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Berlin Gothic: E-Book-Bestseller mit Lokalkolorit

März 14, 2012
by Ruprecht Frieling
Jonas Winner, Prinz Rupi, Ruprecht Frieling
0 Comment

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Im Prolog seines Berlin-Thrillers setzt Jonas Winner mit drei Blitzlichtaufnahmen auf Horror, Gewalt und Sex: Till Anschütz erwacht in einer Folterkammer und erfährt, umoperiert worden zu sein; Kommissar Konstantin Butz inspiziert den Torso einer Frau, die mit einem Akkubohrer verstümmelt wurde aber noch letzte Lebenszeichen gibt; Fotografin Claire Bentheim lichtet einen blutigen Boxkampf ab und lässt sich danach mit dem Sieger ein.

Während der Autor offen lässt, welchen Torturen Till ausgesetzt ist, inspiziert Kommissar Butz den Fundort der verstümmelten Frau. Er entdeckt einen verborgenen Tunnel in eine unterirdische Welt und wird dabei fast verschüttet. Seine Lebensgefährtin Claire wird derweil von dem liebestollen Boxchampion Frederik bis in ihre Wohnung verfolgt.

Winners eigentliche Geschichte beginnt zwölf Jahre früher: Till flieht aus dem Kinderheim Brakenfelde. Nie wieder will der elternlose Junge dorthin zurück, nachdem sich sein Bruder Armin erhängt hat. Auf seiner Flucht wird er von einem Auto erfasst und begegnet auf diese Weise der Familie Julia und Xaver Bentheim. Deren Kinder Max, Lisa und Claire freunden sich mit dem Flüchtling an und wollen ihm helfen. Sie verstecken ihn im Schuppen des Anwesens ihrer Eltern.

Besonders der strenge Vater, der in einem Gartenhaus Bücher schreibt, reizt die Neugierde Tills. Die Kinder glauben, dass Xaver Bentheim Geschichten schreibt, die nicht nur ausgedacht sind, sondern tatsächlich stattgefunden haben oder sogar immer noch stattfinden. Till belauscht den Schriftsteller nachts bei einer Art Selbstgespräch, in dem dieser einen seltsam-rauschartigen Zustand beschreibt. Doch Bentheim erwischt den heimlichen Zuhörer …

Jonas Winner konstruiert seinen Thriller um Till, Max und Lisa, Xaver und Julia, Butz und Claire in steter Folge von Zeitsprüngen und Rückblenden. Mosaikartig entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers das engmaschige Netz einer spannenden Geschichte, zu der ihm Winner scheinbar unabhängig voneinander baumelnde lose Fäden in die Hand gibt. Diverse Cliffhanger und bisweilen bewusst nebulöse Andeutungen dessen, was die Protagonisten erwartet, geben der Geschichte zusätzliche Würze.

„Berlin Gothic“ ist ein düsterer Krimi mit Lokalkolorit, der den Leser rasch in seinen Bann schlägt. Autor Jonas Winner fand für sein Werk, das er für 99 Cent als E-Book in Amazons Kindle-Shop anbietet, in wenigen Monaten zehntausende Leser. Der stürmische Zugriff der Leser katapultierte ihn auf Spitzenplätze in den Amazon-Bestsellercharts. Das Genre des untergegangen geglaubten Groschenromans feierte neue Triumphe.

Seinen Spitzenplatz wird Winner wohl noch eine ganze Weile halten, denn die Sache hat einen raffinierten Haken: Im spannendesten Augenblick bricht „Berlin Gothic“ ab, und es wird der Erwerb eines weiteren Bandes fällig. Der Autor hat seinen Krimi auf sieben Teile geplant, und das Suchtpotential der Serie ist erheblich. Er schreibt die Fortsetzung, während die Leser schon die ersten Teile lesen können und mit seinen Helden fiebern.

Wie in den guten alten Zeiten der Fortsetzungsromane liefert Winner seinen Thriller häppchenweise. Dabei ist bereits der erste Band derart effektvoll geschrieben, dass man unbedingt wissen will, wie es weiter geht und der Reihe atemlos treu bleibt. Den Leser von „Berlin Gothic“ erwartet indes keine ambitionierte Hochliteratur, es geht um spannende Unterhaltung mit kräftigen Knallern. Diese wird sprachlich durch einen aktiven Stakkato-Stil betont, der das Verständnis von „Gestern“ und „Heute“durch den Wechsel zwischen Präteritum und Präsenz unterstreicht.

Der Autor versteht es, das Kopfkino seiner Leser in Gang anzukurbeln und starke Bilder zu erzeugen. Sicherlich wird es deshalb auch dazu kommen, dass „Berlin Gothic“ verfilmt wird. Denn der Autor schrieb bereits Drehbücher für ARD, ZDF, Sat.1 und RTL und verfügt damit über Erfahrungen, die er in seine Schreibe einfließen ließ.

Zuvor jedoch wurde Jonas Winner von einer ganz anderen Seite unerwartete Anerkennung beschieden: Amazon-Chef Jeff Bezos schickte ihm einen Vertrag für die Übernahme der siebenteiligen Reihe ins Englische. Sein Konzern will den Thriller sowohl weltweit als Elektrobuch wie auch als Papierbuch vermarkten. Damit ist Winner der erste sich selbst verlegende deutschsprachige Autor, der über die E-Book-Schiene so bekannt wurde, dass selbst Amis auf ihn aufmerksam wurden. Bislang war der umgekehrte Weg üblich: US-Autoren werden – so sie sich gut verkauften – ins Deutsche übersetzt und den hiesigen Leservasallen vorgesetzt. Deutsche Autoren galten mehrheitlich als nicht weltmarktgängig …

Wer mehr über Jonas Winner erfahren möchte und seine Erfolgsrezeptur kennen lernen will, der liest mein E-Book „Wie man erfolgreich E-Books verkauft. Exklusivinterviews mit Top-Autoren“.

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No Comment
  1. tara91 15. März 2012 at 07:14 Antworten

    Eigentlich ist das ja nicht mein bevorzugtes Genre, aber ich mag Bücher sehr, die sich erst mosaikartig erschliessen. Ich denke, ich werde dem Senkrechtstarter auch mal die Ehre geben.
    Glückwunsch an den Autor! Sehr schön, von so einer Self-made- Erfolgsgeschichte zu lesen.

  2. Frieling 15. März 2012 at 09:05 Antworten

    Diesmal ist es mit 99 Eurocent nicht getan – es werden für den, der bis zum Schluss durchhält, sieben Mal € 0,99 fällig – damit erreicht Berlin Gothic fast das Niveau eines Paperbacks. Charles Dickens hat ähnlich in Häppchenform angefangen …
    😉

  3. Spieler7 15. März 2012 at 17:26 Antworten

    Als Kindle-Nutzer war mir die Reihe natürlich längst ins Auge gestochen, wusste aber nicht so recht, ob ich da einsteigen soll. Das hat sich jetzt geändert, danke!

  4. Frieling 15. März 2012 at 20:40 Antworten

    Für mich war es eine doppelt interessante Lektüre, nachdem ich den Autor interviewt hatte.

  5. kowarsch 16. März 2012 at 07:18 Antworten

    das thema ist nicht so meins. das erinnert mich doch sehr an die eingriffe, die mir am lebendigen leibe und am kopf passiert sind. es scheint etliche menschen zu geben, die ihre phantasien so ausleben, der eine in echt und der andere übers kindle-elektrobuch.

  6. Spieler7 16. März 2012 at 17:19 Antworten

    Kann ich mir vorstellen. Ich werde auch dein Gesamtwerk erneut lesen, wenn ich dich interviewt habe. 😉

  7. Frieling 16. März 2012 at 21:06 Antworten

    Vor allem mit den handschriftlichen Auffassungen wirst Du viel Freude haben …

  8. Frieling 16. März 2012 at 21:11 Antworten

    Lieber Buchhändler, in Deiner Laufbahn wirst Du sicherlich schon wesentlich härtere Bücher in der Hand gehalten haben …

  9. kowarsch 19. März 2012 at 10:26 Antworten

    ja, mein sparbuch!

  10. gummibaer007 19. März 2012 at 22:18 Antworten

    Klingt fast , wie aus meinem Leben gegriffen…
    *grins*

  11. Frieling 19. März 2012 at 22:46 Antworten

    Dann weiß ich ja, was Du als Nächstes liest!

  12. Frieling 19. März 2012 at 22:48 Antworten

    Gütiger Fortschritt! Gibt es so etwas tatsächlich noch?

  13. gummibaer007 19. März 2012 at 22:49 Antworten

    Durch mein Kranksein hab ich ja zuuuufälligeweise gerade Zeit zum Lesen….
    🙂

  14. Frieling 19. März 2012 at 22:53 Antworten

    Dann bist du nur noch einen Klick vom Text entfernt … Gute Besserung!

  15. gummibaer007 19. März 2012 at 23:12 Antworten

    Danke….ich arbeite dran….
    🙂

  16. kowarsch 20. März 2012 at 09:38 Antworten

    klar! sonst wär es ja kein horrorbuch!

  17. kowarsch 20. März 2012 at 09:38 Antworten

    kann man das interview irgendwo lesen??

  18. Frieling 20. März 2012 at 09:42 Antworten

    Folge er dem Link am Fuße der Rezension …

  19. Spieler7 20. März 2012 at 18:47 Antworten

    Haha! Ich versuche noch, die Weihnachtskarte von vor 2 Jahren zu entziffern, dann mache ich mich an die neueren Texte…;)

  20. Frieling 20. März 2012 at 19:18 Antworten

    Gern stelle ich Dir zu Studienzwecken einige handgeschriebene Texte zur Verfügung, die ich selbst gern entziffern würde – indes an den eigenen Hieroglyphen scheitere. Vielleicht sind es besonders einzigartige und wertvolle Gedanken, die Alfred Nobel zur Verdoppelung der Siegprämie veranlassen würden, wären sie nur schon veröffentlicht … Eventuell war ich zum Zeitpunkt der Niederschrift sinnlich (sinnlos?) benebelt, daher die besondes feine Ausführung der Linien …

  21. Spieler7 20. März 2012 at 19:28 Antworten

    Jeden großen Literaten umweht der Hauch des Geheimnisvollen, das passt schon. Bei Bob Dylan durchwühlen sie sogar den Müll, um Texte zu entschlüsseln. Vielleicht schaffen wir das bei dir auch?

  22. Frieling 20. März 2012 at 19:45 Antworten

    Meine Tonne gehört ab sofort Dir!

  23. Spieler7 28. Juli 2012 at 18:52 Antworten

    Bin jetzt in der Mitte des sechsten Bandes und ehrlich gesagt nicht so begeistert. Die Reihe hat gut und spannend begonnen, aber irgendwann begann das pseudo-philosophische Geschwurbel immer mehr Raum einzunehmen. Natürlich werde ich auch den Rest lesen, aber viel Hoffnung habe ich nicht mehr.

  24. Frieling 28. Juli 2012 at 20:02 Antworten

    Das ist hochinteressant. Ich habe diesen Eintrag geschrieben, als erst einige Folgen erhältlich waren, und ich gestehe: bis Band 6 bin ich noch nicht gekommen …
    😉

  25. Spieler7 28. Juli 2012 at 20:10 Antworten

    Feigling! :))

  26. Frieling 28. Juli 2012 at 22:14 Antworten

    Hahaha! 🙂

  27. Popshot 25. August 2013 at 10:46 Antworten

    Inzwischen ist das Ganze auch in Deutschland als Taschenbuch erhältlich. Ich muss da Spieler7 zustimmen, dass am Ende „das pseudo-philosophische Geschwurbel“ die Geschichte in eine ganz andere Ecke trägt, als der Beginn versprach.

    Meine Kritik dazu habe ich hier veröffentlicht: http://popshot.over-blog.de/article-jonas-winner-berlin-gothic-taschenbuch-119597536.html

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