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König Ubu: Dada, Surrealismus und Pataphysik

September 23, 2010
by Ruprecht Frieling
Alfred Jarry, Dada, Pataphysik, Surrealismus, wilhelm ruprecht frieling
0 Comment

König Ubu
Eine großartige Version von Jarrys Drama „König Ubu“ zeigt das Wandertheater „Ton & Kirschen“ Fotos: © W. R. Frieling

Einer der ältesten Texte, der dem Surrealismus ebenso wie Dada zugeordnet wird, stammt von dem französischen Autor Alfred Jarry und heißt „König Ubu“ (im Original: „Ubu Roi“). Das Drama in fünf Akten wird sowohl gern im Französischunterricht gelesen als auch auf der Bühne von alternativen Theaterensembles aufgeführt und erfreut sich in jüngerer Zeit wachsender Beliebtheit.

Vater Ubu ist ein genusssüchtiger fetter Wanst, der nur an sich und seine heiß geliebte Leberwurst denkt. Der ständig wüst schimpfende Ubu steht aber auch als Metapher für das Monster, das im Menschen steckt. Er verkörpert die Fleisch gewordene Lust am Fressen, Rauben und Morden.

Mit Hilfe seiner Frau, die ihn aufstachelt und mittels einiger Getreuer, denen er Privilegien verspricht, ermordet Ubu den König von Polen, übernimmt die Staatsgewalt und setzt sich selbst die Krone auf. Als König Ubu presst er fortan seine Untertanen aus und lässt dabei alle Widersacher ebenso schnell beseitigen wie die reichen Adligen, deren Besitztümer er sich aneignet.

Die alten Eliten sind ihm zu kostspielig, für das Geld könne man besser Leberwurst konsumieren. Sie enden im Schnellverfahren in der „Enthirnungsmaschine“.

König Ubu will schließlich den russischen Zaren unterwerfen und zieht gegen Moskau. Dabei erweist er sich als feige und ängstlich. Während seine Leute sterben, macht er sich zynisch aus dem Staub und flieht mit seiner Frau und einem Teil der geraubten Schätze nach Frankreich, wo er als „Doktor der Pataphysik“ unterschlüpft.

Autor Alfred Jarry schuf mit dem kritischen Text einen nahezu zeitlosen Kommentar zu gewissenlosen Machtmenschen und Diktatoren, der heute ebenso gültig ist wie vor mehr als 100 Jahren. Vor allem mit Ubus berühmten Schimpftiraden löste er bei der Uraufführung in Paris anno 1896 einen handfesten Theaterskandal aus. Erst viel später sollten Kritiker erkennen, dass dem exzentrisch-genialen Autor ein Wurf gelungen war, der den Beginn des modernen Dramas in Frankreich kennzeichnet.

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Jarrys Text ist von teilweise ätzender Komik und mischt Techniken der burlesk-derben Commedia dell’arte mit intellektueller Sprachkomik. Mit teilweise absurden Pointen assoziiert er Gedanken über die Verführbarkeit des Menschen durch das Ungeheuer, das ein Teil seiner selbst ist und dem er nur allzu gern gehorcht.

Der Autor überzeichnet das Böse und überspannt den Bogen dabei derart, dass Grauen in Gelächter umschlägt. So wird der Schauder zur Groteske, und indem dem Rezipienten keine andere Chance bleibt, als sich lachend zu distanzieren, mag er die Furcht vor dem Wiederaufleben einer Diktatur abbauen, deren zyklisches Auftauchen Jarry lange vor der Ära des Faschismus in der Natur des Individuums festmachte.

Von Alfred Jarry (1873 – 1907) stammt auch der Roman „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll“. Dieses Werk gilt als Gründungsdokument der von dem Autor erfundenen „Pataphysik“, der Wissenschaft von den imaginären Lösungen, die der Blogger Trithemius gern zitiert. In dem Werk wird die abenteuerliche Seereise des „Doktors der Pataphysik“ Faustroll mit einem Gerichtsvollzieher und einem Pavian auf der Seine beschrieben.


Alfred Jarry: König Ubu
Verlag Reclam, Ditzingen 1995
ISBN 978-3150094464
80 Seiten € 2,60

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No Comment
  1. CaptainCook 23. September 2010 at 14:47 Antworten

    Usurpeure, Größenwahnsinnige und „enthirnte“ Staatsbeamte gibt es ja heute zur Genüge. Ein hochaktueller Stoff!

  2. Frieling 23. September 2010 at 16:06 Antworten

    Unsere schöne Welt wird inzwischen von einer ganzen Horde Ubus verwaltet und regiert.

  3. Spieler7 23. September 2010 at 17:18 Antworten

    Klingt, als hätte Brecht bei „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ sich auch davon inspirieren lassen…

  4. Frieling 23. September 2010 at 17:24 Antworten

    Jarry ist klaumaukiger und auch nicht so explizit „politisch“ wie BB, aber da könnte was dran sein. Könnte doch irgend ein Augsburger Bettelstudent seine Diplomarbeit drüber schreiben …

  5. Spieler7 23. September 2010 at 17:52 Antworten

    Wahrscheinlich findet sich wieder keiner und man muss alles selber machen…

  6. Frieling 23. September 2010 at 17:59 Antworten

    Du nimmst die Herausforderung zum Doktorhut an?

  7. Spieler7 23. September 2010 at 18:06 Antworten

    Klar, und wenn es zu lange dauert fahre ich nach Österreich und erwerbe den Hut am Kiosk.

  8. Frieling 23. September 2010 at 18:54 Antworten

    Mein bevorzugtes Fachgeschäft für Doktorhüte hat leider inzwischen dicht gemacht.

  9. Spieler7 23. September 2010 at 19:10 Antworten

    Hoffentlich hast du dich vorher noch eingedeckt!

  10. Frieling 23. September 2010 at 19:12 Antworten

    Eigentlich wollte ich mir ein Torero-Kostüm zulegen, weil doch der blutige Stierkampf endgültig verboten werden soll, aber das war in XXL leider nicht erhältlich (diese Toreros sind allesamt spack und schmal, damit der Stier sie nicht trifft).

  11. Spieler7 23. September 2010 at 19:28 Antworten

    Und ein Stier-Kostüm hatten sie nicht? 😉

  12. Frieling 23. September 2010 at 19:35 Antworten

    Hehehe, du hast heute wohl deinen kecken Tag, weil dss Wochenende in Sicht ist?

  13. Merzmensch 23. September 2010 at 21:35 Antworten

    Ubu Roi hat die Bühne konkret und Literatur allgemein sehr beeinflusst. Aber auch nicht nur: das berühmte Avantgarde-Archiv im Internet voller multimedieller Schätze ist nach ihm benannt: http://www.ubu.com

  14. Frieling 23. September 2010 at 22:18 Antworten

    DANKE für diesen wichtigen Hinweis auf die einzigartige, mit Filmen, Musik, Texten und Bildern gefüllte Schatzkammer!

  15. Schwarzer_Monolith 25. September 2010 at 17:46 Antworten

    Richtig. Weil wir es zulassen. 😉

  16. sarna 25. September 2010 at 18:42 Antworten

    Lupus in fabula. Ein allezeit „brandaktuelles“ Thema. Eine herrliche Rezension Rupi!

  17. Frieling 26. September 2010 at 07:21 Antworten

    Freut mich sehr, dass dir der fette Ubu gefällt, liebe Sarna!

  18. Frieling 26. September 2010 at 09:31 Antworten

    Ein taugliches Gegenmittel habe ich leider noch nicht entdeckt.

  19. tara91 26. September 2010 at 12:21 Antworten

    Dass so ein Stück damals wie heute aktuell und beliebt es, zeigt eben, dass die Menschheit niemals ändern wird. Geschichte wiederholt sich – und aus der Vergangenheit wird einfach nichts gelernt.

    Aber es gibt Hoffnung, wie ich in den Kommentaren las. Künftige Doktoren und wilde Toreros vereinen ihre Kräfte !

  20. Frieling 26. September 2010 at 13:26 Antworten

    … und bekämpfen die Ubus dieser Welt mit handgeschnitzten Zahnstochern!

  21. gummibaer007 28. September 2010 at 08:21 Antworten

    Enthirnungs-Maschine?
    Wird die im Langzeitversuch im Bundestag getestet?
    🙂

  22. Frieling 28. September 2010 at 10:00 Antworten

    Die nimmt bereits den Einstellungstest vor!

  23. gummibaer007 15. Oktober 2010 at 18:32 Antworten

    es trifft also keine unersetzlichen wie uns….
    🙂

  24. Joachim Dams 31. August 2011 at 13:08 Antworten

    Lieber Verleger, hast du denn den Text mal selbst verlegt. Wär doch mal was. Dann würde ich ihn auch von dir kaufen. Überlege nämlich, das Stück in meinem Theaterkurs zu bearbeiten.
    Wird bestimmt auch keine „Schoiße“.
    Lieben Gruß
    Achim Dams

  25. Frieling 31. August 2011 at 15:37 Antworten

    Lieber Achim, wenn Du den ollen Ubu (leider noch nicht rechtefrei) zur Aufführung bringst, erwarte ich eine Einladung zur Premiere!

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