohl als Hexe verbrannt worden. Die magische Aura der alten Dame prägte die Autorin nachhaltig.
Nach schwerer Kindheit jobbte Tanja, brach vieles auch wieder ab, absolvierte eine Ausbildung zur Finanzwirtin, landete beim Finanzamt (was ihr heute nutzt) und suchte dabei stets nach ihrem Stern. Nie war sie richtig glücklich, bis sie schließlich das Schreiben und Veröffentlichen für sich entdeckte. »Jetzt kann ich sagen, ich bin angekommen. Ich bin zufrieden.« Mit dieser Aussage ist auch ihre Definition von Erfolg verbunden. Sie orientiert sich beim Schreiben nicht an Auflagen und Honoraren. Wichtig ist ihr »das Ankommen, das Da-Sein. Wo ich viele Jahre hinwollte, ohne es genau zu wissen«.
Das Schreiben begleitete Tanja von Jung an. Es begann mit Einträgen ins Poesiealbum. Tagebuchaufzeichnungen, Besinnungsgedichte, Artikel in der Schülerzeitung folgten. Dann kam es zu einer Atempause bedingt durch Ausbildung und Beruf. Sie konzentrierte sich aufs Lesen, verschlang alles, was sie in die Finger bekam. Angefangen bei »Denise«-Heften (ab 1984 bis 2006 vierzehntägig erscheinende Happy-End-Romane für Teenies aus dem Cora-Verlag, R.F.) über Karl May, dem »Trotzkopf« in Fraktur und Pferdebüchern bis hin zu Heinrich Böll, Stephen King und J.R.R. Tolkien – vor dem Lesehunger der jungen Frau war kein Buch sicher.
Im September 2012 begann sie mit ihrem ersten Roman, dem »Orden der weißen Orchidee«. Vom Self-Publishing hatte Tanja Neise bislang noch nichts gehört, sie schrieb einfach drauflos. Ausgangspunkt war eine schwere Erkrankung. Ihr Mann motivierte sie, nach dem vielen Lesen selbst etwas zu Papier zu bringen. Als ihr Jüngster in den Kindergarten kam, hatte sie keine Ausrede mehr.
Damals nutzte sie auch noch keinen PC, mit Bleistift schrieb sie die ersten Kapitel in ein Schulheft ihres Sohnes. Später bekam sie einen Mini-PC, in den sie alles tippte. In einer Computer-Zeitschrift entdeckte sie eine CD mit 500-Klassiker-Romanen. Damit begann eine neue Ära, das Zeitalter des elektronischen Lesens auf einem Tablet. Schnell wurde ein Kindle angeschafft und begeisterte die leidenschaftliche Leserin.
Anno 2013 veranstaltete die Veröffentlichungsplattform Neobooks einen Wettbewerb. Sebastian Fitzek war Schirmherr und sorgte für Aufmerksamkeit. Tanja lud eine Kurzgeschichte hoch und lernte darüber andere Self-Publisher kennen: Karina Reiß, Axel Hollmann und Marcus Johannus. Die vier waren die Top-Downloads der Plattform und begannen, sich auszutauschen. Es entwickelte sich eine Freundschaft. Karina liest seitdem als Erste Tanjas neue Manuskripte und hilft als kritische Leserin. Danach erst darf Michael Neise in den Text schnuppern.
Für die Rohfassung ihres ersten Romans brauchte die Autorin länger als ein Jahr. Dabei entstand ein Blog, in dem sie ihre eigene Entwicklung als Autorin beschrieb, das Innerste nach Außen kehrte und damit Leser fand und band. Tanja wollte keine Klinken putzen. Sie hatte keinen Mut, Literaturagenten anzusprechen, hielt sich nicht für gut genug. Schließlich lud sie das fertige Manuskript bei Amazon hoch und beobachtete aufgeregt die Ergebnisse. Das Buch wurde gekauft, bald schon gab es Nachfragen zu Taschenbüchern! Die Verkäufe liefen täglich besser. Ihre Fieberkurve stieg.
Tanja bekam einen „Kindle-Deal“, mit dem der Titel sichtbarer platziert wurde. Über Nacht schoss „Der Orden der weißen Orchidee“ in die Top Ten. Dadurch wurde A-Pub, der Verlag von Amazon, auf die Autorin aufmerksam. Der Verleger rief sie an und nahm sie unter Vertrag. Tanja bekam Oberwasser und unterschrieb gleich einen Vertrag für den zweiten Teil des „Orden“. Umsatzmäßig bewegte sich der Titel von nun an spürbar. War sie vorher in der Midlist, ging der Titel hoch und verkauft sich seitdem »wie geschnitten Brot«.
Seitdem ist Tanja Neise aus der Autoren-Szene nicht mehr wegzudenken. Auf der letzten Leipziger Buchmesse übernahm sie die Regie für die »Autorenherzen« und durfte deshalb gleich auch deren Stand aufbauen. Die Gruppe sammelt zwanzig erfolgreiche Autorinnen, darunter Marah Woolf, Sarah Saxx, Michelle Schrenk, Anja Saskia Beyer, Mila Summers, Hannah Siebern. Außerdem ist Tanja Neise seit 2015 in einer Schreibgruppe aktiv, wo Texte eingehend diskutiert werden. Sie macht Lesungen, gibt Interviews und freut sich, wenn sie auf öffentlichen Veranstaltungen angesprochen wird. »Man fühlt sich wie ein kleiner Promi, und es ist ein ganz schöner Kulturschock, wenn man wieder nach Hause kommt und den Geschirrspüler ausräumen darf«, lacht sie.
Tanja Neise schreibt Romantic Fantasy. Dieser Mix aus Romance und Fantasy ist ein klassisches Genre. In ihrem Erstling „Der Orden der weißen Orchidee“ geht es um eine Zeitreise, und das Anwesen, in dem ihre Protagonistin Marie eine geheimnisvolle Botschaft ihrer Großmutter findet, ähnelt dem Anwesen von Tanjas Urgroßtante. Streng genommen handelt es sich um Time Travel Romance.
Neise war eine der Ersten, die das Stichwort Zeitreisen einbaute. Auch die Amerikanerin Diana Gabaldon veröffentlichte eine siebenteilige »Feuer-und-Stein-Highland-Saga«, die millionenfach verkauft wurde. Die Reihe ist allerdings geschichtslastig, sie bleibt auch in den jeweiligen Zeiten. Tanja hingegen macht es ihren beiden Protagonisten schwer, sie reisen aus Versehen in unterschiedliche Dimensionen und finden sich erst im zweiten Band wieder.
Die Sonne ist untergegangen. Tanja bereitet eine Kanne Tee. Jetzt sitzen wir in ihrer kleinen Küche. Als Familie Neise das Eigenheim vor den Toren Berlins bezog, gab es kaum Nachbarn. Mittlerweile ist alles bebaut. Der Moloch Berlin wächst unerbittlich und dehnt sich aus. Dennoch ist es sehr viel ruhiger und angenehmer, in einem Vorort zu wohnen als in der Stadt. Nachbarn kennen und grüßen sich. Über die Kinder entstehen neue Kontakte, und es gibt jede Menge Natur in greifbarer Nähe.
Wie steht es eigentlich mit einem Lektor? – Tanjas erste und wichtigste Lektorin ist ihre Freundin, die Grundschullehrerin und Autorin Karina Reiß. Anfangs gab es Probleme mit alter und neuer Rechtschreibung, vor allem mit ellenlangen Worten. Leser monierten, Worte seien falsch geschrieben, obwohl es dudengerecht war. Heißt es der oder das Überraschungsmoment?
„Als Autor überliest du deine Fehler, darum braucht es unbedingt ein kritisches Lektorat und Korrektorat“, weiß Tanja Neise. „Neulich habe ich Bücher einer sehr bekannten Autorin gelesen, deren Bücher auf Deutsch bei HarperCollins erscheinen, und da war ich erstaunt über die Menge an offensichtlichen Fehlern, die nicht korrigiert wurden. Von einem Verlag hätte ich da eigentlich mehr erwartet.“
Ihre in den Amazon-Verlagen 47thNorth und Montlake Romance erscheinenden Bücher bekommen zusätzlich einen eigenen Lektor und einen Korrektor. Da ihre Manuskripte gut vorbereitet sind, genügt ein Lektoratsdurchgang. Bei vielen anderen Autoren sind zwei erforderlich, einige bekommen sogar ein Entwicklungslektorat. Das macht aber nur dann Sinn, wenn man plottet, die Romanhandlung also vorher strukturiert hat und danach schreibt.
Tanja Neise schreibt ihre Geschichten, wie sie ihr aus der Feder fließen. Zeitreisen als nicht-plottende Autorin zu verfassen, findet sie anstrengend. Deshalb verfasst sie gern mal zwischendurch einen Liebesroman, das geht fix. „Dabei musst du nicht viel bedenken, es schreibt sich leichter.“
Tanja schreibt morgens und abends, oft schon vor dem Frühstück. Vor allem am frühen Morgen geht sie unbelastet an den Text. Ihren Stoff hat sie im Kopf. Statt zu plotten, zeichnet sie Organigramme und macht sich Stichworte zu Kleidung und Verhaltensweisen ihrer Figuren. Erklärtes Tagesziel ist, 2.000 Worte zu erreichen.
Die Schriftstellerin versteht sich als Hybrid-Autorin. Da sie keine Marketing-Expertin ist, sind für sie die Verlags-Einnahmen am wichtigsten. Bei Facebook hat sie bislang ein, zwei Anzeigen geschaltet, ein Erfolg war nicht erkennbar. Sie weiß, dass sie mehr werben müsste und verfolgt Laura Newmans Blogbeiträge, die detailliert auflisten, was Werbung ihren Büchern gebracht hat.
Tanja, wie siehst du die Entwicklung des Marktes? „Er teilt sich zunehmend in zwei extreme Lager. Auf der einen Seite steht der professionell gemachte Text. Auf der anderen Seite kommen Titel hoch, die in ihrer Niveaulosigkeit an Schwachsinn grenzen.“
Stichwort Self-Publishing als Müllhalde? „Ich kann nachvollziehen, dass es vielen Autoren inzwischen fast peinlich ist, Self-Publisher zu sein. Deshalb versuchen immer mehr anspruchsvolle Autoren, die nicht das Glück haben, in die Bestsellerlisten zu kommen, ein Verlagslabel zu bekommen, um sich abzuheben.“
Noch einmal zur eingangs gestellten Frage nach dem Erfolg. Für Tanja Neise zählt, wenn ihre Leser zufrieden sind. Sie hält sich nicht für besonders erfolgreich, kann aber gut davon leben, das normale Gehalt ersetzen und Rücklagen bilden. Damit zählt sie zur guten Mittelschicht der deutschsprachigen Self-Publisher.

Im Kreise lieber Kollegen: Elke Bergsma, Monika von Ramin, Tanja Neise, Ruprecht Frieling, Marcus Hünnebeck, Anja Saskia Beyer, Babsy Tom, Eileen Janket (von links)
Als die Autorin vor einigen Wochen in der Berliner Kongresshalle auf einer Podiumsdiskussion aus dem Publikum nach einer Verkaufszahl gefragt wird, antwortet sie „130.000 Exemplare allein von Band 1“. Das fachkundige Publikum knirscht mit den Zähnen. Für Verlagsleute ist ein neuer Titel erfolgreich, der zwei- bis dreitausend Exemplare in drei Jahren verkauft. Zwischen der klassischen und der neuen Verlagswelt klaffen offensichtlich gewaltige Lücken.
Tanja Neise schmunzelt über dieses Erlebnis. Sie schlürft ihren Tee, lächelt und schreibt heiter weiter.
»Zur Homepage von Tanja Neise«

Als Bürgerjournalist kümmert sich Torsten Schwichtenhövel aktiv um die Redakion des OELDER ANZEIGER • Fotos, soweit nicht anders angegeben: © Ruprecht Frieling
Während Arbeitskollegen und Freunde nach Feierabend aufs Sofa sinken, den Fernseher anschalten oder sich im Internet tummeln, rast Torsten Schwichtenhövel von einer Veranstaltung zu anderen. Er führt Interviews, fotografiert, schreibt Berichte. Seit Jahren opfert der Familienvater einen erheblichen Teil seiner Freizeit, um als Bürgerjournalist tausende Leser einer lokalen Online-Zeitung mit Informationen zu bedienen. Warum macht er das? – Ruprecht Frieling traf den rasenden Reporter und fühlte ihm auf den Zahn.

Möchte Menschen mit Kunst glücklich machen: Susanne Höhne betreibt in Leipzig die Galerie »Beuteltier-Art« • Fotos: © Ruprecht Frieling
Im Dezember 2016 eröffnete Susanne Höhne im Leipziger Stadtteil Plagwitz eine Galerie mit dem ungewöhnlichen Namen »Beuteltier-Art«. Inzwischen hat sich das Ladenlokal zu einem Geheimtipp für diejenigen etabliert, die Originalkunst zu kleinem Preis kaufen wollen.
Aller Anfang ist schwer für jemand, der seine vier Wände gern mit Kunst beleben möchte, die nicht von der Stange stammt und nüchternen IKEA-Charme ausstrahlt. Doch in den meisten Fällen scheitert dies am fehlenden Zugang zum Kunstmarkt und an den dort geforderten Preisen. Susanne Höhne beispielsweise traute sich lange Zeit nicht in Galerien, die mit ihrem Publikum gern eine abgehobene, eigene Welt schaffen, um sich das Flair des Besonderen zu verleihen. Sie fühlte sich dort meistens unwohl, fehl am Platz, fand manche Kunstwerke zwar faszinierend, jedoch unerschwinglich.
Nach dem Abitur konnte sich die Leipzigerin nicht vorstellen, eines Tages von Kunst leben zu können. Sie studierte Druck- und Verpackungstechnik und fand als frisch gebackene Ingenieurin schnell Arbeit. Zehn Jahre lang erlebte sie Höhen und Tiefen der Branche in einer Firma, die sie als Projektleiterin eingestellt hatte. Dann kriselte das Unternehmen, sie verlor ihre Stelle und machte sich erstmals bewusst, in welchem Hamsterrad sie ein Jahrzehnt als Angestellte gelaufen war.
»Das war der ideale Moment, mein eigenes Ding zu machen«, erzählt die junge Frau. Die zu ihren Füßen auf dunkelrotem Teppichboden ruhende Dackeldame Vara wedelt dazu mit dem Schwanz, als wolle sie bestätigen, dass auch ihr Hundeleben eine neue Richtung gebraucht hätte. Doch um den Stern zu entdecken, dem man folgen will, muss man tief in sich hineinhorchen, und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen, und alles wird klar. Susanne gewann diese Klarheit bei einem Kurzbesuch in Amsterdam. Dort besuchte sie Kreativmärkte und »The Public House of Art«. Diese ungewöhnliche Konzeptgalerie begeisterte sie spontan, weil sie hochwertige Kunstwerke zu erschwinglichen Preise anbietet.
Der Funken wurde zum Steppenbrand, aus einer Idee wurde ein Plan. Susanne wälzte Bücher, beobachtete Kunstprojekte, quälte sich mit Ämtern und Behörden, fand geeignete Künstler und Lieferanten und machte sich mit allen Aspekten der Selbstständigkeit vertraut. Im Ergebnis mietete sie im Leipziger Westen in der Könneritzstraße 24 ein geräumiges Ladenlokal. Die Räumlichkeiten wurden in eine gemütliche eingerichtete Galerie verwandelt, die ohne Schwellenangst betreten werden kann. Der Stadtteil Plagwitz ist im Moment angesagt. Diese Gegend ist jung, kreativ, bunt. Jede Woche sprießen hier neue Läden und Lokale aus dem Boden, wo sich Studenten, Künstler und Start-up-Unternehmen tummeln.
Bei der Namensfindung ließ sich die frisch gebackene Galeristin von ihrer Lieblingslektüre, den kultigen »Känguru-Chroniken« des Bloggers Marc-Uwe Kling inspirieren. Klings vorlautes, unzähmbares und bisweilen anarchistisch auftretendes Känguru sollte als Symbol dienen, die Galerie wurde »Beuteltier-Art« getauft. »Meine Galerie ist ebenso klein und frech und hält sich nicht an die Regeln des konventionellen Kunstmarkte wie das Känguru«, erklärt Susanne Höhne.
»Mein Ziel ist, möglichst viele Menschen für Kunst zu begeistern und ein Publikum zu erreichen, das sich sonst nicht in Galerien traut. Der eine meint, er habe zu wenig Ahnung von Kunst, weiß vielleicht nicht, mit Bildern umzugehen oder sich dazu zu äußern. Viele Leute verstehen auch kaum, warum manche Kunstwerke erschwinglich und andere extrem teuer sind.«
Im Dezember 2016 war es dann endlich soweit. Susanne Höhne eröffnete ihren Kunstpalast und zog von Anfang an viel Aufmerksamkeit auf sich. Das Konzept, Originalkunst zu moderaten Preisen anzubieten und nicht den Aspekt einer möglichen Wertsteigerung in den Vordergrund zu stellen, ging auf.
Eine Ausstellung folgte auf die andere, inzwischen hat es die Galeristin sogar gewagt, sich auf einer Kunstmesse zu präsentieren. Neue Künstler melden sich bei ihr, es gibt Lesungen und Gespräche, aus den roten Zahlen des ersten Jahres wurden schwarze Zahlen, und inzwischen steht das kleine Unternehmen auf sicheren finanziellen Beinen. Dabei weiß sie genau, dass neben dem großen Spaß, den der Betrieb einer Galerie beschert, die harte Arbeit steht, Kunst auch zu verkaufen.
Es sieht derzeit ganz danach aus, als könne Susanne Höhne bald von ihrem Traum leben und gleichzeitig Menschen, die sich für Kunst interessieren, den Zugang erleichtern. Kunstinteressierte verlieren Berührungsängste, Künstler erhalten Wertschätzung für ihre Arbeit und können zu angemessenen Preisen verkaufen.
Eine Konstellation, die für alle Beteiligten Vorteile bietet.
Ruprecht Frieling

