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Gustavo Dudamel lässt die Wiener Philharmoniker tanzen

Juni 27, 2013
by Ruprecht Frieling
Gustavo Dudamel, Ruprecht Frieling, Wiener Philhamoniker
5 Comments

Es mag nebensächlich sein: Doch wenn ich eine CD auspacke und mir als erstes eine ganzseitige Anzeigenseite der Luxusmarke »Rolex« ins Auge springt, reagiere ich voreingenommen. Mir ist klar, dass Sponsoren wichtig sind, in diesem Fall stellt sich die Schönbrunner Veranstaltung damit in das Licht derjenigen, die ihren Wohlstand gern zeigen, und das wird möglicherweise einem Teil des Wiener Publikums gerecht – der dargebotenen Kunst indes eher weniger.

Denn Gustavo Dudamel, dessen herausragendes Talent als Nachwuchsdirigent diese CD qualitativ bestimmt, steht gerade dafür ein, mit den Ärmsten der Armen zu musizieren und sein eigenes Orchester quasi aus dem Staub der Straße entwickelt zu haben. Insofern stehen Dudamel und Rolex für die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich, die sich auch in der Musik spiegelt.

Dieser Einwand soll nun keinesfalls an den verdienten fünf Sternen der Produktion kratzen. Denn musikalisch bieten die Wiener Philharmoniker unter Dudamels Stabführung Hörgenuss der Spitzenklasse. Die spritzig einleitende Polonaise aus der Oper »Eugen Onegin« passt übrigens ausgezeichnet zur Zielgruppe des erwähnten Sponsors, denn Komponist Tschaikowsky spricht mit seinem Werk direkt Aristokraten und Gutsbesitzer an. Das ändert sich aber bereits bei Mussorgsky und Borodin, hier wird bereits eine wesentlich größere gesellschaftliche Spannbreite hörbar. So handelt Mussorgskys mysteriös-orientalischer »Tanz der persischen Sklavinnen« aus seinem unvollendeten Musikdrama »Chowanschtschina« vom Auftritt der Tänzerinnen, die damit Titelheld Oberst Chowansky betören, bevor dieser ermordet wird.

Neben den melancholisch-wild tanzenden Russen kommen Richard Strauss´ »Tanz der Sieben Schleier« aus »Salome«, Amilcare Ponchielles berühmter »Tanz der Stunden« aus »La Gioconda« und als Zugabe eine Zarzuela, Jerónimo Giménez »Intermezzo« aus »La boda de Luis Alonso«, in dem Konzert zu Gehör. Den eigentlichen musikalischen Höhepunkt des Programms bildet jedoch Claude Debussys Opus »La Mer«.

Mit Debussy feierte die Musikwelt 2012 den 150. Geburtstag eines wichtigen Wegbereiters der Moderne. Mit seinen als »La Mer« 1905 (übrigens zufällig das Rolex-Gründungsjahr) zusammengefassten drei symphonischen Skizzen für Orchester schuf der Franzose eine von akademischen Regeln und Lehren befreite Musik, die dem »ewigen Rhythmus« von Wellen, Wind und Natur gehorchte und es dem Orchester wie der Zuhörerschaft nicht ganz leicht macht.

Unter Dudamel werden die Stücke zu einem furiosen Tanz durch die Musik des ausklingenden 19. Jahrhunderts aufbereitet. Mal wird wild und gefühlsbetont getanzt, dann geht es wiederum lasziv und verführerisch zu, und schließlich löst sich alles in einem einzigen Rausch der Klänge auf.

Dances and Waves
Wiener Philharmoniker
Gustavo Dudamel
Summer Night Concert Schönbrunn 2012

http://www.amazon.de/gp/product/B007TSPQDC

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Gustavo Dudamel: Fiesta

September 09, 2008
by Ruprecht Frieling
Gustavo Dudamel, wilhelm ruprecht frieling
11 Comments

Klassik mit Schmiss: Mambo von Leonard Bernstein (1918-1990) aus dem Musical West Side Story

Wird ein erst 27 Jahre junger Dirigent von der Großen der Szene wie Sir Simon Rattle, Claudio Abbado und Daniel Barenboim in den höchsten Tönen gelobt und zur Mitarbeit gebeten, dann scheint ein Stern am Klassikhimmel aufzugehen. Und wer Gustavo Dudamel live erlebt, der spürt das ungeheure Temperament, das dieser venezoelanische Musiker versprüht.

In einem Konzert in der Berliner Philharmonie erbrachte Dudamel soeben erneut den Beweis, dass klassische Musik Spaß machen kann und deutliche Spuren im Zuhörer hinterlässt. Seine fast 200 Musiker, das Simón Bolívar Orchestra of Venezuela, spielen mit derartig erkennbar großer Freude und Hingabe, dass der Zuhörer gebannt den Atem anhält.

Dabei sind es durchaus schwierige Stücke, die der blutjunge Maestro in Berlin präsentierte: Strawinskys Skandalstück, die Ballettmusik »Le sacre du printemps«, wird in Dudamels Händen zu einem Feuerwerk, das im Tempo einer heran brausenden Elefantenherde in den Himmel steigt. Schon vom ersten Ton des extrem hohen Fagottsolos an erschließt der Dirigent dem Zuhörer die zum Bereich der Moderne zählende Musik.

Auch bei Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 e-moll hält er sein riesenhaftes Orchester präzis in Zaum. Dabei steht die Spielfreude jedem einzelnen Mitwirkenden im Gesicht geschrieben. Endgültig explodiert die musikalische Leidenschaft aber bei den Zugaben, und dazu zählt Leonard Bernsteins Mambo aus »West Side Story«. Außer Rand und Band (und dennoch präzis bis in i-Tüpfelchen) wirbeln die Streicher ihre Instrumente durch die Luft, hüpfen die Bläser auf und nieder, jonglieren die Schlagwerker mit den Stöcken, bis schließlich alle von den Stühlen springen, sich spielend um die eigenen Achsen drehen und lachend umher laufen.

Die »Deutsche Grammophon«, bei der Dudamel unter Vertrag steht, hat jetzt eine neue CD unter dem Titel »Fiesta« vorgelegt, bei der das Schwergewicht auf lateinamerikanischen Stücken liegt. Für Dudamel ist der Schritt zwischen Beethoven und den Komponisten seiner Heimat kaum größer als ein Tanzschritt. »Ich begann schon zu tanzen, als ich noch ganz klein war«, berichtet der 27jährige, »Tanzen gehört einfach zu unserer Kultur – es liegt uns im Blut.«

Wer sich die Schönheit lateinamerikanischer Klassik erschließen möchte, ist mit der CD gut beraten. Die Aufnahme ist wie eine Party, wie eine Fiesta, und sie sprüht vor Energie und Bewegung.

showimg

Gustavo Dudamel »Fiesta«
Simón Bolívar Orchestra of Venezuela
Werke von Bernstein, Carreño, Castellanos, Estévez, Ginastera, Márquez, Revueltas, Romero
Deutsche Grammophon 2008

Danza final (Malambo) von Alberto Ginastera (1916–1983) findet sich ebenfalls auf der CD

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