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Terror der Kantaten im Radialsystem

Dezember 20, 2009
by Ruprecht Frieling
Bach, Radialsystem, Weihnachtsoratorium, wilhelm ruprecht frieling
32 Comments

Radialsystem2Die Gedanken sind frei: Die entführten Kinder Bethlehems werden am Spreeufer geschlachtet

Dem zeitgenössischen Publikum wird bisweilen hart mitgespielt, doch es schluckt dankbar alles, denn es erhofft stets höheren Kunstgewinn. Darsteller bohren sich wechselseitig in der Nase und futtern ihre Popel, stinkende Socken werden durch dreckige Zehen gezogen und anschließend genüsslich beschnüffelt, Staatsopernsänger übergeben sich in den Orchestergraben oder simulieren epileptische Anfälle, und mangels geeigneter Geschlechtspartner wird bisweilen mit einem Brot kopuliert.

Eigentlich, so sollte man meinen, hat ein erfahrener Theatergänger alles durch, und es gibt kaum noch Steigerung. Insofern besucht er Bachs „Weihnachtsoratorium“ in der vierstündigen Version von Novoflot im Berliner Radialsystem trotz kollegialer Warnungen ohne Arg und freut sich auf etwas einmalig Kunstsinniges. Fördert das Radialsystem doch nach eigenem Bekunden besonders »innovative künstlerische Projekte«.

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist ein für die sechs Feiertage vor Weihnachten komponierte mehrstimmige Vokalmusik, die wesentlich aus Kantaten und Rezitativen besteht und in Jahresendstimmung von nahezu jeder Weihnachtslieder-CD »jauchzet, frohlocket«. In dem Oratorium wird die biblische Geschichte erzählt, und die Freude über die Menschwerdung Christi als Kern der christlichen Dogmatik beschworen. Auch für diejenigen Kunstfreunde, die wenig mit Gottglauben und Götzenkult anfangen können, gilt das Werk als makelloses Musikkunstwerk.

Doch wahre Kunst entfaltet sich wohl erst, wenn eine Komposition »im inszenatorischen Zugriff wie im Erlebnis ihrer Aufführung einem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben« wird, um »ihren Gebrauchswert zuungunsten ihres künstlich-künstlerischen Mehrwerts entfalten« zu können. So begründet das Ensemble Novoflot ihre Version des »Weihnachtsoratoriums« und teilt dazu die Besucher in Gruppen ein, die unter der Devise »Geht hin und erkundet das Radialsystem« durch das ehemalige Wasserpumpenwerk am Spreeufer irren.

In mehreren Räumen und Etagen wird das gesamte Werk mit allen sechs Kantaten in einer eigenen Fassung für Sänger, Schauspieler, großen gemischten Chor, Knabenchor, Experimentalensemble und Orchester aufgeführt. Beteiligt sind mehr als 120 Künstler – das Architekturbüro Graft, die Free-Jazz-Formation Bauer 4, das Ensemble Kaleidoskop, der Karl Forster Chor und der Knabenchor Berlin. Großzügige Mittel der Bundeskulturstiftung und des eigentlich bankrotten Berliner Senats ermöglichen den Aufwand.

Eine Hundertschaft Zuschauer stapft durch ein enges Treppenhaus erst einmal auf die Dachterrasse des Radialsystems, um dort bei minus 13 Grad ein von der Decke hängendes Kleid zu bewundern. Dazu skandiert ein Kinderchor im Sprechfugato Heilsbotschaften. Immer wieder wird eines der Kinder gegriffen und davon geschleppt. Die Entführer sind allerdings keine bibbernden Zuschauer, es sind wohl Akteure, denn wenig später fährt auf der anderen Seite des Spreeufers ein Fahrzeug auf eine Industriebrache, Gestalten bewegen sich im Scheinwerferlicht, und jedem Besucher wird schlagartig klar: das sind natürlich die von Herodes entführten Kinder Bethlehems, die dort geschlachtet werden!

Erlösend öffnet sich eine Eisentür, und die Zuschauer drängen und rücken sich wieder in das Stiegenhaus, um einen nächsten Raum aufsuchen zu dürfen. Dort ist es stockfinster, nach eisigen Schweigeminuten stapelt ein Kinderdarsteller Pappkisten hinter einer schwarzen Zeltplane, während ein zweiter an einem Keyboard spielt. Der Kenner ahnt, dass es sich dabei um Versatzstücke aus Bachs Kantaten handelt, die von den Knaben in einer Art Kammerspiel verhackstückt werden. Das ist beachtlich!

Hungrig nach weiteren Kantaten lässt sich der Musikfreund in den nächsten Raum drängen. Hier erlebt er ein Highlight: in einer Art Betriebsweihnachtsfeier werden nicht nur imposante Folien über die Akkumulation des Kapitals an die Wand projiziert, es wird auch gesungen und musiziert. Für einen kurzen Augenblick scheint Bach zu Wort zu kommen, dann vertauschen die Sänger ihre Notenblätter und zerhacken die Rezitative. Ein Bass (Nils Cooper) bricht im Publikum zusammen, später spielt er mit lackierten Matroschka-Püppchen; der Tenor (Steffen Doberauer) bekommt einen Plüschteddy geschenkt und freut sich darüber; und die Sopranistin Bini Lee-Zauner wird mit einem Hackebeil beehrt, das sie bedeutungsschwanger schwingt.

Und wieder werden die mit derlei Symbolik beladenen Gäste der Inszenierung weiter gescheucht, dieses Mal stolpern sie in die Finsternis des Saals im Erdgeschoss. Hier gibt es praktische Plastikmülleimer, die umgestülpt als Hocker Verwendung finden, zwar sind gerade erst zwei der insgesamt vier Stunden vergangen, aber ein gelegentliches Ruhen, um den Genuss voll aufnehmen zu können, tut gut. Nach einer Weile reißt eine Schauspielerin das tiefe Schweigen auf, indem sie inhaltsschwere Texte skandiert: »Ich habe Scheiße in den Augen / Ich habe Scheiße im Herzen / Gott läuft aus / lacht / strahlt …«.

Bald sorgt ein Free-Jazz-Posaunist mit schrägem Tröten für Abwechslung und ein hörbares Aufatmen des Publikums begrüßt eine Reihe von Akteuren, die den Saal betreten und mit Stirnlampen ein fahles Licht in die Vorgänge bringen. Lauthals singen sie und stürzen schon mit Kantaten aufeinander los, denn jede Gruppe singt eine eigene. Munter purzeln Töne und Melodien im Sängerkrieg der Weihnachtsboten als fallen Geschenke vom Himmel …

Leider schon Pause! Pause, in der ein biblisches Linsengericht zur Stärkung gereicht wird, als solle dem Besucher das Recht auf Genuss damit abgekauft werden. Dann folgen die Zuschauer, die bislang noch nicht die Flucht in die Berliner Nacht gewagt haben, den Platzanweiserinnen zum zweiten Teil in die Halle des alten Pumpenwerks. Hier wird nun endlich frohlockt und gejauchzt, denn das Orchester samt der Chöre nehmen sich erkennbar der ersten drei Bach-Kantaten an. Doch bald wird auch hier mit der Illusion aufgeräumt, es gäbe nun als Entschädigung für stundenlanges Irren und Wirren Bach pur.

Radialsystem1
Das Bühnenbild als Kletterburg

Ein wildes Stühlerücken findet statt, und das Bühnenbild des durch seine Tätigkeit für den Schauspieler Brad Pitt bekannt gewordenen Architekturbüros Graft wird umher geschoben. Dabei handelt es sich um weiße Versatzstücke, die zusammengesetzt vielleicht die Anmutung einer Eisscholle ergeben sollen, jedenfalls rutschen die Sänger darauf munter umher, es wird immerhin ein Weihnachtsoratorium gegeben, das passt also jahreszeitlich ganz gut.

Kinderdarsteller poltern umher, sie versuchen sich in einer Art Breakdance-Parodie zu Bach; ein Flügel wird ins Bild geschoben, darüber klappt ein Pianist zusammen, zwei Posaunisten und ein Kontrabass begleiten seinen Zusammenbruch mit Free-Jazz-Kaskaden, die auch den letzten Schläfer wecken und aus dem Saal vertreiben.

Im Ergebnis wurde Bachs »Weihnachtsoratorium« zum Abgewöhnen gegeben. Manch ein Zuschauer dankte nach vier Stunden seinem Heiland, der ihm Mut und Kraft gab, die Vorstellung zu überstehen.

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32 Comments
  1. heifisch 20. Dezember 2009 at 14:12 Antworten

    :)) Oh Gott, ich wäre da fast HINGEGANGEN!!! Der 6jährige Sohn einer guten Freundin von mir singt nämlich im Knabenchor und im Radialsystem war ich noch nie, daher war ich neugierig drauf. Da danke ich jetzt aber sogar als Atheistin Gott, dass dieser Kelch an mir vorüber gegangen ist, ich hätte es abgrundtief GEHASST! Und das bloß, weil den Termin für Karten irgendwie versäumt hatte. Ich habe tatsächlich einen Schutzengel gehabt!!

  2. immekeppel 20. Dezember 2009 at 14:17 Antworten

    och, ist doch schön bekloppt und am beklopptesten wird jenes publikum sein, welches wie weiland im anderssen-märchen des kaisers neue kleider den intellektuellen background selbstverständlich zur gänze erschlossen – oder wie in diesem falle, erwandert und erlauscht hat.

    meine truppe war mal in einer vorführung von kabale und liebe, in der mit gegenständen geworfen wurde, von denen zwei zuschauer am kopfe trafen und leicht verletzten – fühltheater sozusagen, wahrscheinlich wollten diese beiden partout nicht hören 😉

  3. xrotbartx 20. Dezember 2009 at 14:26 Antworten

    Scheint ja voll krass gewesen zu sein. Du Armer! Aber mir hätte heut nichts die Laune verderben können, fast nichts. ;D

  4. xrotbartx 20. Dezember 2009 at 14:27 Antworten

    Ach ja: Schönen Advent. B)

  5. Sirena-del-Mar 20. Dezember 2009 at 14:40 Antworten

    Ich glaube, so etwas muss ich nicht sehen…:roll:

  6. Frieling 20. Dezember 2009 at 14:51 Antworten

    Das Radialsystem ist schon ein sehenswerter Ort. Aber das bedeutet noch nicht, dass der Zuschauer alles schlucken muss.

  7. Frieling 20. Dezember 2009 at 14:52 Antworten

    Wer nicht hören will, muss fühlen!

  8. Frieling 20. Dezember 2009 at 14:52 Antworten

    Wäre vielleicht mal was anderes …

  9. Frieling 20. Dezember 2009 at 14:53 Antworten

    Ich habe ein dickes Fell, aber manchmal muss sich auch der leidensfähigste Kulturgänger ein wenig Luft machen.

  10. Frieling 20. Dezember 2009 at 14:53 Antworten

    Danke dito!

  11. xrotbartx 20. Dezember 2009 at 15:12 Antworten

    Bei solchen Erlebnissen muss ich mir immer Luft machen. Ich würde dran ersticken. 🙁 Also, nur zu.
    Und jetzt einen schönen Advent.
    LG Harald

  12. Frieling 20. Dezember 2009 at 15:51 Antworten

    In wenigen Minuten entschädige ich mich im BE mit „Trilogie der schönen Ferienzeit“ in der Inszenierung von Peymann. Dauert allerdings auch vier Stunden …

  13. xrotbartx 20. Dezember 2009 at 16:13 Antworten

    Dann wünsch ich viel Spaß bei deiner Entschädigung. Ich hab meine heute schon weg. ;D

  14. theobromina 20. Dezember 2009 at 16:27 Antworten

    Ach du liebes bisschen! Das klingt ja, als bräuchte man hinterher eine große Tafel Vollmilch mit Nüssen, um seine Nerven aufzupäppeln und wieder an das Schöne in der Welt zu glauben. Symbolik in ganz schweren Stiefeln, was? Dann wünsch‘ ich für heute einen feinen Ausgleichsabend im Berliner Omsombel…

  15. Brunopolik 20. Dezember 2009 at 16:37 Antworten

    Lieber Rupi,

    einmal mehr bewundere ich Deinen Mut und Deine Neugier. Wie Du dich immer wieder allem aussetzt, was Kunst heute zu bieten hat. So eine Inszenierung räumt total mit unseren bürgerlichen Gewohnheiten auf und bringt ihre Klischees ins Wanken. Aber nur in dieser Radikalität ergeben sich die Bezüge zu unserer gelebten Wirklichkeit. Wo den Banken die Milliarden in den Schlund geworfen werden, die der gesamten Menschheit ein Leben ohne Hunger und Hungertod garantieren würden, Dort kann Kunst anders nicht mehr reagieren.

    l.G. B.

  16. CaptainCook 20. Dezember 2009 at 16:41 Antworten

    Genau das sind mir ja die liebsten, die sich aufschwingen und von oben herab einem erklären wollen man hätte ja gar nicht verstanden was der /die Künstler einem da metaphorisch übermitteln wollte.
    Moderne Kunst soll ja auch ein Ventil sein für das Weh und Ach des Schöpfers, aber ich kauf mit trotzdem lieber das Gemälde das zur Couch passt :))

  17. CaptainCook 20. Dezember 2009 at 16:42 Antworten

    Da hätte ich ja seitenlange Tiraden abgelassen, mien lieber Rupi. Insofern waren sie mit dir im Publikum noch ganz gut dran!
    Einen schönen 4. Advent(sabend) wünsch ich dir!

  18. Frieling 20. Dezember 2009 at 19:21 Antworten

    Ob eine Tafel reicht?

  19. Frieling 20. Dezember 2009 at 19:23 Antworten

    In diesem Fall habe ich lange überlegt, ob sich der Aufwand, darüber zu schreiben, überhaupt lohnt. Aber dann hat es mich doch gezwackt …

  20. CaptainCook 20. Dezember 2009 at 19:39 Antworten

    Schandtaten sind es immer wert aufgedeckt zu werden.

  21. Frieling 20. Dezember 2009 at 19:43 Antworten

    Dazu haben wir ein Schandmaul, Captain!

  22. Frieling 20. Dezember 2009 at 20:12 Antworten

    Lieber Bruno,

    manchmal bin ich ganz froh, an »bürgerlichen« Seh- und Hörgewohnheiten festhalten zu dürfen …

  23. CaptainCook 20. Dezember 2009 at 20:19 Antworten

    Schand zu Schand gesellt sich gern 😉

  24. Brunopolik 20. Dezember 2009 at 20:54 Antworten

    Das enttäuscht mich zwar, dafür entschädigt mich aber Deine Ehrlichkeit!

  25. theobromina 21. Dezember 2009 at 16:25 Antworten

    Vermutlich nicht. Ein Schnappes dazu wär‘ sicher auch noch gut. 😉

  26. Frieling 21. Dezember 2009 at 16:31 Antworten

    Schokoladenlikör mit Minzgeschmack …

  27. theobromina 21. Dezember 2009 at 16:42 Antworten

    Lecker! Hatte ich mal. Der tröstet wirklich über manches hinweg.

  28. Frieling 21. Dezember 2009 at 16:44 Antworten

    Vielleicht sollte man sich wirklich vor der ein oder anderen Inszenierung einen antrinken … oder gilt „schön saufen“ nur für Menschen???

  29. theobromina 21. Dezember 2009 at 16:57 Antworten

    Das ginge bei mir nicht. Ich würde sicher anfangen, in die Inszenierung einzugreifen…

    („Schön saufen“ für Menschen hat bei mir auch noch nie geklappt.)

  30. Frieling 21. Dezember 2009 at 17:52 Antworten

    Es gab mal Zeiten, da waren Eingriffe in Inszenierungen seitens des Publikums gefragt und angesagt …

  31. theobromina 23. Dezember 2009 at 04:16 Antworten

    Ja, die habe ich leider ganz knapp verpasst, aber vielleicht sollte man ruhig mal wieder mit sowas anfangen.

  32. Loco_just_Loco 9. Januar 2010 at 18:00 Antworten

    Es gab zu Bachs Zeiten ein ungeschriebenes, aber dafür um so eherneres Gesetz:
    man darf zwar ein weltlich Werk verwenden, um daraus Geistliches zu machen (der terminus technicus heißt „Parodie“) – aber nie nie nie ein geistliches (nach heutigem Sprachgebrauch: religiöses) Werk verwenden, um daraus etwas Weltliches zu machen.

    Hier wurde ein Glaubensbekenntnis verhohnepiepelt, mit dem einzigen Zweck der Selbstinszenierung einiger weniger.
    Dazu die Mißachtung des Künstlers (des wirklichen), der die Musik geschrieben hat und bewußt KEIN szenisches Werk schrieb – die Kenntnis dazu fehlte ihm nicht; er fuhr gern nach Dresden, ein kleines Öperchen sehen. Aber er wollte etwas fürs Gehör schaffen. Vielleicht überfordert das den heutigen Durchschnittsmenschen, der ohne permanente optische Überreizung gar nicht mehr sein kann?

    Und unter dem Titel „Kunst“ wird wohl jeder Unfug erlaubt – ja zum „must“… Tut mir leid, aber Mist bleibt Mist, auch wenn man „Kunst“ draufschreibt.

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