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Ein Theremini für Stummfilmpianist Graf Bothmer

März 14, 2026
by Ruprecht Frieling
Prinz Rupi Kulturstiftung, Stummfilm
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Prinz Rupi überreichte im Namen seiner Kulturstiftung ein Theremini für Stummfilmpianist Graf Bothmer

Prinz Rupi überreicht im Namen seiner Kulturstiftung ein Theremini für Stummfilmpianist Graf Bothmer

Prinz Rupi Kulturstiftung unterstützt Stummfilmpianist Graf Bothmer mit Theremini

Die Prinz Rupi Kulturstiftung hat dem Stummfilmpianisten Stephan Graf von Bothmer ein Theremini überreicht und damit ein ebenso ungewöhnliches wie vielversprechendes Zeichen der Unterstützung gesetzt. Das berührungslos gespielte Instrument eröffnet dem Musiker neue klangliche Räume: von schwebenden, geheimnisvollen Tönen bis zu jenen klassischen Science-Fiction-Farben, die seit jeher eine eigentümliche Nähe zum frühen Kino besitzen.

Die Schenkung ist mehr als eine freundliche Geste. Sie ist Ausdruck einer Haltung, die künstlerische Neugier ernst nimmt und schöpferische Arbeit auch dort fördert, wo sie nicht dem Mainstream folgt. Genau diesem Anspruch widmet sich die gemeinnützige Prinz Rupi Kulturstiftung, die Kunst- und Kulturprojekte in den Bereichen Literatur, Musik, bildende und darstellende Kunst unterstützt.

Graf Bothmer, ein herausragender Protagonist der Stummfilmkunst

Graf Bothmer, ein herausragender Protagonist der Stummfilmkunst

Stephan Graf von Bothmer gehört seit vielen Jahren zu den herausragenden Protagonisten der Stummfilmkunst. Er hat mehr als 600 Stummfilme vertont, ist auf fünf Kontinenten aufgetreten und hat mit seinen Stummfilm-Konzerten bewiesen, dass diese Kunstform keineswegs museal erstarrt ist, sondern bis heute Menschen in Bann schlagen kann. Seine Aufführungen machen aus Filmvorführungen lebendige Ereignisse, in denen Musik, Bild und Augenblick zu einer eigenen Form der Gegenwart verschmelzen.

Wer Graf von Bothmer erlebt, versteht schnell, dass es hier nicht um bloße Begleitung geht. Seine Musik deutet, verdichtet, verführt und lässt Bilder atmen. In einer Erklärung der Stiftung heißt es, Fraf Bothmer erwecke stumme Bilder zum Leben und verbinde den Charme vergangener Zeiten mit der Zukunft. Genau an dieser Schnittstelle zwischen historischer Form und neuer Klangwelt setzt auch das Theremini an.

Zugleich verweist die Schenkung auf die wirtschaftliche Wirklichkeit vieler freier Künstler. Gerade jene, die mit großer Beharrlichkeit, hoher Qualität und beträchtlichem persönlichem Einsatz arbeiten, bewegen sich oft jenseits gesicherter öffentlicher Förderung. Saalmieten, Werbung und Filmlizenzen sind kostspielig; Bothmer selbst hat beschrieben, wie sehr ihn das Rechnen bisweilen mehr beansprucht als das Spiel am Flügel. Umso wichtiger sind Unterstützungen, die unmittelbar an der künstlerischen Praxis ansetzen.

Seit Jahrzehnten veranstaltet Graf von Bothmer großartige Stummfilmkonzerte

Seit Jahrzehnten veranstaltet Graf von Bothmer großartige Stummfilmkonzerte

Dass Prinz Rupi und Graf von Bothmer einander künstlerisch bereits verbunden sind, zeigte das gemeinsame Projekt „Orgelmusik trifft KI-Bildersymphonie“. In der Berliner Zwölf-Apostel-Kirche improvisierte Graf von Bothmer auf der dreimanualigen Schuke-Orgel, während Prinz Rupi seine KI-geschaffenen Bildwelten präsentierte. Das Ergebnis war eine kraftvolle Symbiose von Klassik und Moderne, von Experiment und Ausdruck.

Mit dem Theremini erhält Stephan Graf von Bothmer nun ein Instrument, das diesen Weg auf folgerichtige Weise weiterführen kann. Es passt zu einem Künstler, der nie beim bloß Bewährten stehenbleibt, sondern das Kino der Vergangenheit immer wieder neu in die Gegenwart holt. Vielleicht werden künftige Aufführungen nun um eine weitere, schwebende Stimme reicher: um jene elektrischen, beinahe körperlosen Klänge, die das Unsichtbare hörbar machen.

Logo der Prinz Rupi Stiftung

Die Prinz Rupi Kulturstiftung unterstützt künstlerische Projekte abseits des Mainstreams

Die Prinz Rupi Kulturstiftung beweist mit dieser Schenkung, dass Kulturförderung nicht abstrakt bleiben muss. Manchmal genügt ein Instrument zur rechten Zeit, um einem Künstler neue Möglichkeiten zu eröffnen. Und manchmal liegt gerade in einer solchen Geste die schönste Botschaft: dass Kunst lebt, wenn man an sie glaubt — und wenn man ihr etwas in die Hand gibt, das sie weiterträgt.

Für weitere Projekte und Vorhaben bittet die Prinz Rupi Kulturstftung um aktive Unterstützung. Spenden an die staatlich anerkannte gemeinnützige Körperschaft sind steuerlich voll absetzbar

Prinz Rupi Kulturstiftung
IBAN: DE 91 1012 0100 1700 0270 76
BIC: WELADED1WBB (Weberbank)

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Leinwand-Lyriker RALPH TURNHEIM rockt den Stummfilm

Dezember 02, 2023
by Ruprecht Frieling
Film, Kino, Stummfilm
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Leinwand-Lyriker Ralph Turnheim richtet einen Stummfilm am 16-mm-Projektor ein   Fotos: © Prinz Rupi

Stummfilm-Erzähler Ralph Turnheim hat eine einzigartige Leidenschaft für Film. Sollte er eines fernen Tages tot aufgefunden werden, wird der Leinwand-Lyriker wahrscheinlich eine historische Filmrolle umklammern – vielleicht sogar die Kopie eines »Frankenstein«-Films, den der Filmfreak ersteigert hat.

Vom Schauspieler zum Leinwand-Lyriker

Ralph Turnheim entdeckte nach einer Ausbildung an einer Schauspielschule in Wien seine Liebe zum Stummfilm. Seine frühe Karriere am Staatstheater Wiesbaden umfasste anstrengende Auftritte im Kinder- und Jugendensemble, wo er sich in der herausfordernden Welt des Theaters bewies.

Neben seiner Bühnenarbeit widmete er sich seiner wahren Leidenschaft: dem klassischen Film. Mit seiner Schauspielgage investierte er in einen 16-mm-Projektor und alte Stummfilme, und besuchte regelmäßig das Filmmuseum in Frankfurt. Ihn faszinierte der heimelige Gang durch die Entwicklung der Bildillusion bis zum bewegten Bild.

Als ihm das Schicksal eines Tages die Kopie eines Pink-Panther-Cartoons in Originalsprache in die Hände spielt, stellt er beim Abspielen fest, dass es sich um einen Stummfilm handelt. Der Knittelvers »Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage« entpuppt sich als Erfindung der deutschen Dialogregie. Turnheim entwickelt die Idee, eigene Reime zu den Filmen zu machen und beides live vorzutragen. Dann überträgt er das Konzept auf weitere Stummfilme und wird Stummfilmerzähler.

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Der Stummfilm glänzt in alter Pracht / denn Turnheim reimt stets mit Bedacht

Exaktes Timing ist entscheidend

Seit 2005 ist Turnheim als Stummfilmerzähler tätig, wobei er seine Texte sorgfältig an die Bilder anpasst. Der Verseschmied sprudelt die Texte mit Highspeed heraus, diese müssen aber schnittgenau passen. Seine Gedichte unterwerfen sich dem Schnitt, er bleibt stets exakt am Bild. In seinen Live-Präsentationen muss Turnheim präzise sein; ein falsch getimter Text kann die Pointe ruinieren. Die Herausforderung besteht darin, den Film genau zu verfolgen und die Stimmen unterschiedlicher Charaktere zu differenzieren. Besonders der schnelle Wechsel zwischen diesen Stimmen bereitet ihm Vergnügen.

Die Arbeit ist aufwändig. Für ein Programm kalkuliert er drei Monate, für eine Filmminute einen Arbeitstag. Er schaut sich den Film sehr genau an, notiert einen Time Code für die Szenen und versucht es genau zu treffen.

Kommt er einen Moment zu früh oder zu spät mit seinem Text, versagt die Pointe. Wenn er sich bei der Live-Präsentation verliest oder kurz nachdenkt, läuft ihm der Film davon. Das ist anders als auf der Bühne, wo die Schauspieler aufeinander warten. Je mehr Figuren es im Film gibt, desto kniffliger wird es, sie auch voneinander absetzen. Hat er aber alle Stimmen gefunden, macht ihm der schnelle Wechsel besonders Spaß.

Programmvielfalt von »Zorro« bis »Tarzan«

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© Clemens Molinari

Mittlerweile hat Turnheim achtzehn verschiedene Programme, von »Zorro« bis »Tarzan«, und tourt damit durch die deutschsprachige Kinowelt. Sein persönlicher Liebling ist »Frankenstein«. Diese Verfilmung des berühmten Romans von Mary Shelley aus den Edison-Studios galt jahrzehntelang als verschollen. Durch Zufall konnte Turnheim ein 16-mm-Negativ, das direkt von diesem Film gezogen wurde, ersteigern.

Er interpretiert und präsentiert den Streifen auf drei verschiedene Weisen: als psychologisches Drama, als freche Komödie und als Filmmusical, für das Stummfilmkomponist Gerhard Gruber eingängige Ohrwürmer erschaffen hat. Durch die Macht der Worte – und des Gesangs – entsteht jedes Mal ein vollkommen neues Werk, das die künstlerische Bandbreite des Stummfilmerzählers beweist.

Turnheim spricht und lebt rasend schnell. Er tourt ohne Pause, und wer ihn erleben möchte, abonniert seinen Newsletter, um zu erfahren, wann und wo er gastiert.

Sein Talent und seine Leidenschaft für Stummfilme machen Ralph Turnheim zu einer einzigartigen Figur in der Welt des Kinos. Sein Leben und Werk sind ein faszinierendes Beispiel dafür, wie zeitgenössische Künstler alte Kunstformen neu interpretieren und ihnen neues Leben einhauchen können. 2023 wurde er mit dem Deutschen Stummfilmpreis ausgezeichnet.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=armFpctoL6I[/embedyt]

Zum Thema Stummfilm

• Stephan Graf von Bothmer: Stummfilmpianist mit Kultstatus

• Graf Bothmer trifft Prinz Rupi

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Stephan Graf von Bothmer: Stummfilmpianist mit Kultstatus

Januar 15, 2019
by Ruprecht Frieling
Film, Filmmusik, Interview, Künstlergespräche, Stummfilm
6 Comments
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Bothmer Fluegel schatten 630

Stephan Graf von Bothmer am Steinway   @Birgit Meixner

Stummfilmpianist Graf von Bothmer

Langsam erlischt das Licht. Stumm flimmern erste Filmsequenzen über die große Leinwand. Das Publikum spitzt die Ohren. Augenblicklich erwacht am Flügel ein Pianist: Stephan Graf von Bothmer greift wie elektrisiert in die Tasten und erweckt den Streifen zum Leben. Er ist die Hauptattraktion des Abends.

Von Charly Chaplin über Laurel & Hardy zu Klassikern wie »Metropolis« und anderen ausgegrabenen Klassikern des Stummfilms zeigt der Stummfilmpianist, was Musik aus einem Film machen kann. Er begeistert damit ein stetig wachsendes Publikum. Prinz Rupi traf Graf von Bothmer zum Gespräch über dessen künstlerische Arbeit und die nächsten Projekte.

Video: Graf von Bothmer begleitet Laurel & Hardy

Stephan Graf von Bothmer verwandelt Stummfilm zum Event. Er erweckt damit die weitgehend vergessene siebente Kunstform wieder zum Leben. Das stumme Kino hatte sich in den »goldenen« Zwanzigern als populärstes Unterhaltungsmedium etabliert und sich auch den Status als eigene Kunst erkämpft. Die Kunst der Regisseure und Akteure erreichte eine bis heute unübertroffene visuelle Ausdruckskraft, die dann aber durch den Tonfilm bald in Vergessenheit geriet. Wie ein Zeremonienmeister beschwört der Graf nun in seinen Stummfilm-Konzerten den Charme der Vergangenheit und macht Staunen über die Macht der Musik. Auf fünf Kontinenten ist er bereits aufgetreten, mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont.

Bothmer im ZDF 02 2019 01 08

Stummfilmpianist Stephan von Bothmer und Schauspieler Harald »Der Bergdoktor« Krassnitzer zu Gast bei Ingo Nommsen in der ZDF-Live-Sendung »Volle Kanne«  

Bothmer ist ein Maniac. Frühmorgens rast er in Düsseldorf zum ZDF in die Live-TV-Sendung »Volle Kanne«, dann sofort mit dem Zug zurück nach Berlin. Unterwegs werden telefonisch Dinge geregelt, Verabredungen getroffen und die sozialen Medien bedient. Die Bundesbahn hat wie immer Verspätung, ungeduldig wartet bereits ein Fahrzeug am Berliner Hauptbahnhof auf ihn. Schnellstmöglich geht es weiter nach Potsdam zum Fernsehstudio. Auch der RBB will den Mann, der in der Berliner Passionskirche ein Festival mit spektakulären Stummfilmkonzerten veranstaltet, interviewen. In letzter Sekunde landet er dort. In Bothmers Büro ist derweil der Teufel los. Telefone klingeln. Rechner glühen. Pakete mit Werbematerialien werden in dem kleinen Büroraum auf einen Haufen gestapelt. Wir verschwinden zum Gespräch in einem ruhigen Raum.

Popularität folgt aus Klarheit

Ruprecht Frieling: Graf von Bothmer ist seit Jahren eine Institution im Bereich des musikalisch unterlegten Stummfilms. Wie hast du eigentlich angefangen?

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Stephan Graf von Bothmer   ©Ruprecht Frieling

Stephan Graf von Bothmer: Lange bevor ich überhaupt Stummfilme kannte, habe ich diese Musik angefangen zu entwickeln. Tatsächlich habe ich meinen ersten Stummfilm vor 20 Jahren vertont, eher zufällig. Aber es hat mich total umgehauen, einfach ein Riesenspaß! Von dem Konzert habe ich ein Video (noch auf VHS) an verschiedene Veranstalter geschickt. Es ging dann ziemlich schnell. Es war damals unüblich, den Pianisten bei der Ankündigung zu nennen, genannt wurde nur der Stummfilm. Ich habe vorgeschlagen, das anders zu machen, damit die Leute, die von meiner Art begeistert sind zu mir kommen können, und jene, die von anderen Musikern mehr angesprochen werden, eben zu denen gehen. Nach meiner Überzeugung folgt nämlich Popularität aus Klarheit.

Damit hast du dich aber eher unbeliebt gemacht und wurdest nicht wieder gebucht.

Richtig. Ich hatte noch verschiedene Vorschläge, wie man die Aufführungen attraktiver machen kann. Damals war es üblich, vor der Veranstaltung einen Filmwissenschaftler auftreten zu lassen, der den Film erst mal schlecht machte. Für ein Publikum, das kein primär wissenschaftliches Interesse hat, war das vollkommen destruktiv. Es lief dann so ab, dass der Film riesig im Vordergrund stand und dazu einer auf dem Klavier herumdudelte, der den Film vielleicht vorher noch nie gesehen hatte und im Dunkel saß.

Du wolltest dem Publikum mehr bieten?

Ich hatte mich vorher vier bis sechs Wochen auf jeden einzelnen Film vorbereitet. Deshalb behaupte ich, auch eine höhere filmmusikalische Qualität zu liefern. Meine Veranstaltungen sollten das Niveau eines klassischen Konzertes bieten. Ein Konzert mit Film. Dazu schuf ich den Begriff »Stummfilm-Konzert«.

Mit dieser Idee bist du herumgezogen und hast versucht, Partner zu finden …

… aber keiner interessierte sich dafür und sah die Chance einer Finanzierung. Also habe ich auf mein eigenes Risiko einen Konzertsaal gemietet. Und zwar gleich für sieben Konzerte, damit die, die ich begeistern kann, auch wieder kommen können. Das war in der Kreuzberger Passionskirche, die damals als Konzertsaal richtig populär war. In meiner Naivität hatte ich einen Trumpf gezogen, was ich erst aus den Medien erfuhr.

Die Berliner Passionskirche brachte die Wende

In der Passionskirche zu spielen, das hatte was!

Dort mit Stummfilmen anzukommen war ein vollkommener Bruch. Da spielten damals internationale Größen. Allerdings musste ich den dreifachen Eintritt nehmen aufgrund der Mehrkosten, die ich an der Backe hatte. Es kamen trotzdem statt der sonst üblichen zwei Dutzend Leute plötzlich 200 Zuhörer – auf einen Schlag! Für das zweite Stummfilm-Konzert habe ich Willi Sommerfeld ausgegraben. Da kamen 220 Leute, und dann drei Mal 450 – wir waren ausverkauft. Damit war für mich klar, das weitermachen zu wollen.

Der Stummfilm brauchte einen Enthusiasten, der das nach vorne treibt.

Am Ende habe ich 64 Konzerte in einem Jahr allein in Berlin an verschiedenen Orten gespielt. Neben den Leuchtturmprojekten buddelte ich mit meinem Team auch unbekannte Filme aus. Für mich zählt die Vielfalt: Wer sechs Konzerte miterlebt hat, ist schon ein kleiner Stummfilm-Experte. Es ist leider inzwischen schwer geworden, weil die Filmlizenzen, aber auch Saalmiete und Werbung sehr teuer geworden sind. Ich habe manchmal den Eindruck, mehr Zeit mit Rechnen zu verbringen als am Flügel …

12 Nosferatu ChorOchester Bothmer @ Birgit Meixner Pandig Deutsche Kinemathek

Ein seltener Genuss: »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau in Verbindung mit Chor und Orchester @Birgit Meixner/Pandig/Deutsche Kinemathek

Wenn du also einen Film wie »Nosferatu« zeigen willst, musst du erst einmal tief in die Tasche greifen?

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Aber die Rechte sind nicht abgelaufen und für eine Aufführung dieser Filme muss man mitunter sehr viel Geld bezahlen. Das ist schade, denn ich würde gerne mehr Menschen begeistern und am Ende könnte ich den Rechteinhaber dann sogar mehr Geld zahlen als jetzt. Eine Tournee durch große Hallen, die dem Stummfilm-Genre insgesamt einen neuen Stellenwert hätte geben können, wurde so verhindert. Meine Veranstaltungen sind aber auch sonst viel teurer, weil aufwendiger, als andere.

Video: Bothmer und Chor zu »Nosferatu«. Schaurig schön

Lässt sich dieser Konflikt irgendwie lösen?

Ich würde mich gerne mit den Rechteinhabern zusammensetzen und ein ganz neues Veranstaltungs- und Vermarktungskonzept besprechen, das ich entwickelt habe. Dieses würde auch die Digitalisierung weiterer wunderbarer Filme enthalten. Was mich persönlich angeht: Meistens bin ich ja nicht selbst Veranstalter, sondern werde gebucht. Ich musste lernen, nicht den Pianisten, sondern Shows anzubieten. Die werden auf Veranstaltungsmessen verkauft.

Auch da holt mich wieder das Problem ein, dass Filme anders gehandelt werden, als Konzerte. Ich kann bei den meisten Rechteinhabern nur eine Aufführung für einen bestimmten Tag an einem bestimmten Ort kaufen. Und auch erst dann erfahre ich den Preis, der sich für jede Aufführung ändern kann. Den Veranstaltungen muss ich aber auf der Messe schon mitteilen, was die Show kostet. Das ist so aber unmöglich. Am Ende macht es die Sache für mich und für die Veranstalter unnötig schwer und es kommen weniger Aufführungen zustande.

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Auf fünf Kontinenten ist Graf von Bothmer bereits aufgetreten und mehr als 600 Stummfilme hat er inzwischen vertont ©Ruprecht Frieling

Du zeigst auch Filme, für die kein »kollektives Unterbewusstsein« besteht. Damit hast du ein noch höheres Risiko als mit berühmten Stummfilmen.

Jetzt habe ich beispielsweise einen ganz, ganz tollen Film im Festivalprogramm: »Wunder der Schöpfung«. Es gibt Filme, die seit Jahrzehnten in den Archiven schlummern. Es macht mir einen Riesenspaß, diese Filme wieder aufzuführen und zu beweisen, dass sie ein Publikum finden. Zugpferd ist dabei natürlich meine musikalische Interpretation.

Funktioniert dein unternehmerisches Konzept so, dass du ein Gesamtpaket anbietest an Städte, Gemeinden und regionale beziehungsweise kommunale Einrichtungen zuzüglich undefinierbare Lizenzkosten?

Das stimmt, das Geheimnis ist das Gesamtpaket. Oft ist es auch ein Konzept für einen bestimmten charismatischen Ort oder eine Ausstellung. Meistens muss ich aber einen Endpreis sagen. Wie gesagt: Film- und Musikwirtschaft passen hier nicht zusammen.

Parallel dazu möchte ich zeigen, was noch geht. Und das mache ich, wenn ich selbst Veranstalter bin, so wie jetzt im Festival. Dazu grabe ich ständig Neues aus, im Vorjahr beispielsweise den Martin-Luther-Film. Der existiert nur in einer ausführbaren Fassung, weil ich mit meinem privaten Geld die Premiere ermöglichte. Alte Filme müssen restauriert werden, damit sie überhaupt aufgeführt werden können. Diese wichtige Arbeit hat das Bundesarchiv durchgeführt.

Ich habe ihn gleich vierzig Mal gezeigt, und es stellte sich heraus, dass es sich um einen extrem beeindruckenden Film und ein wichtiges Zeitdokument handelt.

Wenn ich selbst Veranstalter bin, kann ich auch die Show weiterentwickeln. Ich zeige Vorfilme, beispielsweise eine Kinowerbung von 1912 oder coole Animationsfilme. Die Veranstaltung hat dann etwas vom Varieté mit mehreren Nummern, wo das Kino ja auch entstand.

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Musik und Pyro-Technik unterstützen die Vorführung von Fritz Langs Filmepos »Metropolis« aus dem Jahr 1925/26    @Maya von Bothmer

Schön ist auch ein Genre-Gegensatz, wenn der Hauptfilm beispielsweise ein Space-Film ist, ist ein sehr poetischer Vorfilm super, bei einer Tragöde nehme ich mindestens einen lustigen Vorfilm. Es ist übrigens viel schwieriger, kurze Filme zu begleiten, weil man exakt auf dem Punkt sein muss. Das hat etwas Virtuoses an sich, das vom Publikum entsprechend honoriert wird. Es gibt auch Infotainment und Musik ohne Film. Dieses Experimentierfeld brauche ich und das ermöglicht mir das Festival in der Passionskirche.

Dort habe ich dich mit »Metropolis« erlebt, in dessen Vorführung du sogar beim großen Untergang ein Feuerwerk eingebaut hast. Ein Erlebnis ohnegleichen, selbst wenn man den Film schon kennt.

Ich liebe die Show auch, das rockt richtig. Ich gehe über den Film hinaus, aber so, dass er nicht untergebuttert wird, sondern unterstützt. Er wird viel größer, tiefer und noch spektakulärer. Weil wir Feuer, Dampf und Explosionen sehr gezielt einsetzen – wie die Musik. Um das Publikum zu locken, benötigt man immer ein paar Saalfüller. Solche Highlights sind Stan-und-Olli-Programm (»Dick und Doof«), »Berlin, Symphonie einer Großstadt« und »Nosferatu«. Begeisterten Menschen kann man dann auch die echten Meisterwerke zeigen.

Du hast »Die kleinen Strolche« von Hal Roach ausgegraben, die kenne ich noch aus früher Jugend aus dem Fernsehen. Wir bist du denn darauf gekommen, du bist doch viel zu jung für diese Serie?

Doch, die habe ich noch im Fernsehen gesehen! Mit meinen Kindern habe ich die Filme an Sonntagen angesehen und sie entscheiden lassen, welche drei Folgen in mein Programm aufgenommen werden sollen. Das Programm wurde also von Kindern entschieden!

50 Jahre Mondlandung als Stummfilm-Programm

3 FrauimMond Bothmer @ Birgit Meixner Deutsche Kinemathek

Fritz Lang schuf 1928/29 den Science-Fiction-Stummfilm »Frau im Mond«   @Birgit Meixner/Deutsche Kinemathek

Dein nächstes Programm steht unter dem Titel »50 Jahre Mondlandung«.

Es geht um Space und Science-Fiction. Ich habe sechs Science-Fiction Filme im Programm. »Metropolis« ist ja auch ein Science-Fiction-Film. Dazu gibt es aber auch weiterhin die bewährten Rubriken: Komödien und Berlin-Filme.

Der russische Kult-Klassiker »Aelita« ist auch dabei. Die Romanvorlage von Alexej Tolstoi hatte bereits im Jahr 1922 in der jungen Sowjetrepublik Furore gemacht. Zwei Jahre später kam dann die Verfilmung in die Kinos.

Genau. Ich behaupte sogar, dass dieser Roman die russische Affinität zum Weltraum entscheidend mit beeinflusst hat. Der russische Vorsprung in der Weltraumforschung hat ja dann die Amerikaner überhaupt erst dazu bewogen, auf den Mond zu fliegen. Diese Filme sind also ein bisschen mit Ursache für die Mondlandung!

Dann gibt es »Algol«, einen deutschen Spielfilm aus dem Jahre 1920 von Hans Werckmeister.

Darin spielt der geniale Emil Jannings einen Grubenarbeiter, der von einem Außerirdischen vom Planeten Algol den Bauplan einer Maschine bekommt, die dessen unerschöpfliche Energie anzapft und ihn damit zum übermächtigen Menschen macht.

Richard Wagners »Rheingold«-Thema: Der Ring der Macht!

Stimmt. Das ist, wie bei den Rheintöchtern, auch ein wenig erotisch konnotiert, insgesamt ein großartiger Film. Ein Vorläufer von »Metropolis«, er geht aber in eine etwas andere Richtung. Der Protagonist möchte eigentlich, dass niemand mehr so hart im Bergbau für sein Brot arbeiten muss und sozialisiert die Hälfte seiner Erlöse. Aber er bringt die anderen Staaten in Abhängigkeit und stürzt die Welt ins Unglück, erkennt dies jedoch erst, als seine Frau bei einem Maschinenunglück ums Leben kommt. Auf eine gewisse Weise führt dieser Film den Glauben, den wir ja heute immer noch haben, dass man allein durch technischen Fortschritt beispielsweise die Erderwärmung verhindern könnte, ad absurdum. Wir müssen vor allem unser Handeln ändern.

Bothmer im RBB 01 2019 01 08

Gefragter Studiogast: Stummfilm-Pianist Stephan von Bothmer im RBB ©Ruprecht Frieling

»Das Wunder der Schöpfung« hattest du vorhin schon erwähnt.

In dem Film geht es darum, die Wunder der Schöpfung der Erde und des Weltalls zu zeigen. Es ist ähnlich wie eine Vorführung im Planetarium, mit Kapiteln über die Erde, das Sonnensystem und den tieferen Weltraum.

Dazu fällt mir spontan Gustav Holst mit seiner Planeten-Sinfonie ein. Baust du seine Musik ein oder zitierst sie?

Holst ist der Vater der Filmmusik, seine Suite entstand 1914. Hört man heute die Filmmusik zu »Star Wars«, dann wird man an ihn erinnert. Speziell gehe ich auf ihn aber nicht ein.

Das »Wunder der Schöpfung«

Das »Wunder der Schöpfung« ist eigentlich eher populärwissenschaftlich angelegt, ursprünglich ein Lehrfilm.

Die hochästhetischen Animationen sind heute noch spektakulär. Der Film ist in sechs Abschnitte aufgeteilt und endet mit der Relativitätstheorie. Es ist das erste Mal, dass Einsteins damals noch sehr junge Theorie im Film vorkommt. Der Zuschauer erlebt eine fiktive Reise in Lichtgeschwindigkeit und die damit verbundenen merkwürdigen physikalischen Phänomene.

Aber wie löst du die Darstellung der Relativitätstheorie musikalisch?

Das habe ich schon mal gelöst und zwar habe ich in der Sternwarte Treptow gespielt. Die haben das größte Teleskop Europas und auf der Bühne in dieser Sternwarte hat Einstein seine Relativitätstheorie vorgestellt. Exakt 100 Jahre später habe ich auf eben genau derselben Bühne diesen wunderbaren Film präsentiert dürfen. Musikalisch ist es eine Art wundersame Klangzauberei, mit der ich versuche, meine Zuschauer in den Film hinein zu saugen.

Das gelingt dir ausgezeichnet, und ich vermute, das spürst du auch, wenn du in die Tasten haust.

Stimmt. Ich habe mal einen Marathon veranstaltet und 30 Stunden lang Stummfilme gezeigt. Das habe ich kräftemäßig nur durchgehalten, weil ich unglaublich viel positive Energie von Publikum bekam. Danach kann man regelrecht süchtig werden.

Der manische Graf! – Gibt es eigentlich so etwas wie eine »richtige« Filmmusik?

Bei »Algol« beispielsweise kann ich das schwere Stampfen der Maschine auf dem Klavier darstellen und die Macht der Technik hörbar machen. Wenn es gut läuft, kann das Publikum im übertragenen Sinne das Schmieröl riechen. Ich kann aber auch ein kleines Thema leise in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber dieser gigantischen Maschine. Beides sagt dasselbe aus: die übermächtige Kraft der Maschine, die Faszination, das Bezwingen der Naturgewalten, den menschlichen Größenwahn und das hilflose Staunen des Betrachters – aber auf vollkommen gegensätzliche Weise. Welche der beiden Musiken besser ist, ist überhaupt nicht klar! Das hängt doch vom Publikum und auch von mir selbst ab, oder nicht?

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Stephan Graf von Bothmer spielt seine Space-Symphonie auf der Orgel   @FILMZ / NASA

Dazu braucht es künstlerische Intuition …

Meine Kompositionen sind wie Netze, mit Abzweigungen und verschiedenen Optionen. Welche Musik ich zu den jeweiligen Szenen spiele, entscheide ich jeden Abend neu. Dazu versuche ich intuitiv zu erspüren, wie das Publikum tickt. Schüler wollen tendenziell eher das Stampfen der Maschine hören, die wollen soundmäßig weggeblasen werden, ältere Semester mögen die komplexere Darstellung. Das entscheide ich vom Energiefeld des Publikums. Ich kann auch wechseln: erst die mechanische Kraft und dann eine musikalische Metamorphose in die Emotionalität. Entscheidend ist, das Publikum mitzunehmen. Diese Herausforderung macht mir riesig Spaß. Ich kann zur genannten Szene auch ein Vogelmotiv spielen, also etwas, das der Zuschauer überhaupt nicht sieht. Unterbewusst nimmt das Publikum über die Musik wahr: die industrielle Revolution verdrängt die Natur. Diese politische Erkenntnis steckt ja auch im Film! Man muss sie nur freilegen.

Auch in »Metropolis« mündet die ohnmächtige Wut der Menschen in einer gewissen Maschinenstürmerei nach der Devise, zerhacken wir die Maschine, ist das Problem gelöst.

Ähnlich ist es mit den heutigen Globalisierungsängsten. So glauben wir, wenn wir Atomkraftwerke abschalten, die EU zertreten oder TTIP blockieren, ist das Problem weg. Ist es aber nicht. Das ist in diesem alten Film alles schon vorhanden, die Musik macht es wieder lebendig.

Musik hat suggestive Kraft

Mit deiner Musik kannst du enorm suggestiv arbeiten und Doppelbotschaften schicken, denn Musik wird sehr viel tiefer aufgenommen als das Bild und läuft über unser Bauchhirn. Du hast also stets die Möglichkeit, zweisprachig zu arbeiten.

Mehr noch: Ich kann mit den Händen zwei unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Oder mit jedem Finger …

Ein Element deiner Kunst, Subbotschaften zu senden und zu steuern, ohne Untertitel zu benötigen?

Derzeit versuche ich ein Experiment, dass ich im Vorprogramm zeige. Es handelt sich um ganz verrückte, schnell geschnittene Aufnahmen: Ein Mensch fährt im Taxi durch New York, draußen sind absurde Szenen von verrückten Leuten. Mit meiner Musik kann ich den Eindruck erwecken, draußen tobe der Wahnsinn, das Unrecht, vielleicht ist es Gotham City. Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise: Spiele ich eine eher romantische Musik mit einer bestimmten Melancholie liegt plötzlich das Augenmerk des Zuschauers nicht mehr auf der Stadt, sondern auf dem Fahrgast, auf dem Menschen. Für meine Zuschauer kommt jetzt ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause, in die Stadt, die er so liebt, mit allen ihren Verrücktheiten. Ich habe manchmal den Eindruck, mit der Musik Texte übermitteln zu können.

Das hat was von Zauberei …

Filmmusik ist nicht nur eine Verstärkung von Gefühlen, es ist eben auch der Subtext, der unterlegt ist, die Begründung, warum das jetzt in diesem Moment so geschieht.

Plakat von Bothmer Festival

Plakat für das Stummfilm-Festival in der Berliner Passionskirche

Noch mal zurück zu dem geplanten Festival. Das läuft bis März 2019 mit 21 Aufführungen in der Kreuzberger Passionskirche?

Ganz genau! Und wir freuen uns riesig darauf. Die besten Komödien, die schönsten Berlinfilme, die abgefahrensten Space- und Science-Fiction-Filme. Und noch einige Specials, die über den Stummfilm hinausgehen.

Da scheint ein Workaholic am Werk zu sein. Du machst ja eigentlich auch alles so gut wie allein von der Vorbereitung über das Marketing bis zur Durchführung.

Ja, das ist ein Problem. Ich bin kein gelernter Unternehmer und habe in den vergangenen Jahren auch viel falsch gemacht. Da ich im Herzen Lehrer bin, habe ich in Praktikanten viel Energie gesteckt und heimlich gehofft, dass sie vielleicht bleiben. Die zogen aber weiter, und die ganze Geschichte hat eigentlich mehr Energie gekostet als Nutzen gebracht. Das habe ich aber erst sehr spät gemerkt. Dann habe ich eine Zeit lang ganz alleine gearbeitet, da bin ich fast umgefallen. Vor einem Jahr habe ich eine Mitarbeiterin eingestellt, es ist wunderbar! Aber es fällt mir auch schwer, zu delegieren, das Projekt ist sehr auf mich zugeschnitten und jede Show ist anders, mit anderen Problemen, die einfach die 20 Jahre Erfahrung erfordern.

Wie lautet eigentlich deine Berufsbezeichnung? Filmpianist? Stummfilmpianist?

Viele bezeichnen mich als Stummfilmpianist. Ich nenne mich Pianist und Komponist und lass das lieber offen. Ich mache ja auch anderes.

Was ist die herausragende Fähigkeit eines Stummfilmpianisten, also dein USP? Wie weit unterscheidest du dich von einem Konzertpianisten oder einem Organisten?

Das ist natürlich genau reingepiekt! Meine Technik, einen Film zu vertonen, unterscheidet sich von jedem anderen, weil ich nach einem anderen Grundprinzip arbeite. Ich nenne es, den Zuhörer in den Film hinein zu saugen. Das führt zu einer vollständig anderen Haltung. Als klassischer Pianist muss ich mein Stück spielen, egal was das Publikum tut. Wenn einer rausgeht, darf ich mich nicht durcheinanderbringen lassen. Ich hingegen höre die ganze Zeit auf das Publikum und reagiere, denn letztendlich übersetze ich den Film für meine Zuschauer. Ich spüre sehr schnell anhand der Publikumsreaktionen, ob ich sie packe. Im Gegensatz zu jedem anderen Filmkomponisten vertone ich einen Film nicht einmal, sondern bin jeden Abend auf der Bühne präsent und kann entsprechend die Musik variieren und weiterentwickeln. Für jede Szene habe ich fünf bis sechs Varianten, zwischen denen ich blitzschnell wechseln kann. Diese Möglichkeit hat ein klassischer Filmkomponist nicht. Es ist also nicht das Abspielen eines Stückes, es ist ein Kommunikationsvorgang. Zwischen Menschen. Es ist eine spontane Sache von Millisekunden.

Graf von Bothmer: Komponist, Pianist und Filmmusiker

Du bist Komponist, Pianist und Filmmusiker …

… das sind im Grunde drei verschiedene Tätigkeiten. Als Komponist muss ich die bewegten Bilder umsetzen können. Als Pianist muss ich es spielen können. Aber der Chef ist immer der Filmmusiker, der die Entscheidung trifft, wo die Reise hingeht.

Alles, was du spielst ist durchkomponiert?

Es ist wohl überlegt, sekundengenau, aber ich variiere es ständig. Beispiel: Stan und Olli. Es gibt diesen Running Gag, wo sich die beiden ihre Hüte falsch herum aufsetzen, also Stan setzt sich Ollis zu großen Hut auf und Olli Stans zu kleinen. Bei diesem Gag lachen die Leute immer, nur an einer Stelle lachen sie nicht. Man könnte vermuten, dass den beiden diese Szene nicht gelungen ist. Ich habe mir aber gedacht, dass ich es sein könnte, der etwas nicht richtig verstanden hat. Tatsächlich wird in der Szene davor, das Herunterfallen der Hüte durch eine Parallel-Handlung überlagert. Man übersieht das leicht. Also habe ich das Herunterfallen musikalisch unterstrichen. Man kann dann gar nicht woandershin schauen. Und siehe da: Beim Hut-Vertausch-Gag lachen alle! Welche Töne ich da genau spiele ist nicht so wichtig. Man muss die Mechanik des Gags verstehen! Die Entscheidung, das Herunterfallen zu unterstreichen ist zentral. Auf der zweiten Ebene kann ich jetzt den konkreten Tönen heute diese und morgen jene Färbung geben. Aber auf die Millisekunde präzise. Manchmal entscheide ich mich auch dafür, den Gag zu opfern und dafür eben diese Parallelhandlung wirken zu lassen. Beides geht.

Manchmal atme ich genau so wie die Darsteller, dadurch entsteht eine ganz besondere Nähe. Jeden Abend sitze ich vor der Tastatur und probiere etwas Neues aus. Und ich arbeite oft mit Archetypen. Diese Technik ist anstrengend, aber vielleicht mein Alleinstellungsmerkmal.

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Auf einer Wellenlänge: Ruprecht Frieling und Stephan von Bothmer   ©Ruprecht Frieling

Neben der Filmmusikshow arbeitest du an einer Orgel-Space-Sinfonie.

Die Filmmusik-Show ist eine Entertainment-Show in der ich hinter die Kulissen blicken lasse und einige Geheimnisse der Filmmusik enttarne. Gerade schreibe ich an einem großen Werk für Orgel. Das geht ein wenig in die Richtung Deep Purple, Pink Floyd, Cream, Tangerine Dream – aber ohne direkte Zitate.

Psychedelische Musik …

Eben, und auf der Leinwand laufen Wahnsinns-Space-Visuals, aber keine Filme die ich vertone. Entscheidend ist dieses Mal die Musik. Ich spiele auf eine ganz andere Weise, ich denke, so haben die Wenigsten schon eine Orgel gehört. Soll ich dir ein Geheimnis verraten?

Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen

Immer raus mit den Geheimnissen!

Eigentlich kann ich gar nicht Orgel spielen. Ich habe keine einzige Orgelstunde in meinem Leben gehabt und gehe eher wie ein Kind an das gewaltige Instrument. Hier mal ziehen, da mal drücken, mich wegpusten lassen … Und plötzlich spiele ich im Königsberger Dom oder eröffne das 3. Internationale Orgelfestival in Kasachstan. Etwas Ähnliches mache ich auch am Klavier. Das war eigentlich eine Idee aus dem Publikum. Bei meiner »Piano Space Rhapsody« benutze ich auch Effekte, wie man sie von E-Gitarren kennt und moderne Loops.

Auf ein weiteres Special freue ich mich übrigens besonderes. Ich habe ein Programm mit den Pantomimen Bodecker und Neander erarbeitet. Die beiden sind fantastisch! Beide haben bei der Pantomime-Legende Marcel Marecau studiert. Ich vertone ihre Stücke, wir schaukeln uns gegenseitig richtig hoch. Es wird ein Fest!

Weitere Informationen: https://www.stummfilmkonzerte.de

Lesen Sie hier über ein gemeinsames Projekt von Graf Bothmer und Prinz Rupi.

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