
Autoren, Lektoren, Übersetzer, Literaturagenten, Verbandsvertreter und Dienstleister trafen sich in Nürnberg zum Gedankenaustausch über das Thema Self-Publishing • Fotos: © R. Frieling
Self-Publishing fasziniert unverändert Autoren, die ein Publikum vor Augen haben und nach Formen und Wegen suchen, dieses direkt anzusprechen. Dabei entwickelt sich Self-Publishing zum starken Markenzeichen einer Vertriebsform. Diese erreicht zunehmend auch etablierte Autoren, die neue Veröffentlichungswege nutzen wollen. Dies ist ein Fazit des 6. Self-Publishing-Days, der am Wochenende in Nürnberg stattfand. HIER geht es weiter →

„Morden für Anfänger“ heißt einer der Ratgeber des Diplom-Kriminalisten Dr. Manfred Lukaschewski. Fotos: © R. Frieling
Die besten Jäger folgen immer den größten Herausforderungen. »Manne« hieß einer der gefürchtetsten Mordermittler der ehemaligen DDR. Der Schrecken aller Totschläger und Mörder war ein Spitzenjäger, der auch im Ruhestand das Morden nicht sein lassen kann: Heute schreibt der Leichenflüsterer Ratgeber für Krimiautoren.
Anno 1985 treiben Kriminelle auf dem Friedhof der Fontanestadt Neuruppin ihr Unwesen. Handtaschenräuber überfallen alte Damen. Es kommt zu Sexualvergehen. Dann erfolgt ein Tötungsdelikt. Die örtliche Polizei ist ratlos. Um den Tätern auf die Spur zu kommen, schickt das DDR-Innenministerium die besten Kriminalisten des Landes. Und es dauert keine zehn Tage, da ist das Team um Major Dr. Manfred Lukaschewski erfolgreich und kann die Täter ermitteln. Der böse Spuk hat ein Ende. Zur Belobigung soll der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ dekoriert werden. Doch der lehnt ab, weil jedes Teammitglied die mit eintausend DDR-Mark dotierte Auszeichnung verdient habe. Zähneknirschend gibt Innenminister Friedrich Dickel nach und rückt sieben Orden heraus.
Neben dem Fernsehturm ist die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz seit 1969 eines der bekanntesten Wahrzeichen der Hauptstadt. Hier bin ich mit Manfred Lukaschewski verabredet. Der ehemalige Mordermittler und jetzige Ratgeber-Autor kennt den Kiez wie seine Westentasche. Wenige hundert Meter vom Alex entfernt residierte das Präsidium der Volkspolizei. Im zweiten Stock hatte er als Chef einer der drei (Ost-)Berliner Mordkommissionen ein Büro.

Noch lacht er: An der Weltzeituhr am Alexanderplatz verhaftet Verhörspezialist Ruprecht Frieling Kriminalrat Manfred Lukaschewski
Wir gehen ins 125 m hohe einstige „Interhotel Stadt Berlin“, das heute „Park Inn“ heißt. Manfred bestellt eine Cola, ich trinke eine Portion Assam. Meinen Gesprächspartner kenne ich von Buchmessen und aus seinen sachkundigen Buchveröffentlichungen. Am Abend hat er gemeinsam mit Patricia Holland Moritz eine Lesung in der Lichtenberger Krimibuchhandlung „Totsicher“. Uns bleiben knapp vier Stunden für das Interview, und das ist wenig Zeit, um einen gewieften Ermittler zu „verhören“.
Im Sternzeichen der Waage 1951 geboren, bringt Manfred Lukaschewski gute Voraussetzungen für seinen späteren Beruf mit. Denn eine typische Eigenschaft des Waage-Menschen ist seine Begabung, sich in andere hineinzuversetzen und die inneren Gedanken und Absichten seines Gegenübers zu lesen. Das ist wohl nicht die schlechteste Eigenschaft, die einen fähigen Ermittler auszeichnet.
Auf dem Weg zum Abitur absolviert Lukaschewski, wie in der DDR üblich, eine Lehre und darf sich seitdem Molkereifacharbeiter nennen. In Rostock studiert er erfolgreich Physik. Schon während des Studiums kommt er mit der Polizeiarbeit in Berührung. Er unterwandert eine Jugendbande, die im Stadtwald der Hansestadt ihr Unwesen treibt und besorgt sukzessiv Beweise. Seine Aufklärungsarbeit führt zur Zerschlagung der Gang.
Es ist insofern kein Wunder, dass die Kripo dem abenteuerlustigen Physiker nach Abschluss des Diploms eine Stelle als Ballistiker in der siebenköpfigen Berliner Mordkommission Drei anbietet. Mit den Besten der Besten arbeiten zu dürfen empfindet er als Auszeichnung. Manfred leistet den obligatorischen Wehrdienst in der Nachrichten-Aufklärung, wird dort zum Einzelkämpfer ausgebildet und als Direktstudent an die Berliner Humboldt-Universität zum Kriminalistik-Studium delegiert.
An der Humboldt-Uni lernt der wissbegierige Student alles, was ein qualifizierter Ermittler wissen muss: Strafrecht, Strafprozessrecht, Bürgerliches Recht, Völkerrecht, Grundlagen und Methodologie der Kriminalistik und Kriminaltaktik (Vernehmung, Observation, Hausdurchsuchung). Kriminaltechnik mit Fotografie, Trassologie, Ballistik, Waffenkunde, Schriftenuntersuchung und Signalementslehre zählen dazu. Schließlich kommen die medizinischen Fächer Forensische Medizin, Psychologie und Psychiatrie hinzu.
Manfred ist fasziniert von den Aspekten und Möglichkeiten moderner Kriminalistik und lernt mit Fleiß und Ausdauer. Brennend interessiert ihn die Daktyloskopie (Fingerabdrucktechnik), die zu seinem Diplomthema wird und über die er heute noch mit leuchtenden Augen spricht. Weltberühmte Professoren gehörten zu seinen Ausbildern: Horst Howorka, Otto Prokop, Karl-Heinz Römer, Reiner Werner, Christian Koriska.
1983 schließt Manfred Lukaschewski als Diplom-Kriminalist ab. Im Jahr darauf promoviert er. Sein spezielles Interesse gilt der Untersuchung von Fingerabdrücken an Leichen. Er entwickelt wissenschaftliche Verfahren, mit denen Abdrücke an Toten mittels ultraharter Röntgenstrahlen oder in der Vakuumkammer sichtbar gemacht werden können.
Die Kriminalistik der DDR ist zu jener Zeit Weltspitze. Weder Scotland Yard noch FBI halten mit den Ostdeutschen Schritt. Ich schaue meinen Interviewpartner ungläubig an. Wie das?

Für seine erfolgreiche Arbeit wurde der Mordermittler mit dem „Banner der Arbeit“ und anderen Auszeichnungen dekoriert
Manfred nippt an seiner Cola und erklärt: „In der DDR wurde Kriminalistik als Wissenschaft statt als polizeilicher Zweig betrachtet. Das gab es in dieser Qualität in keinem anderen Land der Erde. Unsere Lehrstuhlinhaber waren entsprechend gefragte Referenten in West und Ost.«
Nach der Wende wird der hochqualifizierte Kriminalrat weiterbeschäftigt. Als er dann aber erfährt, dass ihm die künftige Rente aufgrund seines hohen Dienstgrades gekürzt werden soll, ein unerfahrener Westbeamter als Vorgesetzter eingesetzt wird, und er auch noch seine Dienstwaffe abgeben soll, quittiert er den Dienst. Schutzlos Schwerkriminellen entgegentreten zu sollen, ist ihm unvorstellbar. Denn in gefährlichen Situationen nutzt ihm auch sein schwarzer Meistergürtel im Judo wenig.
Manfred Lukaschewski erlebt kopfschüttelnd die Auflösung der kriminalistischen Fakultät durch den Berliner Senat „mangels Bedarfs“. Man spürt, er ist immer noch fassungslos. „Das Niveau der Polizeiarbeit ist seitdem erschreckend gesunken“, urteilt er und beschreibt damit zugleich seine Intention, erworbenes Wissen weiterzugeben, bevor es mit der älteren Generation verweht.
„Es geht gar nicht darum, dass die Fachleute wegsterben. In der Praxis lässt sich vieles auch im Learning by Doing begreifen. Das Hauptproblem ist, dass mit der Schließung der Sektion die Forschung weggefallen ist.“ Folgerichtig kämpft er um die Wiedereinführung der akademischen Ausbildung.
„Meine Bücher sollen dem Wissensverlust entgegenwirken“, lautet die Maxime des ehemaligen Kriminalrates. Ein dreibändiges „Kompendium der Kriminalistik“ hat der Mordermittler deshalb inzwischen verfasst. Sein lexikalisch aufgebautes Lebenswerk findet sich in der Bibliothek jeder besseren Polizeiakademie.
Reicht ihm das? – Manfred Lukaschewski schaut durch die bodentiefen Fenster des Restaurants auf den belebten Alexanderplatz. Dort herrscht buntes Treiben. Drei Polizisten mit Schutzwesten patrouillieren durch die Menge und versuchen, dem „kriminalitätsbelasteten Raum“, in dem pro Jahr rund 8.000 Straftaten registriert werden, Autorität zu verleihen. Wir sehen ein Bürohäuschen, das die neu eingerichtete Wache beherbergt. Das „subjektive Sicherheitsgefühl des Bürgers“ soll damit nach Auffassung des Innensenators verbessert werden.
Dann antwortet mir mein Gesprächspartner indirekt. Plötzlich hat sich ein vollkommen neuer Markt geöffnet, der den Kriminalisten begeistert: Verfasser von Kriminalromanen bestürmen ihn mit Fragen. Sie wollen Genaueres über die Abläufe polizeilicher Ermittlungen wissen und sind erpicht, sachkundig zu schreiben. Wie sieht eine Schusswunde aus? Wie sieht eine Stichwunde aus? Wie sehen die Wunden aus, wenn sich jemand erhängt hat? Lukaschewski weiß es und beschreibt die Merkmale en detail.
Der ehemalige Polizeirat begeistert sich für Autoren, die sich von der realitätsfernen Darstellung der Polizeiarbeit auf Papier und Leinwand, abwenden. „Schon der Eindruck, dass irgendein einzelgängerischer Kommissar mit Depressionen und Neigung zum Whisky Fälle löst, ist Unsinn“, meint er. „Teamarbeit ist das Wichtigste“, lautet sein aus langjähriger Erfahrung gewonnenes Credo. „Nur Teams mit klar geregelter Aufgabenteilung sind erfolgreich“. Anders sei es unmöglich, eine Aufklärungsquote von 95 Prozent bei Tötungsdelikten zu erzielen.
Schlimm findet er, wenn Pseudowissen vermittelt wird. TV-Kommissare, die ohne Handschuhe und Mütze durch einen Tatort trampeln, begingen in der Realität ein Dienstvergehen. „Das gibt ein Disziplinarverfahren.“ Ein Rechtsmediziner wie Professor Börne im Münsteraner „Tatort“ dürfe gar nicht selbst ermitteln.
Ihn ärgert es, wie realitätsfern die Polizeiarbeit in Krimis auf Papier und Leinwand dargestellt wird. Die Munition, die ein Til Schweiger im Film verballere, würde höchstens auf dem Schießstand verbraucht, aber niemals in der Realität. Er selbst hatte in seinen Dienstjahren zweimal Waffengebrauch mit Schusswechsel, „aber ich habe nie das Magazin leergeschossen“.
„Die gefährlichsten Spuren sind immer die selbst verursachten.“ Das Schlimmste aber sei in der realen Ermittlungsarbeit die Spurenvernichtung. In der Szene spreche man auch von „Spurenvernichtungskommission“. In der DDR seien das Parteisekretäre gewesen, die einen Tatort für ihren Verantwortungsbereich hielten und teilweise mit der Zigarette im Mund herumlatschten.
Und er hält einen Rat für die Krimiautoren bereit: „Lasst eure Ermittler stets von einem Tötungsdelikt sprechen. Ob die vorliegende Tat als Mord gewürdigt werden wird, entscheidet nicht der Ermittler, auch nicht sein vorgesetzter Staatsanwalt, sondern einzig und allein das Gericht“.
Für mich ist es ein Glücksfall, einen Gesprächspartner zu treffen, von dem ich im Interview lernen kann. „Manne“, wie ihn seine Freunde nennen, erklärt mir, was eigentlich geschieht, wenn ein Mensch stirbt, also die Phänomenologie einer Ermittlung.

Kriminalrat Lukaschewski vor dem ehemaligen Präsidium der Deutschen Volkspolizei am Berliner Alexanderplatz. Sein Büro lag im zweiten Stock
„Bei unnatürlicher oder unbekannter Todesart kommt nach dem Arzt die Polizei. Die Beamten entscheiden dann, ob ein Tötungsdelikt auszuschließen ist. Finden die beispielsweise einen Abschiedsbrief, dann schließen sie vielleicht vorschnell auf Suizid und verzichten darauf, die Kripo zu rufen. Deshalb geht es darum, sehr vorsichtig und zurückhaltend bei der Beurteilung zu sein. Wenn ein Tötungsdelikt nicht als solches erkannt wird, ist es immer die Schlamperei des Arztes bzw. der ermittelnden Beamten.“
Ergo gibt es eine Dunkelziffer? Der gewiefte Ermittler schmunzelt, als ich ihn zur Dunkelzahl bei Tötungsdelikten befrage.
„Vielleicht kennst du den Spruch: Wenn auf den Friedhöfen auf jedem Grab, das als Tötungsdelikt nicht erkannt wurde, ein Licht brennt, dann wären die Friedhöfe hell erleuchtet. Auf jedes bekannte Tötungsdelikt kommt ein unbekanntes, und ich halte diese Auffassung sogar für zu optimistisch.“
Der Grund sei mangelnde Qualifikation des Arztes und der Polizisten. „Wenn bei einem Hauch von Verdacht nicht konsequent untersucht und aufgeklärt wird, ist es nie die Cleverness des Täters, sondern immer die Schlamperei der Beteiligten.“
In Deutschland wird wohl in keinem Bereich der Medizin so geschludert wie bei der Begutachtung von Toten. Nach einer Studie der Universität Münster kommt es jährlich „zu mehr als 11.000 übersehenen, nicht natürlichen Todesfällen, darunter mindestens 1.200 nicht erkannte Tötungsdelikte“.

Krimi-Autoren und -leser lieben Lukaschewskis Ratgeber: Auf „Morden für Anfänger“ folgt „Morden für Fortgeschrittene“
Seine literarische Karriere beginnt Manfred Lukaschewski als Self-Publisher. Er notiert, was ihm sein Vater aus dem 2. Weltkrieg erzählt. Der Überlebende der Schlacht von Stalingrad wurde von einer MG-Garbe durchlöchert. Er erwachte in einem sowjetischen Lazarett. Dort wurde er hochgepäppelt. „Verlorene Jahre“ nennt der Sohn die Veröffentlichung.
„Die Sprache der Toten“ und „Morden für Anfänger“ heißen zwei seiner Bücher, in denen er im Plauderton Wissen vermittelt. „Morden für Fortgeschrittene“ liegt bereits auf dem Schreibtisch seines Verlegers. Auch das „Kompendium“ wird überarbeitet und soll in einer erschwinglichen Ausgabe verfügbar gemacht werden.
Aufgrund des großen Interesses an seinem Wissensschatz reist Manfred von Hochschule zu Hochschule. Bis tief in die Nacht hinein beantwortet er E-Mail-Anfragen von Autoren. Gleichzeitig verfasst er neue Ratgeber für Kriminalschriftsteller und arbeitet an einer Geschichte der Kriminalistik.
„Ich schreibe im Kopf vor, habe das Konzept im Kopf und kann alles ordnen. Dann setze ich mich an den Rechner und schreibe vierzehn Tage durch. So entsteht das Buch“, beschreibt er seine Arbeitsweise.
Da ihn die Arbeit an neuen Manuskripten voll in Beschlag nimmt, ist er froh, in der Edition Antheum des Main-Verlages einen Partner gefunden zu haben, der sich um alles kümmert. Der Polizeirat im Unruhestand will am liebsten nur recherchieren, schreiben und sein Wissen an Interessierte vermitteln. Materielle Interessen sind ihm fremd.
Unauffällig schaut der Kriminalist auf seine Armbanduhr. Er fiebert spürbar seiner Lesung entgegen. Das Verhör ist beendet. Zum Abschied erzählt er noch, dass er guten Kontakt zu Mitgliedern der „Mörderischen Schwestern“ habe. Das wirkt wie ein weiteres „Banner der Arbeit“ auf den Sachbuchautor. Manne steigt in die U-Bahn gen Osten, ich nehme die S-Bahn Richtung Westen.
Gegen Mitternacht schickt er mir noch eine kurze Nachricht, dass die Veranstaltung gut besucht war. Das Publikumsinteresse an seiner Arbeit wächst, und das macht den schreibenden Mordermittler Manfred Lukaschewski glücklich.

Das Für und Wider eines Lektorats hinterfragt Lektor Johannes Flörsch
Ein Lektorat braucht’s nicht, sagt Johannes Flörsch, Lektor mit Köpfchen, Herz und Seele. „Habch’s doch gewusst“, sagt die selfpublishende Textergemeinde und schreibt weiter an Vol. XIX ihres Œuvres und reklamiert für sich: „Was Vivaldi konnte, kannch auch!“ Vivaldi? Ganz einfach: Über den venezianischen Komponisten des Barocks kursiert das Bonmot, er habe ein einziges Musikstück geschrieben – das aber siebenhundertmal. Hat Vivaldi eine Lektorin* gehabt? Hat er nicht. Siehste! HIER geht es weiter →
„Fahren wir zum Beach-Cub?“ – Elke Becker steigt in ihr funkelndes Mercedes-Kabrio, lässt das Dach automatisch im hinteren Kofferraum verschwinden, setzt eine verspiegelte Sonnenbrille auf, bindet die dunkelbraune Mähne zusammen und drückt das Gaspedal durch. Entlang dem malerischen Stadtstrand von Mallorcas Hauptstadt Palma sausen wir über den Stadtring Via de Cintura auf die Autobahn. Der warme Inselwind zaust in den Haaren. Die Sonne lacht, es ist frühsommerlich warm, an einem solchen Tag hat schlechte Laune keine Chance. HIER geht es weiter →
Autorin Tanja Neise mit Terrier-Hündin Mila. Sämtliche Fotos: Ruprecht Frieling
Auf Buchmessen wird Tanja Neise von Fans erkannt und namentlich angesprochen. – Eine derartige Ansprache berührt das Herz der Schöpferin eines guten Dutzend erfolgreicher Romantic-Fantasy-Romane mehr als Verkaufszahlen und Likes in den sozialen Medien. Diese Reaktionen zeigen der Autorin, wie stark die Bindung der LeserInnen zu ihrem Werk ist, und das schenkt ihr Kraft und Inspiration, neue Ideen zu entwickeln.
»Der Schreibtisch eines Schriftstellers ist ein heiliger Ort, das privateste Heiligtum der Welt, dem Fremde sich nicht ohne Erlaubnis nähern dürfen«, schreibt der US-Erzähler Paul Auster in »Nacht des Orakels«, und tatsächlich umwehen geheimnisvolle Nebel die Arbeitsplätze von Autoren ebenso wie die Ateliers bildender Künstler.
Tanja Neise ist ein offener Typ ohne Starallüren. Sie führt mich in den Keller des Einfamilienhauses, das sie mit Mann, drei Kindern und Terrier-Hündin Mila bewohnt.
Sonnenstrahlen blinzeln durch ein schmales Kellerfenster in einen der Räume. An der linken Wand stapeln sich Bücher in Regalen. Fantasy und Krimi dominieren. Ein apple iMac thront auf einem für den Besucher aufgeräumten Schreibtisch. Hier lässt die Autorin ihren Gedanken freien Lauf. Daneben steht ein Regal mit Tanjas bislang veröffentlichten Werken. Überall liegen Geschenke von Fans.
In eine herzförmige Baumscheibe gravierte eine Leserin »Liebe – das sind wir«, so der Titel eines der jüngeren Neise-Bücher, und schmückte das Präsent mit Kerze, Schleifband und Glückskäfer. In lindgrünem Holzrahmen prangt ein Kastanienblatt an der Wand, das liebevoll mit »Der Orden der Weißen Orchidee«, einem anderen Buchtitel, beschriftet ist. Auch dies stammt von einer begeisterten Leserin, die Tanja Neise zur Lieblingsautorin erkoren hat. Die überwiegende Mehrheit ihrer Leser ist weiblich, erklärt die Schriftstellerin, »aber es sind auch ein paar Männer darunter, wie ich aus Leserbriefen weiß«.
Tanja Neise erblickte 1973 im Sternbild des Schützen das Licht der Welt. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie im Saarland. Dann zog die Familie weiter, die Eltern waren Hoteliers, ein Ortswechsel normal. Eine geheimnisvolle Urgroßtante faszinierte das Mädchen, diese besprach Warzen und wäre Jahrhunderte früher wohl als Hexe verbrannt worden. Die magische Aura der alten Dame prägte die Autorin nachhaltig.
Nach schwerer Kindheit jobbte Tanja, brach vieles auch wieder ab, absolvierte eine Ausbildung zur Finanzwirtin, landete beim Finanzamt (was ihr heute nutzt) und suchte dabei stets nach ihrem Stern. Nie war sie richtig glücklich, bis sie schließlich das Schreiben und Veröffentlichen für sich entdeckte. »Jetzt kann ich sagen, ich bin angekommen. Ich bin zufrieden.« Mit dieser Aussage ist auch ihre Definition von Erfolg verbunden. Sie orientiert sich beim Schreiben nicht an Auflagen und Honoraren. Wichtig ist ihr »das Ankommen, das Da-Sein. Wo ich viele Jahre hinwollte, ohne es genau zu wissen«.
Das Schreiben begleitete Tanja von Jung an. Es begann mit Einträgen ins Poesiealbum. Tagebuchaufzeichnungen, Besinnungsgedichte, Artikel in der Schülerzeitung folgten. Dann kam es zu einer Atempause bedingt durch Ausbildung und Beruf. Sie konzentrierte sich aufs Lesen, verschlang alles, was sie in die Finger bekam. Angefangen bei »Denise«-Heften (ab 1984 bis 2006 vierzehntägig erscheinende Happy-End-Romane für Teenies aus dem Cora-Verlag, R.F.) über Karl May, dem »Trotzkopf« in Fraktur und Pferdebüchern bis hin zu Heinrich Böll, Stephen King und J.R.R. Tolkien – vor dem Lesehunger der jungen Frau war kein Buch sicher.
Im September 2012 begann sie mit ihrem ersten Roman, dem »Orden der weißen Orchidee«. Vom Self-Publishing hatte Tanja Neise bislang noch nichts gehört, sie schrieb einfach drauflos. Ausgangspunkt war eine schwere Erkrankung. Ihr Mann motivierte sie, nach dem vielen Lesen selbst etwas zu Papier zu bringen. Als ihr Jüngster in den Kindergarten kam, hatte sie keine Ausrede mehr.
Damals nutzte sie auch noch keinen PC, mit Bleistift schrieb sie die ersten Kapitel in ein Schulheft ihres Sohnes. Später bekam sie einen Mini-PC, in den sie alles tippte. In einer Computer-Zeitschrift entdeckte sie eine CD mit 500-Klassiker-Romanen. Damit begann eine neue Ära, das Zeitalter des elektronischen Lesens auf einem Tablet. Schnell wurde ein Kindle angeschafft und begeisterte die leidenschaftliche Leserin.
Anno 2013 veranstaltete die Veröffentlichungsplattform Neobooks einen Wettbewerb. Sebastian Fitzek war Schirmherr und sorgte für Aufmerksamkeit. Tanja lud eine Kurzgeschichte hoch und lernte darüber andere Self-Publisher kennen: Karina Reiß, Axel Hollmann und Marcus Johannus. Die vier waren die Top-Downloads der Plattform und begannen, sich auszutauschen. Es entwickelte sich eine Freundschaft. Karina liest seitdem als Erste Tanjas neue Manuskripte und hilft als kritische Leserin. Danach erst darf Michael Neise in den Text schnuppern.
Für die Rohfassung ihres ersten Romans brauchte die Autorin länger als ein Jahr. Dabei entstand ein Blog, in dem sie ihre eigene Entwicklung als Autorin beschrieb, das Innerste nach Außen kehrte und damit Leser fand und band. Tanja wollte keine Klinken putzen. Sie hatte keinen Mut, Literaturagenten anzusprechen, hielt sich nicht für gut genug. Schließlich lud sie das fertige Manuskript bei Amazon hoch und beobachtete aufgeregt die Ergebnisse. Das Buch wurde gekauft, bald schon gab es Nachfragen zu Taschenbüchern! Die Verkäufe liefen täglich besser. Ihre Fieberkurve stieg.
Tanja bekam einen „Kindle-Deal“, mit dem der Titel sichtbarer platziert wurde. Über Nacht schoss „Der Orden der weißen Orchidee“ in die Top Ten. Dadurch wurde A-Pub, der Verlag von Amazon, auf die Autorin aufmerksam. Der Verleger rief sie an und nahm sie unter Vertrag. Tanja bekam Oberwasser und unterschrieb gleich einen Vertrag für den zweiten Teil des „Orden“. Umsatzmäßig bewegte sich der Titel von nun an spürbar. War sie vorher in der Midlist, ging der Titel hoch und verkauft sich seitdem »wie geschnitten Brot«.
Seitdem ist Tanja Neise aus der Autoren-Szene nicht mehr wegzudenken. Auf der letzten Leipziger Buchmesse übernahm sie die Regie für die »Autorenherzen« und durfte deshalb gleich auch deren Stand aufbauen. Die Gruppe sammelt zwanzig erfolgreiche Autorinnen, darunter Marah Woolf, Sarah Saxx, Michelle Schrenk, Anja Saskia Beyer, Mila Summers, Hannah Siebern. Außerdem ist Tanja Neise seit 2015 in einer Schreibgruppe aktiv, wo Texte eingehend diskutiert werden. Sie macht Lesungen, gibt Interviews und freut sich, wenn sie auf öffentlichen Veranstaltungen angesprochen wird. »Man fühlt sich wie ein kleiner Promi, und es ist ein ganz schöner Kulturschock, wenn man wieder nach Hause kommt und den Geschirrspüler ausräumen darf«, lacht sie.
Tanja Neise schreibt Romantic Fantasy. Dieser Mix aus Romance und Fantasy ist ein klassisches Genre. In ihrem Erstling „Der Orden der weißen Orchidee“ geht es um eine Zeitreise, und das Anwesen, in dem ihre Protagonistin Marie eine geheimnisvolle Botschaft ihrer Großmutter findet, ähnelt dem Anwesen von Tanjas Urgroßtante. Streng genommen handelt es sich um Time Travel Romance.
Neise war eine der Ersten, die das Stichwort Zeitreisen einbaute. Auch die Amerikanerin Diana Gabaldon veröffentlichte eine siebenteilige »Feuer-und-Stein-Highland-Saga«, die millionenfach verkauft wurde. Die Reihe ist allerdings geschichtslastig, sie bleibt auch in den jeweiligen Zeiten. Tanja hingegen macht es ihren beiden Protagonisten schwer, sie reisen aus Versehen in unterschiedliche Dimensionen und finden sich erst im zweiten Band wieder.
Die Sonne ist untergegangen. Tanja bereitet eine Kanne Tee. Jetzt sitzen wir in ihrer kleinen Küche. Als Familie Neise das Eigenheim vor den Toren Berlins bezog, gab es kaum Nachbarn. Mittlerweile ist alles bebaut. Der Moloch Berlin wächst unerbittlich und dehnt sich aus. Dennoch ist es sehr viel ruhiger und angenehmer, in einem Vorort zu wohnen als in der Stadt. Nachbarn kennen und grüßen sich. Über die Kinder entstehen neue Kontakte, und es gibt jede Menge Natur in greifbarer Nähe.
Wie steht es eigentlich mit einem Lektor? – Tanjas erste und wichtigste Lektorin ist ihre Freundin, die Grundschullehrerin und Autorin Karina Reiß. Anfangs gab es Probleme mit alter und neuer Rechtschreibung, vor allem mit ellenlangen Worten. Leser monierten, Worte seien falsch geschrieben, obwohl es dudengerecht war. Heißt es der oder das Überraschungsmoment?
„Als Autor überliest du deine Fehler, darum braucht es unbedingt ein kritisches Lektorat und Korrektorat“, weiß Tanja Neise. „Neulich habe ich Bücher einer sehr bekannten Autorin gelesen, deren Bücher auf Deutsch bei HarperCollins erscheinen, und da war ich erstaunt über die Menge an offensichtlichen Fehlern, die nicht korrigiert wurden. Von einem Verlag hätte ich da eigentlich mehr erwartet.“
Ihre in den Amazon-Verlagen 47thNorth und Montlake Romance erscheinenden Bücher bekommen zusätzlich einen eigenen Lektor und einen Korrektor. Da ihre Manuskripte gut vorbereitet sind, genügt ein Lektoratsdurchgang. Bei vielen anderen Autoren sind zwei erforderlich, einige bekommen sogar ein Entwicklungslektorat. Das macht aber nur dann Sinn, wenn man plottet, die Romanhandlung also vorher strukturiert hat und danach schreibt.
Tanja Neise schreibt ihre Geschichten, wie sie ihr aus der Feder fließen. Zeitreisen als nicht-plottende Autorin zu verfassen, findet sie anstrengend. Deshalb verfasst sie gern mal zwischendurch einen Liebesroman, das geht fix. „Dabei musst du nicht viel bedenken, es schreibt sich leichter.“
Tanja schreibt morgens und abends, oft schon vor dem Frühstück. Vor allem am frühen Morgen geht sie unbelastet an den Text. Ihren Stoff hat sie im Kopf. Statt zu plotten, zeichnet sie Organigramme und macht sich Stichworte zu Kleidung und Verhaltensweisen ihrer Figuren. Erklärtes Tagesziel ist, 2.000 Worte zu erreichen.
Die Schriftstellerin versteht sich als Hybrid-Autorin. Da sie keine Marketing-Expertin ist, sind für sie die Verlags-Einnahmen am wichtigsten. Bei Facebook hat sie bislang ein, zwei Anzeigen geschaltet, ein Erfolg war nicht erkennbar. Sie weiß, dass sie mehr werben müsste und verfolgt Laura Newmans Blogbeiträge, die detailliert auflisten, was Werbung ihren Büchern gebracht hat.
Tanja, wie siehst du die Entwicklung des Marktes? „Er teilt sich zunehmend in zwei extreme Lager. Auf der einen Seite steht der professionell gemachte Text. Auf der anderen Seite kommen Titel hoch, die in ihrer Niveaulosigkeit an Schwachsinn grenzen.“
Stichwort Self-Publishing als Müllhalde? „Ich kann nachvollziehen, dass es vielen Autoren inzwischen fast peinlich ist, Self-Publisher zu sein. Deshalb versuchen immer mehr anspruchsvolle Autoren, die nicht das Glück haben, in die Bestsellerlisten zu kommen, ein Verlagslabel zu bekommen, um sich abzuheben.“
Noch einmal zur eingangs gestellten Frage nach dem Erfolg. Für Tanja Neise zählt, wenn ihre Leser zufrieden sind. Sie hält sich nicht für besonders erfolgreich, kann aber gut davon leben, das normale Gehalt ersetzen und Rücklagen bilden. Damit zählt sie zur guten Mittelschicht der deutschsprachigen Self-Publisher.

Im Kreise lieber Kollegen: Elke Bergsma, Monika von Ramin, Tanja Neise, Ruprecht Frieling, Marcus Hünnebeck, Anja Saskia Beyer, Babsy Tom, Eileen Janket (von links)
Als die Autorin vor einigen Wochen in der Berliner Kongresshalle auf einer Podiumsdiskussion aus dem Publikum nach einer Verkaufszahl gefragt wird, antwortet sie „130.000 Exemplare allein von Band 1“. Das fachkundige Publikum knirscht mit den Zähnen. Für Verlagsleute ist ein neuer Titel erfolgreich, der zwei- bis dreitausend Exemplare in drei Jahren verkauft. Zwischen der klassischen und der neuen Verlagswelt klaffen offensichtlich gewaltige Lücken.
Tanja Neise schmunzelt über dieses Erlebnis. Sie schlürft ihren Tee, lächelt und schreibt heiter weiter.
»Zur Homepage von Tanja Neise«

Texthandwerkerin Maria Almana beschäftigt sich in ihrem Gastbeitrag mit den verschiedenen Aspekten des Rezensierens und Bewertens von Büchern
Was tun Menschen, die Bücher lieben? – Klar: Sie lesen. – Und dann? Sie rezensieren, bewerten, kritisieren, bloggen, vergeben Sternchen oder wettern gegen Bücher, Sternchen und/oder Autorinnen und Autoren. Im besten Fall. Die meisten machen nichts und halten die Klappe.
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Als Bürgerjournalist kümmert sich Torsten Schwichtenhövel aktiv um die Redakion des OELDER ANZEIGER • Fotos, soweit nicht anders angegeben: © Ruprecht Frieling
Während Arbeitskollegen und Freunde nach Feierabend aufs Sofa sinken, den Fernseher anschalten oder sich im Internet tummeln, rast Torsten Schwichtenhövel von einer Veranstaltung zu anderen. Er führt Interviews, fotografiert, schreibt Berichte. Seit Jahren opfert der Familienvater einen erheblichen Teil seiner Freizeit, um als Bürgerjournalist tausende Leser einer lokalen Online-Zeitung mit Informationen zu bedienen. Warum macht er das? – Ruprecht Frieling traf den rasenden Reporter und fühlte ihm auf den Zahn.
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Verkleidet euch als Blumen und die Bienen werden kommen! Sam Feuerbach, Mira Valentin mit Leibwächter Thomas Hertz und Prinz Rupi auf der BuchBerlin 2018. Sämtliche Fotos: ©Ruprecht Frieling
Rund 300 verlagsunabhängige Autoren, Kleinverleger und Dienstleister trafen auf der inzwischen fünften BuchBerlin zwei Tage lang mehr als dreitausend interessierte Fans von Büchern, die abseits des Mainstreams der großen Verlage blühen. Die Messe versammelte die Paradiesvögel der Literaturszene und gestaltete sich damit zu einem Blütenmeer von Menschen, deren Herzen für das geschriebene Wort brennen. HIER geht es weiter →
