
Schreiben schenkt Freude: Autorin Janina Venn-Rosky arbeitet an ihrem unterhaltsamen Roman »Der Hühnerflüsterer, meine Oma & ich« Fotos: © Ruprecht Frieling
Janina Venn-Rosky ist sich in einem Punkt ganz sicher: Milliardärs-Romanzen schreibt sie auch künftig nicht. Die Verfasserin britisch angehauchter Liebesromane lebt ihren Traum vom Schreiben auf englische Art: Sie trinkt Tee und genießt auch die Amouren ihrer Titelhelden mit Gelassenheit und Augenzwinkern. HIER geht es weiter →
Langsam erlischt das Licht. Stumm flimmern erste Filmsequenzen über die große Leinwand. Das Publikum spitzt die Ohren. Augenblicklich erwacht am Flügel ein Pianist: Stephan Graf von Bothmer greift wie elektrisiert in die Tasten und erweckt den Streifen zum Leben. Er ist die Hauptattraktion des Abends.
Von Charly Chaplin über Laurel & Hardy zu Klassikern wie »Metropolis« und anderen ausgegrabenen Klassikern des Stummfilms zeigt der Stummfilmpianist, was Musik aus einem Film machen kann. Er begeistert damit ein stetig wachsendes Publikum. Prinz Rupi traf Graf von Bothmer zum Gespräch über dessen künstlerische Arbeit und die nächsten Projekte.
Video: Graf von Bothmer begleitet Laurel & Hardy
Stephan Graf von Bothmer verwandelt Stummfilm zum Event. Er erweckt damit die weitgehend vergessene siebente Kunstform wieder zum Leben. Das stumme Kino hatte sich in den »goldenen« Zwanzigern als populärstes Unterhaltungsmedium etabliert und sich auch den Status als eigene Kunst erkämpft. Die Kunst der Regisseure und Akteure erreichte eine bis heute unübertroffene visuelle Ausdruckskraft, die dann aber durch den Tonfilm bald in Vergessenheit geriet. Wie ein Zeremonienmeister beschwört der Graf nun in seinen Stummfilm-Konzerten den Charme der Vergangenheit und macht Staunen über die Macht der Musik. Auf fünf Kontinenten ist er bereits aufgetreten, mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont.

Stummfilmpianist Stephan von Bothmer und Schauspieler Harald »Der Bergdoktor« Krassnitzer zu Gast bei Ingo Nommsen in der ZDF-Live-Sendung »Volle Kanne«
Bothmer ist ein Maniac. Frühmorgens rast er in Düsseldorf zum ZDF in die Live-TV-Sendung »Volle Kanne«, dann sofort mit dem Zug zurück nach Berlin. Unterwegs werden telefonisch Dinge geregelt, Verabredungen getroffen und die sozialen Medien bedient. Die Bundesbahn hat wie immer Verspätung, ungeduldig wartet bereits ein Fahrzeug am Berliner Hauptbahnhof auf ihn. Schnellstmöglich geht es weiter nach Potsdam zum Fernsehstudio. Auch der RBB will den Mann, der in der Berliner Passionskirche ein Festival mit spektakulären Stummfilmkonzerten veranstaltet, interviewen. In letzter Sekunde landet er dort. In Bothmers Büro ist derweil der Teufel los. Telefone klingeln. Rechner glühen. Pakete mit Werbematerialien werden in dem kleinen Büroraum auf einen Haufen gestapelt. Wir verschwinden zum Gespräch in einem ruhigen Raum.
Ruprecht Frieling: Graf von Bothmer ist seit Jahren eine Institution im Bereich des musikalisch unterlegten Stummfilms. Wie hast du eigentlich angefangen?
Stephan Graf von Bothmer: Lange bevor ich überhaupt Stummfilme kannte, habe ich diese Musik angefangen zu entwickeln. Tatsächlich habe ich meinen ersten Stummfilm vor 20 Jahren vertont, eher zufällig. Aber es hat mich total umgehauen, einfach ein Riesenspaß! Von dem Konzert habe ich ein Video (noch auf VHS) an verschiedene Veranstalter geschickt. Es ging dann ziemlich schnell. Es war damals unüblich, den Pianisten bei der Ankündigung zu nennen, genannt wurde nur der Stummfilm. Ich habe vorgeschlagen, das anders zu machen, damit die Leute, die von meiner Art begeistert sind zu mir kommen können, und jene, die von anderen Musikern mehr angesprochen werden, eben zu denen gehen. Nach meiner Überzeugung folgt nämlich Popularität aus Klarheit.
Damit hast du dich aber eher unbeliebt gemacht und wurdest nicht wieder gebucht.
Richtig. Ich hatte noch verschiedene Vorschläge, wie man die Aufführungen attraktiver machen kann. Damals war es üblich, vor der Veranstaltung einen Filmwissenschaftler auftreten zu lassen, der den Film erst mal schlecht machte. Für ein Publikum, das kein primär wissenschaftliches Interesse hat, war das vollkommen destruktiv. Es lief dann so ab, dass der Film riesig im Vordergrund stand und dazu einer auf dem Klavier herumdudelte, der den Film vielleicht vorher noch nie gesehen hatte und im Dunkel saß.
Du wolltest dem Publikum mehr bieten?
Ich hatte mich vorher vier bis sechs Wochen auf jeden einzelnen Film vorbereitet. Deshalb behaupte ich, auch eine höhere filmmusikalische Qualität zu liefern. Meine Veranstaltungen sollten das Niveau eines klassischen Konzertes bieten. Ein Konzert mit Film. Dazu schuf ich den Begriff »Stummfilm-Konzert«.
Mit dieser Idee bist du herumgezogen und hast versucht, Partner zu finden …
… aber keiner interessierte sich dafür und sah die Chance einer Finanzierung. Also habe ich auf mein eigenes Risiko einen Konzertsaal gemietet. Und zwar gleich für sieben Konzerte, damit die, die ich begeistern kann, auch wieder kommen können. Das war in der Kreuzberger Passionskirche, die damals als Konzertsaal richtig populär war. In meiner Naivität hatte ich einen Trumpf gezogen, was ich erst aus den Medien erfuhr.
In der Passionskirche zu spielen, das hatte was!
Dort mit Stummfilmen anzukommen war ein vollkommener Bruch. Da spielten damals internationale Größen. Allerdings musste ich den dreifachen Eintritt nehmen aufgrund der Mehrkosten, die ich an der Backe hatte. Es kamen trotzdem statt der sonst üblichen zwei Dutzend Leute plötzlich 200 Zuhörer – auf einen Schlag! Für das zweite Stummfilm-Konzert habe ich Willi Sommerfeld ausgegraben. Da kamen 220 Leute, und dann drei Mal 450 – wir waren ausverkauft. Damit war für mich klar, das weitermachen zu wollen.
Der Stummfilm brauchte einen Enthusiasten, der das nach vorne treibt.
Am Ende habe ich 64 Konzerte in einem Jahr allein in Berlin an verschiedenen Orten gespielt. Neben den Leuchtturmprojekten buddelte ich mit meinem Team auch unbekannte Filme aus. Für mich zählt die Vielfalt: Wer sechs Konzerte miterlebt hat, ist schon ein kleiner Stummfilm-Experte. Es ist leider inzwischen schwer geworden, weil die Filmlizenzen, aber auch Saalmiete und Werbung sehr teuer geworden sind. Ich habe manchmal den Eindruck, mehr Zeit mit Rechnen zu verbringen als am Flügel …

Ein seltener Genuss: »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau in Verbindung mit Chor und Orchester @Birgit Meixner/Pandig/Deutsche Kinemathek
Wenn du also einen Film wie »Nosferatu« zeigen willst, musst du erst einmal tief in die Tasche greifen?
Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Aber die Rechte sind nicht abgelaufen und für eine Aufführung dieser Filme muss man mitunter sehr viel Geld bezahlen. Das ist schade, denn ich würde gerne mehr Menschen begeistern und am Ende könnte ich den Rechteinhaber dann sogar mehr Geld zahlen als jetzt. Eine Tournee durch große Hallen, die dem Stummfilm-Genre insgesamt einen neuen Stellenwert hätte geben können, wurde so verhindert. Meine Veranstaltungen sind aber auch sonst viel teurer, weil aufwendiger, als andere.
Video: Bothmer und Chor zu »Nosferatu«. Schaurig schön
Lässt sich dieser Konflikt irgendwie lösen?
Ich würde mich gerne mit den Rechteinhabern zusammensetzen und ein ganz neues Veranstaltungs- und Vermarktungskonzept besprechen, das ich entwickelt habe. Dieses würde auch die Digitalisierung weiterer wunderbarer Filme enthalten. Was mich persönlich angeht: Meistens bin ich ja nicht selbst Veranstalter, sondern werde gebucht. Ich musste lernen, nicht den Pianisten, sondern Shows anzubieten. Die werden auf Veranstaltungsmessen verkauft.
Auch da holt mich wieder das Problem ein, dass Filme anders gehandelt werden, als Konzerte. Ich kann bei den meisten Rechteinhabern nur eine Aufführung für einen bestimmten Tag an einem bestimmten Ort kaufen. Und auch erst dann erfahre ich den Preis, der sich für jede Aufführung ändern kann. Den Veranstaltungen muss ich aber auf der Messe schon mitteilen, was die Show kostet. Das ist so aber unmöglich. Am Ende macht es die Sache für mich und für die Veranstalter unnötig schwer und es kommen weniger Aufführungen zustande.

Auf fünf Kontinenten ist Graf von Bothmer bereits aufgetreten und mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont ©Ruprecht Frieling
Du zeigst auch Filme, für die kein »kollektives Unterbewusstsein« besteht. Damit hast du ein noch höheres Risiko als mit berühmten Stummfilmen.
Jetzt habe ich beispielsweise einen ganz, ganz tollen Film im Festivalprogramm: »Wunder der Schöpfung«. Es gibt Filme, die seit Jahrzehnten in den Archiven schlummern. Es macht mir einen Riesenspaß, diese Filme wieder aufzuführen und zu beweisen, dass sie ein Publikum finden. Zugpferd ist dabei natürlich meine musikalische Interpretation.
Funktioniert dein unternehmerisches Konzept so, dass du ein Gesamtpaket anbietest an Städte, Gemeinden und regionale beziehungsweise kommunale Einrichtungen zuzüglich undefinierbare Lizenzkosten?
Das stimmt, das Geheimnis ist das Gesamtpaket. Oft ist es auch ein Konzept für einen bestimmten charismatischen Ort oder eine Ausstellung. Meistens muss ich aber einen Endpreis sagen. Wie gesagt: Film- und Musikwirtschaft passen hier nicht zusammen.
Parallel dazu möchte ich zeigen, was noch geht. Und das mache ich, wenn ich selbst Veranstalter bin, so wie jetzt im Festival. Dazu grabe ich ständig Neues aus, im Vorjahr beispielsweise den Martin-Luther-Film. Der existiert nur in einer ausführbaren Fassung, weil ich mit meinem privaten Geld die Premiere ermöglichte. Alte Filme müssen restauriert werden, damit sie überhaupt aufgeführt werden können. Diese wichtige Arbeit hat das Bundesarchiv durchgeführt.
Ich habe ihn gleich vierzig Mal gezeigt, und es stellte sich heraus, dass es sich um einen extrem beeindruckenden Film und ein wichtiges Zeitdokument handelt.
Wenn ich selbst Veranstalter bin, kann ich auch die Show weiterentwickeln. Ich zeige Vorfilme, beispielsweise eine Kinowerbung von 1912 oder coole Animationsfilme. Die Veranstaltung hat dann etwas vom Varieté mit mehreren Nummern, wo das Kino ja auch entstand.

Musik und Pyro-Technik unterstützen die Vorführung von Fritz Langs Filmepos »Metropolis« aus dem Jahr 1925/26 @Maya von Bothmer
Schön ist auch ein Genre-Gegensatz, wenn der Hauptfilm beispielsweise ein Space-Film ist, ist ein sehr poetischer Vorfilm super, bei einer Tragöde nehme ich mindestens einen lustigen Vorfilm. Es ist übrigens viel schwieriger, kurze Filme zu begleiten, weil man exakt auf dem Punkt sein muss. Das hat etwas Virtuoses an sich, das vom Publikum entsprechend honoriert wird. Es gibt auch Infotainment und Musik ohne Film. Dieses Experimentierfeld brauche ich und das ermöglicht mir das Festival in der Passionskirche.
Dort habe ich dich mit »Metropolis« erlebt, in dessen Vorführung du sogar beim großen Untergang ein Feuerwerk eingebaut hast. Ein Erlebnis ohnegleichen, selbst wenn man den Film schon kennt.
Ich liebe die Show auch, das rockt richtig. Ich gehe über den Film hinaus, aber so, dass er nicht untergebuttert wird, sondern unterstützt. Er wird viel größer, tiefer und noch spektakulärer. Weil wir Feuer, Dampf und Explosionen sehr gezielt einsetzen – wie die Musik. Um das Publikum zu locken, benötigt man immer ein paar Saalfüller. Solche Highlights sind Stan-und-Olli-Programm (»Dick und Doof«), »Berlin, Symphonie einer Großstadt« und »Nosferatu«. Begeisterten Menschen kann man dann auch die echten Meisterwerke zeigen.
Du hast »Die kleinen Strolche« von Hal Roach ausgegraben, die kenne ich noch aus früher Jugend aus dem Fernsehen. Wir bist du denn darauf gekommen, du bist doch viel zu jung für diese Serie?
Doch, die habe ich noch im Fernsehen gesehen! Mit meinen Kindern habe ich die Filme an Sonntagen angesehen und sie entscheiden lassen, welche drei Folgen in mein Programm aufgenommen werden sollen. Das Programm wurde also von Kindern entschieden!

Fritz Lang schuf 1928/29 den Science-Fiction-Stummfilm »Frau im Mond« @Birgit Meixner/Deutsche Kinemathek
Dein nächstes Programm steht unter dem Titel »50 Jahre Mondlandung«.
Es geht um Space und Science-Fiction. Ich habe sechs Science-Fiction Filme im Programm. »Metropolis« ist ja auch ein Science-Fiction-Film. Dazu gibt es aber auch weiterhin die bewährten Rubriken: Komödien und Berlin-Filme.
Der russische Kult-Klassiker »Aelita« ist auch dabei. Die Romanvorlage von Alexej Tolstoi hatte bereits im Jahr 1922 in der jungen Sowjetrepublik Furore gemacht. Zwei Jahre später kam dann die Verfilmung in die Kinos.
Genau. Ich behaupte sogar, dass dieser Roman die russische Affinität zum Weltraum entscheidend mit beeinflusst hat. Der russische Vorsprung in der Weltraumforschung hat ja dann die Amerikaner überhaupt erst dazu bewogen, auf den Mond zu fliegen. Diese Filme sind also ein bisschen mit Ursache für die Mondlandung!
Dann gibt es »Algol«, einen deutschen Spielfilm aus dem Jahre 1920 von Hans Werckmeister.
Darin spielt der geniale Emil Jannings einen Grubenarbeiter, der von einem Außerirdischen vom Planeten Algol den Bauplan einer Maschine bekommt, die dessen unerschöpfliche Energie anzapft und ihn damit zum übermächtigen Menschen macht.
Richard Wagners »Rheingold«-Thema: Der Ring der Macht!
Stimmt. Das ist, wie bei den Rheintöchtern, auch ein wenig erotisch konnotiert, insgesamt ein großartiger Film. Ein Vorläufer von »Metropolis«, er geht aber in eine etwas andere Richtung. Der Protagonist möchte eigentlich, dass niemand mehr so hart im Bergbau für sein Brot arbeiten muss und sozialisiert die Hälfte seiner Erlöse. Aber er bringt die anderen Staaten in Abhängigkeit und stürzt die Welt ins Unglück, erkennt dies jedoch erst, als seine Frau bei einem Maschinenunglück ums Leben kommt. Auf eine gewisse Weise führt dieser Film den Glauben, den wir ja heute immer noch haben, dass man allein durch technischen Fortschritt beispielsweise die Erderwärmung verhindern könnte, ad absurdum. Wir müssen vor allem unser Handeln ändern.
»Das Wunder der Schöpfung« hattest du vorhin schon erwähnt.
In dem Film geht es darum, die Wunder der Schöpfung der Erde und des Weltalls zu zeigen. Es ist ähnlich wie eine Vorführung im Planetarium, mit Kapiteln über die Erde, das Sonnensystem und den tieferen Weltraum.
Dazu fällt mir spontan Gustav Holst mit seiner Planeten-Sinfonie ein. Baust du seine Musik ein oder zitierst sie?
Holst ist der Vater der Filmmusik, seine Suite entstand 1914. Hört man heute die Filmmusik zu »Star Wars«, dann wird man an ihn erinnert. Speziell gehe ich auf ihn aber nicht ein.
Das »Wunder der Schöpfung« ist eigentlich eher populärwissenschaftlich angelegt, ursprünglich ein Lehrfilm.
Die hochästhetischen Animationen sind heute noch spektakulär. Der Film ist in sechs Abschnitte aufgeteilt und endet mit der Relativitätstheorie. Es ist das erste Mal, dass Einsteins damals noch sehr junge Theorie im Film vorkommt. Der Zuschauer erlebt eine fiktive Reise in Lichtgeschwindigkeit und die damit verbundenen merkwürdigen physikalischen Phänomene.
Aber wie löst du die Darstellung der Relativitätstheorie musikalisch?
Das habe ich schon mal gelöst und zwar habe ich in der Sternwarte Treptow gespielt. Die haben das größte Teleskop Europas und auf der Bühne in dieser Sternwarte hat Einstein seine Relativitätstheorie vorgestellt. Exakt 100 Jahre später habe ich auf eben genau derselben Bühne diesen wunderbaren Film präsentiert dürfen. Musikalisch ist es eine Art wundersame Klangzauberei, mit der ich versuche, meine Zuschauer in den Film hinein zu saugen.
Das gelingt dir ausgezeichnet, und ich vermute, das spürst du auch, wenn du in die Tasten haust.
Stimmt. Ich habe mal einen Marathon veranstaltet und 30 Stunden lang Stummfilme gezeigt. Das habe ich kräftemäßig nur durchgehalten, weil ich unglaublich viel positive Energie von Publikum bekam. Danach kann man regelrecht süchtig werden.
Der manische Graf! – Gibt es eigentlich so etwas wie eine »richtige« Filmmusik?
Bei »Algol« beispielsweise kann ich das schwere Stampfen der Maschine auf dem Klavier darstellen und die Macht der Technik hörbar machen. Wenn es gut läuft, kann das Publikum im übertragenen Sinne das Schmieröl riechen. Ich kann aber auch ein kleines Thema leise in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber dieser gigantischen Maschine. Beides sagt dasselbe aus: die übermächtige Kraft der Maschine, die Faszination, das Bezwingen der Naturgewalten, den menschlichen Größenwahn und das hilflose Staunen des Betrachters – aber auf vollkommen gegensätzliche Weise. Welche der beiden Musiken besser ist, ist überhaupt nicht klar! Das hängt doch vom Publikum und auch von mir selbst ab, oder nicht?
Dazu braucht es künstlerische Intuition …
Meine Kompositionen sind wie Netze, mit Abzweigungen und verschiedenen Optionen. Welche Musik ich zu den jeweiligen Szenen spiele, entscheide ich jeden Abend neu. Dazu versuche ich intuitiv zu erspüren, wie das Publikum tickt. Schüler wollen tendenziell eher das Stampfen der Maschine hören, die wollen soundmäßig weggeblasen werden, ältere Semester mögen die komplexere Darstellung. Das entscheide ich vom Energiefeld des Publikums. Ich kann auch wechseln: erst die mechanische Kraft und dann eine musikalische Metamorphose in die Emotionalität. Entscheidend ist, das Publikum mitzunehmen. Diese Herausforderung macht mir riesig Spaß. Ich kann zur genannten Szene auch ein Vogelmotiv spielen, also etwas, das der Zuschauer überhaupt nicht sieht. Unterbewusst nimmt das Publikum über die Musik wahr: die industrielle Revolution verdrängt die Natur. Diese politische Erkenntnis steckt ja auch im Film! Man muss sie nur freilegen.
Auch in »Metropolis« mündet die ohnmächtige Wut der Menschen in einer gewissen Maschinenstürmerei nach der Devise, zerhacken wir die Maschine, ist das Problem gelöst.
Ähnlich ist es mit den heutigen Globalisierungsängsten. So glauben wir, wenn wir Atomkraftwerke abschalten, die EU zertreten oder TTIP blockieren, ist das Problem weg. Ist es aber nicht. Das ist in diesem alten Film alles schon vorhanden, die Musik macht es wieder lebendig.
Mit deiner Musik kannst du enorm suggestiv arbeiten und Doppelbotschaften schicken, denn Musik wird sehr viel tiefer aufgenommen als das Bild und läuft über unser Bauchhirn. Du hast also stets die Möglichkeit, zweisprachig zu arbeiten.
Mehr noch: Ich kann mit den Händen zwei unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Oder mit jedem Finger …
Ein Element deiner Kunst, Subbotschaften zu senden und zu steuern, ohne Untertitel zu benötigen?
Derzeit versuche ich ein Experiment, dass ich im Vorprogramm zeige. Es handelt sich um ganz verrückte, schnell geschnittene Aufnahmen: Ein Mensch fährt im Taxi durch New York, draußen sind absurde Szenen von verrückten Leuten. Mit meiner Musik kann ich den Eindruck erwecken, draußen tobe der Wahnsinn, das Unrecht, vielleicht ist es Gotham City. Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise: Spiele ich eine eher romantische Musik mit einer bestimmten Melancholie liegt plötzlich das Augenmerk des Zuschauers nicht mehr auf der Stadt, sondern auf dem Fahrgast, auf dem Menschen. Für meine Zuschauer kommt jetzt ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause, in die Stadt, die er so liebt, mit allen ihren Verrücktheiten. Ich habe manchmal den Eindruck, mit der Musik Texte übermitteln zu können.
Das hat was von Zauberei …
Filmmusik ist nicht nur eine Verstärkung von Gefühlen, es ist eben auch der Subtext, der unterlegt ist, die Begründung, warum das jetzt in diesem Moment so geschieht.
Noch mal zurück zu dem geplanten Festival. Das läuft bis März 2019 mit 21 Aufführungen in der Kreuzberger Passionskirche?
Ganz genau! Und wir freuen uns riesig darauf. Die besten Komödien, die schönsten Berlinfilme, die abgefahrensten Space- und Science-Fiction-Filme. Und noch einige Specials, die über den Stummfilm hinausgehen.
Da scheint ein Workaholic am Werk zu sein. Du machst ja eigentlich auch alles so gut wie allein von der Vorbereitung über das Marketing bis zur Durchführung.
Ja, das ist ein Problem. Ich bin kein gelernter Unternehmer und habe in den vergangenen Jahren auch viel falsch gemacht. Da ich im Herzen Lehrer bin, habe ich in Praktikanten viel Energie gesteckt und heimlich gehofft, dass sie vielleicht bleiben. Die zogen aber weiter, und die ganze Geschichte hat eigentlich mehr Energie gekostet als Nutzen gebracht. Das habe ich aber erst sehr spät gemerkt. Dann habe ich eine Zeit lang ganz alleine gearbeitet, da bin ich fast umgefallen. Vor einem Jahr habe ich eine Mitarbeiterin eingestellt, es ist wunderbar! Aber es fällt mir auch schwer, zu delegieren, das Projekt ist sehr auf mich zugeschnitten und jede Show ist anders, mit anderen Problemen, die einfach die 20 Jahre Erfahrung erfordern.
Wie lautet eigentlich deine Berufsbezeichnung? Filmpianist? Stummfilmpianist?
Viele bezeichnen mich als Stummfilmpianist. Ich nenne mich Pianist und Komponist und lass das lieber offen. Ich mache ja auch anderes.
Was ist die herausragende Fähigkeit eines Stummfilmpianisten, also dein USP? Wie weit unterscheidest du dich von einem Konzertpianisten oder einem Organisten?
Das ist natürlich genau reingepiekt! Meine Technik, einen Film zu vertonen, unterscheidet sich von jedem anderen, weil ich nach einem anderen Grundprinzip arbeite. Ich nenne es, den Zuhörer in den Film hinein zu saugen. Das führt zu einer vollständig anderen Haltung. Als klassischer Pianist muss ich mein Stück spielen, egal was das Publikum tut. Wenn einer rausgeht, darf ich mich nicht durcheinanderbringen lassen. Ich hingegen höre die ganze Zeit auf das Publikum und reagiere, denn letztendlich übersetze ich den Film für meine Zuschauer. Ich spüre sehr schnell anhand der Publikumsreaktionen, ob ich sie packe. Im Gegensatz zu jedem anderen Filmkomponisten vertone ich einen Film nicht einmal, sondern bin jeden Abend auf der Bühne präsent und kann entsprechend die Musik variieren und weiterentwickeln. Für jede Szene habe ich fünf bis sechs Varianten, zwischen denen ich blitzschnell wechseln kann. Diese Möglichkeit hat ein klassischer Filmkomponist nicht. Es ist also nicht das Abspielen eines Stückes, es ist ein Kommunikationsvorgang. Zwischen Menschen. Es ist eine spontane Sache von Millisekunden.
Du bist Komponist, Pianist und Filmmusiker …
… das sind im Grunde drei verschiedene Tätigkeiten. Als Komponist muss ich die bewegten Bilder umsetzen können. Als Pianist muss ich es spielen können. Aber der Chef ist immer der Filmmusiker, der die Entscheidung trifft, wo die Reise hingeht.
Alles, was du spielst ist durchkomponiert?
Es ist wohl überlegt, sekundengenau, aber ich variiere es ständig. Beispiel: Stan und Olli. Es gibt diesen Running Gag, wo sich die beiden ihre Hüte falsch herum aufsetzen, also Stan setzt sich Ollis zu großen Hut auf und Olli Stans zu kleinen. Bei diesem Gag lachen die Leute immer, nur an einer Stelle lachen sie nicht. Man könnte vermuten, dass den beiden diese Szene nicht gelungen ist. Ich habe mir aber gedacht, dass ich es sein könnte, der etwas nicht richtig verstanden hat. Tatsächlich wird in der Szene davor, das Herunterfallen der Hüte durch eine Parallel-Handlung überlagert. Man übersieht das leicht. Also habe ich das Herunterfallen musikalisch unterstrichen. Man kann dann gar nicht woandershin schauen. Und siehe da: Beim Hut-Vertausch-Gag lachen alle! Welche Töne ich da genau spiele ist nicht so wichtig. Man muss die Mechanik des Gags verstehen! Die Entscheidung, das Herunterfallen zu unterstreichen ist zentral. Auf der zweiten Ebene kann ich jetzt den konkreten Tönen heute diese und morgen jene Färbung geben. Aber auf die Millisekunde präzise. Manchmal entscheide ich mich auch dafür, den Gag zu opfern und dafür eben diese Parallelhandlung wirken zu lassen. Beides geht.
Manchmal atme ich genau so wie die Darsteller, dadurch entsteht eine ganz besondere Nähe. Jeden Abend sitze ich vor der Tastatur und probiere etwas Neues aus. Und ich arbeite oft mit Archetypen. Diese Technik ist anstrengend, aber vielleicht mein Alleinstellungsmerkmal.
Neben der Filmmusikshow arbeitest du an einer Orgel-Space-Sinfonie.
Die Filmmusik-Show ist eine Entertainment-Show in der ich hinter die Kulissen blicken lasse und einige Geheimnisse der Filmmusik enttarne. Gerade schreibe ich an einem großen Werk für Orgel. Das geht ein wenig in die Richtung Deep Purple, Pink Floyd, Cream, Tangerine Dream – aber ohne direkte Zitate.
Psychedelische Musik …
Eben, und auf der Leinwand laufen Wahnsinns-Space-Visuals, aber keine Filme die ich vertone. Entscheidend ist dieses Mal die Musik. Ich spiele auf eine ganz andere Weise, ich denke, so haben die Wenigsten schon eine Orgel gehört. Soll ich dir ein Geheimnis verraten?
Immer raus mit den Geheimnissen!
Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen. Ich habe keine einzige Orgelstunde in meinem Leben gehabt und gehe eher wie ein Kind an das gewaltige Instrument. Hier mal ziehen, da mal drücken, mich wegpusten lassen … Und plötzlich spiele ich im Königsberger Dom oder eröffne das 3. Internationale Orgelfestival in Kasachstan. Etwas Ähnliches mache ich auch am Klavier. Das war eigentlich eine Idee aus dem Publikum. Bei meiner »Piano Space Rhapsody« benutze ich auch Effekte, wie man sie von E-Gitarren kennt und moderne Loops.
Auf ein weiteres Special freue ich mich übrigens besonderes. Ich habe ein Programm mit den Pantomimen Bodecker und Neander erarbeitet. Die beiden sind fantastisch! Beide haben bei der Pantomime-Legende Marcel Marecau studiert. Ich vertone ihre Stücke, wir schaukeln uns gegenseitig richtig hoch. Es wird ein Fest!
Lesen Sie hier über ein gemeinsames Projekt von Graf Bothmer und Prinz Rupi.

Ausschließlich aus Papier fertigt Mila mit geschickten Fingern Kleinplastiken und Figuren • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Papier dient Mila Vázquez Otero als Werkstoff für filigrane Skulpturen. Aus alten Zeitungen und Kleister formen die geschickten Hände der Skulpteurin zierliche Kleinplastiken und Figuren. Ruprecht Frieling besuchte die in Berlin lebende Künstlerin, die sich mit der Gestaltung von Papier-Maché einer weitgehend vergessenen Technik bedient.
HIER geht es weiter →
Nika Lubitsch aka Monika von Ramin ist die erste selbst verlegende Autorin im deutschsprachigen Raum, deren Werk fürs Fernsehen adaptiert wurde. Das ZDF produzierte ihren Krimi »Der 7. Tag« zur besten Sendezeit und erreichte damit überdurchnittlich viele Zuschauer: 6.190.000 sahen sich den spannenden Streifen an. Wie der Krimi von Nika Lubitsch ins ZDF kam, wollte ich von der Schriftstellerin persönlich erfahren und besuchte sie zum Interview. HIER geht es weiter →

Der österreichische Schriftsteller Elmar Bereuter schuf mit dem historischen Roman »Die Schwabenkinder« einen lesenswerten Longseller. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Sein Händedruck ist fest, die Umarmung herzlich. Wer Elmar Bereuter trifft, begegnet einem wettergegerbten Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und lustig blitzenden Augen. Der Autor erfolgreicher historischer Romane wie »Schwabenkinder«, »Hexenhammer« und »Felders Traum« lebt abseits der großen Straßen in einem winzigen Dorf im württembergischen Oberschwaben nördlich des Bodensees. HIER geht es weiter →
Hélène Grimaud ist eine der faszinierendsten Pianistinnen unserer Zeit. Die am 7. November 1969 geborene Künstlerin aus Aix-en-Provence zählt zur Weltspitze und schlägt von Berlin über New York bis Tokio Zuhörer in Bann. Grimaud legte neben vielen anderen Arbeiten eine kongeniale Interpretation von Bach-Werken vor, die sie auf dem Flügel einspielte. Prinz Rupi sprach mit der begnadeten Künstlerin über ihr musikalisches Schaffen sowie über ihren Umgang mit dem Internet.
Prinz Rupi: Hélène, bei unserer letzten Begegnung sprachen wir über Johann Sebastian Bach. Nun präsentierst Du Wolfgang Amadeus Mozart. Warum hast Du Dich für Mozart entschieden?
Hélène Grimaud: Man kann sich wohl kaum Musiker nennen, wenn man nicht auch Mozart spielt. Mozart ist für mich eine spezielle Angelegenheit, schon als Kind und später als Teenager spielte ich viel von ihm. Vom intuitiven, fast instinktiven Spiel wechselte ich mit dem Älterwerden in einen intellektuelleren Umgang mit seinem Werk, und das ist das eigentlich Schwierige an Mozart: Wieder zurück zu finden zur Einfachheit seiner Kompositionen das bedeutet übrigens sehr viel Arbeit.
Prinz Rupi: Bachs Musik ist recht schwer. Seine Stücke sind voller Tiefgang und Strenge. Mozart erscheint mir dagegen wie ein Fliegengewicht.
Hélène Grimaud: Die Leichtigkeit und Anmut macht Mozarts Musik so einzigartig und unverwechselbar. Seine Musik ist aber auch voller Tiefe: Sie umspannt einen weiten Bogen menschlicher Gefühle ohne Pathos und Sentimentalitäten. Genau darin liegt die Schwierigkeit.
Prinz Rupi: In Deutschland ist Mozart äusserst populär. Seine Zauberflöte ist die meist gespielte Oper an allen Musiktheatern, gefolgt von Hochzeit des Figaro und Don Giovanni. Wie würdest Du den wahren Mozart beschreiben?
Hélène Grimaud: Für mich persönlich ist das Requiem in Don Giovanni der wahre Mozart. Er hat natürlich sehr viel mehr Facetten, sehr viel mehr Gesichter. Schon als Kind spürte ich, dass sich hinter den glücklichen und leichten Seiten seines Schaffens sehr viel mehr verbirgt, eine gewisse charakterliche Instabilität
…
Prinz Rupi:
… etwas hinter der vermeintlich glücklichen Maske
…
Hélène Grimaud: … eine manische Energie, die zu diesen scheinbar glücklichen Momenten führt. Es sind nicht nur Schönheit, Anmut und der Unterhaltungswert seiner Musik. Es sind nicht nur Perlen, die vom Himmel fallen.
Prinz Rupi: Während er am Figaro arbeitete, schrieb Mozart sein berühmtes Klavierkonzert No. 23 in A-Dur, das Du auf Deiner neuen CD interpretierst. Ohne Pauken und Trompeten ist es reine Kammermusik. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks?
Hélène Grimaud: Mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks habe ich unter verschiedenen Dirigenten mehrere Programme eingespielt. Dann hörte ich von dem Kammerorchester, mit dem ich ein Programm Best of Bach plante. Die Zusammenarbeit war wundervoll, wir entschieden uns für weitere gemeinsame Konzerte. Da wir alle sehr stark eingebunden sind, gab es nur wenige Termine für ein Mozart-Programm, das ich mit höchsten Erwartungen verknüpfte. Die Konzerte gelangen dann so einzigartig, dass die Idee der Live-Aufzeichnung entstand und das neue Album geboren wurde.
Prinz Rupi: Den zweiten Satz des A-Dur-Klavierkonzerts hast Du mal als das erhabenste Orchesterstück bezeichnet, das Mozart je schrieb.
Hélène Grimaud: Das ist nur meine persönliche Ansicht. Für mich ist dieser Satz absolut erhaben, einer dieser Augenblicke in der Musik, wo es nichts anderes braucht. Es stammt fast aus einer anderen Welt und ist gleichzeitig verankert in diesseitigen Erfahrungen. Es versöhnt das Diesseits und Jenseits, und die Wirkung des Satzes ist beeindruckend das spüre ich nicht nur selbst sondern erlebe es auch bei Zuhörern. Deshalb wurde es für die Aufnahme gewählt.
Prinz Rupi: Dieses Adagio aus No. 23 beginnt mit zwölf Solotakten und Mozart schrieb ein spezielles Siciliano-Thema für das dem Klavier folgende Orchester: süß und schmerzlich Ist das Musik, die Dein Herz berührt?
Hélène Grimaud: Auf jeden Fall. Das ist auch der Grund, warum die Musik heute noch lebt. Sie berührt uns, sonst würden wir sie nicht brauchen. Das macht klassische Musik auch so wertvoll: Sie hat die Fähigkeit, Menschen zu bewegen und Gefühle zu verändern. Sie berührt die Seele, das macht sie einzigartig.
Prinz Rupi: Glaubst Du, Mozart erzählt eine Geschichte mit diesem 23. Klavierkonzert?
Hélène Grimaud: Ich bin nicht so stark in Musikgeschichten. Natürlich ist es gut zu wissen, welche Ideen und Visionen ein Komponist hatte, und ich würde gern erfahren, was Mozart bewogen hat, dieses Stück zu schreiben. Am Ende jedoch ist die Musik immer sehr viel größer als alle Geschichten, die vielleicht am Anfang standen. Für meinen Geschmack reduzieren Geschichten die Musik auch ein wenig, darum bin ich kein großer Freund dieses Gedankens. Was meinst Du dazu?
Prinz Rupi: Ich weiß es nicht. Aber es könnte eine traurige Liebesgeschichte dahinter stecken. Ein Geschichte von Liebe, Zärtlichkeit und Hingabe.
Hélène Grimaud: Liebe ist immer ein gutes Thema.
Prinz Rupi: Wie hörst Du eigentlich Musik? Kaufst Du Wagenladungen Schallplatten und CDs? Oder sitzt Du lieber im Konzert und hörst live?
Hélène Grimaud: Heh, das ist eine Fangfrage! Aber im Ernst: Ich könnte weder ohne das eine noch das andere leben. Wenn ich im Konzertsaal bin und es geschieht etwas Besonders auf der Bühne, dann ist das der beste Platz, den ich mir vorstellen kann. Es gibt nichts, das dieser Magie gleich kommt. Auf der anderen Seite kann ich mir auch nicht vorstellen, ohne einen Ort der Ruhe und Zurückgezogenheit zu sein, an dem ich meine Lieblingsstücke höre.
Prinz Rupi: Mit meiner Frage möchte Dich in die Welt des Internets locken. Hast Du schon mal Musik von iTunes oder einer anderen Plattform gezogen?
Hélène Grimaud: Na klar!
Prinz Rupi: und hast sie dann auf einem iPod oder iPhone gehört?
Hélène Grimaud: Ja, auf beiden. Ich mag die Bequemlichkeit: Einfach nur schauen, was ich gerade brauche und sofort darüber zu verfügen. Manchmal entdecke ich Stücke oder Interpretationen, von deren purer Existenz ich nicht einmal wußte. ABER: Ich bin jemand, der Dinge gern in Händen hält und in den Booklets liest. Ich nehme auch gern CDs aus dem Regal und stelle sie später wieder zurück. Ich möchte nicht ausschließlich mit meinem iPod hören, dabei habe ich exzellente Kopfhörer und versuche, das Beste herauszuholen. Natürlich ist es toll, eine riesige Discothek zur Verfügung zu haben, wenn ich unterwegs oder auf einem Flug bin.
Prinz Rupi: Findest Du es toll, wie das Internet zur Verbreitung von Musik beiträgt?
Hélène Grimaud: Durchaus. Dass all diese Dinge verfügbar sind, finde ich gut.
Prinz Rupi: Du hast tausende Fans in aller Welt. Wie kommunizierst Du mit ihnen?
Hélène Grimaud: In erster Linie durch meine Musik, hoffe ich. Ich bin kein großer Kommunikator. Das Beste, was Künstler bieten können, ist ihr Werk, ist das, was sie tun. Sie geben alles auf der Bühne oder im Studio vor dem Mikrofon. Ich weiß natürlich, dass Freunde klassischer Musik ein Bedürfnis nach größerer Nähe verspüren. Für mich ist das weniger wichtig. Eine Journalistin fragte mich kürzlich, was ich täte, wenn ich ein Date mit Mozart hätte, und ich hoffe, ich habe sie nicht zu sehr mit meiner Antwort schockiert, aber ich habe kein Interesse an einem Treffen mit Mozart. Ich muss nicht wirklich wissen, was hinter der Kunst steckt. Mich interessiert die Kunst, alles andere ist Nebensache.
Prinz Rupi: Nutzt Du Netzwerke wie Facebook oder Twitter?
Hélène Grimaud: Facebook habe ich eine gewisse Zeit genutzt, aber ich schreibe dort nur unregelmäßig. E-Mails und SMS nutze ich im Geschäftsverkehr und wenn es notwendig ist. Um mit engen Freunden zu sprechen, nehme ich das gute alte Telefon und höre gern ihre Stimmen.
Prinz Rupi: Greifst Du auf langen Flugreisen auch mal zu einem Buch?
Hélène Grimaud: Ich liebe es! Das Flugzeug bietet eine der letzten Möglichkeiten, vollkommen ungestört zu lesen. Man ist für eine Zeitspanne isoliert und kann nicht aus der Lektüre gerissen werden.
Prinz Rupi: Schon mal ein E-Book gelesen?
Hélène Grimaud: Bis jetzt noch nicht. Ich habe einem Freund ein Lesegerät geschenkt, das ist eine große Erfindung.
Prinz Rupi: Du hast natürlich endlos viel von und über Mozart gelesen. Gibt es ein Werk oder eine Biographie, die Du empfehlen kannst?
Hélène Grimaud: Nicht wirklich. Magst Du vielleicht eine Empfehlung abgeben?
Prinz Rupi: Das wage ich hier nicht. Aber ich würde Mozart gern einmal treffen und ein wenig ausfragen. So wie Dich
Hélène Grimaud: Das glaube ich Dir sofort. Toll, unser Gespräch hat Spaß gemacht!
WERBUNG
Dr. Hunter S. Thompson, legendärer Begründer des »Gonzo-Journalismus« und in den USA als Superstar gefeiert, führte kurz vor seinem Freitod ein Gespräch mit Prinz Rupi.
Hunter S. Thompson: Dein Blog ist echt Gonzo. Wie heißt das Teil noch gleich?
Prinz Rupi: »PRINZ RUPI«
Hunter S. Thompson: Werde wohl nie vergessen, wie ich Dich damals im Flieger kennen lernte. Wir sollten für irgendwelche gut zahlenden Glitzermagazine über den America´s Cup aus Valencia berichten. Du hattest eine ganze Menge von diesen wundervollen purpurnen Pillen dabei.
Prinz Rupi: Es ging um berühmte Segelboote und einen wichtigen Pokal.
Hunter S. Thompson: ich glaube, es war Psilocybin. Das Zeug wurde gerecht geteilt, und wir gaben uns die Kante. Es war ein infernalisches Farbenfeuerwerk, ich weiß nicht mehr, wie wir überhaupt aus dem Flugzeug gekommen sind. Jedenfalls erwachten wir im Hotel. Hostessen bemühten sich um uns. Später gab es Streit, weil der Verlag die Spesenrechnung monierte.
Prinz Rupi: Wir sollten über diese komische Regatta schreiben.
Hunter S. Thompson: Es sollte eine echte Gonzo-Reportage entstehen, mit einzigartigem Blick auf die Ereignisse. Wir nahmen ein Schlauchboot, um an eine dieser messerscharfen Yachten heranzuschleichen und »Fuck the Pope« auf den Rumpf zu sprayen. Am nächsten Tag hätte jeder diesen Spruch lesen können, nur die Mannschaft hätte nichts bemerkt. Das war die Idee für unsere Story.
Prinz Rupi: Von Regatten verstanden wir überhaupt nichts, und auf ein Boot hatten wir uns auch noch nie zuvor getraut.
Hunter S. Thompson: Aber ich habe es geschafft, das Schlauchboot zu Wasser zu lassen und uns damit in den Hafen zu rudern. Nur gut, dass wir mexikanisches Gras dabei hatten, das ersetzte das fehlende Nachtsichtgerät.
Prinz Rupi: Diese Luxusyachten glitzerten wie silberne Zigarren und wurden bewacht wie Fort Knox.
Hunter S. Thompson: Wir kamen bis an den Rumpf eines Seglers. Du warst für den künstlerischen Teil zuständig und musstest die Sprayflaschen schütteln. Überall waren Scheinwerfer und Wächter, aber keiner rechnete mit einem Angriff von der Seeseite.
Prinz Rupi: Die Kugel in der Farbdose klapperte mächtig …
Hunter S. Thompson: … und als Du dann zu fluchen begannst, weil die Farbe beim Ausströmen auch noch zischte, wurden die Typen auf uns aufmerksam und fingen an, wie wild zu brüllen. Im Scheinwerferfeuer bin ich um unser Leben gerudert. Jeden Augenblick dachte ich, sie ballern uns ab.
Prinz Rupi: Wir Journalisten machen einen echt gefährlichen Job.
Hunter S. Thompson: Zur Beruhigung haben wir schnell noch einen Joint durchgezogen. Dann habe ich Dich in den nächsten Flieger gesetzt, damit Du außer Landes fliehen konntest. Schließlich hatten sie uns erkannt und wollten uns ans Leder. Ausgenüchtert hast Du daheim einen saustarken Life-Bericht über das America´s Cup fabriziert, als ob Du erster Steuermann warst.
Prinz Rupi: Das war voll Gonzo!
Hunter S. Thompson: Derweil musste ich mich um meine Kandidatur zum Sheriff von Aspen, Colorado, kümmern. Ich ließ mir eine Glatze schneiden, um meinen widerlichen republikanischen Herausforderer einen »langhaarigen Hippie« nennen zu können. Fast wäre ich sogar gewählt worden.
Prinz Rupi: Cool! Du hättest es voll verdient.
BONUS: ALLES ÜBER GONZO-JOURNALISMUS
