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Der Gesang der Kastraten

September 11, 2009
by Ruprecht Frieling
cecilia bartoli, countertenor, kastraten
21 Comments
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Der Kunstgesang der Kastraten

Von Prinz Rupi

»Evviva il coltellino« jubelte das entfesselte Opernpublikum des 18. Jahrhunderts, wenn ein Sänger im Falsett höchste Töne aus seiner Kehle strömen ließ und damit unmissverständlich deutlich machte, dass er ein »drittes Geschlecht« hatte: Er war nämlich kastriert! Der Zwischenruf »Es lebe das Messerchen« markierte den Gipfelpunkt musikalischer Lustbarkeit, den Musikliebhaber vergangener Jahrhunderte genießen durften: den Kunstgesang der Kastraten.

Kastraten zählten zu den Superstars des Barock. Namen wie Farinelli und Caffarelli sind bis in unsere Zeit legendär, ihre Karrieren sind Gegenstand von Aufsätzen und Filmen. Die meisten Entmannten stammten aus Süditalien, wo die „Herstellung“ von Kastratensängern fabrikmäßig betrieben wurde. Hunderttausende Knaben bettelarmer Familien wurden in der vagen Hoffnung, sie würden reich und berühmt, dem Messerchen zugeführt und unter teilweise unvorstellbaren Bedingungen kastriert.

Mit dem Slogan »Qui si castrano ragazzi a buon mercato«
(»Hier werden Knaben preiswert kastriert«) warben Barbier- und Kurpfuscherstuben um Kundschaft. Die Verstümmelten wurden darauf in Konservatorien und Musikschulen der Stimmbildung unterzogen, wobei tausende als unbegabt ausgesondert und einem unglücklichen Schicksal überlassen wurden. Diejenigen, deren Stimme ausreichte, erhielten eine gute Ausbildung und wurden an Kirchenchöre, Theater und Opernhäuser vermittelt.

Wesentlich begünstigt wurde der Kastratenhandel durch die Bigotterie der römischen Amtskirche. Vor allem päpstliche Kapellen und Chöre beschäftigten Kastraten in Mannschaftsstärke. Die Begründung lieferte der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief: „»Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen in der Versammlung schweigen“.« Papst Clemens IX. erließ 1688 sogar ein Verdikt, in dem es hieß: »Keine Weibsperson bei hoher Strafe darf Musik aus Vorsatz lernen, um sich als Sängerin gebrauchen zu lassen«.

Kastrat

Alessandro Moreschi war der letzte der berühmte Kastraten

Gleichzeitig sprach sich das offizielle Rom gegen die Kastration aus. Das hinderte die Päpste jedoch nicht, bis in die jüngste Zeit Kastratensänger zu beschäftigen. Alessandro Moreschi (1838-1922) war einer der letzten Kastraten, der in der Sixtinischen Kapelle sang. Moreschi ist übrigens der einzige Kastrat, von dem Tondokumente existieren. Seine einhundert Jahre alten Schallplattenaufnahmen vermitteln indes nur einen schwachen Eindruck der Spannweite seiner Stimme.

Heute versuchen Countertenöre, die vielen von Komponisten wie Händel, Meyerbeer, Pergolesi, Giacomelli und Hasse eigens für Kastratenstimmen geschrieben Opernarien und Werke der Alten Musik darzubieten. Konnten Kastraten sowohl Kopf- wie Bruststimme nutzen, singt der Countertenor mittels einer speziellen Resonanztechnik in Falsett-Technik, also im Kopfregister der Stimme. Den Stimmumfang des Kastraten erreicht er nur selten.


Alessandro Moreschi singt

Aber auch Interpretinnen, die über den Stimmumfang von Sopran und Alt verfügen, singen »Kastratenmusik« und vermitteln uns heute eine ungefähre Vorstellung von der Vollkommenheit des virtuosen Gesangs, der zur Barockzeit herrschte. Cecilia Bartoli verfügt als Koloratur-Mezzosopran über einen Stimmumfang von weit über drei Oktaven. Dem Opfer der im Namen der Musik kastrierten Knaben ist ihre ungewöhnliche CD »Sacrificium« gewidmet.

Cecilia Bartoli präsentiert eine Auswahl von Arien aus dem Repertoire der für den Komponisten Nicola Porpora geschriebenen »Schule der Kastraten«. Dieser gilt als Ausbilder von Farinelli, Caffarelli und anderen Superstars als bedeutendster Stimmbildner des 18. Jahrhunderts. Die Stücke zählen mit unendlichen Koloraturketten und den die Lungen sprengenden Längen von Atem- und Phrasierungsbögen sowie dem von Kontra-Alt über den Mezzosopran bis hin zum Sopran sich spannenden Tonumfang zum Anspruchsvollsten, was je für die menschliche Stimme komponiert wurde.

Die Auswahl lässt in ihrer Verschiedenartigkeit die verschwundene Epoche der Kastraten in all ihrer barock-schillernden Herrlichkeit vor unseren Sinnen neu entstehen. Gleichzeitig bietet sie eine Möglichkeit, der vielen Knaben zu gedenken, die Opfer von religiösen Eiferertum, Frauenfeindlichkeit und modischer Überdrehtheit wurden.

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Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
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21 Comments
  1. CaptainCook 11. September 2009 at 14:28 Antworten

    Oh, interessant! Da werde ich gleich mal reinhören.
    Die Heuchelei des Heiligen Stuhles war schon enorm, einerseits die Kastration zu verbieten und andererseits den Gesang zu preisen und die Sänger reichlich zu bezahlen.
    In einem Buch – mal sehen wo das steckt, ich weiß ich habe es irgendwo – geht es um die Kastraten, und welche Blüten das öffentliche Verbot des „Schneidens“ trieb. Es gab die haarsträubendsten Schilderungen vermeintlicher Unfälle bei denen das Gemächt der Knaben zu Schaden gekommen sei, von wilden Ebern, übersprungenen Zäunen bis hin zu „gestürzt und auf eine Sichel gefallen“.
    Ich muß wirklich mal nachsehen wo das stand, kann aber auch sein daß das Buch nur geliehen war :-/

  2. Frieling 11. September 2009 at 14:34 Antworten

    Für Literaturtipps wäre ich dir dankbar, ich recherchiere gerade das Leben von Alessandro Moreschi, dem letzten Kastraten.

    Zu den „Alibi“ zählen neben dem spitzen Zaunpfahl auch „Missverständnisse“ mit dem behandelnden Arzt.

  3. CaptainCook 11. September 2009 at 14:43 Antworten

    Jaja, bei den vielen stark unterschiedlichen Dialekten in Italien war es schon mal drin daß statt der Mandeln… 😉
    Ich mach mich mal á la recherche pour ce livre, mon chèr!

  4. Frieling 11. September 2009 at 14:46 Antworten

    Mercie bien, die „Aktenlage“ zum Thema ist nämlich recht dünn (wen wundert´s!)

  5. CaptainCook 11. September 2009 at 14:51 Antworten

    Vielleicht hat ja auch da ein Doktor etwas mißverstanden und sämtliche Aufzeichnungen entfernt anstatt der Gallenblase?

  6. Frieling 11. September 2009 at 14:56 Antworten

    Da hatten wohl viele dottores das Messerchen in der Hand …

    PS. Kennst du zufällig die Veröffentlichung von Hubert Ortkemper: »Engel wider Willen« zum Thema?

  7. Brunopolik 11. September 2009 at 17:47 Antworten

    Ein ganz spannender Bericht über ein exklusives Thema. Leider verdirbt er mir ein wenig den Genuss an Countertenor-Stücken. Es ist nicht immer gut, wenn man zu viel weiß.

    In der von mir hier im Opernblog vorgestellten Bestmannoper des Axel Nowitz sind lange Stellen für Countertenor enthalten, die wunderschön klingen. Das Multitalent Axel Nowitz sang in Thomas Ostermeiers „Ein Sommernachtstraum“ an der Schaubühne Berlin ebenfalls eine Partie aus einer Händel-Oper, und zwar wunderschön, wofür er Szenen-Applaus erhielt.

  8. Frieling 11. September 2009 at 17:54 Antworten

    Sorry, wenn der Text dir die Freude am Countertenor verdirbt, das ist nicht Sinn der Übung. Es geht darum, den Altus einzuordnen, er bringt eine hervorragende Leistung – zumal wenn man bedenkt, dass er nicht »verschnitten« wurde.

  9. Brunopolik 11. September 2009 at 19:40 Antworten

    Zwar wird heute nicht mehr „geschnitten“, sicher, aber trotzdem bleibt von der „Geschichte“ immer was hängen. Aber damit muss man halt leben. Dein lobenswerter Bericht schlägt viele Seiten an. Eine davon ist, wie Du sagst, dem Altus Gehör zu verschaffen.

  10. Frieling 11. September 2009 at 19:44 Antworten

    Nur zur Ergänzung: in Indien ist die Kastration noch ein großes Thema. Dabei geht es aber in erster Linie um Sex.

  11. Anonym 12. September 2009 at 11:48 Antworten

    Es gibt auch Leute, die wohl, als blande Anomalie, einen „unvollständigen Stimmenbruch“ hatten (und durchaus manneskräftig sind usw.), wie Jon Anderson, der Leadsänger von „Yes“: eines der Markenzeichen dieser überuas vortrefflichen Tanzmusik-Kapelle, ach…

  12. gummibaer007 14. September 2009 at 12:37 Antworten

    so gern ich auf frueher mal gesungen habe , würde ich diesne schritt niiiiiie in betracht ziehen …
    🙂

  13. Frieling 14. September 2009 at 12:46 Antworten

    Meinst du SchRitt oder SchNitt???

  14. gummibaer007 15. September 2009 at 09:47 Antworten

    den schritt zum schnitt ………
    🙂

  15. Lill-Y 16. September 2009 at 19:21 Antworten

    Freddy Mercury hatte auch einen unheimlichen Klangumfang – 3 Oktaven oder so.

    Lieber Rupi, sehr interessant recherchierte Geschichte. Danke dafür!

  16. Frieling 16. September 2009 at 19:27 Antworten

    Dankeschön nach Wien!

    Stevie Wonder und Barry Gibb (Bee Gees) zählen wohl auch zu diesen Wundern des Stimmunfangs.

  17. Anonym 17. September 2009 at 18:40 Antworten

    Öhm… Ja. – Freddy war noch mal ’ne Klasse für sich, nich’…

    Der Dino, Auskenner, hohoho!

  18. musicway 21. Oktober 2009 at 15:20 Antworten

    vielen dank

  19. Rosenrot1978 17. September 2011 at 07:14 Antworten

    Ich finde es unvorstellbar scheinheilig sich über die Kastratensänger zu mokieren. Viele wären verhungert oder einfach nur mittellose Bauern mit 15 Kindern geworden. So sind sie in die Geschichte eingegangen. Wie viele Mädchen werden HEUTE noch unter unvorstellbaren Bedingungen mit einer Rasierklinge beschnitten und vernäht und wen kümmert es? Und das passiert im Namen einer unsinnigen Religiion. Ich kann nicht umhin zu sagen, dass ich die Kastration der Knaben weit weniger schlimm finde. Eine Penektomie wurde schließlich nicht vorgenommen, sie waren immer noch Männer.Und sie hatten als Geschenk und Ausgleich, Ruhm, Erfolg und diese wunderbaren Stimmen.

  20. Frieling 17. September 2011 at 08:30 Antworten

    Wo macht sich denn der Beitrag über die Sänger lustig, oder äußert sich abfällig oder spöttisch? Hast Du überhaupt gelesen? Oder beziehst Du Dich auf die Arbeit von Cecilia Bartoli???

  21. Rosenrot1978 23. September 2011 at 21:15 Antworten

    Ich hatte das nicht direkt auf den Beitrag bezogen gemeint – den finde ich sehr gut. Natürlich habe ich ihn gelesen.
    Es geht darum, dass ich mich sehr mit dem Thema beschäftigt habe…und ich es eben für mich persönlich nachvollziehen kann, warum damals die Kastrationen durchgeführt wurden. Vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt. Das tut mir leid. Ich finde das Thema Kastraten mehr als interessant und kann gar nicht genug davon lesen! Daher danke für den Beitrag!

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