
Traunsee bei Gmunden – vor der Kulisse dieses Postkartenidylls lebte Thomas Bernhard von 1965 bis zu seinem Tod im Jahre 1989 • Foto: © Ruprecht Frieling
Die Titel seiner Bücher und Theaterstücke sind sprichwörtlich geworden: »Auslöschung«, »Der Untergeher«, »Alte Meister«, »Beton«, »Verstörung«. Viele kennen diese Titel, nur wenige aber haben die Bücher gelesen. Dabei sind die Texte von Thomas Bernhard (09.02.1931 – 12.02.1989) mit das Beste, was der deutschsprachige Markt zu bieten hat.
Thomas Bernhards Texte werden wegen ihrer Bissigkeit und Schärfe ebenso gefürchtet wie geliebt. Gleichzeitig gelten sie wegen der ihr eigenen komplexen Satzstruktur und der schier unerschöpflichen Wortaneinanderreihungen, die der Autor kultivierte, als spröde und schwer zugänglich. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
Bernhards ebenso einfache wie komplizierte Texte bieten dem, der sich vorurteilsfrei darauf einlässt und für den Augenblick der Lektüre die Welt mit den sezierenden Augen des Autors betrachtet, ein komplexes Lesevergnügen der besonderen Art. Sein nahezu artistischer Stil ist stets von hoher Musikalität geprägt, man könnte sie sogar singen.
Heftig strömende, monologisierende »Schimpftiraden«, sich kunstvoll in schwindelnde Höhen schraubende Gedankengänge und ätzende Kritik an der »besseren« Gesellschaft machen die mehr als 60 Romane und Stücke zum Feinsten der deutschsprachigen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert.
Um in die Gedankenwelt Bernhards einzusteigen, eignet sich vorzüglich eine Sammlung kurzer Prosatexte, die unter dem Titel »Der Stimmenimitator« erhältlich ist. Es handelt sich dabei um rund einhundert Texte im Stil lokaler Pressenachrichten, die ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich klingen.
Sachlich wird von denkbaren und undenkbaren, von möglichen und unmöglichen Ereignissen berichtet, die der Autor blitzlichtartig aufnimmt und wiedergibt. Fast immer münden seine Kurzberichte im Unglück, und die Trennwand zwischen Komödie und Tragödie ist hauchdünn.
Ein Schauspieler verkörpert die Rolle des bösen Zauberers in einem Kinderstück so überzeugend, dass die kleinen Zuschauer die Bühne stürmen und ihn zu Tode trampeln. Zwei Herren füttern im Tierpark Schönbrunn die Affen, bis die Tiere die Futterreste sammeln und sie den Zoobesuchern durch das Gitter hinaus reichen, die darauf entsetzt dem Tiergarten entfliehen.
Ein Denker tauscht mit dem Wirt eines vorzüglichen Gasthauses die Rollen, worauf naturgemäß weder Wirt noch Denker in ihren neuen Rollen funktionieren. Die Bürgermeister von Pisa und Venedig landen in ihren jeweiligen städtischen Irrenhäusern, weil sie, um die Touristen vor den Kopf zu stoßen, heimlich den schiefen Turm von Pisa mit dem Campanile von Venedig tauschen wollen.

Durch seine örtliche Nähe Bergwelt erhielt Bernhard den Spitznamen »Alpen-Beckett«
Foto: © Ruprecht Frieling
Beispielhaft für die sprachliche Virtuosität Bernhards steht sein Text »Holzfällen. Eine Erregung«. Dabei handelt es sich um eine gewaltig-geniale Schmähschrift auf den Kunstbetrieb und die Gesellschaft. Das Buch im eigenwilligen Stil Bernhards liest sich wie im Rausch, wenn man sich darauf einlässt.
In der Suada schildert der Erzähler den Ablauf eines »künstlerischen Abendessens«, zu dem er eingeladen wurde. Mit typischen Endlossätzen beobachtet Bernhard die Szene aus der sicheren Perspektive eines Ohrensessels. Er karikiert die anwesenden Künstler und verflucht den Abend ob dessen Langeweile und Hohlheit.
»Holzfällen« ist in jeder Hinsicht komisch. Er ist bisweilen dermaßen grotesk, dass der Leser laut lachen muss, folgt er der Schilderung des Abends. Die Veröffentlichung des urkomischen Werkes brüskierte dann auch diejenigen Humorfernen, die sich darin zu erkennen glaubten.
Der Roman »Holzfällen« war kaum erschienen, da wurde das Buch in Österreich auf Betreiben derjenigen, die sich erkannt glaubten, am 29. August 1984 gerichtlich beschlagnahmt und verboten. Dies prägte Bernhards kritisches Verhältnis zur Alpenrepublik so nachhaltig, dass er testamentarisch ein allgemeines Aufführungs- und Publikationsverbot all seiner Werke in Österreich verfügte.
Bernhards 1967 entstandenes erstes Theaterstück »Ein Fest für Boris« wurde zwar bereits 1972 in Hamburg von seinem Freund Claus Peymann als absurdes Theater inszeniert. Doch erst im Sommer 2007 wurde es erstmals in Salzburg im Rahmen der Festwochen aufgeführt, für die es ursprünglich geschrieben worden war.
Die rabenschwarze Komödie schrieb der »Alpen-Beckett« als »eine Art Anti-Jedermann, eine Tafel mit Leuten, ein Fest, aber Verkrüppelte«. Zum Geburtstagsmahl für Boris sind seine beinlosen Genossen aus dem Asyl geladen. Die zunehmend aufgeregten Gespräche über zu kurze Schlafkisten, schlechtes Essen und andere Miseren im Heim der Beinlosen untermalt Boris mit immer heftigeren Trommelschlägen, bis er – unbemerkt – tot nach vorne sinkt.
Eine großartige Komödie ist auch »Die Macht der Gewohnheit«. In dem Dreiakter geht es um einen despotischen Zirkusdirektor, der seine Artisten seit Jahren quält, täglich mit ihm Schuberts »Forellenquintett« zu üben. Dies geht indes immer wieder schief und führt zu einer Endlosschleife burlesken Humors.
Die Texte von Thomas Bernhard zeichnen sich durch ein ständiges Wechselspiel von Komödie und Tragödie aus. Zum engen Wechselspiel der beiden an sich gegensätzlichen Gattungen sagte der Schriftsteller selbst:
»Man kann in Verzweiflung, sage ich, gleich, wo man ist, gleich, wo man sich aufhalten muss in dieser Welt, von einem Augenblick auf den anderen aus der Tragödie (in der man ist) in das Lustspiel eintreten (in dem man ist), umgekehrt jederzeit aus dem Lustspiel (in dem man ist) in die Tragödie (in der man ist).«
Wenige Tage nach seinem 58. Geburtstag verstarb Bernhard in seinem Vierkanthof im oberösterreichischen Obernathal. Der inzwischen längst zur weltweit gefeierten Kultfigur gewordene Autor hinterließ mit seinem Werk ein sich im Sprachwitz dramatisch entfachendes Feuerwerk. Sein Vierseithof in der Nähe der Stadt Gmunden ist als Veranstaltungsort und häusliches Museum erhalten und dient als Pilgerstätte für Bernhard-Fans.
Ausgewählte Bernhard-Rezensionen von W. R. Frieling bei Literaturzeitschrift.de

Thomas Bernhard
Foto: © Nachlassverwaltung
Eins ist klar: Thomas Bernhard ist alles andere als ein Geschichtenzerstörer, mag er sich selbst auch mal in einem seiner gern provozierenden Interviews als ein solcher bezeichnet haben. Der schreibende Sonderling aus Oberösterreich ist vielmehr einer der größten Erzähler, die der deutsche Sprachraum aufzuweisen hat, und das beweist der vorliegende kleine Auswahlband mit dem provozierenden Titel anschaulich. HIER geht es weiter →

Schreibtisch von Thomas Bernhard (1931-1989) in seinem Haus in Gmunden. Foto: © Wilhelm Ruprecht Frieling
Thomas Bernhards Roman »Holzfällen« war kaum erschienen, das wurde das Buch in Österreich am 29. August 1984 gerichtlich beschlagnahmt und verboten. Der in dem Text angeblich dargestellte Komponist Lampersberg und seine Frau, die Sängerin Maja Lampersberg, meinten sich in dem Werk wieder zu erkennen und hatte die Klage ausgelöst. Erst im Februar 1985 konnte eine außergerichtliche Einigung erzielt werden, die Klage wurde zurückgezogen und der »Schlüsselroman« wieder frei gegeben.
In dem Text beschreibt der Erzähler, der von London nach Wien zurückgekehrt ist, wie er bei einem Spaziergang vom Ehepaar Auersberger angesprochen und zu einem »künstlerischen Abendessen« eingeladen wird. Obwohl er die Auersbergers hasst und überhaupt keine Lust auf eine derartig fragwürdige Geselligkeit hat, sagt er zu und erscheint.
Den Ablauf des Abends schildert Bernhard nun mit den für seinen Stil typischen Endlossätzen aus der sicheren Perspektive eines Ohrensessels, von dem aus er die Szene beobachtet. Er verflucht sich und seinen Leichtsinn, die Einladung der Auersbergers angenommen zu haben, da sich beide durch extreme Langeweile und Hohlheit auszeichnen. Frau Auersberger ist Sängerin, Herr Auersberger Komponist, ein »armseliger talentierter Spießbürger«, ein »vom Vermögen seiner Frau stumpfsinnig gewordener Gesellschafts-Kopist«.
Die geladenen Gäste, die er sämtlich von früher kennt und seitdem verachtet, seien ursprünglich alle nach Wien gekommen, um dort Karriere zu machen. Allerdings hätten sie es lediglich zu »Künstlerattrappen« gebracht. Die »leben und leben und leben und langweilen sich im Grunde durch ihr ganzes Leben und werden älter und älter und älter und sind nichts als nutzlos«.
Besonders stinkt dem Erzähler das mitternächtliche Erscheinen des Stargastes des Abends, einem selbst gefälligen Schauspieler vom Burgtheater, der an diesem Abend als Ekdal in Ibsens »Wildente« aufgetreten war. Die Figur des unentwegt psalmierenden und fressenden und psalmierenden Schauspielers gibt Bernhard Anlass zu einer giftigen Suada über die Wiener Theaterszene im Allgemeinen und das Burgtheater im Besonderen. Bei dem Stargast des »künstlerischen Abendessen« handele es sich um den »Prototypus des durch und durch fantasielosen und also völlig geistlosen Poltermimen«, gleichwohl das Publikum gebannt an seinen Lippen hänge, welchen Unsinn auch immer aus seinem Munde ströme.
Im Anschluss an das Nachtmahl legt der Burgschauspieler, der mehrere Gläser Wein getrunken hat, ein pathetisches Bekenntnis zur Natur ab: »Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen«, notiert Bernhard, der bald darauf als letzter Gast die Wohnung verlässt. Zuvor belügt er der Auersbergerin noch nach Strich und Faden. Es sei ein ganz besonders gelungener Abend gewesen, er fände den Burgschauspieler ganz einzigartig, und er schätzte ihr künstlerisches Abendessen über alle Maßen, schleimt er, wo die gesamte Veranstaltung ihm doch nichts weniger als abstoßend erschienen war.
»Um uns aus einer Notsituation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie.«
Angeekelt von sich selbst stürzt er schließlich nach draußen, einzig beseelt von dem Wunsch, sofort alles niederzuschreiben.
Bernhards »Holzfällen« ist ein tosender Sturzbach der Worte, ein endloser Satzschwall, den er erbricht, und der keine Gemeinheit und Niederträchtigkeit auslässt. Der Text ist eine ätzende Kritik an der feinen Wiener Gesellschaft, am Künstlertum, am Theater, an der Schauspielerei. Dem Autor ist die faszinierende Gabe des exakten Beobachtens gegeben, die bis in das sorgfältige Zerlegen eines Satzes beim Löffeln einer Suppe reicht.
Mit »Holzfällen« schleudert Bernhard seinen Hass auf die ihn umgebende Gesellschaft hinaus und macht zugleich deutlich, dass diese Verachtung Selbsthass ist, der ihn treibt. Seine Verachtung wiederholt er in immer wiederkehrendem Rhythmus, der Ravels »Bolero« angepasst ist, der wie als ein deutlicher Hinweis am Laufe des Abends auf den Plattenteller gelegt wird. Entsprechend der Musik schreibt Bernhard im Ostinato, in stetiger Wiederholung, die das Mahlwerk seiner Gedanken hervorbringt.
Dabei, und das macht die eigentliche Virtuosität Bernhards aus, ist es kein Klagegesang eines alten Grantlers, den er vorlegt. Der Text ist vielmehr in jeder Hinsicht komisch, er ist sogar dermaßen grotesk, dass der Leser nicht lächeln, nein, laut lachen muss, folgt er der Schilderung des Abends. »Holzfällen« ist eine gewaltig-geniale Schmähschrift auf den Kunstbetrieb und die Gesellschaft. Das Buch liest sich wie im Rausch, wenn man sich auf den eigenwilligen Stil Bernhards einlässt. Es ist gut nachzuvollziehen, dass die Veröffentlichung des urkomischen Werks diejenigen, die sich erkannten, auf die Palme getrieben hat. In Wien war es jedenfalls lange Jahre Mode, darüber zu spekulieren, wer denn der ein oder andere Protagonist in Wirklichkeit sei.
Thomas Bernhard
Holzfällen. Eine Erregung
Suhrkamp 2009 ISBN 978-3518380239
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