
Truman Capote im Jahre 1959
Photo: Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA
Am 30. September 1924 wurde in New Orleans einer der außergewöhnlichsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts geboren: Truman Capote
Er habe »für einen drittklassigen Politiker Reden geschrieben, sei auf einem Vergnügungsdampfer als Tänzer aufgetreten, habe mit der Glasmalerei von Blumen ein kleines Vermögen verdient, für eine Filmgesellschaft Drehbücher gelesen, bei einer berühmten Dame Wahrsagerei gelernt, beim `New Yorker´ gearbeitet und für ein Ratgeber-Magazin Anekdoten ausgewählt«, behauptete Truman Capote im Klappentext seines ersten Buches »Andere Stimmen, andere Räume«. Doch davon stimmte nur ein verschwindender Bruchteil.
Der bis zur Zerbrechlichkeit kleine und feine Mann mit dem jungenhaften Aussehen und der magnetischen Anziehungskraft auf das eigene Geschlecht war nicht nur ein begnadeter Erzähler, er konnte auch ausgezeichnet Geschichten erfinden. Dabei ging er stets mit klaren Vorstellungen über seine künftigen Buchproduktionen schwanger.
Paul Bowles, seinerzeit ein ganz Großer der amerikanischen Literaturkritiker, traf ihn 1949 in Tanger und schrieb über die Begegnung: »Eines Tages weihte uns Truman in seine literarischen Pläne für die nächsten zwei Jahrzehnte (!) ein … Die Werke, die er uns schilderte, erschienen jedoch in den folgenden Jahren tatsächlich nacheinander. Sie waren schon damals alle in seinem Kopf vorhanden wie kleine Krokodile, die darauf warten, ausgebrütet zu werden.«
Damals arbeitete Truman an »Summer Crossing« und Reiseberichten, die später unter dem Titel »Lokalkolorit« erschienen. Er schrieb diszipliniert vom Morgen bis zum frühen Abend, um am Abend auf Partys und Gesellschaften zu entspannen.
Dort trat er stets erstklassig gekleidet auf mit dem Wahrzeichen des Intellektuellen von der anderen Seite des Atlantiks, der Blue Jeans, einem grauen Tweed-Sakko über einem tonfarbenen Pullover sowie einem himbeerroten Schal, der seine Blässe akzentuierte. In Frankreich erfand er weitere Details für seine offizielle Biografie, die er mit süßer Robbenbaby-Stimme verkündete: Seine Vorväter seien Spanier, er selbst entstamme einer Weberfamilie aus Louisiana.
Zeitgenossen betrachteten den Kobold, der stets für enormes Aufsehen und gute Laune sorgte, wie ein rührend niedliches Äffchen. Seine spektakulären Auftritte aber auch enge Freundschaften mit Charly Chaplin und Tennessee Williams förderten seinen Bekanntheitsgrad und trugen neben seinem schriftstellerischen Talent wesentlich zu seinem großen Erfolg bei. Einen »Liebling der Götter« hatte ihn einer seiner Freunde genannt, und als junger Mann war Capote tatsächlich mit Glück und Lebensfreude gesegnet.
Obwohl er als Autor stets sehr genau wusste, was er schreiben und erreichen wollte, war Trumans Charakter zerrissen. Er zog jahrelang umher auf der Suche nach dem optimalen Platz, um zu arbeiten. In New York sehnte er sich nach Europa, in Paris nach Sizilien, in Italien nach Nordafrika und dort wieder nach New York. Sein Leben in Manhattan empfand er als Spannungsfeld einer Glühbirne. Zwar stand er täglich in den Klatschspalten, er konnte sich aber nur eine Miniwohnung mit Außentoilette leisten und die enorme Beachtung, die ihm zuteil wurde, war dem Regelmäßigkeit verlangenden Schreibprozess abträglich. So war er ständig unterwegs und fand unter anderem in Taormina befristet Ruhe.
Als literarischer Gegenentwurf zu »Andere Stimmen, andere Räume«, erschien »Die Grasharfe«, die den sonnigen, lustigen Truman Capote spiegelte. 13.500 Exemplare wurden abgesetzt, das war das Dreifache von »Lokalkolorit«. Viel verdienen ließ sich mit derartigen Auflagen nicht, und so unterschieb er einen Vertrag, sein Stück in ein Broadway-Theaterstück umzuarbeiten, das jedoch mit nur 36 Vorstellungen floppte.
Trotz des Misserfolges steckte ihn die Bühnenluft an. Er ließ sich überreden, seine Erzählung »Ein Haus aus Blumen«, ein anrührendes Stück über ein Bordell in Haiti, in ein Theaterstück umzuschreiben. Zusätzlich begann er mit dem Verfassen von Drehbüchern und geriet an John Houston und Humphrey Bogart, die ihn beauftragten, das Drehbuch für »Schach dem Teufel« zu verfassen. Der komödiantische Streifen mit Bogart und Gina Lollobrigida wurde von der Kritik als »Screwball-Klassiker« gefeiert.
Das Buch, das förmlich aus ihm herausströmte wie ein gutes Lied, hieß »Die Musen sprechen«. Humoristisch thematisiert die Reise eine Tournee amerikanischer Künstler, die »Porgy and Bess« in Moskau aufführten. Es war »das einzige Werk von mir, von dem ich ehrlich sagen kann, dass es mir Spaß gemacht hat, es zu schreiben, eine Tätigkeit, die ich nur selten mit Vergnügen assoziiere«, meinte Capote dazu.
Nach einem Bombenerfolg mit »Frühstück bei Tiffany´s«, das später mit Audrey Hepburn verfilmt wurde begann Truman, sich der Tatsachenliteratur zuzuwenden. Er empfand die Belletristik als Sackgasse und fühlte sich von Fakten fasziniert.
Am 16. November 1959 fand der exaltierte Schriftsteller mit der Piepsstimme auf Seite 39 der »New York Times« eine einspaltige Meldung: »Reicher Farmer und drei Angehörige ermordet«. Das Thema sollte ihn jahrelang in Atem halten, zumal er ein nahezu intimes Verhältnis zu den Tätern aufbaute, das ihm half, ihr Seelenleben zu sezieren.
Die dürren Zeilen der Meldung veränderten das Leben des Schriftstellers. In jahrelanger Kleinarbeit entstand »In Cold Blood« (deutsch »Kaltblütig«), eine der einfühlsamsten Kriminalreportagen der Weltliteratur. Die Entstehung dieses Meisterwerks wurde dadurch begünstigt, dass Truman Capote ein nahezu intimes Verhältnis zu den beiden später überführten und zum Tode verurteilten Tätern aufbaute, das ihm half, neben der Tat, ihrem Ablauf und der Wirkung auf den Ort des Geschehens das Seelenleben der Mörder zu sezieren.
Möglich wurde der Tatsachenroman durch Trumans Zähigkeit wie durch sein phänomenales Gedächtnis. Sein Biograph Gerald Clarke beschreibt das so: »Es war seine Überzeugung, dass der Anblick eines Notizbuchs oder, noch schlimmer, eines Tonbandgeräts die Offenheit hemmt. Nur in scheinbar beiläufigen Gesprächen seien die Leute bereit, sich zu offenbaren, behauptete er. Wenn sie keine Feder und keinen Bleistift auf ein Papier kritzeln sähen, könnten sie auch nicht glauben, dass ihre Worte festgehalten würden.«
Mit dieser Methode hatte Capote zuvor eine Nacht lang Schauspielerlegende Marlon Brando interviewt, und ihm dabei Geständnisse entlockt, den die spätere Veröffentlichung zur Sensation werden ließ. Er schlief mit Errol Flynn, tratschte mit Marylin Monroe und Jackie Kennedy und war eigentlich immer dort zu finden, wo die »oberen Zehntausend« verkehrten.
Gleichzeitig begründete er das Genre des »New Journalism«, einen extrem subjektiv geprägter Reportagestil, der gern Randfiguren zu Hauptdarstellern macht und Themen aus einem völlig unerwarteten Gesichtswinkel beleuchtet. Zu diesem Stil bekannten sich Autoren wie Norman Mailer, Gay Talese, Hunter S. Thompson und Tom Wolfe. Capotes Werk trug schließlich maßgeblich dazu bei, in der amerikanischen Rechtsprechung psychologische Gutachten zuzulassen und das Vorleben wie die Sozialisation von Tätern mit einzubeziehen.
Der Erfolg der Veröffentlichung beflügelte Capotes monströses Ego. Seine Arbeit war großartig, sein Denken scharf, seine Merkfähigkeit bis ins kleinste Detail legendär, seine Auftritte brillant. »Ich bin etwa so groß wie eine Schrotflinte – und genauso laut«, diktierte er einem Klatschreporter.
Nach »Kaltblütig« war die inzwischen 45-jährige »kreischende Tunte« allerdings weitgehend ausgebrannt. Capote wurde zum Opfer seiner inneren Stimmen, die ihn immer wieder tief hinab zogen. Alkohol und Drogen, Nervenzusammenbrüche, Depressionen und Gefängnisaufenthalte bestimmten künftig sein Leben.
Er veröffentlichte noch gezielte Indiskretionen aus der High Society, die zum Selbstmord der von ihm bloßgestellten Millionärswitwe Ann Woodward führte. Doch sein Stern sank unaufhaltsam, und die Schickeria, deren liebstes Kind er einst war, mied ihn.
Truman Capote hatte ungemein viele Facetten. Sein Wirken und Einfluss als öffentliche Figur reichte bis in die 70-er Jahre. Einsam und verlassen starb der homosexuelle Südstaatenspross am 25. August 1984 in Los Angeles kurz vor seinem 60. Geburtstag an einer Überdosis Tabletten.
Truman Capote verzichtete bewusst auf die üblichen Reporterutensilien wie Tonband oder Diktiergerät, er nutzte nicht einmal Stift und Papier bei seinen Interviews. Der Autor setzte lediglich sein Hirn als Speichermedium ein, weil er der Überzeugung war, nur so eine natürliche Beziehung zwischen den Interviewpartnern (dem nervösen Kolibri und dem Vogelfänger, wie er es nannte) herstellen zu können. Die Ergebnisse dieser Arbeitsmethode lässt sich jetzt in geballter Form in seinen gesammelten Reportagen und Porträts nachlesen, und ich gestehe neidlos: Capotes Texte sind gnadenlos gut.
Eingeleitet wird der voluminöse Band nicht-fiktionaler Texte von Capotes umfangreichem Konversationsporträt des exzentrischen Schauspielers Marlon Brando, den er in einem Hotel in Kyoto während der Dreharbeiten zum Liebesmelodram »Sayonara« besuchte. Er schildert den Charakterdarsteller als »Fürst in seinem Reich« und nutzt Brando zugleich als Versuchskaninchen, um eine neue Art des journalistischen Schreibens auszuloten.
Capotes Ansatz lautete, eine Reportage ebenso anspruchsvoll zu schreiben wie jede andere Art Prosa, sei es Essay, Kurzgeschichte oder Roman. Im Erscheinungsjahr 1956 war das ein Wagnis, und Capote schildert den Ausgangspunkt seiner Überlegungen: »Was ist die niederste Stufe des Journalismus? Anders gefragt, welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Geld machen? Antwort, ganz klar: Interviews mit Hollywood-Stars, dieses unerträgliche Promi-Gelaber. So etwas zur Kunst zu erheben, wäre eine echte Aufgabe.«
Capote gelang mehr als das: seine journalistischen Texte lesen sich wie Literatur und wurden zu einer eigenen Kunstform. Seine Reportagen und Porträts sind Kampfansagen an eine zunehmend unverständliche Sprache der so genannten Hochliteratur, die sich auf rein formale Spielereien und auf die Vernachlässigung der Alltagsstoffe kapriziert. »Schlicht sollen sie sein, meine Sätze, und klar wie ein Gebirgsbach«, lautete sein sprachliches Credo, während er bei seinem Stil besonderen Wert legte auf die Gestaltung »statischer« Textteile, mit denen er seinen jeweiligen Gesprächspartner und die Stimmung des Interviews herausarbeitete.
Eine gewalttätig knisternde Spannung liegt auf seinem Gespräch mit Robert Beausoleil, einem Dauergast im Hochsicherheitstrakt von San Quentin in Kalifornien. Der Leser spürt unmittelbar den mörderischen Atem der wohl schillerndsten Gestalt aus der Charles-Manson-Sekte, der sich im Gefängnis zum Anführer der faschistischen »Arischen Bruderschaft« erhob.
Ganz anders und nahezu beschwingt schilderte Capote das Tagewerk der Mary Sanchez. Er begleitet die Putzfrau auf ihren Einsatzorten in New York und erfährt dabei enorm viel über sie wie über die Bewohner der Appartements, die sie putzt. Sanchez erträgt ihre Arbeit als Putzteufel, indem sie immer wieder zu einer kleinen Blechschachtel greift, in der sich eine Ansammlung von Jointkippen befindet. Irgendwann gelingt es ihr, Capote zum Mitrauchen zu animieren und darauf bekommt die Story einen wundervoll leichten, geradezu bekifften Touch.
In »Versteckte Gärten« wiederum beschäftigt sich Capote in einer Art Selbstgespräch mit seiner Heimatstadt New Orleans. Dazu setzt er sich an einem prachtvollen Frühlingstag in einen uralt gewachsenen Park und reflektiert, was er dort sieht und erlebt. In einem der Gespräche, die der Wind an sein Ohr trägt, streitet sich ein Zuhälter mit einer Frau, die für ihn anschafft, und es wäre kein Text von Capote, wenn die Dame nicht am Schluss der Geschichte wie zufällig vorbei kommt und ihn anspricht.
Wer sich für journalistische Sprache und Stil interessiert, der wird von Capote vorzüglich bedient. Der am 30. September 1924 in New Orleans geborene Autor steht für den »New Journalism«, zu dessen Wegbereitern auch Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Norman Mailer zählen. Sein 1958 veröffentlichtes »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. Capote begründete 1965 mit seinem Welterfolg »Kaltblütig«, der exakten Aufarbeitung eines blutigen Mordes an einer Farmerfamilie, sogar eine neues Genre: den Tatsachenroman. Truman Capote starb am 25. August 1984 in Los Angeles.
Truman Capote
Die Hunde bellen. Reportagen und Porträts
Kein & Aber, Zürich 2008
ISBN 978-3-0369-5163-8
