Wir seien beide wohl vergnügungssüchtig, schrieb mir Manfred Eichel unmittelbar vor seinem jähen Herztod am 14. November 2024 in einer seiner Mails zur Mitternacht. Er hatte gerade mein jüngstes Buch gelesen, das hatte ihm gefallen, und er wollte mich zu weiteren gemeinsamen Kulturevents motivieren. Das Schicksal wollte es anders. HIER geht es weiter →

Phil May, Sänger und Motor der legendären »Pretty Things« starb am 15. Mai 2020 an den Folgen eines Fahrradunfalls. Fotos: © Ruprecht Frieling
Die »Pretty Things« galten 1966 als härteste und schmutzigste Band der Welt, und wir wollten sie sehen. Ihre Hits »Get the picture«, »LSD« oder »Buzz the Jerk« kannten wir auswendig, ohne den Inhalt genau zu verstehen. Die Stücke waren in harter Gossensprache geschrieben, prall gefüllt mit sexuellen Anspielungen (to jerk = wichsen) und deshalb teilweise im prüden Amerika verboten. Der Brite Phil May, Gründer und Leadsänger der »hübschen Dinge«, war außerdem der Mann mit den längsten Haaren Europas. Sein bewusstes Anderseins und das Image der Band machte ihn vielen zum Vorbild.
Wir wollten der beklemmenden Enge unserer Elternhäuser entfliehen. Wir wollten weg von den Einflüsterungen des Klerus, weg von der Rohrstockerziehung unserer Pauker und der Eindimensionalität unserer Lehrherren. Wir glaubten, die Ketten der Konvention abschütteln zu müssen, um »frei« zu sein. Deshalb ließen wir unsere Haare wachsen. Deshalb trugen wir Blümchenhosen und abgelegte grüne Armeeparkas, die mit Losungen wie »Make love not war« verziert waren. Wir fühlten uns als Misfits, als Außenseiter, als Sonderlinge, die durch das Band der Beatmusik mit Gleichaltrigen auf der ganzen Welt verbunden waren, und wir verhielten uns entsprechend.

»Pretty Things«-Fans anno 1966: Ruprecht Frieling, Autor des Beitrags, damals 14jährig (rechts) nimmt mit Jugendfreund Wolfgang Haase ein Fußbad in einem Bielefelder Brunnen
Die Freunde hießen Günni, Charly, Kurti, Archi, Molli, Tommi und Theo – jeder hatte einen Spitznamen oder kürzte seinen Vornamen ein, ich hieß Rupi. Wir waren vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre jung. Die Volljährigkeit, damals erst mit dem 21. Geburtstag erreicht, erschien uns unerreichbar weit entfernt. Die wenigen Erwachsenen, die wir in unseren Kreis ließen, besaßen einen fahrbaren Untersatz. Das eigene Auto machte sie zu Schlüsselfiguren, denn Mobilität war eine zentrale Voraussetzung, um den Idolen der Zeit näherzukommen.
Es gab zwar die Deutsche Bundesbahn, mit der Städte wie Bielefeld erreichbar wurden. Doch Schwarzfahren war riskant. Man musste bei jedem Halt Ausschau halten, wie weit der Schaffner durch den Zug patrouilliert war und sich den Herren ohne Fahrschein näherte. War der Kontrolletti schnell, verschanzten wir uns auf dem Klo, um erst in Bielefeld Hauptbahnhof die Tür zu öffnen und vorsichtig um uns spähend aus dem Zug zu hüpfen. Sehr viel angenehmer war es dagegen, sich mit sieben, acht Freunden in einen alten DKW, Ford oder VW zu zwängen und unter Hallo und wildem Geheul über die Bielefelder Berge nach Puddingtown zu rollen.
Vom Bahnhof Bielefeld aus öffnete eine Unterführung den Zugang zu den weniger gut situierten Teilen der Stadt. Schier endlos zog sich die Jöllenbecker Straße, eine triste Magistrale. Es fuhr eine Straßenbahn, doch die kostete Geld. Also schlürten wir im Staub der Straße oder rollten mit unseren Privattaxen ein paar Kilometer geradeaus. Dann ging es rechts ab in eine Nebenstraße. Die mündete an einem düsteren Friedhof. Gegenüber stand ein großes Eckgebäude, das Ureinwohner als »Volkshaus Sudbrack« erinnerten.

Eröffnung des Star-Club Bielefeld mit den »Liverbirds«. The Liverbirds waren eine zwischen 1962 und 1967 aktive Beatband aus Liverpool. Die vier Bandmitglieder Pamela Birch, Valerie Gell, Mary McGlory und Sylvia Saunders waren eine der ganz wenigen weiblichen Bands aus der Merseybeat-Szene und eine der ersten Rock-Bands, die sich nur aus weiblichen Mitgliedern zusammensetzte. Der Name der Band entstammt der fiktiven Figur des Liver Bird , auf dem Turm des Liver Building, der das Symbol ihres heimischen Liverpools ist
In diesem Etablissement mit höchst wechselvoller Geschichte eröffnete am 2. Oktober 1964 der Star-Club Bielefeld. Künftig hatten Beatfans aus West- und Ostwestfalen einen Anlaufpunkt. Der Saal fasste 1.000 Besucher, eine Theke erstreckte sich in voller Länge an einer Seite. Die angeschlossene Kneipe bot ausreichend Gelegenheit, sich vor und nach den Shows abzufüllen. Getreu seinem zwei Jahre zuvor eröffneten gleichnamigen Vorbild in Hamburg spielten auch in Bielefeld Abend für Abend deutsche und britische Beatgruppen. Teilweise waren die Bands schon durch Schallplattenerfolge bekannt, die meisten von ihnen machten sich gerade einen Namen. Die Hamburger »Rattles« gaben »Remo Four«, »Liverbirds« und »Pretty Things« die Klinke in die Hand.
Die meisten Bands spielten mehrere Wochen lang am Stück jeden Abend zum Tanz auf. Insgesamt 79 Mal standen beispielsweise die »Beatles« aus Liverpool bis Ende 1962 auf der Bühne des Star-Clubs Hamburg und starteten hier ihre Weltkarriere. Auftritte im »Star-Club« konnten ein Sprungbrett sein. Auch die von uns so heiß ersehnten »Pretty Things« spielten mehrere Abende hintereinander im Bielefelder Star-Club. Es gab also mehrfach die Möglichkeit, die Gruppe zu erleben.
Als wir in Jöllenbeck eintrafen, schraubte ein vor dem Bühneneingang geparkter, zerbeulter Jaguar mit britischem Kennzeichen unseren Blutdruck in die Höhe. Dies sei das Fahrzeug, mit dem die Bandmitglieder unterwegs seien, raunten sich Fans zu, die teilweise schon Stunden vor Beginn der Veranstaltung eingetroffen waren. Wir hockten in der Kneipe des Clubs, tranken Bier und Sauren Paul, rauchten filterlos, schluckten Captagon, Preludin, »Hallo wach« und quatschten.
Endlich war es so weit. Der Star-Club öffnete seine Pforten. Türsteher in schlecht sitzenden Anzügen und weißen Nyltesthemden regelten den Einlass. Nyltesthemden standen für die drei »B«: bügelfrei, billig und bescheuert. Schwitzte man in dieser modernen Art der Oberbekleidung, dann roch man bald wie ein alter Iltis. Wir lehnten Plastikklamotten ab. Unsere mehrfarbigen Hemden waren aus Leinen, Cord oder Seide gefertigt, die schon viel miterlebt hatten und sichtbar angegriffen waren.
Die Luft im Inneren des »Star-Club« flirrte. Lichtkegel tasteten sich durch wabernde Rauchschwaden. Gewaltige Boxentürme lachten uns von der Bühne an. Die Lautstärke konnte nie hoch genug sein, und Bielefeld war berühmt für seine Anlage. Verstärker und Boxen wurden vom Bielefelder Musikalienhändler Rost gestellt. Nur Boxen von »Papa Rost« machten den richtigen Sound und erzeugten jene Wahnsinns-Lautstärke, die wir liebten.
Ein schlaksiger Ansager mit schmaler Krawatte kletterte auf die Bühne und kündigte »die härteste Beat-Band aller Zeiten« an. Ohne Umschweife setzten die »Pretty Things« ein: »I´m a Road Runner, honey« schrie Sänger Phil May und verschlang dabei fast das Mikrophon, das er an einem Ständer hinter sich herschleppte. Schlagzeuger Vic Prince traktierte ein Crash-Becken und Dick Taylor, Rhythmusgitarrist der Band, zog eine Glasscherbe langsam über die E-Saite seines Instruments und erzeugte ein langgezogenes Ratschen. »Beep Beep« antworteten die anderen Bandmitglieder im Chor.
https://www.youtube.com/watch?v=TiqhUKMZWYw
Die »Pretties« begannen jeden Auftritt mit »Road Runner«, ein Song, den der amerikanische Rock´n´Roller Bo Diddley 1960 geschrieben hatte. Begeistert wiederholte das Publikum den eingängigen Refrain. »Beep Beep.« »Beep Beep!« Ein paar Pärchen zappelten vor der Bühne und zuckten ekstatisch. Wir rückten Richtung Boxen, als könnten wir bei dem infernalischen Lärm irgendwas verpassen. »Beep Beep!« »Beep Beep!« Ein Hit folgte dem anderen. »Don´t bring me down«. »Cry to me«. »You don´t believe me«. Wir kannten sie alle und rockten mit.
Phil May und Dick Taylor hatten die »Pretty Things« 1963 in London gegründet. Taylor hatte zuvor mit Mick Jagger die »Rolling Stones« ins Leben gerufen und als Bassist begleitet. Die »rollenden Steine«, von deutschen Spießern als »Höhlenmenschen« bezeichnet, waren dem Musiker indes zu brav. Er wollte einen bodenständigen, schmutzigeren Sound schaffen, nicht nur Songs covern, sondern auch eigene Stücke schreiben. So gelangte die Band bald in den Geruch, eine finstere Bande zu allem entschlossener Musiker zu sein, die »dreckige« Rockmusik machten.
Die »Pretty Things« spielten härter und ungehobelter als die Stones und sahen verwegener aus. Neben Phil May und Dick Taylor wirkten die »Rolling Stones« wie »die sprichwörtliche Teegesellschaft im Pfarrhaus«, schrieb der englische Schriftsteller Nik Cohn 1969 in seiner Musikgeschichte »Pop From The Beginning« (deutscher Titel »AWopBopaLooBop ALopBamBoom«, 1971).

Label der Langspielplatte »Get The Picture« der »Pretty Things« aus dem Jahr 1965 – damals noch eine Monoaufnahme
Das Personal der Band wechselte häufig. Schlagzeuger Vic Prince musste später wegen seines exzessiven Alkoholkonsums entlassen werden. »Wenn Trommler trinken, werden ihre Hände weich«, meinte Phil May dazu, »ihre Köpfe denken es, aber ihre Hände können es nicht«. An dem Abend im Bielefelder »Star-Club« trommelte Prince auf allem, was ihm in die Quere kam. In der Pause stand er an der Bar und trommelte dort ohne Unterbrechung weiter.
Gegen 22 Uhr ging das Saallicht für einen Augenblick an. Das war ein Warnsignal für Minderjährige. Die Typen vom Jugendschutz rückten an und wollten Ausweise kontrollieren. Wir schlüpften über die Kneipe aus dem Etablissement und hasteten auf den gegenüberliegenden Friedhof. In diesem sicheren Versteck warteten wir, bis die Schnüffler abzogen und ein paar Teens abschleppten, die nicht schnell genug entkommen konnten.
Wir gingen wieder zurück in den Star-Club, und die »Pretty Things« spielten das nächste Set. Bis nachts um eins ging die wilde Show, und sie wäre wohl noch stundenlang weiter gegangen. Doch die Bielefelder Polizei rückte vor und setzte die Sperrstunde durch.

Einer der letzten Auftritte: Phil May mit Dick Taylor (links) und Arthur Brown (»The Crazy World of Arthur Brown«) im Berliner Quasimodo
Die »Pretty Things« schafften es nach jenen wilden Zeiten nicht, erneut die Hitlisten zu stürmen. Sie experimentieren, schufen mit »S.F. Sorrow« die erste Rockoper der Flower-Power-Ära und blieben durch immer neue Auftritte im Gespräch. Bis Ende 2019 tourten Phil May und Dick Taylor mit der Band durch Europa. Der Star-Club Bielefeld hatte bereits 1968 aufgegeben und seine Pforten geschlossen. Sein Erbe ging im Jaguar-Club Herford auf.
Seinen Ruf als Legende der Rockmusik verteidigte der Road Runner mehr als ein halbes Jahrhundert. Doch Alkohol, Drogen und ein ekstatisches Leben als Bühnenmusiker schwächten seinen Körper. Bei einem seiner letzten großen Auftritte mit Van Morrison wirkte er bereits angeschlagen.
Anfang der Woche brach sich Phil May bei einem Fahrradunfall die Hüfte. Unfallchirurgen operierten den 75-jährigen im Queen Elizabeth Krankenhaus Kings Lynn, Norfolk. Am 15. Mai um 7.05 Uhr am frühen Morgen erlag der Frontmann der legendären »Pretty Things« den Folgen der Operation. Der bisexuelle Rockstar hinterlässt seinen Sohn Paris May, seine Tochter Sorrel May und seinen Partner Colin Graham.
Ingo Insterburg, eine Institution der Westberliner Kleinkunstszene der Sechziger Jahre, wurde mit zunehmendem Alter wunderlich und auch ein wenig verbittert. Vor allem sein Hass auf Trinker und Raucher, er hatte beiden Lastern selbst ausgiebig gefrönt, wurde zur fixen Idee. Als Komiker, Kabarettist, Sänger, Musiker, Instrumentenbauer, Dichter, Maler und Zeichner war Insterburg eine Legende. Bis kurz vor Schluss trat er noch öffentlich auf und brachte seine Fans zum Lachen. Nun besucht der schräge Geselle seine viel besungenen Mädchen im Himmel.
»Erst wenn der Sarg verzinkt / Der Raucher nicht mehr stinkt«, reimte der Künstler, dem der Darmkrebs das Leben raubte. Als erklärter Suchtgegner hatte Ingo Insterburg hunderte ähnlicher hintergründiger Zwei-, Drei- und Vierzeiler im Angebot, die er auch in selbst publizierten Büchern verbreitete. »Raucher- und Trinker-Lyrik« oder auch »Ekel-Lyrik« betitelte er seine selbst gestalteten und illustrierten skurrilen Publikationen.
Schon in seinen bereits vor einem Vierteljahrhundert entstandenen »35 Märchen« polemisierte der Barde gegen Nikotin, in dem beispielsweise einer Ratte namens Johanna Rindfleisch ein (Raucher)bein nach dem anderen abgenommen wird. Selbst hatte er sein Leben total umgekrempelt, war zum Vegetarier und Marathonläufer geworden.
Ingo, der sich nach seinem Geburtsort Insterburg nannte, zählte als künstlerisches Multitalent zum komödiantischen Erbe der Sechziger Jahre. Nach einem Studium der Kunstpädagogik spielte er als »Guitar-Ingo« gemeinsam mit dem Schauspieler Klaus Kinsky Bert-Brecht-Balladen, die auf Schallplatte erschienen. Später traf man ihn in verrauchten Westberliner Studentenkneipen, wo er Gitarre spielte, sang und auf verschiedenen selbst gebastelten Instrumenten wie der Stuhlbein-Klarinette, der mit den Füßen gespielten Tannenbaum-Geige, dem Eimer-Cello oder der Melkeimer-Gitarre spielte. Insterburg war erfindungsreich, schlagfertig und zugleich ein virtuoser Musiker.
1967 schlug die Geburtsstunde von »Insterburg & Co«. Das Quartett der »Blödelbarden« umfasste neben dem Namensgeber die Herren Karl Dall, Jürgen Barz und Peter Ehlebracht. Nach Auftritten in Radio Bremens »Musikladen« wurde die Truppe schnell bekannt. Bald waren die vier fest im Fernsehprogramm integriert und auch Stammgäste in der von Hans Rosenthal moderierten ZDF-Ratesendung »Dalli Dalli«. Die Insterburgs tingelten durch die Republik, im Berliner Reichskabarett in der Ludwigkirchstraße konnte ich das Quartett anno 1972 zum Eintrittspreis von DM 7,00 erleben. Schon damals war Karl Dall der Star der Blödel-Barden, Ingo agierte mehr im Hintergrund.
»Ich bin eine Persönlichkeit und steh im öffentlichen Leben / Immer voll Witz und Heiterkeit, so will es nun die Masse eben«, dichtete Ingo Insterburg über sich selbst. Er machte damit das Geheimrezept seines Erfolges deutlich: Mit Pfiff und Humor immer dicht am Massengeschmack entlang. Die Insterburgs machten Musik, erzählten dumme Witze und klöppelten Verse. Sogar zu einem Hit brachten sie es mit Ingos Reim-Lied »Ich liebte ein Mädchen …«, das vom Publikum begeistert aufgegriffen und mit immer neuen Versen fortgesetzt wurde.
Kein Erfolg hält ewig. Und als die Nachfrage nachließ und die Säle nicht mehr ausverkauft wurden, löste Ingo Insterburg nach mehr als einem Vierteljahrhundert das Quartett auf und zog ab 1994 als Solist weiter. Er schrieb Bücher, darunter eine ulkige, mit Zeichnungen, Denkschriften, Fotos, Knittelversen und Märchen gespickte Autobiographie »Die ersten 23456 Tage meines Lebens. Keine Dichtung und nur Wahrheit«, die es leider nur noch antiquarisch gibt.
2012 ging er mit Lothar »Black« Lechleiter vom einstigen Duo »Schobert und Black« zusammen und tourte als »Insterburg & Black«. 2014 bekam Insterburg für sein bisheriges Lebenswerk als Kleinkünstler den »smago! Award«, einen dem Schlager gewidmeten deutschen Musikpreis. Im Frühjahr 2018 stand der 84-jährige noch auf der Bühne. Dann kam der Krebs, Ingo siedelte in ein Charlottenburger Hospiz um, wo er am 27. Oktober 2018 verstarb.
»Seh‘ ich einen Leichenwagen, eine Leich‘ zum Kirchhof fahren, sage ich, das muss es geben, alle Leute wollen leben«, schrieb sich der geniale Musiker und Texter selbst ins Stammbuch. Eigentlich wollte er aufgrund der Kosten einer Feuerbestattung in einen Vulkan auf Lanzarote springen: »Das kostet gar nix«. Doch dafür hat am Ende die Kraft nicht mehr gereicht. Wer sein Grab auf dem Dahlemer Waldfriedhof besucht, hört ihn dort vielleicht noch singen …
Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag verstarb am 14. November 2011 der Liedermacher, Schriftsteller, promovierte Jurist und Rechtsanwalt Franz Josef Degenhardt in Quickborn bei Hamburg.
Degenhardt war einer der großen deutschen Singer-Songwriter, die sich gegen Unrecht, atomare Bewaffnung und kalten Krieg einsetzen.
Zu Ehren seines verstorbenen Freundes Franz Josef Degenhardt trägt Hannes Wader ein Lied vor, das »Väterchen Franz« gewidmet ist.
Hannes Wader singt »Väterchen Franz« in memoriam Degenhardt
Franz Josef Degenhardt singt »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«
Franz Josef Degenhardt singt »Väterchen Franz«
Es gibt wenige Autoren, deren Stil derart prägend ist, dass ihr Name zum Begriff wird. Kafka gehört dazu, wir sprechen beispielsweise von kafkaesken Szenarien. James Graham Ballard, der am 19. April 2009 nach langer Krankheit im Alter von achtundsiebzig Jahren in den Literaturhimmel entschwand, ist ein weiteres Beispiel.
Als »ballardian« definiert Collins Wörterbuch der englischen Sprache »den in J. G. Ballards Romanen und Geschichten beschriebenen Zuständen gleichend oder beschwörend, besonders die dystopische Moderne und die psychologischen Wirkungen der technonologischen, gesellschaftlichen oder umweltlichen Entwicklungen«.
Der britische Autor James Graham Ballard gilt als ein Großmeister der Science-Fiction-Literatur. Dabei wehrte er sich stets gegen diese Kategorisierung. Ballard war nicht an Raumschiffen und Ausserirdischen interessiert. Ihn beschäftigte »die Welt der geheimen Verführer der sich entwickelnden Kommuniukationslandschaft, des Massentourismus, der riesigen, vom Fernsehen dominierten konformistischen Vororte«. Ballard entwickelte die Vision vom Cyberspace, bevor das Internet erfunden wurde. Er ist insofern der literarische Vater des Netzes.
In den Sechziger und Siebziger Jahren waren seine Bücher in deutscher Übersetzung an jeder Ecke erhältlich. Dann wurde es still, vielleicht, weil seine drastischen Visionen im Zeitalter von Wirbelstürmen, Erdbeben, Tsunamis und Überflutungen zur täglichen Realität wurden. Der Edition Phantasia ist es nun zu verdanken, dass die bereits 1962 geschriebene Endzeitvision »The Drowned World«, auf deutsch ursprünglich als »Karneval der Alligatoren« vertrieben, unter geändertem Titel und in frischer Übersetzung wieder greifbar ist.
David Cronenberg verfilmte 1996 Ballards Roman »Crash«, einen Highway-Thriller über Todestrieb und Selbstzerstörungssehnsüchte. Stephen Spielberg hatte Jahre zuvor glücklos Ballards autobiographisches Werk »Im Reich der Sonne« verfilmt. Der jetzt vom Verlag gewählte Titel »Paradiese der Sonne« erinnert stark an diesen Titel; es handelt sich jedoch um ein eigenständiges Werk.
Ausgangspunkt des Romans ist eine extreme Erderwärmung in Folge gigantischer geophysikalischer Erschütterungen, die unsere Welt in die Zeit des Jura zurück katapultiert. Heftige Sonnenstürme lassen die Temperaturen stark ansteigen. Die Mehrzahl der tropischen Zonen wird unbewohnbar, ehemals gemäßigte Zonen werden tropisch, die Menschen wandern auf der Flucht vor Temperaturen zwischen 55 und 60 Grad nach Süden oder Norden. Sie besiedeln das antarktische Plateau und die nördlichen Grenzgebiete Kanadas und Russlands als letzte bewohnbare Lebensräume. Erdrutschartig hat Mutter Natur ihre Kreaturen wieder zurück in die Vergangenheit des Planeten geschickt.
Europa ist inzwischen nahezu vollständig überflutet, lediglich die Skyline der Wolkenkratzer ragt aus dem morastigen Dschungel empor. Wildwuchernde Schlingpflanzen und aggressive Reptilien haben die Herrschaft übernommen. Über den dampfenden Dächern der versunkenen Stadt London brechen Forscher ihre Station ab, um der immer brutaler brennenden Sonne zu entkommen. Aber die faulige Fieberhitze, die gnadenlos gleißende Glut und die schwülfeuchte Stimmung der Lagunenlandschaft hinterlassen auch in der Psyche der Menschen deutliche Spuren.
Der Biologe Dr. Keran widersetzt sich mit einigen Kollegen dem Abzug und will in dem Außenposten bleiben. Die Psyche der Zurückbleibenden scheint sich unter dem Duft der bizarren Wasserpflanzen und dem Geschrei der hungrigen Leguane und Alligatoren zu verändern. Sie beginnen, zu halluzinieren und verlieren die Kontrolle über Zeit und Raum. Unvermittelt taucht ein Schiff mit Plünderern auf, deren Kapitän Strangman aus unerklärlichen Gründen nach Kunstwerken taucht. Er gebietet über ein Heer von Krokodilen und sonderbaren Gestalten. Die Truppe beginnt, das Wasser der Lagune zu stauen und einen Teil der Londoner City freizulegen. Benommen ziehen die Forscher durch die versumpften Straßen und erkennen einen Teil ihres früheren Lebens wieder
»Paradiese der Sonne« erinnert an die wissenschaftliche begründete Phantastik, die in den Siebziger Jahren besonders aus dem osteuropäischen Raum auf den deutschen Markt flutete. Es handelt sich um bizarres Gedankenbild, das in den Klimakatastrophen der Neuzeit, wie der Überflutung New Orleans, bereits konkret wurde. Besonders spannend ist, dass sich Ballard für die mit den veränderten Verhältnissen einher gehenden Verschiebungen der sozialen Gefüge und damit letztlich jedes Einzelnen befasst. Thematisch ist das Werk Spitze, sprachlich wirkt es leider farblos und schon recht antiquiert.
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