Mit »Ritter von der Rolandnadel«, einem ebenso verspielten wie fundierten Buch öffnet Autor Prinz Rupi erstmals die Tore zur Welt der Schlaraffen – eines einzigartigen Weltbundes, der seit über 160 Jahren, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, die Ideale von Kunst, Humor und Freundschaft pflegt.
In atmosphärischen Reportagen und eindrucksvollen Porträts, die nach Tiefeninterviews entstanden, führt er seine Leserinnen und Leser durch das Reich der »Ritter von der Rolandnadel« und begegnet deren Mitgliedern: visionären Künstlern, wortgewandten Erzählern, leidenschaftlichen Musikern, Freigeistern und Individualisten.

Sissy Hallenstein, Urenkelin einer der Gründer des Schlaraffenbundes, öffnet erstmals ihre Archive © Fotos : Prinz Rupi
Mit Liebe zum Detail und historischem Tiefgang rekonstruiert der Autor die Anfänge der Schlaraffia im Prag des 19. Jahrhunderts, als Schauspieler und Künstler eine Gegenwelt zur bürgerlichen Enge schufen. Im Zentrum stehen jedoch lebendige Charakterporträts heutiger Schlaraffen, die die intellektuelle Vielfalt des Bundes verkörpern.
So trifft ein überzeugter Narr aus Mallorca auf einen schmunzelnden Juristen aus Osnabrück und einen Wortakrobaten aus dem Ruhrgebiet – jede Miniatur zeichnet ein facettenreiches Bild gelebter Individualität und gemeinschaftlicher Kreativität. Zugleich spart der Autor kritische Themen nicht aus: Er schreibt über die Herausforderungen des Vereinslebens in einer zunehmend digitalisierten Welt, über Mitgliederschwund, historisches Erbe und die Frage nach einer zeitgemäßen Öffnung.
Das Buch vereint Reportage, Porträtband und literarische Erzählung – ein greifbares Zeitdokument über ein lebendiges Kulturprojekt jenseits des Mainstreams.
Autor Prinz Rupi kennt die Schlaraffen seit einem halben Jahrhundert. Für die vorliegende Veröffentlichung hat er sich jahrelang im Inneren der Schlaraffia umgesehen – mit journalistischer Genauigkeit und poetischer Leichtigkeit entstand so ein stimmiges, vielstimmiges Porträt einer außergewöhnlichen Kulturgemeinschaft, die seit 1859 weltweit einen eigenwilligen, inspirierenden Beitrag zur deutschsprachigen Kultur leistet. Im Fokus stehen dabei Männer, die Ideale wie Toleranz, Freiheit, Gleichheit und die unbändige Kraft der Kreativität pflegen.
Bibliografische Angaben
Prinz Rupi
Ritter von der Rolandnadel
Die Schlaraffen: Kunst, Humor und Gemeinschaft seit 1859
Charles Verlag 2025
Hardcover, 344 Seiten, 70 Fotos und Grafiken, Lesebändchen
ISBN: 978-3-910408-20-3
Ladenpreis 29,00 € (DE), 29,90 € (A)

Manchmal ist das Scheitern der erste Schritt zu etwas Wundervollem – ein kreativer Raum, in dem neue Ideen blühen können. © Prinz Rupi
Wer seine Kunst aufgibt, gibt sich selbst auf. Solange es geht, sollten wir daran festhalten. Manchmal ist man ziemlich weit unten. Doch dann hilft einem die Kunst, wieder aufzustehen. In diesem Sinne könnten wir das Jahr 2025 als Jahr des kreativen Scheiterns begrüßen. HIER geht es weiter →

Ohne Scheu kletterten kleine und große Kinder in den Bauwagen, der die kleinste KI-Kunstgalerie des Universums beherbergte. Sie diskutierten die Bilder und erkannten die teils surrealen Umsetzungen bekannter Märchen. © Ruprecht Frieling
Busladungen interessierter Brandenburger fluteten am vergangenen Sonnabend im Rahmen der Schlössernacht Gassen und Plätze von Schloss Lilllliput. Die Besucher genossen das einzigartige Gesamtkunstwerk mit seinem unvergleichlichen Flair. Viele kamen von weit her, um die Eröffnung der weltweit ersten KI-Kunstgalerie mit Arbeiten von Prinz Rupi zu sehen. HIER geht es weiter →
Während meiner PR-Arbeit für eine internationale Kunstausstellung lernte ich den seinerzeit schon weltberühmten Joseph Beuys kennen. Als Seelenverwandte schlossen wir spontan Freundschaft.
Professor Wilhelm A. Kewenig, Senator für kulturelle Angelegenheiten im einstmaligen Westberlin, hatte mich anno 1981 zum Pressesprecher der geplanten Ausstellung »Zeitgeist« berufen. Diese repräsentative Schau der Neuen Wilden im frisch restaurierten Martin-Gropius-Bau direkt an der Berliner Mauer bescherte der Stadt international positive Schlagzeilen und schrieb Kunstgeschichte.
Während meiner Tätigkeit, es war für ein paar Monate ein Knochenjob rund um die Uhr, lernte ich den omnipräsenten Joseph Beuys kennen. Wir wurden Freunde.

»Hirschdenkmäler« nannte Joseph Beuys seine gewaltige Installation im Atrium des Martin-Gropius-Baus
Durch meinen Einsatz als Pressesprecher der Kunstausstellung »Zeitgeist« begegnete ich internationalen Künstler wie Julian Schnabel, Cy Twombly, Andy Warhol, Salomé, A. R. Penck, Sandro Chia, Markus Lüpertz, Georg Baselitz, Mimmo Paladino und Jörg Immendorf. Sie kamen auf ein Schwätzchen in mein Pressebüro, wenn sie an ihren Installationen arbeiteten oder sich mit Hängung ihrer Bilder beschäftigten. Fluxus-Künstler Joseph Beuys, dem ich bei seiner ironischen Installation »Hirschdenkmäler« und beim Druck der Arbeit »Goldener Hase« in der Steglitzer Druckerei Hentrich helfen durfte, freundete sich sogar mit mir an. Er blieb mir bis zu seinem frühen Tod im Januar 1986 verbunden.
Bei dem »Hirschdenkmal« im Gropius-Bau handelte es sich um einen kolossalen Lehm-Berg, mit dem Beuys als Soziale Plastik eine völlig neue Kategorie in der Kunst schaffen wollte. Lehm galt ihm als Stoff der Erde, und so wurden Wagenladungen des schweren Materials in das Atrium des ehemaligen Kunstgewerbemuseums gekippt.
200 Kubikmeter Erdreich sollte in dem historischen Lichthof aufgetürmt werden. Der Boden hätte die tonnenschwere Last keinesfalls ausgehalten, das Gebäude wäre ernsthaft beschädigt worden. Deshalb wurde das Kunstwerk mit großen Styroporblöcken unterfüttert, auf die dann der Lehm aufgebracht wurde.

Plakat der Ausstellung »Zeitgeist«. Das Berliner Künstlerduo Stein & Ott schuf das Poster auf der Grundlage eines Kristalls von Cy Twombly
Neben dem Mount Everest aus Lehm errichteten wir ein grünes Zweipersonenzelt, das dem Meister Unterschlupf für sein monatelanges Arbeiten am Kunstwerk bieten sollte. Alles trug Werkstattcharakter und wirkte so authentisch, als sei der Kunst-Schamane Tag und Nacht beschäftigt, mit Kelle und Spaten das Denkmal zu errichten und hätte dazu seine komplette Werkstatt eigens von Düsseldorf nach Berlin verlegt. Das war jedoch pure Show!
Eines Morgens hatte ich das Vergnügen, dem Morgenmagazin des SFB ein Vorausinterview über die kommende Ausstellung geben zu dürfen. Es war gegen sieben Uhr in der Frühe. Wir standen vor dem noch unfertigen Lehm-Haufen im Atrium des Museums, und ich erklärte blumenreich, dass sich Meister Beuys die Seele aus dem Leib schufte, um das Opus termingerecht zu vollenden. Das Interview lief wie am Schnürchen. »Lassen Sie uns den Künstler selbst befragen, er wohnt doch hier im Zelt«, schlug die Reporterin plötzlich vor. Heiliger Bimbam, das war eine Livesendung! – Was sollte ich tun?
Beuys hatte in Wahrheit keine Minute in dem Unterschlupf verbracht, das Zelt diente ausschließlich der Inszenierung. »Das ist eine tolle Idee«, säuselte ich in das Mikrophon, »aber gerade um diese Zeit joggt Professor Beuys wie jeden Morgen ums Haus, um fit zu bleiben. In einer guten halben Stunde ist er wieder hier!«. Zu der Zeit war die Sendung natürlich längst vorüber. – Schwitz! – Das ging gerade noch einmal gut. Ein Pressesprecher muss sich eben auch gut herausreden können, gerät er einmal in die Klemme. – Meister Beuys jedenfalls amüsierte sich königlich über die Geschichte.
Als Öffentlichkeitsarbeiter, PR-Clown und Hofnarr stand ich unter einem permanenten Erfolgszwang. Dies trieb mich von Höhepunkt zu Höhepunkt, und jeder Gipfel musste höher sein als der zuvor erklommene. Ich brannte wie eine Zündschnur. Die Mahnung meiner Freunde, mein Pulver vorsichtiger zu verschießen, erreichte mich nicht.
Aufgrund der Vielzahl der Ereignisse und Aktionen war ich extrem aufgeputscht und fühlte mich wie ein Tänzer auf dem Vulkan des Zeitgeistes. Von früh bis spät hüpfte ich wie ein aufgezogener Roboter zwischen den verschiedenen Büros umher, in denen ich Mitarbeiter hatte, die alles umsetzen mussten. Dabei war mir stets bewusst, wie hauchdünn das Eis war, auf dem ich meine Pirouetten drehte. Da ich kein Freund von ausgefeiltem Taktieren und Schleimen war, das direkte Wort und die ehrliche Aussprache bevorzugte, entschloss ich mich, mir ein zusätzliches Standbein zu schaffen, das mich von den Launen des Marktes absichern sollte und baute meinen Verlag aus.

Joseph Beuys – mit Fahrrad auf den Stufen des Düsseldorfer Schlossturms, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 019_0073
Wesentlich für den Markterfolg eines Verlages ist nur in seltenen Fällen die Qualität seiner Bücher. Oft sind schon ein fetziger Titel und eine poppige Verpackung bares Geld wert. Diese Erfahrung machte ich, als ich 1985 den ersten esoterischen Stadtführer der Welt ersann. Die Idee für dieses ausgefallene Projekt entstand an einem sonnigen Nachmittag, den ich mit meinem Mitstreiter Michael Scharna an der Havel verlebte.
Wir freuten uns des prächtigen Wetters, rauchten ein wenig Gras, träumten den vorüberziehenden Booten nach und plauderten über den aktuellen Trend, der in jenen Tagen deutsche Lande in Bann schlug. Es ging um das Boomen von Wahrsagern, Hellsehern und Heilern, die Stadt und Land überschwemmten.
»Lass uns ein Telefonbuch mit Interviews und Fotos von all diesen Typen zusammenstellen«, schlug ich vor und wusste im gleichen Augenblick. Dieses Stadtadressbuch musste »Berlin okkult« heißen, und es sollte Joseph Beuys gewidmet sein, der mich bei der Zusammenarbeit an den Hirschdenkmälern zu mehr Verrücktheit und Originalität motiviert hatte.
Um die Idee vorab zu testen, setzte ich mich noch in der gleichen Nacht an mein Telefaxgerät. Diese seinerzeit von Redaktionen gern genutzten Geräte sind mittlerweile nur noch in Museen zu bestaunen. Mit Hilfe eines Lochstreifens konnten Texte an eine beliebige Zahl von Empfängern versandt werden. Ich verfasste einen schmissigen Werbetext, schickte ihn an einige hunderte Zeitungsverlage und kündigte das Erscheinen des Stadtführers »Berlin okkult« an. Die Resonanz war überwältigend!
Nahezu alle angeschriebenen Redaktionen vom »Spiegel« bis zum »Börsenblatt des deutschen Buchhandels« druckten ohne Rückfrage oder weitere Prüfung die Meldung ab, so als hätten sie nur darauf gewartet. Das Thema lag offensichtlich voll im Trend. Vielleicht lag es am Halleyschen Kometen, der Ende April 1986 mit Supergeschwindigkeit auf die Erde zu (und auf einer elliptischen Bahn wieder zurück in die Weiten des Weltraums) raste und bereits im Vorfeld ein wildes Lamento heiliger Hannahs über das Ende der Welt auslöste?
Das auf die Presseberichte folgende monströse Leserecho schlug alle Rekorde. Nach wenigen Tagen türmten sich insgesamt 32.000 Bestellungen aus dem Handel und von Privatleuten auf meinem Schreibtisch. 32.000 Leute wollten »Berlin okkult« besitzen und lesen! In meiner gesamten Laufbahn habe ich nie wieder einen solch spontanen Blitzerfolg eines Einzeltitels erlebt, der lediglich als lokale Neuerscheinung angekündigt wurde. Heute noch beeindruckt mich der Sturm der Ereignisse, der mit einer einzigen kurzen Telex-Meldung losgetreten wurde.
Zunächst einmal schuf diese Bestellflut ein echtes Problem. Denn der durch meine Pressenotiz gepuschte und stark vorbestellte Titel existierte bislang nur in der Phantasie. Es war noch keine Zeile geschrieben, kein Foto geschossen worden. Mir war nur verschwommen klar, was in dem Buch stehen sollte, und mir wurde massiv mulmig im Magengrund.
Verzweifelt rief ich Beuys an. Joseph schmunzelte über die Geschichte und meinte, nun müsse ich halt ran und das Buch liefern. »Mach es einfach«, posaunte er mir ins Ohr, und ich tat es.

Als Hommage an Joseph Beuys entstand im Frieling-Verlag 1985 der Bestseller »Berlin okkult«
Blitzschnell wurde Material für ein 96-seitiges Taschenbuch zusammengetragen, recherchiert und geschrieben. Wir tippten die Texte sauber mit einer Typenradmaschine in Blocksatz auf Bögen, die zuvor mit einem Rahmen aus Letraset-Reibefolie verziert worden waren. Parallel dazu wurden aktuelle Fotos geschossen. Einem jungen Mädchen mit besonders ausdrucksstarken Augen wurde ein Tuch umgelegt und ein Tablett mit zwei Kerzen und einem Totenkopf in die Hand gedrückt, den sie dem Betrachter entgegenstreckte. Damit entstand das unheimliche Porträt einer jungen Hexe. In jedem Keller zwischen Kreuzberg und Charlottenburg schien es plötzlich Hexenbeschwörungen und schwarze Messen zu geben.
Die halbe Stadt schien außerdem Beziehungen mit Außerirdischen zu pflegen. Auf einem unserer Fotos dokumentierten wir eine betagte Berlinerin, die mit Kopfhörern vor einem Kurzwellenradio hockte, über das sie in Kontakt mit Verstorbenen trat. Es meldeten sich Frauen, die sich von Ufo-Besatzungen geschwängert glaubten und schworen, von der Venus zu stammen. Hobbymaler fielen in Trance, während ihnen Geister aus anderen Sphären die Hand führten und ausgefallene Bilder zu Papier brachten, die geheimnisvolle Schutzengel und Wohnhöhlen der Fabelwesen zeigten.
Eine Fotografie zeigte einen indischen Heilslehrer mit Turban und weißem Bart, der im Lotussitz auf einem Tisch thronte und hunderten Jüngern predigte. Alles war wahr, wirkte aber erst in der Zusammenschau richtig.

Der heute in Costa Rica lebende Bildjournalist und Autor Michael Scharna leistete wesentliche Arbeit an »Berlin okkult«
Das gestern noch links und antiautoritär eingestellte Westberlin sehnte sich plötzlich nach spiritueller Erlösung. Sekten, Glaubensvereinigungen und Freikirchen schossen wie Krokusse in der Frühlingssonne ans Licht. Wir veröffentlichten alle Adressen und Angebote, derer wir habhaft wurden. Gemischt wurden diese Informationen und Berichte mit historischen Stichen und Zeichnungen. So entstand ein lebendiger Stadtführer, der den Eindruck vermittelte, er führe den Leser tatsächlich geradewegs in die esoterische Gegenwelt der Stadt.
Durch den Erfolg bei »Rock-City« angespornt, wurden zusätzlich noch Anzeigen besorgt. Wir gewannen Magier, Kartenleger und Astrologen, die neue Kunden suchten und bereitwillig für viel Geld ganzseitige Anzeigen in dem auflagenstarken Branchenführer schalteten. Schnell fanden sich Leute, die in Berlin Internationale Astrologietage veranstalten wollten und unser Medium als Werbeträger nutzten, um Berlins Internationales Kongresszentrum ICC zu füllen.
Über Nacht wurde das Buch schließlich in einem Moabiter Großbetrieb gedruckt und gebunden. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und machte mich aufgrund der schnellen Produktionsweise von insgesamt knapp vier Wochen auf heftige Kritik gefasst. Doch Frechheit siegt, und Verlag, Herausgeber und Redaktion wurden mit Lob überhäuft. Vor allem die esoterische Szene war ganz erpicht auf den Titel; allein der Berliner Esoterikbuchhändler Richard Schikowski in der Motzstraße 30 verkaufte im Handumdrehen mehr als tausend Exemplare der Veröffentlichung. – Mein Finanzamt erinnert sich heute noch gern an diese Sternstunde.
Die Freundschaft zu Joseph Beuys hatte sich damit auch in verlegerischer Hinsicht ausgezahlt. Kurz darauf, im Januar 1986, wurde ihm der Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg verliehen.
Nur elf Tage später, am 23. Januar, verstarb der Meister in seinem Atelier am Drakeplatz 4 in Düsseldorf-Oberkassel nach einer Entzündung des Lungengewebes an Herzversagen. Er wurde 64, während ich auf meinen 34. Geburtstag zusteuerte. Seine Asche wurde in der Nordsee beigesetzt.
Joseph Beuys war für mich ein fast väterlicher Freund, der mich bestärkte, meinem Stern treu zu bleiben. Der Schelm hatte wie kaum ein anderer den Schwachsinn unseres Kunstbetriebs verinnerlicht und bewusst damit gespielt, um sich zu verwirklichen. Mein Lebensmotto »Folge deinem Stern« bekam durch dieses Ausnahmetalent neue Nahrung und prominente Unterstützung. Dafür bleibe ich ihm dankbar und verbunden.
entstammt
meiner Lebensabschnittsgeschichte

In 25 m Höhe kann man sich im Düsseldorfer K21 in einen Spinnenmenschen verwandeln. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Über der Piazza des Kunstmuseums K21 in Düsseldorf schwebt in rund 25 Metern Höhe ein riesiges Spinnennetz. Das ist die Rauminstallation in orbit des 1973 geborenen argentinischen Performance- und Installationskünstlers Tomás Saraceno. Besonders Mutige dürfen hinauf ins Netz und sich dort wie gewaltige Spinnen bewegen, und ich will mutig sein – der Kunst zuliebe.
Der Mond ist aufgegangen. Als Projektionsfläche für Romantik, Eroberungs- und Entdeckungsfantasien beschäftigt sich die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger mit dem Erdtrabanten. Zur Eröffnung des PalaisPopulaire in Berlin schuf sie eine faszinierende Installation unter dem Titel »Moondiver II« . HIER geht es weiter →
Erstmals werden jetzt in der Leipziger Galerie Beuteltier-Art Bilder des kubanischen Malers Zenen Vizcaino Ortiz aus privater Sammlung gezeigt. Zur Eröffnung lese ich aus meinen Kolumnen und werde dabei von dem Leipziger Musiker Rocco Weiß begleitet. HIER geht es weiter →

Besucher der Kölner Reinkarnation Art Academy vor Michael Hutters Triptychon »Der Triumph des Fleisches« Fotos: © Ruprecht Frieling
Michael Hutters verstörende Bilderwelt erinnert an Hieronymus Bosch: Außerirdische Monster und Schlingpflanzen mit Krakenarmen umspinnen bildschöne junge Frauen. Der skelettierte Tod beobachtet ein junges Paar beim Liebesspiel. Nackte Menschen versuchen verzweifelt, grässliche Monstren zu bändigen. Affen zeigen den Schönen einen Spiegel und damit ihre Vergänglichkeit. Überall lauert Gier, Geilheit, Gewalt. Ruprecht Frieling hat den Künstler mit der unheimlichen Phantasie in Köln getroffen.
Der Maler, Illustrator und Autor Michael Hutter lebt in Köln. Die Visionen von Himmel und Hölle, von Fegefeuer und Jüngstem Gericht, die von der katholischen Amtskirche als Kinderschreck farbenprächtig beschworen werden, wühlten den 1963 geborenen bereits in jungen Jahren auf. Nun spiegeln sie sich in seinen Arbeiten wider.
Michael Hutter spürte früh sein Interesse, sich mit Pinsel und Farbe auszudrücken. Von 1983 bis 1986 war er Schüler an der ehemaligen FH Köln im Fachbereich Freie Malerei bei Professor Karl Marx. Kurz darauf entstanden die ersten Gemälde-Zyklen.
Hutter zeigt Lust und Laster, wie sie in den sieben Todsünden gepredigt werden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier sind Gegenstand seiner Arbeit. Für ihn ist Gott das wahre Monster, und die Hölle existiert auf Erden. Dabei wohnt allem Sündenfall ein hocherotisches Spannungsmoment inne, bei dem vor allem das weibliche Geschlecht erstaunlich aktiv ist.
Der Maler erinnert sowohl thematisch als auch technisch an den niederländischen Renaissance-Maler Hieronymus Bosch (1450-1516), dessen teils rätselhafte Darstellungen unverändert faszinieren. Wie Bosch verewigt Hutter in Öl auf Holz dämonische Fabelwesen und Figuren neben zwei- und vierbeinigen Wesen mit teils abscheulichen Tierköpfen. Seine Bestiarien sind in hohem Maße allegorisch angelegt.
»Dem erbärmlichen Geist ist es zu eigen, stets nur Klischees und niemals eigene Einfälle zu verwenden.« Hieronymus Bosch
Analog zum Triptychon »Der Garten der Lüste« von Bosch hat Michael Hutter das dreiteilige Tafelwerk »Der Triumph des Fleisches« geschaffen.
Im linken Flügel kommt eine Menschenkette einen Berg hinunter, auf dessen Gipfel ein Unterseeboot ähnlich einer Arche Noah gestrandet ist. An der Spitze dieser Prozession porträtiert sich der Künstler am Gängelband einer stolzen Frau als mageres Äffchen mit steifem Genital sogar selbst.
Auf dem rechten Flügel des Dreiteilers tanzen Nackte befreit einen Reigen um einen Obstbaum, auf dem Äpfel der ewigen Jugend wachsen und lieben sich in Blütenkelchen.
Auf der Mitteltafel kämpfen Menschen nahezu verzweifelt gegen Monsterwesen, die sie gebären und wieder verschlingen. Im Hintergrund fährt ein Dampfzug über eine hohe Brücke in Richtung Stadt.
Die fauchende Lokomotive taucht auch in seiner Arbeit »Exodus – Der letzte Zug« auf. Während eine endlos lange Schlange merkwürdig gewandeter Gestalten aus einer mittelalterlichen Stadt im eisigen Hochgebirge flieht, entgleist der letzte Zug mitsamt seiner Waggons auf einem Viadukt und stürzt Feuer speiend und laut krachend in die Tiefe.
Das Gemälde wirkt wie eine Illustration der letzten Zeile des berühmten Gedichts »Weltende« von Jakob van Hoddis aus dem Jahre 1910: »Eisenbahnen fallen von den Brücken.« Hutters Bildwelt ist Apokalypse pur, wenn sich des »eisernen Himmels blutende Tore« (Hoddis) öffnen. Seine Dystopie in Öl wirkt gleichermaßen erschreckend wie erlösend.
Die Hölle schafft sich selbst. Wir Menschen sind die wahren Dämonen. Das ist das Gesetz unserer Natur.
Mehr über Michael Hutter: https://www.kunstkrake.de
Inmitten schwirrender Engel, barocker Putten, pinkelnder Möpse, krächzender Hühner und farbenprächtiger Kleinstlandschaften thront mit einer schwarzen Katze Dietlind Preiss. In jahrzehntelanger Feinarbeit schuf die gebürtige Ostpreußin, die es auf der Flucht mit den Eltern nach Hannover verschlug, einen eigenen Kosmos von Kunst, Kitsch und Kram. Hier entstanden hunderte Unikate, die Kunstliebhaber in aller Welt fanden.
Bauen und Basteln faszinierte Dietlind Preiss von jungen Jahren an. Die studierte Englisch- und Geschichtslehrerin und spätere Kinderpsychotherapeutin begann in ihrer Freizeit, sich mit dem Sammeln und Verarbeiten von Trödel und Elektroschrott zu beschäftigen.
Als engagierte Umweltschützerin und Mitgründerin der Hannoveraner »Grünen« widmete sie sich vorrangig dem Thema Energieverbrauch. Besonders die Erfindung von Energiesparlampen weckte ihr Interesse, und sie baute individuelle Lampen mit geringen Betriebskosten. Mit diesen Lampen wiederum staffierte sie ein Café aus, das sie eröffnete. Diese Leuchtkörper kontrastierten mit überbordendem Schmuck zur nüchternen Sparsamkeit. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Gäste wesentlich größeres Interesse an ihren Lampen statt am Verzehr von Kaffee und Kuchen zeigten und diese auch kauften.
So kam ihr die Erleuchtung, sich ausschließlich auf die Schöpfung sogenannter Lichtgestalten zu stürzen. Dietlind Preiss begann, klitzekleine LED-Spots in ihre Kunstwerke zu verbauen, die wiederum Solarzellen befeuern, deren Kraft ausreicht, Miniaturmotoren anzutreiben. Dabei griff sie nicht nur auf vorhandene Teile und Elemente zurück, sondern modellierte, brannte und bemalte eigene Skulpturen.
Fabelwesen für ein Bestiarium, kleine Alltagsszenen mit meist schrägen Bezügen, Arbeiten, die sich mit Weltreligionen, Glaube, Unglaube, Götter und Dämonen befassen, erblickten das Licht der Welt. Es entstand eine Wunderkammer des skurrilen Geschmacks, ein Tempel der Freude am Spiel mit Licht, Formen und Farbe.
Dietlind Preiss, Jahrgang 1940, schuf in ihrem Leben hunderte einzigartige Kunstwerke, die in aller Welt gezeigt wurden und Sammlerherzen begeisterten. Die Stadt Hannover widmete ihrem Bestiarium 2013 im Kestner-Museum eine eigene Ausstellung. Dabei kam es fast zu einem Skandal, denn der Ausstellungsleiter wählte einen pinkelnden Mops als Motiv für das großformatige Plakat. Die Abbildung dieses Exponates erzürnte eine freudlose Landtagsabgeordnete, die meinte, die öffentliche Moral der niedersächsischen Landeshauptstadt sei bedroht. Die Aussteller reagierten mit viel Humor und bildeten auf einem weiteren Plakat nochmals den Hund ab. Diesmal jedoch von hinten, so dass jeder sehen konnte, warum der farbenfrohe Kerl ein Bein hob, denn seine goldene Fontäne war entsprechend illuminiert.

Männerdenkmal
Leistung auf Knopfdruck. Sauber werden ist die erste menschliche Leistung, die verlangt wird. Männer füttern ihr Ego mit Leistung, bei Frauen reicht schon »schön sein« eine kurze Zeit. Dieser Hund auf dem Sockel pinkelt auf Knopfdruck mit Licht, statt mit Wasser mit LEDs und Lisaplastik. Keramik, Messing, Acryl, Holz, 20 Watt Halogen, Trafo. Ca. 20 x 20 x 35 cm

Susanna im Bade
Ein römischer fliegender Penis umkreist Susanna nach dem Bade. Sie schlägt mit der Fliegenklatsche nach ihm. Keramik, Messing, Holz, Motor, LED Licht. Ca. 18 x 18 x 28 cm

Prunkvoller Umzug
Prunkvoller Umzug mit Überresten (pompa magnifica reliquiae). Naturfundstücke, Messing, Acryl, LED-Lichter, Netzteile. Ca. 30 x 17 x 30 cm; Wagen Ca. 18 x 18 x 23 cm; Frosch.

Damenmops
Weisser Mops mit Händchen, Pfötchen, Frauenmündchen, Kleinem Herzschrittmacher. Bellt auf Knopfdruck, blinkt und leuchtet. Keramik, Messing, Holz, 20 Watt Acryl, Schaltung Trafo. Ca. 35 x 22 x 37 cm

Teufelchen und Steinzeitvenus drehen sich umeinander, und er puschelt mit seinem Federdreizack um ihre Figur. Keramik, Messing, Holz, 2 Motoren, 20 Watt Halogen, Trafo. Ca. 20 x 20 x 25 cm. Fotos der Kunstobjekte: Grafikgemeinschaft blattwerk
Die am 21. Oktober 1940 in Sensburg im damaligen Ostpreußen geborene Künstlerin Dietlind Preiss verstarb am 20. Juni 2021 in Hannover im Alter von 80 Jahren.

Sir Richard von Gigantikow aka Reinhard Zabka: der letzte Dadaist im wilden Osten • Foto: Ruprecht Frieling
Die lange Odyssee des Lügenmuseums
Nach jahrelangem Rechtsstreit wurde das Lügenmuseum im brandenburgischen Gantikow zum 22. Juli 2010 fristlos gekündigt. Das Gutshaus, in dem das Museum 20 Jahre lang residierte, musste nach einer Fristverlängerung bis zum 31. Oktober 2010 besenrein geräumt werden. Das von dem Künstler Reinhard Zabka geführte Museum hatte sich mit seinen ungewöhnlichen Präsentationen und Aktionen in den letzten Jahren zu einem Publikumsmagneten in der Region entwickelt. Zwanzig Jahren lang konnten die Besucher erleben, wie Zabka an diesem Lügenmuseum arbeitete und seinem Leitspruch folgte: Ziele nach dem Mond, selbst wenn du ihn verpasst, wirst du zwischen den Sternen landen. Inzwischen hat das Lügenmuseum einen neuen Standort in der Kötzschenbrodaer Strasse 39, 01445 Radebeul, gefunden. Aber auch hier wollen die Kulturpolitiker lieber »repräsentative« Kunst statt einen Ort ungestümer Kreativität. Die Odyssee scheint damit noch nicht zu Ende …
Die Ostprignitz nordwestlich von Berlin birgt Namen aus der Schatzkarte von Theodor Fontane: Die Ortschaft Ribbeck findet sich dort, Sitz derer von Ribbeck und heute noch Standort des viel zitierten Birnbaums. Nachfolger des berühmten Landadeligen sind wieder in den verschlafenen Flecken gezogen und vertreiben Birnenschnaps. Schloss Rheinsberg, das in der DDR-Zeit verdiente Ausgebrannte des Volkes beherbergte, übte schon Anziehungskraft auf Kurt Tucholsky aus. Heute laden über 50 Festsäle und Kabinette, darunter der Muschelsaal, zu einer Reise in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ein. Und in Kampehl lockt seit Jahrzehnten eine der unheimlichsten Mumien der Welt, der mumifizierte Ritter Kahlbutz mit seiner schrägen Geschichte. Damit ist das Potpourri an bekannten Sehenswürdigkeiten allerdings bereits weitgehend erschöpft. HIER geht es weiter →
