Du hast dem guten alten Volkslied den Staub der Jahre und den Geruch des Missbrauchs aus dem Mantel geschüttelt und es mit hochaktuellen, brisanten Inhalten, die uns auf den Herzen brannten, gefüllt.
Dabei hast Du es mit Deiner Kunst geschafft, heikle Themen mit Tiefgang und Augenzwinkern zu präsentieren und ihnen ein Gesicht zu geben.
80 Jahre Hannes Wader. Der Gott der deutschsprachigen Protestsänger feiert am 23. Juni 2022. Seine Fans sind in Gedanken dabei.
Zum 60. Geburtstag von Klaus Hoffmann sangen drei Barden miteinander
Ingo Insterburg, eine Institution der Westberliner Kleinkunstszene der Sechziger Jahre, wurde mit zunehmendem Alter wunderlich und auch ein wenig verbittert. Vor allem sein Hass auf Trinker und Raucher, er hatte beiden Lastern selbst ausgiebig gefrönt, wurde zur fixen Idee. Als Komiker, Kabarettist, Sänger, Musiker, Instrumentenbauer, Dichter, Maler und Zeichner war Insterburg eine Legende. Bis kurz vor Schluss trat er noch öffentlich auf und brachte seine Fans zum Lachen. Nun besucht der schräge Geselle seine viel besungenen Mädchen im Himmel.
»Erst wenn der Sarg verzinkt / Der Raucher nicht mehr stinkt«, reimte der Künstler, dem der Darmkrebs das Leben raubte. Als erklärter Suchtgegner hatte Ingo Insterburg hunderte ähnlicher hintergründiger Zwei-, Drei- und Vierzeiler im Angebot, die er auch in selbst publizierten Büchern verbreitete. »Raucher- und Trinker-Lyrik« oder auch »Ekel-Lyrik« betitelte er seine selbst gestalteten und illustrierten skurrilen Publikationen.
Schon in seinen bereits vor einem Vierteljahrhundert entstandenen »35 Märchen« polemisierte der Barde gegen Nikotin, in dem beispielsweise einer Ratte namens Johanna Rindfleisch ein (Raucher)bein nach dem anderen abgenommen wird. Selbst hatte er sein Leben total umgekrempelt, war zum Vegetarier und Marathonläufer geworden.
Ingo, der sich nach seinem Geburtsort Insterburg nannte, zählte als künstlerisches Multitalent zum komödiantischen Erbe der Sechziger Jahre. Nach einem Studium der Kunstpädagogik spielte er als »Guitar-Ingo« gemeinsam mit dem Schauspieler Klaus Kinsky Bert-Brecht-Balladen, die auf Schallplatte erschienen. Später traf man ihn in verrauchten Westberliner Studentenkneipen, wo er Gitarre spielte, sang und auf verschiedenen selbst gebastelten Instrumenten wie der Stuhlbein-Klarinette, der mit den Füßen gespielten Tannenbaum-Geige, dem Eimer-Cello oder der Melkeimer-Gitarre spielte. Insterburg war erfindungsreich, schlagfertig und zugleich ein virtuoser Musiker.
1967 schlug die Geburtsstunde von »Insterburg & Co«. Das Quartett der »Blödelbarden« umfasste neben dem Namensgeber die Herren Karl Dall, Jürgen Barz und Peter Ehlebracht. Nach Auftritten in Radio Bremens »Musikladen« wurde die Truppe schnell bekannt. Bald waren die vier fest im Fernsehprogramm integriert und auch Stammgäste in der von Hans Rosenthal moderierten ZDF-Ratesendung »Dalli Dalli«. Die Insterburgs tingelten durch die Republik, im Berliner Reichskabarett in der Ludwigkirchstraße konnte ich das Quartett anno 1972 zum Eintrittspreis von DM 7,00 erleben. Schon damals war Karl Dall der Star der Blödel-Barden, Ingo agierte mehr im Hintergrund.
»Ich bin eine Persönlichkeit und steh im öffentlichen Leben / Immer voll Witz und Heiterkeit, so will es nun die Masse eben«, dichtete Ingo Insterburg über sich selbst. Er machte damit das Geheimrezept seines Erfolges deutlich: Mit Pfiff und Humor immer dicht am Massengeschmack entlang. Die Insterburgs machten Musik, erzählten dumme Witze und klöppelten Verse. Sogar zu einem Hit brachten sie es mit Ingos Reim-Lied »Ich liebte ein Mädchen …«, das vom Publikum begeistert aufgegriffen und mit immer neuen Versen fortgesetzt wurde.
Kein Erfolg hält ewig. Und als die Nachfrage nachließ und die Säle nicht mehr ausverkauft wurden, löste Ingo Insterburg nach mehr als einem Vierteljahrhundert das Quartett auf und zog ab 1994 als Solist weiter. Er schrieb Bücher, darunter eine ulkige, mit Zeichnungen, Denkschriften, Fotos, Knittelversen und Märchen gespickte Autobiographie »Die ersten 23456 Tage meines Lebens. Keine Dichtung und nur Wahrheit«, die es leider nur noch antiquarisch gibt.
2012 ging er mit Lothar »Black« Lechleiter vom einstigen Duo »Schobert und Black« zusammen und tourte als »Insterburg & Black«. 2014 bekam Insterburg für sein bisheriges Lebenswerk als Kleinkünstler den »smago! Award«, einen dem Schlager gewidmeten deutschen Musikpreis. Im Frühjahr 2018 stand der 84-jährige noch auf der Bühne. Dann kam der Krebs, Ingo siedelte in ein Charlottenburger Hospiz um, wo er am 27. Oktober 2018 verstarb.
»Seh‘ ich einen Leichenwagen, eine Leich‘ zum Kirchhof fahren, sage ich, das muss es geben, alle Leute wollen leben«, schrieb sich der geniale Musiker und Texter selbst ins Stammbuch. Eigentlich wollte er aufgrund der Kosten einer Feuerbestattung in einen Vulkan auf Lanzarote springen: »Das kostet gar nix«. Doch dafür hat am Ende die Kraft nicht mehr gereicht. Wer sein Grab auf dem Dahlemer Waldfriedhof besucht, hört ihn dort vielleicht noch singen …

Hannes Wader sagt Adieu • Foto: Karl-Anton Koenings
Wader sagt Adieu. Hannes Wader, der wohl nachhaltigste deutsche Liedermacher, hat sich nach 50 erfolgreichen Bühnenjahren entschlossen, der Bühne Adieu zu sagen. Im Herbst 2017 trat der 75-jährige zu seiner letzten großen Tournee an, die am 30. November im Berliner Tempodrom endete.
Wer sich von dem berühmtesten deutschen Protestsänger, der Legende der Ostermarsch-Bewegung, dem Aktivisten der Friedens-, Anti-Kernkraft- und Attack-Bewegung, dem Singer/Songwriter, der den Wunsch vor allem junger Menschen, die Welt zu verändern, dichtend, singend und spielend begleitete, verabschieden wollte, tat gut daran, sich eine Eintrittskarte zu sichern und war im Berliner Tempodrom dabei.

Abschied vom Publikum: Liedermacher Hannes Wader • Foto: Ruprecht Frieling
Nach seinem offiziellen Abgang von der Bühne zieht sich Wader, wie er mir nach dem Konzert bei einer Feier im engsten Freundeskreis in der Bristol-Bar des Berliner Hotel Kempinski verriet, keinesfalls in den Ruhestand zurück: Bereits 300 Seiten seiner Autobiographie hat der Meister des geschliffenen Wortes zu Papier gebracht.
Mit etwas Glück wird sein lang ersehntes Werk bald das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Inzwischen ist Waders Autobiographie erschienen. »Trotz alledem« ist ein faszinierendes Werk der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Es ist ein anschauliches Beispiel für das Vermögen eines starken Charakters, seinen Jugendträumen zu folgen und ein Leben lang daran zu arbeiten, diese zu verwirklichen. H I E R geht es zu meiner Besprechung.
Mach´s gut, Hannes. DANKE für fünfzig wunderbare Jahre!
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• Zum 70. Geburtstag von Hannes Wader
• Wader und Wecker in memoriam Franz Josef Degenhardt
• Hannes Wader hat große Pläne
• Hannes Wader, Klaus Hoffmann, Reinhard Mey, Herman van Veen & Romy Haag
Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag verstarb am 14. November 2011 der Liedermacher, Schriftsteller, promovierte Jurist und Rechtsanwalt Franz Josef Degenhardt in Quickborn bei Hamburg.
Degenhardt war einer der großen deutschen Singer-Songwriter, die sich gegen Unrecht, atomare Bewaffnung und kalten Krieg einsetzen.
Zu Ehren seines verstorbenen Freundes Franz Josef Degenhardt trägt Hannes Wader ein Lied vor, das »Väterchen Franz« gewidmet ist.
Hannes Wader singt »Väterchen Franz« in memoriam Degenhardt
Franz Josef Degenhardt singt »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«
Franz Josef Degenhardt singt »Väterchen Franz«
