
Dr. Uwe Kullnick ist Gründer, Intendant und Chefredakteur des Senders Literaturradio Hörbahn, außerdem Redakteur und Moderator »Hörbahn on Stage« sowie für Cut und Mastering verantwortlich. Als Sprecher ist er für die verschiedensten Programme des Radios zuständig.
Was haben Visionäre, Träumer, Käuze und unbeirrbare Einzelgänger gemeinsam? Sie folgen nicht dem Mainstream, sondern ihrem eigenen Stern – und hinterlassen gerade deshalb bleibende Spuren.
Im LiteraturRadio Hörbahn spricht Dr. Uwe Kullnick mit Prinz Rupi über Menschen, die allen Widerständen zum Trotz ihren eigenen Weg gegangen sind. Im Mittelpunkt des unterhaltsamen Interviews stehen die jüngsten Bücher des Autors:
• »Der Karajan vom Schillerplatz«, erschienen im Ultraviolett Verlag Dresden
• »Ritter von der Rolandnadel«, erschienen im Charles Verlag Hamburg
Das Gespräch führt von außergewöhnlichen Lebensgeschichten und eigensinnigen Charakteren bis in die faszinierende Welt der Schlaraffia (ab 24:45 min). Prinz Rupi erzählt von dem traditionsreichen Bund eigenwilliger Geister, in dem Kunst, Humor, Freundschaft und fantasievolles Spiel im Mittelpunkt stehen.
Dabei geht es auch um eine Haltung, die sein Leben und seine Arbeit prägt

Ein Gespräch über Mut, Eigensinn, ungewöhnliche Menschen und die Kraft, den eigenen Weg zu gehen.
Jetzt das vollständige Interview im Literaturradio Hörbahn anhören:
»Prinz Rupi ist der kreativste Mensch, den ich persönlich kenne.«
Uwe Kullnick, Gründer, Intendant und Chefredakteur des Senders Literaturradio Hörbahn, außerdem Redakteur und Moderator »Hörbahn on Stage«
Cooler Gesprächspartner: Ein Interview mit Napoleon Bonaparte führte Prinz Rupi mittels künstlicher Intelligenz (KI). Darin äußert sich der 1821 verstorbene französische Kaiser zu seiner Erkenntnis, wonach die Feder mächtiger ist als das Schwert. HIER geht es weiter →

Dr. Uwe Kullnick ist Gründer, Intendant und Chefredakteur des Senders Literatur Radio Hörbahn, außerdem Redakteur und Moderator »Hörbahn on Stage« sowie für Cut und Mastering verantwortlich. Als Sprecher ist er für die verschiedensten Programme des Radios zuständig.
In einem anderthalbstündigen Interview spricht Dr. Uwe Kullnick mit Prinz Rupi über sein erstes mit Künstlicher Intelligenz produziertes Buch. Er entlockt seinem Gesprächspartner Geständnisse über Idee, Entstehung, Chancen, Gefahren und das Vergnügen, neue Dinge zu probieren.
Direkt springen zu einzelnen Inhalten im Interview:
Was ist Künstliche Intelligenz? Prinz Rupi wollte es genau wissen und befragte die KI selbst. Es entstand ein Interview mit dem offen zugänglichen Chat-Aggregator ChatGPD, das hier unredigiert wiedergegeben wird. HIER geht es weiter →

Viola und Axel Hollmann (Mitte) trafen sich mit Ruprecht Frieling zum Interview am Neuen See in Berlin-Tiergarten.
Berlin-Tiergarten. Café am Neuen See. Axel Hollmann, 50, ähnelt in Größe und Statur einem gemütlichen Bären. Der bekennende »SchreibDilettant« auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane kommt in Begleitung zum Interview. Viola, seine Frau und Muse, flankiert ihn seit 25 Jahren.
»Er kam irgendwann an und sagte: Schatz, ich möchte Schriftsteller werden«, verrät sie mir strahlend. –
»Ja, geht das denn so einfach?«, frage ich unschuldig und schalte schnell mein Tonband ein.

Axel Hollmann, bekennender SchreibDilettant auf YouTube und Autor spannender Kriminalromane. Alle Fotos: © Ruprecht Frieling
Stephen King ist schuld, dass der 1968 im Sternzeichen Waage geborene Axel Hollmann sein Studium der Betriebswirtschaftslehre nicht abgeschlossen hat. Statt Vorlesungen zu besuchen, schmökert der junge Student im Lichthof der Technischen Universität im umfangreichen Werk des Kings of Horror.
»Ich hatte keinen Spaß am Studium und war auch nicht organisiert genug«, sagt Hollmann heute über jene Zeit. Das Lesen ermöglicht ihm kleine Fluchten, regt seine Phantasie an und hilft ihm, eigene imaginäre Welten zu erbauen.
Mit 13 Lenzen trifft sich Axel mit anderen Jugendlichen in einem akademischen Fechtclub. »Fechten klang cool«, meint er, als ich ihn zweifelnd ansehe. Dort lernt er einen Schüler von der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule kennen. Der wiederum erschließt ihm Spiele, die in den Vereinigten Staaten gespielt werden. »Dungeons & Dragons« (Verliese und Drachen) von Gary Gygax wird von nun an auch in Berlin gespielt.
Jede freie Minute investiert Axel Hollmann in das Rollenspiel. Dabei lernt er den vier Jahre jüngeren Marcus Johanus kennen, der heute als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Psychologie arbeitet sowie ebenfalls erfolgreich Krimis verfasst. Bald werden die beiden beste Freunde. Bis heute wirken sie eng zusammen.
In einem Zeitungsbericht entdeckt Axel eine Händleradresse und bezieht die Artikel und die für die Spielstruktur wichtigen Regelwerke aus den USA. Er ist gerade 13 Jahre jung, und das Internet als Massenphänomen existiert 1981 noch nicht.
Das Interesse an Pen-&-Paper-Rollenspielen wächst. Bei diesen Spielen nehmen die Mitwirkenden fiktive Rollen ein und erleben gemeinsam durch Erzählen ein Abenteuer. Als Hauptspielmittel werden fast immer die namensgebenden Stifte und Papier eingesetzt, um die dargestellten Rollen auf Charakterbögen zu beschreiben und Notizen zum Spielverlauf zu machen. Es handelt sich um eine kreative Mischung aus herkömmlichem Gesellschaftsspiel, freier Erzählung und spontanem Improvisationstheater.
In der Berliner Bundesallee eröffnet ein Laden für Fantasy-Rollenspiele. »Serious Games« (ernstzunehmende Spiele) heißt der Laden. Schon entsteht eine Filiale in der Bismarckstraße. Es gibt dort auch eine Bücherecke mit Romanen, Thrillern, Horror und SF-Büchern. Axel und Marcus stoßen dazu und werden Mit-Geschäftsführer.
Über das Rollenspiel lernen sich 1992 Viola und Axel kennen. Damals sind Frauen in Rollenspielkreisen dünn gesät. Sie ist fasziniert von seinem Talent, er verliebt sich in ihre Stärke. Seitdem sind die beiden ein Paar und Eltern von zwei Kindern.
Aber was hat all das mit dem Schreiben zu tun, Axel Hollmann?
»Über das Rollenspiel bin ich zum Schreiben gekommen. Bei jedem Rollenspiel braucht man einen Spielleiter, der sich die Geschichten ausdenkt und den Plot ausdenkt. Das war dann ich, der die Figuren entwickelte. Für meine drei, vier Freunde hatte ich begonnen, ein Fan-Magazin herauszubringen.«
Die ersten »richtigen« Artikel, die er schreibt, erscheinen in Rollenspiel-Magazinen. Dann passiert viele Jahre gar nichts mehr. Hollmann beginnt, einen Roman zu schreiben. Viele Zettel mit Ideen hängen an seiner Zimmertür. Dabei bleibt es vorerst.
Erst als es nach zehn Jahren mit der kleinen Ladenkette zu Ende geht, kommt der Prozess voran. Das Publikum für Importprodukte bestellt inzwischen direkt über das Netz und kommt auf diese Weise wesentlich preiswerter davon. Axel gewinnt Zeit für seine wirkliche Leidenschaft.
»Am ersten Tag, an dem ich nicht mehr in den Laden gegangen bin, habe ich mit dem Romanschreiben begonnen, um in kein Loch zu fallen. Jeden Tag habe ich zwei Stunden geschrieben.« Gleichzeitig ackert er als Bürohengst im Betrieb des Vaters. Den übernimmt er dann.
Wie bist du vorgegangen, um Schriftsteller zu werden?
»Gute Frage! Ich habe mir Bücher über das Schreiben besorgt, angefangen mit James N. Frey „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Der war ein Augenöffner, weil er eine andere Herangehensweise zum Schreiben vermittelte, anders als die deutsche Herangehensweise. Künftig habe ich eine Stunde gelesen, eine Stunde geschrieben.«
Was hat dir die Lektüre von Freys Bestseller gegeben?
»Frey hat mir beigebracht, dass Schreiben Handwerk ist. Der deutschen Mentalität ist das weitgehend fremd. In Deutschland spukt immer noch die Genietheorie von der göttlichen Inspiration in den Köpfen umher.«
Und warum gleich einen Roman statt einer Kurzgeschichte? Wolltest du vielleicht berühmt werden?
»Ich habe es gemacht, weil es eines meiner drei Ziele war: Ich wollte Marathon laufen, eine Familie gründen und ein Buch schreiben. Marathonlauf und Familie hatte ich inzwischen.«
Vielleicht wolltest du reich werden?
»Mir war völlig klar, dass man mit Schreiben nicht richtig reich werden kann. Als Rockmusiker verdient mal leicht das Zwanzigfache«, Axel lacht, »und bekommt zwanzigmal so viele Mädels ab.«
An seinen ersten Roman, einen Mittelalter-Horror-Fantasy-Text mit Rittern, kann sich Axel Hollmann kaum erinnern. Täglich hockt er in jener Zeit im »Café K«, dem Café im Kolbe-Museum. Dort kann er schreiben, daheim klappt es nicht. Axel sitzt an einem runden Marmortischchen, schlürft Kaffee und beschreibt die Seiten eines klassischen Moleskine-Notizbuch mit Füller.
Eines Tages lässt der Dauergast mangels Kleingelds seine Zeche anschreiben. Am Tag darauf bekommt er den Kassenbon, und da steht drauf »vom Autor«. Die Bedienung hat bereits mitbekommen, dass er schreibt.
»In dem Augenblick wußte ich: Jetzt bin ich Schriftsteller!«
Erleuchtung und Durchbruch beschert ein amerikanischer Podcast namens »Writing excuses«. Freund Marcus kennt diesen Internet-Podcast über das Romaneschreiben. Ziemlich bekannte Fantasy- und SF-Autoren sprechen darin über ihre Erfahrungen mit dem Handwerk des Schreibens.
Daraus entsteht die Idee der »SchreibDilettanten«. 2012 beginnt Axel Hollmann gemeinsam mit Marcus Johanus einen wöchentlichen Podcast nach amerikanischem Vorbild auf iTunes. Er beobachtet jedoch bei seinen Kids, dass sie viel auf YouTube abhängen. Und mit iTunes gibt es ständig Probleme. Darum schwenken die beiden Macher nach 150 Folgen, also nach etwa drei Jahren, um. Seitdem agieren sie ausschließlich auf YouTube.
Aufgezeichnet wird die Show meist montags um 07:45 Uhr. Axel schneidet den rund zwanzigminütigen Beitrag und lädt ihn hoch, nachdem Marcus ihm den letzten Schliff gegeben hat. Inzwischen sind 400 Sendungen online. Eine treue Community aus 2.300 Abonnenten wartet jede Woche auf Nachschub. Die Zuschauerzahlen steigen, mehr als eine Viertel Million Aufrufe verzeichnen die SchreibDilettanten insgesamt.
Werbung wollen sie nicht einblenden. Schon der Aufwand, alles buchhalterisch aufzubereiten, ist ihnen lästig. Auch ein Ende der Sendereihe ist nicht absehbar. »Wir machen das so lange, bis einer von uns umkippt«, versichert Axel.
Axel Hollmanns nennt seinen ersten abgeschlossenen Roman »Auf brüchigem Asphalt«, es ist ein Julia-Wagner-Krimi. Er besucht Schreibseminare, legt Wert auf Information und Weiterbildung.
Hoffnungsvoll verschickt er Leseproben an alle Agenturen. Resonanz? – Null! Einer fordert das vollständige Manuskript an, aber das war es.
Hollmann verfasst ein zweites Buch. Doch innerlich ist er bereits voll frustriert und begräbt seinen Berufswunsch schon wieder.
Da erzählt Freund Marcus, dass der Ullstein-Verlag ein neues Imprint namens Midnight für E-Books entwickelt. Wir schreiben das Jahr 2014.
»Da dachte ich mir: Schick es einfach hin! – Anderthalb Monate später kam mein E-Book unter dem Titel „Asphalt. Ein Fall für Julia Wagner“ auf den Markt!«
Axel Hollmann zählt zu den ersten vier Autoren, mit denen Midnight eröffnet. Vom Kindle hat er keine Ahnung und über Self-Publishing denkt er, das mache sowieso keiner.
»Die Zusammenarbeit mit dem Team von Ullstein war toll, sehr sympathische Leute. Ein flottes Lektorat, und schon kam das Cover. Ich fand es erst doof, Freunde fanden es aber gut und später sah ich ein, dass das Cover gut war.«
Der Verkauf läuft gut. Im ersten Halbjahr ist er einer der bestverkaufte Autor bei dem Label. Mit »Schlaglicht« folgt der zweite Band. Den hat Axel schon in der Schublade und schnell ein wenig umgebaut zu einer weiteren Julia-Wagner-Geschichte.
Plötzlich bekommt er doch noch Kontakt zu einer Literaturagentur. Schmidt und Abrahams bringen »Rissiges Eis« bei Amazons E-Pub-Verlag unter. Das Buch ist Hollmanns dritter Streich, mit Vorschuss und allem Tamtam.
Axel kann seine Protagonistin Julia vorerst nicht mehr sehen. Er will auch keine Heldinnen mehr haben, sondern einen Helden. Das Projekt findet der Amazon-Verlag unpassend.
Die Stunde des Self-Publishings schlägt: Hollmann gibt seinen Roman »Schwarzer Rost« selbst heraus, Buch No. 4 ist auf dem Markt.
»Ich kannte inzwischen viele Leute aus der Self-Publishing-Szene und war echt neugierig. Außerdem brauchte ich ein eigenes Buch, um mich am Self-Publishing-Preis zu beteiligen. Dort kam ich bis auf die Shortlist.«
Da er die Rechte von Midnight zurückbekommt, schreibt er noch eine Art Prequel zu Julia Wagner und gibt als fünften Streich »Benzin« heraus. Schnell ist er in die SP-Autoren-Szene integriert. Wissen weitergeben und mit dem Publikum interagieren, macht ihm Spaß. Auf diese Weise findet er die Verbindung zum Rollenspiel.
Der WILEY VCH-Verlag spricht ihn an. Im Internet ist dieser auf die YouTube-Show »SchreibDilettanten« gestoßen. Der dort gepflegte lockere Stil passt dem Unternehmen.
Gemeinsam mit Marcus Johanus verfasst Axel Hollmann daraufhin das Sachbuch »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies«.
Abgesehen von einem ihm unerreichbar scheinenden Spitzenplatz auf der Spiegel-Bestseller-Liste: Ist Axel Hollmann damit am Ziel seiner Träume vom Schriftstellern?
»Auf jeden Fall. Ich habe alles abgehakt, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn mich jetzt der Blitz treffen würde …«
Doch Blitzgott Loge ist geduldig und wartet noch ab, bis er zuschlägt … Deshalb sitzt Axel jetzt gemeinsam mit Marcus Johanus an einem Projekt, das sie gemeinsam produzieren.
Was das wohl wird? – Ich schiebe das Mikrophon unmerklich näher …
Axel Hollmann schweigt geheimnisvoll. Sein Blick schweift über den Neuen See in eine ferne Zukunft.
Axel hat immer tolle Geschichten erfunden«, sagt seine Frau Viola überzeugt. Doch Genaueres weiß selbst sie nicht …
Ruprecht Frieling

„Morden für Anfänger“ heißt einer der Ratgeber des Diplom-Kriminalisten Dr. Manfred Lukaschewski. Fotos: © R. Frieling
Die besten Jäger folgen immer den größten Herausforderungen. »Manne« hieß einer der gefürchtetsten Mordermittler der ehemaligen DDR. Der Schrecken aller Totschläger und Mörder war ein Spitzenjäger, der auch im Ruhestand das Morden nicht sein lassen kann: Heute schreibt der Leichenflüsterer Ratgeber für Krimiautoren.
Anno 1985 treiben Kriminelle auf dem Friedhof der Fontanestadt Neuruppin ihr Unwesen. Handtaschenräuber überfallen alte Damen. Es kommt zu Sexualvergehen. Dann erfolgt ein Tötungsdelikt. Die örtliche Polizei ist ratlos. Um den Tätern auf die Spur zu kommen, schickt das DDR-Innenministerium die besten Kriminalisten des Landes. Und es dauert keine zehn Tage, da ist das Team um Major Dr. Manfred Lukaschewski erfolgreich und kann die Täter ermitteln. Der böse Spuk hat ein Ende. Zur Belobigung soll der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ dekoriert werden. Doch der lehnt ab, weil jedes Teammitglied die mit eintausend DDR-Mark dotierte Auszeichnung verdient habe. Zähneknirschend gibt Innenminister Friedrich Dickel nach und rückt sieben Orden heraus.
Neben dem Fernsehturm ist die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz seit 1969 eines der bekanntesten Wahrzeichen der Hauptstadt. Hier bin ich mit Manfred Lukaschewski verabredet. Der ehemalige Mordermittler und jetzige Ratgeber-Autor kennt den Kiez wie seine Westentasche. Wenige hundert Meter vom Alex entfernt residierte das Präsidium der Volkspolizei. Im zweiten Stock hatte er als Chef einer der drei (Ost-)Berliner Mordkommissionen ein Büro.

Noch lacht er: An der Weltzeituhr am Alexanderplatz verhaftet Verhörspezialist Ruprecht Frieling Kriminalrat Manfred Lukaschewski
Wir gehen ins 125 m hohe einstige „Interhotel Stadt Berlin“, das heute „Park Inn“ heißt. Manfred bestellt eine Cola, ich trinke eine Portion Assam. Meinen Gesprächspartner kenne ich von Buchmessen und aus seinen sachkundigen Buchveröffentlichungen. Am Abend hat er gemeinsam mit Patricia Holland Moritz eine Lesung in der Lichtenberger Krimibuchhandlung „Totsicher“. Uns bleiben knapp vier Stunden für das Interview, und das ist wenig Zeit, um einen gewieften Ermittler zu „verhören“.
Im Sternzeichen der Waage 1951 geboren, bringt Manfred Lukaschewski gute Voraussetzungen für seinen späteren Beruf mit. Denn eine typische Eigenschaft des Waage-Menschen ist seine Begabung, sich in andere hineinzuversetzen und die inneren Gedanken und Absichten seines Gegenübers zu lesen. Das ist wohl nicht die schlechteste Eigenschaft, die einen fähigen Ermittler auszeichnet.
Auf dem Weg zum Abitur absolviert Lukaschewski, wie in der DDR üblich, eine Lehre und darf sich seitdem Molkereifacharbeiter nennen. In Rostock studiert er erfolgreich Physik. Schon während des Studiums kommt er mit der Polizeiarbeit in Berührung. Er unterwandert eine Jugendbande, die im Stadtwald der Hansestadt ihr Unwesen treibt und besorgt sukzessiv Beweise. Seine Aufklärungsarbeit führt zur Zerschlagung der Gang.
Es ist insofern kein Wunder, dass die Kripo dem abenteuerlustigen Physiker nach Abschluss des Diploms eine Stelle als Ballistiker in der siebenköpfigen Berliner Mordkommission Drei anbietet. Mit den Besten der Besten arbeiten zu dürfen empfindet er als Auszeichnung. Manfred leistet den obligatorischen Wehrdienst in der Nachrichten-Aufklärung, wird dort zum Einzelkämpfer ausgebildet und als Direktstudent an die Berliner Humboldt-Universität zum Kriminalistik-Studium delegiert.
An der Humboldt-Uni lernt der wissbegierige Student alles, was ein qualifizierter Ermittler wissen muss: Strafrecht, Strafprozessrecht, Bürgerliches Recht, Völkerrecht, Grundlagen und Methodologie der Kriminalistik und Kriminaltaktik (Vernehmung, Observation, Hausdurchsuchung). Kriminaltechnik mit Fotografie, Trassologie, Ballistik, Waffenkunde, Schriftenuntersuchung und Signalementslehre zählen dazu. Schließlich kommen die medizinischen Fächer Forensische Medizin, Psychologie und Psychiatrie hinzu.
Manfred ist fasziniert von den Aspekten und Möglichkeiten moderner Kriminalistik und lernt mit Fleiß und Ausdauer. Brennend interessiert ihn die Daktyloskopie (Fingerabdrucktechnik), die zu seinem Diplomthema wird und über die er heute noch mit leuchtenden Augen spricht. Weltberühmte Professoren gehörten zu seinen Ausbildern: Horst Howorka, Otto Prokop, Karl-Heinz Römer, Reiner Werner, Christian Koriska.
1983 schließt Manfred Lukaschewski als Diplom-Kriminalist ab. Im Jahr darauf promoviert er. Sein spezielles Interesse gilt der Untersuchung von Fingerabdrücken an Leichen. Er entwickelt wissenschaftliche Verfahren, mit denen Abdrücke an Toten mittels ultraharter Röntgenstrahlen oder in der Vakuumkammer sichtbar gemacht werden können.
Die Kriminalistik der DDR ist zu jener Zeit Weltspitze. Weder Scotland Yard noch FBI halten mit den Ostdeutschen Schritt. Ich schaue meinen Interviewpartner ungläubig an. Wie das?

Für seine erfolgreiche Arbeit wurde der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ und anderen Auszeichnungen dekoriert
Manfred nippt an seiner Cola und erklärt: „In der DDR wurde Kriminalistik als Wissenschaft statt als polizeilicher Zweig betrachtet. Das gab es in dieser Qualität in keinem anderen Land der Erde. Unsere Lehrstuhlinhaber waren entsprechend gefragte Referenten in West und Ost.«
Nach der Wende wird der hochqualifizierte Kriminalrat weiterbeschäftigt. Als er dann aber erfährt, dass ihm die künftige Rente aufgrund seines hohen Dienstgrades gekürzt werden soll, ein unerfahrener Westbeamter als Vorgesetzter eingesetzt wird, und er auch noch seine Dienstwaffe abgeben soll, quittiert er den Dienst. Schutzlos Schwerkriminellen entgegentreten zu sollen, ist ihm unvorstellbar. Denn in gefährlichen Situationen nutzt ihm auch sein schwarzer Meistergürtel im Judo wenig.
Manfred Lukaschewski erlebt kopfschüttelnd die Auflösung der kriminalistischen Fakultät durch den Berliner Senat „mangels Bedarfs“. Man spürt, er ist immer noch fassungslos. „Das Niveau der Polizeiarbeit ist seitdem erschreckend gesunken“, urteilt er und beschreibt damit zugleich seine Intention, erworbenes Wissen weiterzugeben, bevor es mit der älteren Generation verweht.
„Es geht gar nicht darum, dass die Fachleute wegsterben. In der Praxis lässt sich vieles auch im Learning by Doing begreifen. Das Hauptproblem ist, dass mit der Schließung der Sektion die Forschung weggefallen ist.“ Folgerichtig kämpft er um die Wiedereinführung der akademischen Ausbildung.
„Meine Bücher sollen dem Wissensverlust entgegenwirken“, lautet die Maxime des ehemaligen Kriminalrates. Ein dreibändiges „Kompendium der Kriminalistik“ hat der Mordermittler deshalb inzwischen verfasst. Sein lexikalisch aufgebautes Lebenswerk findet sich in der Bibliothek jeder besseren Polizeiakademie.
Reicht ihm das? – Manfred Lukaschewski schaut durch die bodentiefen Fenster des Restaurants auf den belebten Alexanderplatz. Dort herrscht buntes Treiben. Drei Polizisten mit Schutzwesten patrouillieren durch die Menge und versuchen, dem „kriminalitätsbelasteten Raum“, in dem pro Jahr rund 8.000 Straftaten registriert werden, Autorität zu verleihen. Wir sehen ein Bürohäuschen, das die neu eingerichtete Wache beherbergt. Das „subjektive Sicherheitsgefühl des Bürgers“ soll damit nach Auffassung des Innensenators verbessert werden.
Dann antwortet mir mein Gesprächspartner indirekt. Plötzlich hat sich ein vollkommen neuer Markt geöffnet, der den Kriminalisten begeistert: Verfasser von Kriminalromanen bestürmen ihn mit Fragen. Sie wollen Genaueres über die Abläufe polizeilicher Ermittlungen wissen und sind erpicht, sachkundig zu schreiben. Wie sieht eine Schusswunde aus? Wie sieht eine Stichwunde aus? Wie sehen die Wunden aus, wenn sich jemand erhängt hat? Lukaschewski weiß es und beschreibt die Merkmale en detail.
Der ehemalige Polizeirat begeistert sich für Autoren, die sich von der realitätsfernen Darstellung der Polizeiarbeit auf Papier und Leinwand, abwenden. „Schon der Eindruck, dass irgendein einzelgängerischer Kommissar mit Depressionen und Neigung zum Whisky Fälle löst, ist Unsinn“, meint er. „Teamarbeit ist das Wichtigste“, lautet sein aus langjähriger Erfahrung gewonnenes Credo. „Nur Teams mit klar geregelter Aufgabenteilung sind erfolgreich“. Anders sei es unmöglich, eine Aufklärungsquote von 95 Prozent bei Tötungsdelikten zu erzielen.
Schlimm findet er, wenn Pseudowissen vermittelt wird. TV-Kommissare, die ohne Handschuhe und Mütze durch einen Tatort trampeln, begingen in der Realität ein Dienstvergehen. „Das gibt ein Disziplinarverfahren.“ Ein Rechtsmediziner wie Professor Börne im Münsteraner „Tatort“ dürfe gar nicht selbst ermitteln.
Ihn ärgert es, wie realitätsfern die Polizeiarbeit in Krimis auf Papier und Leinwand dargestellt wird. Die Munition, die ein Til Schweiger im Film verballere, würde höchstens auf dem Schießstand verbraucht, aber niemals in der Realität. Er selbst hatte in seinen Dienstjahren zweimal Waffengebrauch mit Schusswechsel, „aber ich habe nie das Magazin leergeschossen“.
„Die gefährlichsten Spuren sind immer die selbst verursachten.“ Das Schlimmste aber sei in der realen Ermittlungsarbeit die Spurenvernichtung. In der Szene spreche man auch von „Spurenvernichtungskommission“. In der DDR seien das Parteisekretäre gewesen, die einen Tatort für ihren Verantwortungsbereich hielten und teilweise mit der Zigarette im Mund herumlatschten.
Und er hält einen Rat für die Krimiautoren bereit: „Lasst eure Ermittler stets von einem Tötungsdelikt sprechen. Ob die vorliegende Tat als Mord gewürdigt werden wird, entscheidet nicht der Ermittler, auch nicht sein vorgesetzter Staatsanwalt, sondern einzig und allein das Gericht“.
Für mich ist es ein Glücksfall, einen Gesprächspartner zu treffen, von dem ich im Interview lernen kann. „Manne“, wie ihn seine Freunde nennen, erklärt mir, was eigentlich geschieht, wenn ein Mensch stirbt, also die Phänomenologie einer Ermittlung.

Kriminalrat Lukaschewski vor dem ehemaligen Präsidium der Deutschen Volkspolizei am Berliner Alexanderplatz. Sein Büro lag im zweiten Stock
„Bei unnatürlicher oder unbekannter Todesart kommt nach dem Arzt die Polizei. Die Beamten entscheiden dann, ob ein Tötungsdelikt auszuschließen ist. Finden die beispielsweise einen Abschiedsbrief, dann schließen sie vielleicht vorschnell auf Suizid und verzichten darauf, die Kripo zu rufen. Deshalb geht es darum, sehr vorsichtig und zurückhaltend bei der Beurteilung zu sein. Wenn ein Tötungsdelikt nicht als solches erkannt wird, ist es immer die Schlamperei des Arztes bzw. der ermittelnden Beamten.“
Ergo gibt es eine Dunkelziffer? Der gewiefte Ermittler schmunzelt, als ich ihn zur Dunkelzahl bei Tötungsdelikten befrage.
„Vielleicht kennst du den Spruch: Wenn auf den Friedhöfen auf jedem Grab, das als Tötungsdelikt nicht erkannt wurde, ein Licht brennt, dann wären die Friedhöfe hell erleuchtet. Auf jedes bekannte Tötungsdelikt kommt ein unbekanntes, und ich halte diese Auffassung sogar für zu optimistisch.“
Der Grund sei mangelnde Qualifikation des Arztes und der Polizisten. „Wenn bei einem Hauch von Verdacht nicht konsequent untersucht und aufgeklärt wird, ist es nie die Cleverness des Täters, sondern immer die Schlamperei der Beteiligten.“
In Deutschland wird wohl in keinem Bereich der Medizin so geschludert wie bei der Begutachtung von Toten. Nach einer Studie der Universität Münster kommt es jährlich „zu mehr als 11.000 übersehenen, nicht natürlichen Todesfällen, darunter mindestens 1.200 nicht erkannte Tötungsdelikte“.

Krimi-Autoren und -leser lieben Lukaschewskis Ratgeber: Auf „Morden für Anfänger“ folgt „Morden für Fortgeschrittene“
Seine literarische Karriere beginnt Manfred Lukaschewski als Self-Publisher. Er notiert, was ihm sein Vater aus dem 2. Weltkrieg erzählt. Der Überlebende der Schlacht von Stalingrad wurde von einer MG-Garbe durchlöchert. Er erwachte in einem sowjetischen Lazarett. Dort wurde er hochgepäppelt. „Verlorene Jahre“ nennt der Sohn die Veröffentlichung.
„Die Sprache der Toten“ und „Morden für Anfänger“ heißen zwei seiner Bücher, in denen er im Plauderton Wissen vermittelt. „Morden für Fortgeschrittene“ liegt bereits auf dem Schreibtisch seines Verlegers. Auch das „Kompendium“ wird überarbeitet und soll in einer erschwinglichen Ausgabe verfügbar gemacht werden.
Aufgrund des großen Interesses an seinem Wissensschatz reist Manfred von Hochschule zu Hochschule. Bis tief in die Nacht hinein beantwortet er E-Mail-Anfragen von Autoren. Gleichzeitig verfasst er neue Ratgeber für Kriminalschriftsteller und arbeitet an einer Geschichte der Kriminalistik.
„Ich schreibe im Kopf vor, habe das Konzept im Kopf und kann alles ordnen. Dann setze ich mich an den Rechner und schreibe vierzehn Tage durch. So entsteht das Buch“, beschreibt er seine Arbeitsweise.
Da ihn die Arbeit an neuen Manuskripten voll in Beschlag nimmt, ist er froh, in der Edition Antheum des Main-Verlages einen Partner gefunden zu haben, der sich um alles kümmert. Der Polizeirat im Unruhestand will am liebsten nur recherchieren, schreiben und sein Wissen an Interessierte vermitteln. Materielle Interessen sind ihm fremd.
Unauffällig schaut der Kriminalist auf seine Armbanduhr. Er fiebert spürbar seiner Lesung entgegen. Das Verhör ist beendet. Zum Abschied erzählt er noch, dass er guten Kontakt zu Mitgliedern der „Mörderischen Schwestern“ habe. Das wirkt wie ein weiteres „Banner der Arbeit“ auf den Sachbuchautor. Manne steigt in die U-Bahn gen Osten, ich nehme die S-Bahn Richtung Westen.
Gegen Mitternacht schickt er mir noch eine kurze Nachricht, dass die Veranstaltung gut besucht war. Das Publikumsinteresse an seiner Arbeit wächst, und das macht den schreibenden Mordermittler Manfred Lukaschewski glücklich.
Langsam erlischt das Licht. Stumm flimmern erste Filmsequenzen über die große Leinwand. Das Publikum spitzt die Ohren. Augenblicklich erwacht am Flügel ein Pianist: Stephan Graf von Bothmer greift wie elektrisiert in die Tasten und erweckt den Streifen zum Leben. Er ist die Hauptattraktion des Abends.
Von Charly Chaplin über Laurel & Hardy zu Klassikern wie »Metropolis« und anderen ausgegrabenen Klassikern des Stummfilms zeigt der Stummfilmpianist, was Musik aus einem Film machen kann. Er begeistert damit ein stetig wachsendes Publikum. Prinz Rupi traf Graf von Bothmer zum Gespräch über dessen künstlerische Arbeit und die nächsten Projekte.
Video: Graf von Bothmer begleitet Laurel & Hardy
Stephan Graf von Bothmer verwandelt Stummfilm zum Event. Er erweckt damit die weitgehend vergessene siebente Kunstform wieder zum Leben. Das stumme Kino hatte sich in den »goldenen« Zwanzigern als populärstes Unterhaltungsmedium etabliert und sich auch den Status als eigene Kunst erkämpft. Die Kunst der Regisseure und Akteure erreichte eine bis heute unübertroffene visuelle Ausdruckskraft, die dann aber durch den Tonfilm bald in Vergessenheit geriet. Wie ein Zeremonienmeister beschwört der Graf nun in seinen Stummfilm-Konzerten den Charme der Vergangenheit und macht Staunen über die Macht der Musik. Auf fünf Kontinenten ist er bereits aufgetreten, mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont.

Stummfilmpianist Stephan von Bothmer und Schauspieler Harald »Der Bergdoktor« Krassnitzer zu Gast bei Ingo Nommsen in der ZDF-Live-Sendung »Volle Kanne«
Bothmer ist ein Maniac. Frühmorgens rast er in Düsseldorf zum ZDF in die Live-TV-Sendung »Volle Kanne«, dann sofort mit dem Zug zurück nach Berlin. Unterwegs werden telefonisch Dinge geregelt, Verabredungen getroffen und die sozialen Medien bedient. Die Bundesbahn hat wie immer Verspätung, ungeduldig wartet bereits ein Fahrzeug am Berliner Hauptbahnhof auf ihn. Schnellstmöglich geht es weiter nach Potsdam zum Fernsehstudio. Auch der RBB will den Mann, der in der Berliner Passionskirche ein Festival mit spektakulären Stummfilmkonzerten veranstaltet, interviewen. In letzter Sekunde landet er dort. In Bothmers Büro ist derweil der Teufel los. Telefone klingeln. Rechner glühen. Pakete mit Werbematerialien werden in dem kleinen Büroraum auf einen Haufen gestapelt. Wir verschwinden zum Gespräch in einem ruhigen Raum.
Ruprecht Frieling: Graf von Bothmer ist seit Jahren eine Institution im Bereich des musikalisch unterlegten Stummfilms. Wie hast du eigentlich angefangen?
Stephan Graf von Bothmer: Lange bevor ich überhaupt Stummfilme kannte, habe ich diese Musik angefangen zu entwickeln. Tatsächlich habe ich meinen ersten Stummfilm vor 20 Jahren vertont, eher zufällig. Aber es hat mich total umgehauen, einfach ein Riesenspaß! Von dem Konzert habe ich ein Video (noch auf VHS) an verschiedene Veranstalter geschickt. Es ging dann ziemlich schnell. Es war damals unüblich, den Pianisten bei der Ankündigung zu nennen, genannt wurde nur der Stummfilm. Ich habe vorgeschlagen, das anders zu machen, damit die Leute, die von meiner Art begeistert sind zu mir kommen können, und jene, die von anderen Musikern mehr angesprochen werden, eben zu denen gehen. Nach meiner Überzeugung folgt nämlich Popularität aus Klarheit.
Damit hast du dich aber eher unbeliebt gemacht und wurdest nicht wieder gebucht.
Richtig. Ich hatte noch verschiedene Vorschläge, wie man die Aufführungen attraktiver machen kann. Damals war es üblich, vor der Veranstaltung einen Filmwissenschaftler auftreten zu lassen, der den Film erst mal schlecht machte. Für ein Publikum, das kein primär wissenschaftliches Interesse hat, war das vollkommen destruktiv. Es lief dann so ab, dass der Film riesig im Vordergrund stand und dazu einer auf dem Klavier herumdudelte, der den Film vielleicht vorher noch nie gesehen hatte und im Dunkel saß.
Du wolltest dem Publikum mehr bieten?
Ich hatte mich vorher vier bis sechs Wochen auf jeden einzelnen Film vorbereitet. Deshalb behaupte ich, auch eine höhere filmmusikalische Qualität zu liefern. Meine Veranstaltungen sollten das Niveau eines klassischen Konzertes bieten. Ein Konzert mit Film. Dazu schuf ich den Begriff »Stummfilm-Konzert«.
Mit dieser Idee bist du herumgezogen und hast versucht, Partner zu finden …
… aber keiner interessierte sich dafür und sah die Chance einer Finanzierung. Also habe ich auf mein eigenes Risiko einen Konzertsaal gemietet. Und zwar gleich für sieben Konzerte, damit die, die ich begeistern kann, auch wieder kommen können. Das war in der Kreuzberger Passionskirche, die damals als Konzertsaal richtig populär war. In meiner Naivität hatte ich einen Trumpf gezogen, was ich erst aus den Medien erfuhr.
In der Passionskirche zu spielen, das hatte was!
Dort mit Stummfilmen anzukommen war ein vollkommener Bruch. Da spielten damals internationale Größen. Allerdings musste ich den dreifachen Eintritt nehmen aufgrund der Mehrkosten, die ich an der Backe hatte. Es kamen trotzdem statt der sonst üblichen zwei Dutzend Leute plötzlich 200 Zuhörer – auf einen Schlag! Für das zweite Stummfilm-Konzert habe ich Willi Sommerfeld ausgegraben. Da kamen 220 Leute, und dann drei Mal 450 – wir waren ausverkauft. Damit war für mich klar, das weitermachen zu wollen.
Der Stummfilm brauchte einen Enthusiasten, der das nach vorne treibt.
Am Ende habe ich 64 Konzerte in einem Jahr allein in Berlin an verschiedenen Orten gespielt. Neben den Leuchtturmprojekten buddelte ich mit meinem Team auch unbekannte Filme aus. Für mich zählt die Vielfalt: Wer sechs Konzerte miterlebt hat, ist schon ein kleiner Stummfilm-Experte. Es ist leider inzwischen schwer geworden, weil die Filmlizenzen, aber auch Saalmiete und Werbung sehr teuer geworden sind. Ich habe manchmal den Eindruck, mehr Zeit mit Rechnen zu verbringen als am Flügel …

Ein seltener Genuss: »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau in Verbindung mit Chor und Orchester @Birgit Meixner/Pandig/Deutsche Kinemathek
Wenn du also einen Film wie »Nosferatu« zeigen willst, musst du erst einmal tief in die Tasche greifen?
Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Aber die Rechte sind nicht abgelaufen und für eine Aufführung dieser Filme muss man mitunter sehr viel Geld bezahlen. Das ist schade, denn ich würde gerne mehr Menschen begeistern und am Ende könnte ich den Rechteinhaber dann sogar mehr Geld zahlen als jetzt. Eine Tournee durch große Hallen, die dem Stummfilm-Genre insgesamt einen neuen Stellenwert hätte geben können, wurde so verhindert. Meine Veranstaltungen sind aber auch sonst viel teurer, weil aufwendiger, als andere.
Video: Bothmer und Chor zu »Nosferatu«. Schaurig schön
Lässt sich dieser Konflikt irgendwie lösen?
Ich würde mich gerne mit den Rechteinhabern zusammensetzen und ein ganz neues Veranstaltungs- und Vermarktungskonzept besprechen, das ich entwickelt habe. Dieses würde auch die Digitalisierung weiterer wunderbarer Filme enthalten. Was mich persönlich angeht: Meistens bin ich ja nicht selbst Veranstalter, sondern werde gebucht. Ich musste lernen, nicht den Pianisten, sondern Shows anzubieten. Die werden auf Veranstaltungsmessen verkauft.
Auch da holt mich wieder das Problem ein, dass Filme anders gehandelt werden, als Konzerte. Ich kann bei den meisten Rechteinhabern nur eine Aufführung für einen bestimmten Tag an einem bestimmten Ort kaufen. Und auch erst dann erfahre ich den Preis, der sich für jede Aufführung ändern kann. Den Veranstaltungen muss ich aber auf der Messe schon mitteilen, was die Show kostet. Das ist so aber unmöglich. Am Ende macht es die Sache für mich und für die Veranstalter unnötig schwer und es kommen weniger Aufführungen zustande.

Auf fünf Kontinenten ist Graf von Bothmer bereits aufgetreten und mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont ©Ruprecht Frieling
Du zeigst auch Filme, für die kein »kollektives Unterbewusstsein« besteht. Damit hast du ein noch höheres Risiko als mit berühmten Stummfilmen.
Jetzt habe ich beispielsweise einen ganz, ganz tollen Film im Festivalprogramm: »Wunder der Schöpfung«. Es gibt Filme, die seit Jahrzehnten in den Archiven schlummern. Es macht mir einen Riesenspaß, diese Filme wieder aufzuführen und zu beweisen, dass sie ein Publikum finden. Zugpferd ist dabei natürlich meine musikalische Interpretation.
Funktioniert dein unternehmerisches Konzept so, dass du ein Gesamtpaket anbietest an Städte, Gemeinden und regionale beziehungsweise kommunale Einrichtungen zuzüglich undefinierbare Lizenzkosten?
Das stimmt, das Geheimnis ist das Gesamtpaket. Oft ist es auch ein Konzept für einen bestimmten charismatischen Ort oder eine Ausstellung. Meistens muss ich aber einen Endpreis sagen. Wie gesagt: Film- und Musikwirtschaft passen hier nicht zusammen.
Parallel dazu möchte ich zeigen, was noch geht. Und das mache ich, wenn ich selbst Veranstalter bin, so wie jetzt im Festival. Dazu grabe ich ständig Neues aus, im Vorjahr beispielsweise den Martin-Luther-Film. Der existiert nur in einer ausführbaren Fassung, weil ich mit meinem privaten Geld die Premiere ermöglichte. Alte Filme müssen restauriert werden, damit sie überhaupt aufgeführt werden können. Diese wichtige Arbeit hat das Bundesarchiv durchgeführt.
Ich habe ihn gleich vierzig Mal gezeigt, und es stellte sich heraus, dass es sich um einen extrem beeindruckenden Film und ein wichtiges Zeitdokument handelt.
Wenn ich selbst Veranstalter bin, kann ich auch die Show weiterentwickeln. Ich zeige Vorfilme, beispielsweise eine Kinowerbung von 1912 oder coole Animationsfilme. Die Veranstaltung hat dann etwas vom Varieté mit mehreren Nummern, wo das Kino ja auch entstand.

Musik und Pyro-Technik unterstützen die Vorführung von Fritz Langs Filmepos »Metropolis« aus dem Jahr 1925/26 @Maya von Bothmer
Schön ist auch ein Genre-Gegensatz, wenn der Hauptfilm beispielsweise ein Space-Film ist, ist ein sehr poetischer Vorfilm super, bei einer Tragöde nehme ich mindestens einen lustigen Vorfilm. Es ist übrigens viel schwieriger, kurze Filme zu begleiten, weil man exakt auf dem Punkt sein muss. Das hat etwas Virtuoses an sich, das vom Publikum entsprechend honoriert wird. Es gibt auch Infotainment und Musik ohne Film. Dieses Experimentierfeld brauche ich und das ermöglicht mir das Festival in der Passionskirche.
Dort habe ich dich mit »Metropolis« erlebt, in dessen Vorführung du sogar beim großen Untergang ein Feuerwerk eingebaut hast. Ein Erlebnis ohnegleichen, selbst wenn man den Film schon kennt.
Ich liebe die Show auch, das rockt richtig. Ich gehe über den Film hinaus, aber so, dass er nicht untergebuttert wird, sondern unterstützt. Er wird viel größer, tiefer und noch spektakulärer. Weil wir Feuer, Dampf und Explosionen sehr gezielt einsetzen – wie die Musik. Um das Publikum zu locken, benötigt man immer ein paar Saalfüller. Solche Highlights sind Stan-und-Olli-Programm (»Dick und Doof«), »Berlin, Symphonie einer Großstadt« und »Nosferatu«. Begeisterten Menschen kann man dann auch die echten Meisterwerke zeigen.
Du hast »Die kleinen Strolche« von Hal Roach ausgegraben, die kenne ich noch aus früher Jugend aus dem Fernsehen. Wir bist du denn darauf gekommen, du bist doch viel zu jung für diese Serie?
Doch, die habe ich noch im Fernsehen gesehen! Mit meinen Kindern habe ich die Filme an Sonntagen angesehen und sie entscheiden lassen, welche drei Folgen in mein Programm aufgenommen werden sollen. Das Programm wurde also von Kindern entschieden!

Fritz Lang schuf 1928/29 den Science-Fiction-Stummfilm »Frau im Mond« @Birgit Meixner/Deutsche Kinemathek
Dein nächstes Programm steht unter dem Titel »50 Jahre Mondlandung«.
Es geht um Space und Science-Fiction. Ich habe sechs Science-Fiction Filme im Programm. »Metropolis« ist ja auch ein Science-Fiction-Film. Dazu gibt es aber auch weiterhin die bewährten Rubriken: Komödien und Berlin-Filme.
Der russische Kult-Klassiker »Aelita« ist auch dabei. Die Romanvorlage von Alexej Tolstoi hatte bereits im Jahr 1922 in der jungen Sowjetrepublik Furore gemacht. Zwei Jahre später kam dann die Verfilmung in die Kinos.
Genau. Ich behaupte sogar, dass dieser Roman die russische Affinität zum Weltraum entscheidend mit beeinflusst hat. Der russische Vorsprung in der Weltraumforschung hat ja dann die Amerikaner überhaupt erst dazu bewogen, auf den Mond zu fliegen. Diese Filme sind also ein bisschen mit Ursache für die Mondlandung!
Dann gibt es »Algol«, einen deutschen Spielfilm aus dem Jahre 1920 von Hans Werckmeister.
Darin spielt der geniale Emil Jannings einen Grubenarbeiter, der von einem Außerirdischen vom Planeten Algol den Bauplan einer Maschine bekommt, die dessen unerschöpfliche Energie anzapft und ihn damit zum übermächtigen Menschen macht.
Richard Wagners »Rheingold«-Thema: Der Ring der Macht!
Stimmt. Das ist, wie bei den Rheintöchtern, auch ein wenig erotisch konnotiert, insgesamt ein großartiger Film. Ein Vorläufer von »Metropolis«, er geht aber in eine etwas andere Richtung. Der Protagonist möchte eigentlich, dass niemand mehr so hart im Bergbau für sein Brot arbeiten muss und sozialisiert die Hälfte seiner Erlöse. Aber er bringt die anderen Staaten in Abhängigkeit und stürzt die Welt ins Unglück, erkennt dies jedoch erst, als seine Frau bei einem Maschinenunglück ums Leben kommt. Auf eine gewisse Weise führt dieser Film den Glauben, den wir ja heute immer noch haben, dass man allein durch technischen Fortschritt beispielsweise die Erderwärmung verhindern könnte, ad absurdum. Wir müssen vor allem unser Handeln ändern.
»Das Wunder der Schöpfung« hattest du vorhin schon erwähnt.
In dem Film geht es darum, die Wunder der Schöpfung der Erde und des Weltalls zu zeigen. Es ist ähnlich wie eine Vorführung im Planetarium, mit Kapiteln über die Erde, das Sonnensystem und den tieferen Weltraum.
Dazu fällt mir spontan Gustav Holst mit seiner Planeten-Sinfonie ein. Baust du seine Musik ein oder zitierst sie?
Holst ist der Vater der Filmmusik, seine Suite entstand 1914. Hört man heute die Filmmusik zu »Star Wars«, dann wird man an ihn erinnert. Speziell gehe ich auf ihn aber nicht ein.
Das »Wunder der Schöpfung« ist eigentlich eher populärwissenschaftlich angelegt, ursprünglich ein Lehrfilm.
Die hochästhetischen Animationen sind heute noch spektakulär. Der Film ist in sechs Abschnitte aufgeteilt und endet mit der Relativitätstheorie. Es ist das erste Mal, dass Einsteins damals noch sehr junge Theorie im Film vorkommt. Der Zuschauer erlebt eine fiktive Reise in Lichtgeschwindigkeit und die damit verbundenen merkwürdigen physikalischen Phänomene.
Aber wie löst du die Darstellung der Relativitätstheorie musikalisch?
Das habe ich schon mal gelöst und zwar habe ich in der Sternwarte Treptow gespielt. Die haben das größte Teleskop Europas und auf der Bühne in dieser Sternwarte hat Einstein seine Relativitätstheorie vorgestellt. Exakt 100 Jahre später habe ich auf eben genau derselben Bühne diesen wunderbaren Film präsentiert dürfen. Musikalisch ist es eine Art wundersame Klangzauberei, mit der ich versuche, meine Zuschauer in den Film hinein zu saugen.
Das gelingt dir ausgezeichnet, und ich vermute, das spürst du auch, wenn du in die Tasten haust.
Stimmt. Ich habe mal einen Marathon veranstaltet und 30 Stunden lang Stummfilme gezeigt. Das habe ich kräftemäßig nur durchgehalten, weil ich unglaublich viel positive Energie von Publikum bekam. Danach kann man regelrecht süchtig werden.
Der manische Graf! – Gibt es eigentlich so etwas wie eine »richtige« Filmmusik?
Bei »Algol« beispielsweise kann ich das schwere Stampfen der Maschine auf dem Klavier darstellen und die Macht der Technik hörbar machen. Wenn es gut läuft, kann das Publikum im übertragenen Sinne das Schmieröl riechen. Ich kann aber auch ein kleines Thema leise in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber dieser gigantischen Maschine. Beides sagt dasselbe aus: die übermächtige Kraft der Maschine, die Faszination, das Bezwingen der Naturgewalten, den menschlichen Größenwahn und das hilflose Staunen des Betrachters – aber auf vollkommen gegensätzliche Weise. Welche der beiden Musiken besser ist, ist überhaupt nicht klar! Das hängt doch vom Publikum und auch von mir selbst ab, oder nicht?
Dazu braucht es künstlerische Intuition …
Meine Kompositionen sind wie Netze, mit Abzweigungen und verschiedenen Optionen. Welche Musik ich zu den jeweiligen Szenen spiele, entscheide ich jeden Abend neu. Dazu versuche ich intuitiv zu erspüren, wie das Publikum tickt. Schüler wollen tendenziell eher das Stampfen der Maschine hören, die wollen soundmäßig weggeblasen werden, ältere Semester mögen die komplexere Darstellung. Das entscheide ich vom Energiefeld des Publikums. Ich kann auch wechseln: erst die mechanische Kraft und dann eine musikalische Metamorphose in die Emotionalität. Entscheidend ist, das Publikum mitzunehmen. Diese Herausforderung macht mir riesig Spaß. Ich kann zur genannten Szene auch ein Vogelmotiv spielen, also etwas, das der Zuschauer überhaupt nicht sieht. Unterbewusst nimmt das Publikum über die Musik wahr: die industrielle Revolution verdrängt die Natur. Diese politische Erkenntnis steckt ja auch im Film! Man muss sie nur freilegen.
Auch in »Metropolis« mündet die ohnmächtige Wut der Menschen in einer gewissen Maschinenstürmerei nach der Devise, zerhacken wir die Maschine, ist das Problem gelöst.
Ähnlich ist es mit den heutigen Globalisierungsängsten. So glauben wir, wenn wir Atomkraftwerke abschalten, die EU zertreten oder TTIP blockieren, ist das Problem weg. Ist es aber nicht. Das ist in diesem alten Film alles schon vorhanden, die Musik macht es wieder lebendig.
Mit deiner Musik kannst du enorm suggestiv arbeiten und Doppelbotschaften schicken, denn Musik wird sehr viel tiefer aufgenommen als das Bild und läuft über unser Bauchhirn. Du hast also stets die Möglichkeit, zweisprachig zu arbeiten.
Mehr noch: Ich kann mit den Händen zwei unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Oder mit jedem Finger …
Ein Element deiner Kunst, Subbotschaften zu senden und zu steuern, ohne Untertitel zu benötigen?
Derzeit versuche ich ein Experiment, dass ich im Vorprogramm zeige. Es handelt sich um ganz verrückte, schnell geschnittene Aufnahmen: Ein Mensch fährt im Taxi durch New York, draußen sind absurde Szenen von verrückten Leuten. Mit meiner Musik kann ich den Eindruck erwecken, draußen tobe der Wahnsinn, das Unrecht, vielleicht ist es Gotham City. Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise: Spiele ich eine eher romantische Musik mit einer bestimmten Melancholie liegt plötzlich das Augenmerk des Zuschauers nicht mehr auf der Stadt, sondern auf dem Fahrgast, auf dem Menschen. Für meine Zuschauer kommt jetzt ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause, in die Stadt, die er so liebt, mit allen ihren Verrücktheiten. Ich habe manchmal den Eindruck, mit der Musik Texte übermitteln zu können.
Das hat was von Zauberei …
Filmmusik ist nicht nur eine Verstärkung von Gefühlen, es ist eben auch der Subtext, der unterlegt ist, die Begründung, warum das jetzt in diesem Moment so geschieht.
Noch mal zurück zu dem geplanten Festival. Das läuft bis März 2019 mit 21 Aufführungen in der Kreuzberger Passionskirche?
Ganz genau! Und wir freuen uns riesig darauf. Die besten Komödien, die schönsten Berlinfilme, die abgefahrensten Space- und Science-Fiction-Filme. Und noch einige Specials, die über den Stummfilm hinausgehen.
Da scheint ein Workaholic am Werk zu sein. Du machst ja eigentlich auch alles so gut wie allein von der Vorbereitung über das Marketing bis zur Durchführung.
Ja, das ist ein Problem. Ich bin kein gelernter Unternehmer und habe in den vergangenen Jahren auch viel falsch gemacht. Da ich im Herzen Lehrer bin, habe ich in Praktikanten viel Energie gesteckt und heimlich gehofft, dass sie vielleicht bleiben. Die zogen aber weiter, und die ganze Geschichte hat eigentlich mehr Energie gekostet als Nutzen gebracht. Das habe ich aber erst sehr spät gemerkt. Dann habe ich eine Zeit lang ganz alleine gearbeitet, da bin ich fast umgefallen. Vor einem Jahr habe ich eine Mitarbeiterin eingestellt, es ist wunderbar! Aber es fällt mir auch schwer, zu delegieren, das Projekt ist sehr auf mich zugeschnitten und jede Show ist anders, mit anderen Problemen, die einfach die 20 Jahre Erfahrung erfordern.
Wie lautet eigentlich deine Berufsbezeichnung? Filmpianist? Stummfilmpianist?
Viele bezeichnen mich als Stummfilmpianist. Ich nenne mich Pianist und Komponist und lass das lieber offen. Ich mache ja auch anderes.
Was ist die herausragende Fähigkeit eines Stummfilmpianisten, also dein USP? Wie weit unterscheidest du dich von einem Konzertpianisten oder einem Organisten?
Das ist natürlich genau reingepiekt! Meine Technik, einen Film zu vertonen, unterscheidet sich von jedem anderen, weil ich nach einem anderen Grundprinzip arbeite. Ich nenne es, den Zuhörer in den Film hinein zu saugen. Das führt zu einer vollständig anderen Haltung. Als klassischer Pianist muss ich mein Stück spielen, egal was das Publikum tut. Wenn einer rausgeht, darf ich mich nicht durcheinanderbringen lassen. Ich hingegen höre die ganze Zeit auf das Publikum und reagiere, denn letztendlich übersetze ich den Film für meine Zuschauer. Ich spüre sehr schnell anhand der Publikumsreaktionen, ob ich sie packe. Im Gegensatz zu jedem anderen Filmkomponisten vertone ich einen Film nicht einmal, sondern bin jeden Abend auf der Bühne präsent und kann entsprechend die Musik variieren und weiterentwickeln. Für jede Szene habe ich fünf bis sechs Varianten, zwischen denen ich blitzschnell wechseln kann. Diese Möglichkeit hat ein klassischer Filmkomponist nicht. Es ist also nicht das Abspielen eines Stückes, es ist ein Kommunikationsvorgang. Zwischen Menschen. Es ist eine spontane Sache von Millisekunden.
Du bist Komponist, Pianist und Filmmusiker …
… das sind im Grunde drei verschiedene Tätigkeiten. Als Komponist muss ich die bewegten Bilder umsetzen können. Als Pianist muss ich es spielen können. Aber der Chef ist immer der Filmmusiker, der die Entscheidung trifft, wo die Reise hingeht.
Alles, was du spielst ist durchkomponiert?
Es ist wohl überlegt, sekundengenau, aber ich variiere es ständig. Beispiel: Stan und Olli. Es gibt diesen Running Gag, wo sich die beiden ihre Hüte falsch herum aufsetzen, also Stan setzt sich Ollis zu großen Hut auf und Olli Stans zu kleinen. Bei diesem Gag lachen die Leute immer, nur an einer Stelle lachen sie nicht. Man könnte vermuten, dass den beiden diese Szene nicht gelungen ist. Ich habe mir aber gedacht, dass ich es sein könnte, der etwas nicht richtig verstanden hat. Tatsächlich wird in der Szene davor, das Herunterfallen der Hüte durch eine Parallel-Handlung überlagert. Man übersieht das leicht. Also habe ich das Herunterfallen musikalisch unterstrichen. Man kann dann gar nicht woandershin schauen. Und siehe da: Beim Hut-Vertausch-Gag lachen alle! Welche Töne ich da genau spiele ist nicht so wichtig. Man muss die Mechanik des Gags verstehen! Die Entscheidung, das Herunterfallen zu unterstreichen ist zentral. Auf der zweiten Ebene kann ich jetzt den konkreten Tönen heute diese und morgen jene Färbung geben. Aber auf die Millisekunde präzise. Manchmal entscheide ich mich auch dafür, den Gag zu opfern und dafür eben diese Parallelhandlung wirken zu lassen. Beides geht.
Manchmal atme ich genau so wie die Darsteller, dadurch entsteht eine ganz besondere Nähe. Jeden Abend sitze ich vor der Tastatur und probiere etwas Neues aus. Und ich arbeite oft mit Archetypen. Diese Technik ist anstrengend, aber vielleicht mein Alleinstellungsmerkmal.
Neben der Filmmusikshow arbeitest du an einer Orgel-Space-Sinfonie.
Die Filmmusik-Show ist eine Entertainment-Show in der ich hinter die Kulissen blicken lasse und einige Geheimnisse der Filmmusik enttarne. Gerade schreibe ich an einem großen Werk für Orgel. Das geht ein wenig in die Richtung Deep Purple, Pink Floyd, Cream, Tangerine Dream – aber ohne direkte Zitate.
Psychedelische Musik …
Eben, und auf der Leinwand laufen Wahnsinns-Space-Visuals, aber keine Filme die ich vertone. Entscheidend ist dieses Mal die Musik. Ich spiele auf eine ganz andere Weise, ich denke, so haben die Wenigsten schon eine Orgel gehört. Soll ich dir ein Geheimnis verraten?
Immer raus mit den Geheimnissen!
Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen. Ich habe keine einzige Orgelstunde in meinem Leben gehabt und gehe eher wie ein Kind an das gewaltige Instrument. Hier mal ziehen, da mal drücken, mich wegpusten lassen … Und plötzlich spiele ich im Königsberger Dom oder eröffne das 3. Internationale Orgelfestival in Kasachstan. Etwas Ähnliches mache ich auch am Klavier. Das war eigentlich eine Idee aus dem Publikum. Bei meiner »Piano Space Rhapsody« benutze ich auch Effekte, wie man sie von E-Gitarren kennt und moderne Loops.
Auf ein weiteres Special freue ich mich übrigens besonderes. Ich habe ein Programm mit den Pantomimen Bodecker und Neander erarbeitet. Die beiden sind fantastisch! Beide haben bei der Pantomime-Legende Marcel Marecau studiert. Ich vertone ihre Stücke, wir schaukeln uns gegenseitig richtig hoch. Es wird ein Fest!
Lesen Sie hier über ein gemeinsames Projekt von Graf Bothmer und Prinz Rupi.

Ausschließlich aus Papier fertigt Mila mit geschickten Fingern Kleinplastiken und Figuren • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Papier dient Mila Vázquez Otero als Werkstoff für filigrane Skulpturen. Aus alten Zeitungen und Kleister formen die geschickten Hände der Skulpteurin zierliche Kleinplastiken und Figuren. Ruprecht Frieling besuchte die in Berlin lebende Künstlerin, die sich mit der Gestaltung von Papier-Maché einer weitgehend vergessenen Technik bedient.

Mila Vázquez Otero: »Der Bücherprinz ist kein Papiertiger, sondern ein Berliner Bär« • Sammlung Frieling
Die Altbauten im Herzen Charlottenburgs sind typisch für den Bezirk Berlins, in dem sich das verflossene Westberlin noch immer am deutlichsten gegen die Verschmelzung von Ost und West stemmt. Die gepflegt wirkenden gutbürgerlichen Wohnanlagen entstanden in der Gründerzeit. Teilweise existieren noch Seitenflügel und Gartenhäuser. Einige der Fassaden sind prächtig. Stuckausstattung suggeriert gediegene Wohnatmosphäre, liebevolle Sanierung und ein allgemeines Wohlfühlambiente. Erst an den ausgetretenen Treppenhäusern zeigt sich, wie viele hundert Menschen in diesen vier- bis fünfstöckigen alten Kästen wohnen.
Mila Vázquez Otero lebt in einer kleinen Wohnung im obersten Stock eines dieser Wohngebäude. Platz für ein eigenes Atelier gibt es dort nicht. Der Schreibtisch in ihrem Zimmer dient als Arbeitsplatz, die Küche ist Gesellschaftsraum. Dort schlürfen wir Tee, knabbern selbst gemachte vegane Plätzchen und sprechen über ihre Arbeit.

Mila Vázquez Otero präsentiert die Büste: »Junge Frau« nach einem Gemälde von Piero del Pollaiuolo, das in der Gemäldegalerie in Berlin hängt
Die dunkelhaarige Spanierin modelliert Skulpturen aus Papier-Maché. Diese ursprünglich aus dem orientalischen Raum stammende Technik ist in Europa seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Krippenfiguren und Puppen wurden einstmals daraus gefertigt. Als preiswerter Werkstoff diente zum Ausklang des 18. Jahrhunderts das Material sogar zur Innen- und Außendekoration von Schlössern und Kirchen und ersetzte den teuren Marmor. Im 19. Jahrhundert erlebte das Material seine Blütezeit, schuf die Basis für tausende Arbeitsplätze und begründete im Saarland sogar eine Pappmaché-Dynastie.
Mit der Erfindung vollsynthetisch, industriell produzierter Kunststoffe wie Bakelit Anfang des 20. Jahrhunderts geriet die Kunst des Gestaltens mit Papier in Vergessenheit. Pablo Picasso und Georges Braque setzten dann im Jahr 1912 die entscheidende Zäsur. Erstmals verwendeten sie in ihren Zeichnungen und Bildern »kunstfremde« Materialien wie Papier, die sie ihrem ursprünglichen Kontext entnahmen. In ihrer Traditionsfolge sieht Mila Vásquez Otero ihr Werk.
»Als Kind habe ich schon gern mit Ton gearbeitet und kleine Figuren gestaltet«, erzählt die 1978 im spanischen Galicien Geborene, »und in meiner Schulklasse war ich berühmt für meine Zeichnungen«. Dennoch dauerte es eine Weile, bis Mila Vázquez Otero Papier als ihr gemäßes Material entdeckte und ihre Kunstfertigkeit entfalten konnte.
Milas Vater war Schneider. Er liebte klassische Musik und hätte es wohl am liebsten gesehen, wenn das Töchterchen Musikerin geworden wäre. Die lernte dann auch brav Geige und Klavier. Doch nach dem Tod des Vaters und dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Kunstgeschichte.
Dies begann Mila in Santiago de Compostela und beendete es in Granada mit dem Master-Abschluss. Von dort zog sie im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms weiter nach Rom.
Die Liebe verschlug die zierliche Kunsthistorikerin schließlich nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt jobbte sie in einer Galerie und hielt sich mit Spanisch-Unterricht über Wasser. Bei dem auf Kunst ausgerichteten Fernsehsender IkonoTV kuratierte sie Dokumentarfilme über Architektur und Kunst.
Doch obwohl sie in ihrer Wunschbranche tätig war, fehlte ihr etwas. Mila verzweifelte. Sie wusste aus eigenem Erleben, dass es mit zunehmendem Alter schwierig wird, einen langfristigen Job in einer Galerie zu finden. »Plötzlich dachte ich: Ich mache einen Kurs in einer Volkshochschule zum Thema Papier«, entschied sie temperamentvoll und traf damit ins Schwarze. Der Kurs entfachte ein inneres Feuer. Denn schon während der Weiterbildung entstanden vor ihrem inneren Auge Bilder der Arbeiten, die sie fertigen wollte.

»Mayurasana – Der Pfau«. Der Pfau (Mayurasana) ist die 10. Asana der zwölf Grundstellungen der Yoga Vidya Reihe • Sammlung Frieling
»Es ist nicht leicht, mit Papier zu arbeiten«, verrät Mila. »Das Material ist unflexibel und man kann nur in Etappen arbeiten. Vor allem die kleinen Figuren sind sehr schwierig.«
Die Skulptur wird von innen aufgebaut und geformt. Mila reißt Zeitungspapier in passende Streifen und Stücke, bestreicht das Material mit Kleister und legt es um eine Form von zerknülltem Papier. Sie klebt, faltet, knittert, presst, biegt, staucht, knickt, befeuchtet, modelliert, formt, spannt und schichtet das Material, das ihr als Tageszeitung ins Haus geliefert wird.
Schicht um Schicht entsteht und bald wird die gewünschte Form sichtbar. Größere Objekte werden im Inneren mit kleinen Metallstangen fixiert. Dann müssen die collagierten Papiere erst einmal ein paar Tage trocken, bevor weitergearbeitet werden kann. Aus diesem Grunde arbeitet die Künstlerin immer an mehreren Projekten gleichzeitig.
Im nächsten Arbeitsgang werden die Konturen der Plastik mit Schleifpapier nachgearbeitet. »Dann grundierst und lackierst du die Arbeit«, spinne ich den Faden weiter und erinnere mich an verschiedene Pappmaché-Arbeiten, die ich aus Museen kenne. Doch mit der Frage trete ich in ein Fettnäpfchen.
Mila funkelt mich empört an: »Ich bemale sie doch nicht!«.
Oooops! – Wie jetzt? »Aber wie entstehen denn sonst diese grandiosen Muster?«
»Ich arbeite ausschließlich mit Papier. Ich suche die Farben in den Papierfetzen und gestaltete alles ausschließlich daraus. Pinsel und Farben verwende ich grundsätzlich nicht.«
Gleich sehe ich mir ihre Arbeiten noch einmal genauer an und kann es kaum glauben. Die farbenfrohen Papiermaché-Skulpturen sind wie filigrane Mosaiken zusammengesetzt und wirken nur aus der Distanz wie gemalt. Tatsächlich sind die Plastiken komplett aus Papierfetzen gefügt. Ob es sich um Tiere, Büsten oder um eine Serie von Yoga-Positionen handelt: Milas Figurinen bestehen vollständig aus Papier, das am Ende des Trocknungsprozesses hart wie Holz wird. Das erinnert mich an Max Ernst, der selbst mit Papier arbeitete und die perfekte Collage mit dem perfekten Verbrechen verglich, denn »es fehlen die Indizien«.
Wie vertreibt man Kunstwerke aus Papier? Mila Vázquez Otero stellt auf Kunstmärkten aus, wo ich sie auch entdeckt habe. Diese Märkte bieten ihr den direkten Kontakt zum Menschen, sie spürt die Reaktionen der Besucher, genießt die Gespräche und auch die Anerkennung, die ihr für ihre Arbeit wichtig ist. Galerien verwehren diese direkte Möglichkeit und verlangen außerdem als Mittler happige Kommissionen, die verhindern, Kunst zu erschwinglichen Preisen anzubieten.
Über die individuelle Begegnung hinaus öffnet das Netz den Zugang zu Kunstfreunden in aller Welt. Auf der beachtenswerten Homepage der Skulpteurin finden sich Beispiele für die Serien, an denen sie bislang gearbeitet hat. In »Antitrophäen« schlägt sie umweltkritische Töne an, wenn sie eine Schildkröte zeigt, die sich im Plastikmüll verfangen hat und dem Untergang gewidmet ist. In einer anderen Arbeit trägt eine Eisbärin ihr Junges auf dem Rücken und treibt gefangen auf einer Eisscholle auf der Suche nach einem neuen Habitat.
Als typisch für ihre positiv-kritische Sichtweise und ihr Engagement für Natur und Umwelt kann die fröhlich springende Kuh Erica gesehen werden. Durch einen Instagram-Post ließ sich Mila zu dieser Figur inspirieren. Eine Kuh, die sich nicht mehr erheben wollte, wurde kurz vor der Schlachtbank von Tierfreunden gerettet und erstmals in ihrem Leben auf eine grüne Wiese gelassen. Übermütig sprang das Tier über die Weide und vollführte Freudensprünge. »Die Kuh Erica ist für mich ein Beweis, dass Tiere nicht nur eigene Wünsche haben, sondern auch über ein emotionales Bewusstsein sowie Selbstwahrnehmung verfügen«, kommentiert Vázquez Otero.
Aktuell arbeitet die Skulpturenkünstlerin an einer Serie über Alltagsmenschen im Gewand mythologischer Gottheiten. Sie stellt Menschen, die ihr begegnen, in Verbindung mit einem mythologischen Gott dar. Lediglich über den Kopf oder durch Details will Mila zeigen, dass es sich um eine Gottheit handelt.

Katholische Erziehung basiert auf Angst: vor dem Teufel und der Hölle, vor Fehlverhalten und Sünde • Foto: © Ruprecht Frieling
Zum Thema Kirche, Chaos, Katastrophen interviewte mich Waltraud Gebert im Bayerischen Rundfunk. In dem am 10. September 2017 ausgestrahlten Beitrag schildere ich, wie wir als Kinder im westfälischen Münsterland zu guten Katholiken dressiert wurden, wobei der sexuelle Missbrauch für einige meiner Mitschüler zum Alltag gehörte. HIER geht es weiter →
Das Wort »Interview« ist relativ neu und schwappte aus dem Anglo-Amerikanischen in unseren aktiven Wortschatz. Ursprünglich stammt es vom französischen »entrevue« ab. Damit wurde ein persönliches Treffen von Monarchen bezeichnet, woraus wiederum die aktuelle Bedeutung »Unterredung« wuchs. Heute verstehen wir unter einem Interview ein mit dem Ziel der Veröffentlichung geführtes Gespräch. HIER geht es weiter →
