
Phil May, Sänger und Motor der legendären »Pretty Things« starb am 15. Mai 2020 an den Folgen eines Fahrradunfalls. Fotos: © Ruprecht Frieling
Die »Pretty Things« galten 1966 als härteste und schmutzigste Band der Welt, und wir wollten sie sehen. Ihre Hits »Get the picture«, »LSD« oder »Buzz the Jerk« kannten wir auswendig, ohne den Inhalt genau zu verstehen. Die Stücke waren in harter Gossensprache geschrieben, prall gefüllt mit sexuellen Anspielungen (to jerk = wichsen) und deshalb teilweise im prüden Amerika verboten. Der Brite Phil May, Gründer und Leadsänger der »hübschen Dinge«, war außerdem der Mann mit den längsten Haaren Europas. Sein bewusstes Anderseins und das Image der Band machte ihn vielen zum Vorbild.
Wir wollten der beklemmenden Enge unserer Elternhäuser entfliehen. Wir wollten weg von den Einflüsterungen des Klerus, weg von der Rohrstockerziehung unserer Pauker und der Eindimensionalität unserer Lehrherren. Wir glaubten, die Ketten der Konvention abschütteln zu müssen, um »frei« zu sein. Deshalb ließen wir unsere Haare wachsen. Deshalb trugen wir Blümchenhosen und abgelegte grüne Armeeparkas, die mit Losungen wie »Make love not war« verziert waren. Wir fühlten uns als Misfits, als Außenseiter, als Sonderlinge, die durch das Band der Beatmusik mit Gleichaltrigen auf der ganzen Welt verbunden waren, und wir verhielten uns entsprechend.

»Pretty Things«-Fans anno 1966: Ruprecht Frieling, Autor des Beitrags, damals 14jährig (rechts) nimmt mit Jugendfreund Wolfgang Haase ein Fußbad in einem Bielefelder Brunnen
Die Freunde hießen Günni, Charly, Kurti, Archi, Molli, Tommi und Theo – jeder hatte einen Spitznamen oder kürzte seinen Vornamen ein, ich hieß Rupi. Wir waren vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre jung. Die Volljährigkeit, damals erst mit dem 21. Geburtstag erreicht, erschien uns unerreichbar weit entfernt. Die wenigen Erwachsenen, die wir in unseren Kreis ließen, besaßen einen fahrbaren Untersatz. Das eigene Auto machte sie zu Schlüsselfiguren, denn Mobilität war eine zentrale Voraussetzung, um den Idolen der Zeit näherzukommen.
Es gab zwar die Deutsche Bundesbahn, mit der Städte wie Bielefeld erreichbar wurden. Doch Schwarzfahren war riskant. Man musste bei jedem Halt Ausschau halten, wie weit der Schaffner durch den Zug patrouilliert war und sich den Herren ohne Fahrschein näherte. War der Kontrolletti schnell, verschanzten wir uns auf dem Klo, um erst in Bielefeld Hauptbahnhof die Tür zu öffnen und vorsichtig um uns spähend aus dem Zug zu hüpfen. Sehr viel angenehmer war es dagegen, sich mit sieben, acht Freunden in einen alten DKW, Ford oder VW zu zwängen und unter Hallo und wildem Geheul über die Bielefelder Berge nach Puddingtown zu rollen.
Vom Bahnhof Bielefeld aus öffnete eine Unterführung den Zugang zu den weniger gut situierten Teilen der Stadt. Schier endlos zog sich die Jöllenbecker Straße, eine triste Magistrale. Es fuhr eine Straßenbahn, doch die kostete Geld. Also schlürten wir im Staub der Straße oder rollten mit unseren Privattaxen ein paar Kilometer geradeaus. Dann ging es rechts ab in eine Nebenstraße. Die mündete an einem düsteren Friedhof. Gegenüber stand ein großes Eckgebäude, das Ureinwohner als »Volkshaus Sudbrack« erinnerten.

Eröffnung des Star-Club Bielefeld mit den »Liverbirds«. The Liverbirds waren eine zwischen 1962 und 1967 aktive Beatband aus Liverpool. Die vier Bandmitglieder Pamela Birch, Valerie Gell, Mary McGlory und Sylvia Saunders waren eine der ganz wenigen weiblichen Bands aus der Merseybeat-Szene und eine der ersten Rock-Bands, die sich nur aus weiblichen Mitgliedern zusammensetzte. Der Name der Band entstammt der fiktiven Figur des Liver Bird , auf dem Turm des Liver Building, der das Symbol ihres heimischen Liverpools ist
In diesem Etablissement mit höchst wechselvoller Geschichte eröffnete am 2. Oktober 1964 der Star-Club Bielefeld. Künftig hatten Beatfans aus West- und Ostwestfalen einen Anlaufpunkt. Der Saal fasste 1.000 Besucher, eine Theke erstreckte sich in voller Länge an einer Seite. Die angeschlossene Kneipe bot ausreichend Gelegenheit, sich vor und nach den Shows abzufüllen. Getreu seinem zwei Jahre zuvor eröffneten gleichnamigen Vorbild in Hamburg spielten auch in Bielefeld Abend für Abend deutsche und britische Beatgruppen. Teilweise waren die Bands schon durch Schallplattenerfolge bekannt, die meisten von ihnen machten sich gerade einen Namen. Die Hamburger »Rattles« gaben »Remo Four«, »Liverbirds« und »Pretty Things« die Klinke in die Hand.
Die meisten Bands spielten mehrere Wochen lang am Stück jeden Abend zum Tanz auf. Insgesamt 79 Mal standen beispielsweise die »Beatles« aus Liverpool bis Ende 1962 auf der Bühne des Star-Clubs Hamburg und starteten hier ihre Weltkarriere. Auftritte im »Star-Club« konnten ein Sprungbrett sein. Auch die von uns so heiß ersehnten »Pretty Things« spielten mehrere Abende hintereinander im Bielefelder Star-Club. Es gab also mehrfach die Möglichkeit, die Gruppe zu erleben.
Als wir in Jöllenbeck eintrafen, schraubte ein vor dem Bühneneingang geparkter, zerbeulter Jaguar mit britischem Kennzeichen unseren Blutdruck in die Höhe. Dies sei das Fahrzeug, mit dem die Bandmitglieder unterwegs seien, raunten sich Fans zu, die teilweise schon Stunden vor Beginn der Veranstaltung eingetroffen waren. Wir hockten in der Kneipe des Clubs, tranken Bier und Sauren Paul, rauchten filterlos, schluckten Captagon, Preludin, »Hallo wach« und quatschten.
Endlich war es so weit. Der Star-Club öffnete seine Pforten. Türsteher in schlecht sitzenden Anzügen und weißen Nyltesthemden regelten den Einlass. Nyltesthemden standen für die drei »B«: bügelfrei, billig und bescheuert. Schwitzte man in dieser modernen Art der Oberbekleidung, dann roch man bald wie ein alter Iltis. Wir lehnten Plastikklamotten ab. Unsere mehrfarbigen Hemden waren aus Leinen, Cord oder Seide gefertigt, die schon viel miterlebt hatten und sichtbar angegriffen waren.
Die Luft im Inneren des »Star-Club« flirrte. Lichtkegel tasteten sich durch wabernde Rauchschwaden. Gewaltige Boxentürme lachten uns von der Bühne an. Die Lautstärke konnte nie hoch genug sein, und Bielefeld war berühmt für seine Anlage. Verstärker und Boxen wurden vom Bielefelder Musikalienhändler Rost gestellt. Nur Boxen von »Papa Rost« machten den richtigen Sound und erzeugten jene Wahnsinns-Lautstärke, die wir liebten.
Ein schlaksiger Ansager mit schmaler Krawatte kletterte auf die Bühne und kündigte »die härteste Beat-Band aller Zeiten« an. Ohne Umschweife setzten die »Pretty Things« ein: »I´m a Road Runner, honey« schrie Sänger Phil May und verschlang dabei fast das Mikrophon, das er an einem Ständer hinter sich herschleppte. Schlagzeuger Vic Prince traktierte ein Crash-Becken und Dick Taylor, Rhythmusgitarrist der Band, zog eine Glasscherbe langsam über die E-Saite seines Instruments und erzeugte ein langgezogenes Ratschen. »Beep Beep« antworteten die anderen Bandmitglieder im Chor.
https://www.youtube.com/watch?v=TiqhUKMZWYw
Die »Pretties« begannen jeden Auftritt mit »Road Runner«, ein Song, den der amerikanische Rock´n´Roller Bo Diddley 1960 geschrieben hatte. Begeistert wiederholte das Publikum den eingängigen Refrain. »Beep Beep.« »Beep Beep!« Ein paar Pärchen zappelten vor der Bühne und zuckten ekstatisch. Wir rückten Richtung Boxen, als könnten wir bei dem infernalischen Lärm irgendwas verpassen. »Beep Beep!« »Beep Beep!« Ein Hit folgte dem anderen. »Don´t bring me down«. »Cry to me«. »You don´t believe me«. Wir kannten sie alle und rockten mit.
Phil May und Dick Taylor hatten die »Pretty Things« 1963 in London gegründet. Taylor hatte zuvor mit Mick Jagger die »Rolling Stones« ins Leben gerufen und als Bassist begleitet. Die »rollenden Steine«, von deutschen Spießern als »Höhlenmenschen« bezeichnet, waren dem Musiker indes zu brav. Er wollte einen bodenständigen, schmutzigeren Sound schaffen, nicht nur Songs covern, sondern auch eigene Stücke schreiben. So gelangte die Band bald in den Geruch, eine finstere Bande zu allem entschlossener Musiker zu sein, die »dreckige« Rockmusik machten.
Die »Pretty Things« spielten härter und ungehobelter als die Stones und sahen verwegener aus. Neben Phil May und Dick Taylor wirkten die »Rolling Stones« wie »die sprichwörtliche Teegesellschaft im Pfarrhaus«, schrieb der englische Schriftsteller Nik Cohn 1969 in seiner Musikgeschichte »Pop From The Beginning« (deutscher Titel »AWopBopaLooBop ALopBamBoom«, 1971).

Label der Langspielplatte »Get The Picture« der »Pretty Things« aus dem Jahr 1965 – damals noch eine Monoaufnahme
Das Personal der Band wechselte häufig. Schlagzeuger Vic Prince musste später wegen seines exzessiven Alkoholkonsums entlassen werden. »Wenn Trommler trinken, werden ihre Hände weich«, meinte Phil May dazu, »ihre Köpfe denken es, aber ihre Hände können es nicht«. An dem Abend im Bielefelder »Star-Club« trommelte Prince auf allem, was ihm in die Quere kam. In der Pause stand er an der Bar und trommelte dort ohne Unterbrechung weiter.
Gegen 22 Uhr ging das Saallicht für einen Augenblick an. Das war ein Warnsignal für Minderjährige. Die Typen vom Jugendschutz rückten an und wollten Ausweise kontrollieren. Wir schlüpften über die Kneipe aus dem Etablissement und hasteten auf den gegenüberliegenden Friedhof. In diesem sicheren Versteck warteten wir, bis die Schnüffler abzogen und ein paar Teens abschleppten, die nicht schnell genug entkommen konnten.
Wir gingen wieder zurück in den Star-Club, und die »Pretty Things« spielten das nächste Set. Bis nachts um eins ging die wilde Show, und sie wäre wohl noch stundenlang weiter gegangen. Doch die Bielefelder Polizei rückte vor und setzte die Sperrstunde durch.

Einer der letzten Auftritte: Phil May mit Dick Taylor (links) und Arthur Brown (»The Crazy World of Arthur Brown«) im Berliner Quasimodo
Die »Pretty Things« schafften es nach jenen wilden Zeiten nicht, erneut die Hitlisten zu stürmen. Sie experimentieren, schufen mit »S.F. Sorrow« die erste Rockoper der Flower-Power-Ära und blieben durch immer neue Auftritte im Gespräch. Bis Ende 2019 tourten Phil May und Dick Taylor mit der Band durch Europa. Der Star-Club Bielefeld hatte bereits 1968 aufgegeben und seine Pforten geschlossen. Sein Erbe ging im Jaguar-Club Herford auf.
Seinen Ruf als Legende der Rockmusik verteidigte der Road Runner mehr als ein halbes Jahrhundert. Doch Alkohol, Drogen und ein ekstatisches Leben als Bühnenmusiker schwächten seinen Körper. Bei einem seiner letzten großen Auftritte mit Van Morrison wirkte er bereits angeschlagen.
Anfang der Woche brach sich Phil May bei einem Fahrradunfall die Hüfte. Unfallchirurgen operierten den 75-jährigen im Queen Elizabeth Krankenhaus Kings Lynn, Norfolk. Am 15. Mai um 7.05 Uhr am frühen Morgen erlag der Frontmann der legendären »Pretty Things« den Folgen der Operation. Der bisexuelle Rockstar hinterlässt seinen Sohn Paris May, seine Tochter Sorrel May und seinen Partner Colin Graham.

Ginger Baker trommelt am Abend seines 70. Geburtstags in London • Sämtliche Fotos: © Ruprecht Frieling
Ginger Baker, der am Morgen des 6. Oktober 2019 im Alter von 80 Jahren verstarb, galt in der Rockwelt als einer der weltbesten Schlagzeuger. Er lernte von Jazzlegenden wie Phil Seamen, Art Blakey, Max Roach und Elvin Jones und formte mit dem Gitarristen Eric Clapton und dem Bassisten Jack Bruce die erste Supergroup der Rockgeschichte: »The Cream«. Ruprecht Frieling kannte ihn über 50 Jahre.

Raufbold, Saufkumpan, Junkie, Kettenraucher – zugleich einer der weltbesten Drummer: Ginger Baker wie ich ihn in jungen Jahren kennenlernte
Zum ersten Mal erlebte ich Baker und die »Cream« 1967 in der Herforder »Scala«. »I feel free« hieß die Hymne dieser Zeit, und mit diesem Hit begann das Konzert. Ginger thronte hinter seinem gewaltigen Ludwig-Schlagzeug mit zwei Bass-Drums und einem fantastischen Arsenal von Zildjan-Becken. Er trommelte sich die Seele aus dem Leib und vollbrachte Wirbel und Breaks in einer Geschwindigkeit und Komplexität, die den Atem stocken ließ. Vor allem seine Arbeit mit zwei Bass-Drums war epochal. Es klang, als ob ein achtarmiger Oktopus spielt.
In Sekundenschnelle verwandelten Baker und seine beiden Mitstreiter Jack Bruce und Eric Clapton den Saal in einen Hexenkessel. Nach einigen Rhythm & Blues-Nummern warf Ginger ein mitternachtsblaues, mit goldenen Sternen verziertes Cape ab, kippte nach hinten und setzte sich – nur halb vom Bühnenvorhang verdeckt – einen Schuss Heroin. Kurz darauf sprang er wieder an seine Schießbude, um eines seiner legendären zwanzigminütigen Soli hinzulegen: »Toad«.
Als gerade mal 15-jähriger Hobbyschlagzeuger packte mich die Sehnsucht, es ihm musikalisch gleich zu tun und ein zweiter Ginger Baker zu werden. Im Dachboden meiner elterlichen Behausung drosch ich wie ein kleiner Teufel auf ein mickriges Schlagzeug ein und trainierte komplexe Paradiddles, Mühlen und Wirbel. Meine Nachbarn liefen Amok und wollten mich am liebsten wegsperren.
Baker war aber nicht nur ein großartiger Drummer, er war auch ein ebenso schwieriger Charakter. Eine Hassliebe verband ihn mit dem ebenso als Choleriker bekannten Jack Bruce. »Cream« zerbrach am ständigen Konflikt der beiden, und Ginger Baker schuf »Blind Faith«.
Zur Premiere der neuen Gruppe trampte ich nach London und erlebte die Truppe mit zehntausenden anderen Blumenkindern am 7. Juni 1969 gratis im Hyde Park. Eric Clapton und Stevie Winwood waren neben Baker die Eckpfeiler der Gruppe.

Stevie Winwood begleitete das Geburtstagskind auf Bakers 70. Geburtstagsfeier
40 Jahre später traf sich ein kleiner Kreis mittlerweile ergrauter Blumenkinder in London wieder: Am 4. November 2009 wurde im London Jazz Cafe in Camden Bakers 70. Geburtstag gefeiert, und es wunderte keinen der geladenen Gäste, dass Winwood vierzig Jahre später wiederum zur Klampfe griff und mit dem Jazz-Rock-Bassisten Jonas Hellborg, der Saxophon-Legende Pete King und dem Gitarristen Chris Goss den Jubilar begleitete.
Ginger Baker, der viele Jahren in Afrika gelebt hat, nutzte seinen Auftritt nicht nur, um alte Freunde, treue Fans und langjährige Weggefährten zu begrüßen, er stellte auch seine frisch erschienene Autobiographie »Hellraiser« vor. Nach Clapton und Bruce plaudert damit der dritte »Creamer« aus dem Nähkästchen und schildert sein wildes Leben zwischen Sex, Drogen und Rock n Roll. Nun kann Ginger endlich »the true story, as it happened« erzählen.
Geboren wird Peter »Ginger« Baker am 18.08.1939 in London. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und muss früh lernen, seine Fäuste zu nutzen. Der Vater fällt im Krieg, doch er hat Glück mit einem Stiefvater. Bereits im Unterricht fällt der Junge, der gelegentlich schon mal eine Jazz-Schallplatte stibitzt, durch rhythmisches Trommeln auf der Tischplatte auf. Seine Mitschüler glauben, er könne Schlagzeug spielen, und auf einer Fete wird er plötzlich gebeten, eine Probe seines Könnens zu geben. Baker nimmt erstmals hinter einem richtigen Drumset Platz, legt los und hat augenblicklich seine Bestimmung entdeckt: er will Schlagzeuger werden.
Doch wie wird man Schlagzeuger? Baker bastelt sich aus einem Spielzeugschlagzeug und Blechdosen ein Drumkit, übt darauf und meldet sich auf eine Suchanzeige im »Melody Maker« zum Vorspielen. Den Musikern erklärt er, sein »richtiges« Instrument sei defekt, darum spiele er mit Behelfsgerät. Frechheit siegt! Der gerade 18-jährige Baker wird Drummer von »The Storyville Jazzmen« und begründet damit seine Karriere als Profimusiker.
Kurz darauf lernt er Phil Seamen kennen, der bereits eine Legende des britischen Jazz ist. Seamen bringt ihm aber nicht nur das Schlagzeugspielen näher, er zeigt ihm auch Heroin. Es dauert nicht lange, und Baker zieht alles durch Mund und Nase, was er erwischen kann. Kurz darauf setzt er seinen ersten Schuss. So startet er nicht nur eine Karriere als Trommler sondern auch als Junkie.
In Kürze lernt er alle Musiker kennen, die in jener Zeit den Ton angeben. Er spielt mit dem Saxophonisten Dick Heckstall-Smith und Bassmann Jack Bruce als Mitglied der von Alexis Corner geführten »Blues Incorporated«. Mick Jagger, den Baker als unfähig verachtet, darf gelegentlich singen, Graham Bond stößt zu ihnen und vollführt musikalische Kunststücke auf seiner Hammond-Orgel. Bald entsteht aus dieser Formation die legendäre »Graham Bond Organisation«.
Viele Musiker lehnten Baker trotz seiner allseits anerkannten Fähigkeiten ab, weil er ein bekannter Junkie war. Sister Morphine saß mit ihm am Schlagzeug, und das Übermaß an Drogen, das Ginger konsumierte, ließen ihn ausfällig und unberechenbar gegenüber Freunden und Bandkollegen werden.

»Hellraiser« heißt die Autobiographie von Drummer Ginger Baker
Ginger Bakers Autobiographie »Hellraiser« liest sich streckenweise wie eine grandios rauschende Drogenbiographie. Baker versucht zwar immer wieder, von den harten Drogen loszukommen, akribisch erzählt er in seiner Autobiographie von insgesamt 29 Entziehungsversuchen mit Methadon im Laufe von 21 Jahren, doch die Sucht ist stärker. Zu Alkohol, Amphetaminen, Heroin und Morphium kommt bald LSD hinzu, jeder nur denkbare Drogencocktail wird gemixt, und die Konsequenzen bleiben nicht aus: im Vollrausch verliebt Baker sich immer wieder, er kommt fast in einem Schneesturm um, bei Rangeleien mit anderen Musikern wird er wiederholt verletzt und verliert sämtliche Zähne, teure Autos werden zu Bruch gefahren, Freunde kommen durch Überdosen um Baker beschreibt auch die Wesensänderungen, die Bandkollegen durchmachen. Jack Bruce muss wegen unberechenbarer Wutausbrüche aus der Band ausgeschlossen werden, und Graham Bond entwickelt sich von einem eitlen Paradiesvogel, der mit Händen und Füßen mehrere Instrumente gleichzeitig spielen kann, zu einem im Räucherstäbchennebel meditierenden Spiritisten, bevor er schließlich unter den Rädern einer Londoner U-Bahn endet.

Zwei Brass-Drum, zwei Fußmaschinen, zwei Tenor-Tom, zwei Bass-Tom, ein Snare und ein Wald von Becken – so erlebte die Musikwelt den fabulösen Ginger Baker (rechts im Hintergrund: Fela Anikulapo Kuti)
Baker lernt Eric Clapton kennen und plant mit ihm die Gründung einer eigenen Band. Trotz Gingers Bedenken einigen sich die beiden auf Jack Bruce als Bassisten, und damit sind »The Cream« geboren. Die Band geht in kurzer Zeit ab »like a fucking rocket«. Das Flower-Power-Publikum gerät aus dem Häuschen, wenn die drei Musiker nur die Bühne betreten. Gagen steigen, Säle werden immer größer, und Clapton und Bruce bauen gigantische Boxentürme auf, um mit immer mehr Power zu spielen.
Baker leidet bald an Hörproblemen, er hockt zwischen den Lautsprecherwänden und haut immer kräftiger auf Trommeln und Becken, um sich wenigstens noch selbst zu hören. Seine Proteste gegen den infernalischen Lärm werden von den beiden anderen ignoriert. Gestritten wird auch um die Urheberschaft an den einzelnen Titeln, denn sehr demokratisch geht es im »Cream«-Team nicht zu, und es geht um viel Geld.
1969 trennen sich die Weg der drei Cream-Heroen, und Baker formiert gemeinsam mit Stevie Winwood die nächste Supergroup. Das ist »Blind Faith«, bei der wiederum Clapton mitspielt. Es folgt »Ginger Bakers Airforce« mit der Sängerin Jeanette Jacobs, Gitarrist Denny Laine, Organist Stevie Winwood, den Bläsern Harold McNair und Graham Bond, Rick Grech am Bass und Phil Seamen als zweitem Schlagzeuger.
Auch diese Formation hält nicht lange, worauf Baker sein Glück in Afrika versucht, um Abstand zu gewinnen, den Tod seines Vorbilds Jimi Hendrix, der am Erbrochenen erstickt ist, zu überwinden und von den Drogen loszukommen. Afrika ruft den Drummer, denn Bakers Qualität gründet auf seinem Afrika-Feeling, das seine Spieltechnik unvergleichlich macht. Er hat Afrika im Blut und ist bis heute der einzige weißhäutige Trommler, der auf dem schwarzen Kontinent anerkannt und gefeiert wird.

In Nigeria traf Ginger Baker auf Fela Anikulapo Kuti, der sich gerade als Präsident beworben hatte und ging mit ihm auf Tourneee
In Nigeria baut Baker das erste Tonstudio Westafrikas auf und spielt mit dem Afrobeat-Star Fela Anikulapo Kuti. Der Nigerianer kommt mit zwei Dutzend knackfrischer Ehefrauen zu den Jazztagen nach Berlin, die er stolz auf einer Pressekonferenz präsentiert, ihnen dann jedoch den Mund verbietet.
Beim abendlichen Konzert versackt Baker, den ich an dem Tag fotografiere und interviewe, mit mir in einer Spielpause an der Theke im Musikerrestaurant der Philharmonie. Der Meister ist bereits schwer angeschlagen, als der Veranstalter bemerkt, dass alle Musiker auf ihren Plätzen sind und weiter spielen wollen, nur Baker fehlt.
Wir beide stehen immer noch am Tresen, lachen und saufen. Baker hat keine Lust mehr und lässt sich nur widerwillig an seine Schießbude zerren. Ich wanke hinter ihm her und erreiche mühsam meinen Fotografenplatz in der ersten Reihe. Dann geht das Konzert weiter.
Bakers Karriere in Nigeria dauert nur kurz, er erlebt ein finanzielles Fiasko und rutscht wieder in die Drogenhölle. Getrennt von Frau und Kindern flieht er in die Toskana, um Missernten und eine weitere gescheiterte Ehe produzieren zu dürfen.
Immer neue Bands entstehen: »Bakers Gurvitz Army, »Masters of Reality«, »BBM«. Er zieht weiter nach Los Angeles, dann nach Colorado, wo er mit der Zucht von Poloponys beginnt. Schließlich siedelt er in KwaZulu-Natal in Südafrika, wo er auf einer eigenen Farm Pferde züchtet, Polo und Schlagzeug spielt und sich mit den Nachbarn streitet.
In Mai 2005 kommt es noch einmal zu einem legendären »Cream Reunion« Konzert von Baker, Bruce und Clapton. Drei Tage sind die »Royal Albert Hall« total ausverkauft, Tickets werden zu 1.000 Euro gehandelt, und das Trio erlebt Begeisterungsstürme wie in alten Zeiten. Die Band spielt auch noch in den USA, dort brüllt Bruce jedoch Baker plötzlich unvermittelt auf der Bühne an, und die beiden gehen vor dem Publikum offen aufeinander los. »Cream« zerbricht ein zweites, allerletztes Mal.
Wer »Hellraiser« liest, bekommt einen tiefen Einblick in die innere Welt vieler Superstars von Clapton bis Hendrix. Es ist teilweise erschütternd, wie das wilde Leben zwischen Sex and drugs and rock ´n´ roll wirklich war und was sich hinter den teilweise glamourösen Kulissen abspielte.
Diese Autobiographie ist ein Zeitdokument, das seinesgleichen sucht und auch demjenigen, der kein Baker-Fan ist, einen Schlüssellochblick in die Welt von Sex, Drogen und Rock n Roll gestattet.
