
Die neue Freundin
Zum Muttertag sitzen drei Personen andächtig rund um eine Buttercremetorte. Siebert, 67, stellt seiner Frau Mama, 94, mit der er sich eine Drei-Raum-Wohnung teilt, seine neue Freundin Ute, 59, vor.
Der Herr Sohn gießt der alten Dame drei Tropfen Milch in den Blümchenkaffee. »Fräulein Ute ist Arzthelferin, Mutti«, sagt er dann stolz.
Das Mütterchen lächelt versonnen. Sie nimmt einen winzigen Schluck Kaffee und schaukelt ihr schneeweißes Haupt in Richtung der Besucherin. »Das ist aber ein schöner Beruf, Fräulein Ute! Mein verstorbener Mann war Arzt, müssen Sie wissen.«
Siebert reicht den beiden Damen von der Torte, die er zur Feier des Tages gekauft hat. Alle kauen leise. Nach einer Weile versunkenen Schweigens fragt Mutti den Sohn: »Sag mal, Jungchen, wie habt Ihr Euch denn eigentlich kennen gelernt?«
Siebert und Ute schauen sich verlegen an. Er errötet. Sie stochert in der Creme. Dann sprudelt es aus ihm heraus:
»Seit exakt acht Jahren gehe ich einmal wöchentlich in die Arztpraxis, in der sie tätig ist und lasse mir von ihr Blut abnehmen. Das machte sie von Anfang an mit so viel Feingefühl, dass ich sofort hingerissen war. Inzwischen sind wir uns privat ein wenig näher gekommen, und ich habe ihr meine Zuneigung gestanden, Mama. Wir wollen für immer zusammen bleiben!«
Über dem Sofa tickt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Punkt fünf Uhr schlägt eine Luke des mit einem Hirschgeweih verzierten Chronometers auf, und ein hölzerner Vogel schreit die Zeit.
Siebert räumt das Geschirr zusammen und trägt es in die Küche.
Im Allgemeinen begrüße ich neue Blogfreunde nicht individuell. Freunde stellen sich in ihren Beiträgen und Kommentaren besser selbst vor.
Doch heute erlebt die Regel eine Ausnahme, denn ich habe soeben einen ganz besonderen Freund gewonnen, den ich hiermit stolz präsentiere. Er wurde auf den schönen Namen Wolfgang getauft und schuftet derzeit als Innenminister dieses, unseres blühenden Landes. Heißt bitte mit mir einen besonders angenehmen Blog-Buddy willkommen: Wolfgang Schäuble(Avatar links).
Im Auftrag des verstorbenen Ex-Ministerpräsidenten und NS-Marinestabsrichters Filbinger war ich am vergangenen Wochenende in Görlitz unterwegs. Görlitz ist Deutschlands östlichste Stadt. Mein Auftrag lautete, zu prüfen, ob die deutsche Ostgrenze bereits wieder in Richtung alte Heimat verschoben werden kann. Dazu besuchte ich die Görlitzer Landskronbrauerei, um den bierbegeisterten Sachsen den Puls zu fühlen. Außerdem spazierte ich ein wenig am Grenzgewässer Neiße entlang.
Während ich auf die polnische Seite herüber lugte und daran dachte, einen Ausflug ins Nachbarland zu wagen, fuhr mich ein entfesselter Rollstuhlfahrer über den Haufen. Das war Wolfgang Schäuble, der ein neuartiges Richtmikrophon testete, mit dem auf hundert Kilometer genau das Schnaufen einer Milchkuh aufgezeichnet werden kann. »Was ist Ambach, Wolle?«, fragte ich ihn in der Art, in der man mit diesem volksnahen Burschen umgeht. Er gab mir eine Cola aus. Zusätzlich orderte er Currywurst und Pommes rot/weiß. Das war ein gutes Zeichen für ein lockeres Gespräch.
»Terroristen, überall lauern Terroristen«, flüsterte mir der Minister zu. Erschrocken ließ ich die dampfende Wurst fallen und blickte mich um. »Hier etwa auch?« »SIE SIND ÜBERALL!«, stöhnte Schäuble und zog ein Buch hervor. »Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland« hieß seine Lektüre. Ich bin doch hier für die Sicherheit zuständig«, meinte er und warf die Broschüre in den Ketchup.
»Das Grundgesetz kenne ich, Wolferl«, beruhigte ich ihn. »Das ist doch das Regelwerk, in dem unsere individuellen Rechte und Freiheiten festgeschrieben sind. Das Gesetz soll den Bestand des freiheitlichen Staates bewahren. Wir sind schließlich kein Sicherheitsstaat wie Nordkorea oder andere Diktaturen.« Wolle war da entschieden anderer Meinung. Er erzählte mir vertraulich von einem neuen Internetgesetz. Danach wird das Netz der Netz künftig lückenlos überwacht, jede Bewegung wird aufgezeichnet, jeder private Eintrag abgescannt. Alles diene der Sicherheit, die Freiheit müsse zurücktreten.
»Prima Plan, Wolle«, klopfte ich ihm anerkennend auf die Schulter, »die Leute werden total begeistert sein. Du nimmst Dein Amt voll ernst«. Er strahlte und ließ einen bewaffneten Adjutanten zahlen. »Dann kannst Du doch eigentlich gleich mein Blog-Freund werden«, schlug ich ihm vor. »Wenn Du sowieso bald jede Zeile liest, dann fangen wir positiv damit an und ich gewinne Dich als Blogfreund!«
Der Datenwolf reagierte begeistert und schlug spontan ein. So kommt es, dass Wolfgang Schäuble mein neuer Blogbuddy wird. Das entschuldigt auch die derzeit enormen Ladezeiten in Blogsdorf, denn ein derartig prominenter Freund verursacht natürlich einen Massenaufmarsch, der schnell zu einem »Daten-Knut« (neudeutsch für: Datenstau wegen Prominenz) führen kann.
In den nächsten Tagen bekomme ich übrigens die Winkelemente mit der Parole »Ja zum Überwachungsstaat!«. Die Fähnchen können in jeder gewünschten Menge direkt beim BLOGSDORFER ANZEIGER oder beim Bundesinnenministerium angefordert werden. Wolle hat außerdem versprochen, jeden einzelnen Blog persönlich zu besuchen und individuell zu prüfen. Einen so aktiven Freund wünscht sich doch jeder von uns. Darauf gebe ich eine Runde Blogschokolade aus.
Heute wird der »Welttag des Buches« gefeiert. 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung hat sich dabei von dem katalanischen Brauch inspirieren lassen, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Über diesen Brauch hinaus hat der 23. April auch aus einem weiteren Grund besondere Bedeutung: Er ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.
Stellt Euch vor, Ihr werdet auf die berühmte einsame Insel verbannt. Dort gibt es selbstverständlich KEINEN Internet-Anschluss. Ihr habt aber das Recht, drei Bücher mitzunehmen, mit denen Ihr Euch die nächsten Jahre beschäftigen könnt. Ein Buch ist übrigens, für diejenigen, die nur noch vor dem Rechner sitzen, eine mit einer Bindung und meistens auch mit Umschlag versehene Sammlung von bedruckten, beschriebenen, bemalten oder auch leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien.
Meine drei Lieblinge für die Reise in die Einsamkeit wären: Michel de Montaigne »Essais«, Charles Dickens »Die Pickwickier« und die klassische chinesische Abenteurgeschichte »Die Räuber vom Liang Schan Moor«.
Welche drei Bücher würdet Ihr mit in die Emigration nehmen?
Ein herzliches Dankeschön an P:)C für die Bilder!
Fallen Schriftsteller vom Himmel? Wohl kaum! Auch Klein-Goethe musste sich zunächst von seinen Windeln befreien und buchstabieren lernen. Aber es gibt Faktoren, die eine Entwicklung fördern. Den Zugang zum Schreiben wie zu Kultur und Kunst allgemein gewinnt ein Mensch über den aktiven Umgang mit seiner Muttersprache. Dies geschieht vorrangig in der Kindheit. In Familie und Elternhaus wird die Phantasie entwickelt und gefördert. Die natürlichen schöpferischen Kräfte des Kindes werden über die Sprache angeregt.
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In dem Reich der Heidehasen gibt´s schon viele Jahre lang / den Musikverein zur Pflege von Konzert und von Gesang / dort singt jeder mit Begeisterung im gemischten Hasenchor / und den Taktstock führt seit langem Herr Direktor Wackelohr.
Mit diesem Lied beginnt eine der größten Freuden, die sich große und kleine Musikfreunde zum Osterfest bescheren können. »Der Sängerkrieg der Heidehasen« ist ein von James Krüss geschriebenes einzigartig frisches und humoriges Stück Musiktheater.
Jedes Jahr im warmen Sommer wird das Singen sehr publik / denn dann gibt´s im Hasenreiche den berühmten Sängerkrieg. / Wer wird siegen, wer wird diesmal wohl der beste Sänger sein? / Passt fein auf und spitzt die Ohren: gleich fällt die Trompete ein.
In diesem Jahr gibt Lamprecht VI., König der Hasen und Karnickel, bekannt, dass seine Tochter den besten Sänger im Hasenheidenreich zur Frau bekommen soll. Direktor Wackelohr möchte unbedingt gewinnen und schließt mit dem Minister für Hasengesang einen Vertrag, wonach dieser für hunderttausend Hasentaler die Entscheidung der königlichen Familie zu seinen Gunsten beeinflussen will. Doch da tritt ein junges Talent auf: der Hase Lodengrün.
Mit Intrigen versuchen Direktor und Minister, Lodengrüns Teilnahme am Sängerkrieg zu verhindern und verstellen die Sonnenuhr an seinem Bau. In letzter Sekunde erwacht Lodengrün und hoppelt durch den Wald, um das Sängerfest noch zu erreichen. »Als ich heute früh erwachte, fand ich meine Uhr verstellt«, singt er dabei aus vollem Hasenherzen und versucht mit letzter Kraft, den Festplatz zu erreichen
Der aus Helgoland stammende James Krüss schrieb Hörspiele für Kinder und gemeinsam mit dem Dichter Peter Hacks Kindergedichte. 1956 erschien sein erstes Kinderbuch »Der Leuchtturm auf den Hummerklippen«. Sein Buch »Timm Thaler« wurde als Fernsehserie verfilmt. Bekannt ist auch seine Serie »James Tierleben« mit Suzanne Doucet und Hans Clarin. Der »Sängerkrieg« entstand 1952.
Die Musicalfassung entstammt der Feder des Komponisten Christian Bruhn. Bruhn war einer der bekanntesten deutschen Schlagerkomponisten der Nachkriegsgeschichte. Cinderella-Baby (für Drafi Deutscher), Küsse unterm Regenbogen (für Manuela), Liebeskummer lohnt sich nicht (für Siw Malmkvist), Siebentausend Rinder (für Peter Hinnen), Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben (für Dorthe), Wunder gibt es immer wieder (für Katja Ebstein) und Zwei kleine Italiener (für Conny Froboess) zählen zu seinen zahlreichen Hits.
Berühmt wurde »Der Sängerkrieg der Heidehasen« als Hörspiel, das der Bayerische Rundfunk 1952 mit Franz Muxeneder und Charles Regnier in den Hauptrollen und Musik von Rolf Wilhelm produzierte. Das Hörspiel ist als Buch und auf CD erhältlich und sollte in keinem Haushalt mit Kindern fehlen. Sänger ist Klaus Havenstein, der im bundesdeutschen Nachmittagsfernsehen eine bedeutende Rolle spielte.
Auf der Bühne wird der »Sängerkrieg« leider viel zu selten aufgeführt. Hier berichte ich über eine Aufführung in der Berliner Philharmonie.
Ein Blogger wird zufällig von einer Verwandten »entdeckt«. Er hat immer darauf geachtet, nur einen Decknamen beim Bloggen zu verwenden, und auch sein Bild, der Avatar, lässt keine Identifikation zu. Nun erschrickt er und schaltet sofort alle Einträge auf »unsichtbar«, damit sie nicht in der Verwandtschaft durchgereicht werden. Denn es steht Persönliches in seinen Einträgen, das nicht für sie bestimmt sein soll. Seine Frage ist, wie und ob er überhaupt weiter bloggen soll. HIER geht es weiter →
Berlin. Ursula Gertrud von der Leyen, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat ihre Pläne, kinderreiche Familien direkt und unmittelbar zu fördern, im Kabinett Merkel erfolgreich durchgesetzt. Ab 1. Juli 2007 müssen danach volljährige Bundesbürger, die keine Kinder haben, eine Sonderabgabe von 490 Euro pro Nase und Jahr zu Gunsten kinderreicher Familien leisten. Die neue Abgabe wird bei abhängig Beschäftigten in monatlichen Raten direkt mit der Lohnsteuer eingezogen. Der vollständige Gesetzestext liegt dem BLOGSDORFER ANZEIGER vor.
Ministerin von der Leyen, selbst Mutter von sieben Kindern, äußerte sich hoch erfreut über das neue Gesetzeswerk: »Sieben Kinder zu haben, ist optimal und dient dem Fortbestand unseres Vaterlandes. Deshalb streben wir Familien mit möglichst sieben Nachkommen an und fördern diese mit voller Kraft«, erklärte sie in einem Pressegespräch gegenüber dem BLOGSDORFER ANZEIGER. Auf Befragen dieser Zeitung, ob es sich vielleicht um ein Strafgeld für diejenigen handele, die sich bewusst gegen Kinder entschieden hätten oder aus medizinischen Gründen außerstande seien, Kinder in die Welt zu setzen, reagierte von der Leyen verständnislos: »Immer nur Schnackseln statt an den Fortbestand der Nation zu denken, ist auf die Dauer untragbar«, meinte sie.
Die neue Kinderlosen-Abgabe-Verordnung (KiLoAV) sieht vor, dass jeder volljährige deutsche Staatsbürger, der keinen Nachwuchs nachweist, pro Jahr 490 Euro an die Staatskaste zahlt. Mit jedem Kind verringert sich die Abgabe allerdings um 70 Euro. Wer also sieben Kinder oder mehr hat, wird von der Zahlung befreit. Allein die rund 14,6 Millionen Privathaushalte werden nach Berechnungen des Ministeriums jährlich 7,154 Milliarden in die Staatskassen spülen.

Das neue Gesetz verspricht die Verwandlung der Bundesrepublik in ein familienfreundliches Eldorado. Alle Familien mit mindestens sieben Kindern werden ab 1. Juli 2007 von jeder Steuerzahlung befreit. Aus den Erlösen der Verordnung erhalten sie darüber hinaus monatliche Bonuszahlungen von dreihundert Euro pro Kind. Von dieser radikalen Stützungsaktion verspricht sich die Bundesregierung einen Aufschwung der Bundesrepublik Deutschland zu einem familienpolitischen Musterland mit weltweiter Vorbildwirkung.
Mit der intern als »Leyen7« bezeichneten KiLoAV soll dem Niedergang der Bundesrepublik Einhalt geboten werden. Denn nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes sank die Einwohnerzahl Deutschlands 2006 erneut. Anfang 2007 dürfte sie bei nur noch 82,31 Millionen Menschen gelegen haben. Ein Jahr zuvor lebten 82,44 Millionen Menschen in Deutschland. 2006 ergab sich ein Überschuss der Sterbefälle über die Geburten von etwa 150.000.
Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, sie trage das neue Gesetz voll und ganz. »Professor Sauer und ich überlegen schon ein Weile, ob wir späte Eltern werden wollen«, erklärte die Regierungschefin mit einem rosigen Lächeln. »Unabhängig von den Launen der Natur zahlen wir selbstverständlich gern, um Deutschland wieder auf einen Spitzenplatz zu bringen.«
Als einer der ersten übermittelte Papst Benedikt XVI. der Bundesregierung seine Glückwünsche zu ihrer »weisen Entscheidung«. Der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden würdigte das Gesetz »als einen wichtigen Beitrag, die Familie wieder zu stabilisieren und den Willen des Herrn zu erfüllen.«
Wenn dass Leben bröckelt, und die Vergesslichkeit alles in weiße Watte hüllt, dann reduziert sich das Dasein auf Reste, auf Trümmer, auf Fragmente. Die »Neuköllner Oper« thematisiert mutig die Problematik Alzheimer und bringt sie in einer Kammeroper auf die Bühne. Betroffene und ihre Angehörigen irren durch ein »Niemandsland«, und so lautet denn auch der Titel der neuesten Produktion.
Die Zuschauer sitzen in einem aufgeschnittenen Gehäuse, das mit Möbeln der 60er Jahre ausstaffiert ist. Spüle, Kochnische, Schränke, Klappcouch, Doppelbett, Fernseher drängen sich auf engstem Raum und erwecken einen verwahrlosten Eindruck. Es ist die Wohnhöhle des an Alzheimer erkrankten Vaters (Eckhart Strehle), der ziellos durch das Ensemble irrt und gelegentlich wie ein Kleinkind aufbegehrt. Er sucht seine vor fünfzehn Jahren in den Freitod gegangene Frau und glaubt gelegentlich immer noch, er betreibe einen kleinen Gasthof.
Am Küchentisch versucht Sohn Georg (Alexander Mildner) verzweifelt, Rechnungen und andere Briefe zu sortieren, um das soziale Leben des Schwerkranken zu ordnen. Er kümmert sich um den Vater, er kleidet ihn, füttert ihn und versucht, ihn zu beruhigen. Zu den beiden stößt der verstoßene Sohn Sebastian (Michael Johannes Berner), ein Pianist. Im elektrisierten Aufeinanderprallen des Trios entsteht das Bild einer Familie, in der nahezu alles schief gelaufen ist.
»Niemandsland« ist wie ein Theaterstück inszeniert. Dramaturgisch geschickt wird mit Stimmen aus dem Off gearbeitet, die jeweils die inneren Gedanken der Akteure preisgeben. Im Kopf des Vaters fetzen Bruchstücke der Erinnerung, die er aber nicht mehr ausdrücken kann. Auch bei den Söhnen sind Gedanken und Äußerungen selten synchron. Die Drei versuchen zwar, sich umständlich einander anzunähern, doch es gelingt ihnen nicht. Aus dem Niemandsland gibt es kein Entrinnen.
Musikalisch ist das Thema der Kammeroper raffiniert gelöst. Mit expressivem Schlagwerk, Vibraphon und Marimbaphon unterstreicht Perkussionist Olaf Taube die starke Emotionalität des Themas und drückt die Dissonanz der Charaktere schlagfertig aus. Mit Hilfe von diversen Schlag- und Effektinstrumenten erzeugt er einen Klangteppich, der dem anspruchsvollen Thema voll entspricht.
Mit Winfried Radekes »Niemandsland« knüpft die »Neuköllner Oper«, die in Erinnerung an ihre gleichnamige Spitzenproduktion vor acht Jahren gern als »Wunder von Neukölln« bezeichnet wird, wieder an ihre starken Traditionen an. Fazit: Unbequemes Thema, großartige Umsetzung.
Der Musiker, Komponist und Kapellmeister Sergej Rachmaninow (1873 1943) war gerade achtzehn Jahre, als er im Rahmen seines Studienabschlusses seine erste Oper komponierte. Er stützte sich auf einen Text des russischen Dichters Puschkin und schrieb den Einakter »Aleko«. Dabei handelt es sich um eine Geschichte aus dem Zigeunermilieu voller Liebe, Leidenschaft und Tod im Stil der kurz zuvor uraufgeführten sizilianischen Bauernoper »Cavalleria rusticana«. Die Prüfungskommission begeisterte das Ergebnis derart, dass sie ihm hierfür Bestnoten und Anerkennungen verlieh. Uraufgeführt am 27. April 1893 im Moskauer Bolschoi-Theater legte die Oper den Grundstein für Rachmaninows spätere Karriere. Am gestrigen Abend erlebte die Kurzoper in einer Fassung von Bernhard Glocksin und Andreas Nathusius ihre Premiere in Berlins »Neuköllner Oper«.
Aleko will ein Aussteiger sein. Er träumt von Freiheit und Abenteuer und bricht ebenso heftig rauchend wie weiland der Marlboro-Mann auf, um der »bürgerlichen Scheiße« zu entfliehen. Sein Heil sucht der junge Mann in einem Zigeunerlager, wo er seinen Traum vom ungebundenen Nomadenleben verwirklichen möchte. Er lebt dort mit seiner Braut Zemfira, die er in einem rauschenden Fest ehelichen möchte. Aleko engagiert eine Zigeunerkapelle und lässt Schnaps und Bier auffahren.
Gäste kommen und bringen Geschenke: Toaster, Pizzaöfen, Kaffeemaschinen und Thermoskannen werden als Wohlstandsymbole überreicht. Dann braust die Feier los. Doch die Braut scheint einen anderen Freiheitsbegriff zu haben als der Bräutigam und lässt sich mit einem weiteren Mann ein. In Alekos Augen bricht sie damit ihren Treueschwur. Im Blutrausch erschießt er ihren Liebhaber und dann das Mädchen: »Der Morgen wird grausame Taten verkünden « Die Gemeinschaft der Zigeuner verstößt ihn aus ihrer Mitte, verzichtet aber auf Rache.
Es geht um das sensible Thema »Zigeuner«, das in knallbunten Klischees inszeniert wird. Die experimentierfreudige »Neuköllner Oper« versteckt sich hinter der Figur des Aleko, der angeblich das Theater gemietet habe, um seine Oper aufzuführen. Denn das Thema bietet Zündstoff. Darf man in Deutschland überhaupt eine Oper über Zigeuner zeigen? Ist es gestattet, den Begriff in den Mund zu nehmen, oder muss man dazu selbst Sinti oder Roma sein? Es hat sich ja im Zuge der »political correctness« in deutschen Landen eingebürgert, dass nur Angehörige der jeweiligen Betroffenen Beiträge zum Thema leisten dürfen, und es entsteht schnell ein falscher Verdacht.
Die Inszenierung der »Neuköllner Oper« ist ein schüchterner Versuch, sich dem Thema zu nähern. Ein echter Diskussionsbeitrag ist sie leider nicht. Es ist natürlich einzigartig, den kaum gespielten Rachmaninow-Einakter hören zu können. Vor allem die Kapelle unter Winfried Radeke ist ein Ohrenschmaus. Doch auf der Bühne zündet es nicht, und so springt auch kein Funke ins Publikum über. Zu angestrengt wirken die Sänger, es fehlt ihnen spürbar die Leichtigkeit, ihre Rollen zu füllen. So bleibt im Ergebnis des Premierenabends die Frage im Raum, welchen Zugang der Betrachter zum Stück finden kann.
Der in Kanada lebende Schriftsteller Yann Martel erzählt in seinem wundervollen Roman »Schiffbruch mit Tiger« die Geschichte des indischen Schülers Piscine Molitor Patel, der seinen französischen Vornamen einem prächtigen Schwimmbad verdankt. Es dauert jedoch nicht lange, und der Geistesblitz des Bösen durchfährt einen seiner Mitschüler, der eines grauen Tages ruft: »He da kommt Pisser Patel«. Auf dem Haupte des Jungen lastet fortan eine Dornenkrone. Immer wieder wird er mit der Frage konfrontiert: »Ich muss mal. Wo ist denn hier für Pisser?« Selbst die Lehrer, die ihm nichts Böses wollen, sprechen seinen Namen aus schierer Trägheit falsch aus.
Als Piscine auf die Oberschule wechselt, entschließt er sich zu einer Radikalkur. Der Unterricht beginnt, wie stets am ersten Schultag, mit dem Aufsagen der Namen. Als Piscine an der Reihe ist, springt er auf und läuft an die Tafel. Bevor der Lehrer etwas einwenden kann, greift er ein Stück Kreide und schreibt mit, was er sagt: »Ich heiße Piscine Molitor Patel, besser bekannt als «, und er unterstreicht doppelt die ersten beiden Buchstaben seines Vornamen, » Pi Patel«. Um es noch deutlicher zu machen, fügt er hinzu: »Pi = 3,14« und zeichnet einen großen Kreis, den er dann mit einem Strich durch die Mitte in zwei Hälften teilt, damit auch der Letzte begreift, auf welchen Grundsatz der Geometrie der Junge anspielt. So wird der »Pisser« zu Pi, und ein neues Leben beginnt für den jungen Mann.
Pi Patel wächst in einem Paradiesgarten auf: Sein Vater ist Direktor eines gepflegten Zoologischen Gartens, der in der südindischen Stadt Pondicherry betrieben wird. Er erfährt viel über die verschiedenen Tiere und das aus Sicht der Zooleute gefährlichste aller Lebewesen: den Menschen. Im Zoobetrieb geht es darum, die Tiere an den Menschen zu gewöhnen und ihre natürliche Fluchtdistanz zu verringern, das ist der Abstand, den ein Tier zu seinem natürlichen Feind hält. Pi lernt, dass gesunde Zootiere nicht aus Hunger oder Mordlust angreifen, sondern weil der erforderliche Abstand zu ihnen unterschritten wird. Und er begreift die Rolle des Alphatieres: wenn zwei Geschöpfe sich begegnen, wird derjenige, dem es gelingt, den anderen einzuschüchtern, als der Ranghöhere anerkannt, und zu einer solchen Rangentscheidung ist kein Kampf erforderlich, in manchen Fällen genügt eine Begegnung.
Diesem Wissen soll der junge Mann sein Leben verdanken. Denn die Familie entscheidet sich, mit Sack und Pack, einschließlich der meisten Tiere, von Indien nach Kanada auszuwandern. Die weite Reise erfolgt auf einem Überseedampfer, das indes bei Nacht und Nebel kentert und spurlos versinkt. Pi Patel überlebt das Inferno und flüchtet sich in ein Rettungsboot. Wie groß ist jedoch sein Schreck, als aus den Fluten weitere Überlebende auftauchen, die das Rettungsboot als ihre Insel ansehen: eine grässliche Tüpfelhyäne, ein Orang-Utan, ein Zebra und ein bengalischer Königstiger, der auf den Namen »Richard Parker« hört und eine Attraktion im Zoo war.
Die Überlebenden massakrieren sich bald gegenseitig, nur Pi Patel und Richard Parker bleiben zurück. Der Junge versucht anfangs, sich auf ein selbst gebasteltes Floß vor der Bestie zu flüchten. Doch dann beginnt er vorsichtig, seinen eigenen Bereich abzustecken, den das Tier schließlich akzeptiert. Er zähmt den Tiger, der ihm gehorcht, zumal er von ihm mit frisch geangelten Fischen gefüttert wird. Hilflos treiben sie im Ozean. Es beginnt eine monatelange Odyssee, die Martel mit derartig großer sprachlicher Anmut und sensiblem Einfühlungsvermögen erzählt, dass der Leser jede Phase des Zusammenlebens zwischen Mensch und Tier mitempfinden kann.
»Schiffbruch mit Tiger« ist eine sowohl witzige wie auch abenteuerliche Erzählung mit philosophischem Tiefgang. Obwohl die Handlung zwischen permanenter Todesangst und listigen Überlebensstrategien pulst, enthält sie herrliche Szenen voller Komik und Humor. Der Text bietet dem Leser leichten Zugang auf verschiedensten Ebenen und berührt auch Fragen des religiösen Verständnisses. Die Story endet skurril, die Schiffbrüchigen entdecken ein seltsame Insel aus Algen und werden schließlich an Land und in ein neues Leben gespült.
Yann Martel
Schiffbruch mit Tiger. Roman
Fischer Taschenbuch
ISBN 3-596-50956-4
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