facebook
linkedin
tumblr
twitter
youtube
email
pinterest
  • Home
  • Aktuell
  • Bücher
  • Bilder
  • Wunder
  • Radio
  • TV
  • Stiftung
  • Schlaraffen
  • Bibliothek
  • Kontakt

Neuköllner Oper zeigt: Der Schuss 2.6.1967

Juni 03, 2017
by Ruprecht Frieling
Benno Ohnesorg, Kommune Eins, Neuköllner Oper
0 Comment
Bitte verbreite diesen Beitrag!
Schuss 2 6 1967 close up

Die Berliner Kommune Eins ließ sich als Protest gegen die Verhaftung ihres Kommunarden Fritz Teufel nackt an eine Wand stellen und ablichten. Die © Neuköllner Oper stellte diese Szene nach

Der am 2. Juni 1967 erfolgte Todesschuss auf den Studenten Benno Ohnesorg ließ das gesellschaftliche Klima in Deutschland explodieren und bestimmt in seinen Auswirkungen die politische Diskussion bis in unsere Tage, also ein halbes Jahrhundert später. Dass die künstlerische Aufarbeitung des Themas in der kleinen Neuköllner Oper erfolgt statt am historischen Ort des Geschehens, der Deutschen Oper Berlin in der Bismarckstraße, zeigt, wie schwierig der (selbst)kritische Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte immer noch ist. Am 2.6.2017 hatte »Der Schuss 2.6.1967« Premiere.

Sechs Darsteller der Neuköllner Oper spielen auf einer kalkweißen Bühne, auf der sich gelegentlich Jalousien öffnen und den Blick auf das Ensemble Adapter freigibt, das für die Musik sorgt. Die Schauspieler schlüpfen in verschiedene Rollen, um damit die Akteure des 2. Juni darzustellen und Einblicke in ihre Gedankenwelten zu geben, wobei sie von Videoprojektionen untermalt werden. Das Stück beginnt mit einem Eingangschor, der Losungen der damaligen Anti-Vietnam-Bewegung skandiert: „Bürger runter vom Balkon, unterstützt den Vietcong“, „Hoch die internationale Solidarität“ und „Ho, Ho, Ho Chi Minh“.

Ein junges Paar, sie haben vor wenigen Tagen geheiratet, stehen vor der Deutschen Oper, um den Schah von Persien auszupfeifen, der als Gast der Stadtregierung mit seiner Frau Farah Diba eine Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ erleben will. Der junge Mann, offenbar Benno Ohnesorg, schickt seine Frau heim, denn die Stimmung vor der Oper kocht: Ein paar 100 Studenten pfeifen den Schah aus, 50 „Jubelperser“, eigens eingeflogene Mitarbeiter des persischen Geheimdienstes SAVAK dreschen mit Latten auf die Demonstranten, aufgeputschte Polizisten knüppeln wahllos auf Männer, Frauen und Kinder, die in einer „Leberwurst“ gefangen sind, im Schutze eines Bauzauns werfen Zivilbeamte aus dem Hinterhalt Steine auf ihre eigenen Kollegen, um die Stimmung anzuheizen … Einige Studenten, darunter Ohnesorg, flüchten sich in einen Innenhof, in dem der junge Student schließlich vom besten Schützen der Berliner Polizei, Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras, mit einem aufgesetzten Schuss erledigt wird.

Dies alles muss der Besucher von „Der Schuss“ wissen, wenn er dem Stück halbwegs folgen will. Denn die Inszenierung arbeitet bewusst nicht dokumentarisch, sie spiegelt vielmehr innere Gedanken der jungen Frau, die ahnt, bald Witwe zu werden. So findet sich der Zuschauer bald in der deutschen Oper, wo der Intendant, es war damals Gustav Rudolf Selmer, die hohen Gäste begrüßt und süffisant erklärt, mit dem Pöbel würde draußen kurzer Prozess gemacht. So wird der Gegensatz zwischen dem persischen Diktator und seinen Freunden im Inneren des Opernhauses und den gegen seine Terrorherrschaft demonstrierenden Demokraten auf der Straße deutlich.

IMG 0900

Frisst die Revolution ihre Kinder?   © Ruprecht Frieling

Dann aber verschwimmt das Stück. Statt eine Geschichte zu erzählen, verliert sich die Inszenierung immer mehr in Andeutungen und Reflexionen. Es treten die Spaßguerilla und Vertreter der Kommune Eins auf, Ulrike Meinhof und Andreas Baader – also die spätere RAF – werden angedeutet. Natürlich hat das alles im großen ideengeschichtlichen Zusammenhang miteinander zu tun. Tatsächlich gab es aber damals, wie der Berichterstatter als Zeitzeuge erinnert, erhebliche Widersprüche zwischen den von Rudi Dutschke inspirierten Studenten, die sich für den friedlichen Marsch durch die Institutionen aussprachen und jenen Kräften, die später den gewaltsamen Weg gingen.

»Eher dem Nachhall folgen,« will der Librettist und künstlerische Leiter der Neuköllner Oper, Bernhard Glocksin, »subjektiv, mit fiktiven Figuren und Bildern, in Gefühlen, Träumen und einem Klangraum, der das Reale oder sein Abbild nur zitieren darf, um Raum zu schaffen für die Subjektive, in der jeder Einzelne seine Narration finden wird.«

Zumindest der von Arash Safaian geschaffenen Musik gelingt dieses Kunststück. Der Komponist greift in seinem Klangbild Elemente von Stockhausen bis zum Rock auf und abstrahiert damit die Gedanken der jungen Witwe. Die siebenköpfige Band, das deutsch-isländische Ensemble Adapter serviert seine Musik so kraftvoll und leidenschaftlich, dass es die Stimmen der Darsteller in den Gesangspartien häufig übertönt.

Den stärksten Eindruck der Premierenvorstellung von »Der Schuss 2.6.1967« hinterließ der zugleich jüngste Darsteller. Der gerade mal zwölfjährige Jonas Heinrich spielt derart konzentriert und punktgenau, wie man es bei Kinderdarstellern selten erlebt. Wie aus der Pistole geschossen pariert er, als seine (Bühnen-)Mutter von einem Eingriff ins »Stammhirn« spricht, mit »Stammheim«. Dieser Moment des befreienden Lachens, das die Produktion dem Publikum bescherte, wirkt vielleicht nachhaltiger als manches andere.

Bitte verbreite diesen Beitrag!
Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
Teile den Beitrag

Bitte sag deine Meinung und schreib einen Kommentar Antwort abbrechen

*
*

Durchsuche meinen Blog:



Newsletter gratis!

Klicken und bestellen


Die jüngsten Blogeinträge:

  • »Der Ritt auf dem Oktopus« ist erschienen
  • Prinz Rupi im Literaturradio: »Folge deinem Stern«
  • Wer sich nicht bewegt, verschwindet
  • Make Love with Bollerwagen: Prinz Rupi auf Himmelfahrt
  • Das Heiligtum der Schlaraffen: der Ahalla-Schrein
  • Ein Theremini für Stummfilmpianist Graf Bothmer
  • Der visionäre Redakteur – Porträt des Chefredakteurs der Schlaraffen-Zeitung
  • Ritter von der Rolandnadel – die Schlaraffen erstmals öffentlich
  • Wie Angst lenkt – und warum sie ein gefährliches Machtinstrument ist
  • Der Uhu – Symbol der Weisheit, Hüter des Geistes, Bruder im Scherz
  • Neues Buch von Prinz Rupi – »Chaos, Karma, Katastrophen«
  • Der Karajan vom Schillerplatz – eine persönliche Leseempfehlung
  • Mama Lauda im Heustadel – Hochzeit im Idyll
  • Der lachende Uhu – ein schlaraffischer Lyrik-Wettbewerb
  • Sippenhaft 2.0 – Die moralische Verurteilung durch Nähe
  • Verlernen wir das Lesen?
  • Leipziger Buchmesse 2025: TikTok, Tüll und Tausende Teilnehmer
  • Wie man einen alten Ochsen in Gang bringt. Eine Allegorie
  • Was ist Erfolg? Oder: Scheitern als kreativer Prozess
  • Bleib dir selbst treu!
  • Gedicht-Wettbewerb »Der lachende Uhu«
  • Buchrevolution 2025: Selfpublishing im Turbomodus – Wie KI den Markt überschwemmt
  • Ein Leben für die Kultur: Zum Abschied von Manfred Eichel
  • Zyn – die moderne Sucht
  • Fesselnde Porträts: Prinz Rupis »Der Karajan vom Schillerplatz«
  • Lesekultur im Wandel: Überlebt das Buch?
  • Lexika im digitalen Zeitalter: Warum gedrucktes Wissen unersetzlich bleibt
  • Die Weisheit des Hofnarren oder: Die Last der Sorgen
  • Prinz Rupi liest Groteske von Hermann Harry Schmitz
  • Abschied mit Wehmut: Clown-Museum Leipzig schließt
  • Abschied von John Mayall: Der Vater des britischen Blues
  • Teuflisches Opern-Spektakel: »Der Freischütz« in Bregenz
  • Spektakulär: Steampunk Meißen 2024
  • Kunst trifft Natur: Prinz Rupis Meisterwerke im Rosengarten Forst
  • Schreiben bleibt die schönste Nebensache der Welt …
  • Girl from Tokyo – ein Prompt im Vergleich
  • Warum wir essen, wie wir essen: Eine Reise in die Vergangenheit
  • BoD vs. KDP/Amazon: Über Leistungsversprechen und »Compliance«
  • Ein Jahrhundert Franz Kafka: Die zeitlose Relevanz eines literarischen Genies
  • Ich habe einen Joint gedreht – was nun? Ein Ratgeber für Kiffer
  • Leipzig im WGT-Fieber: Das Festival der Schwarzen Szene
  • Die Geschichte vom Zeitvertreib und der verlorenen Stunde
  • HILFE: Mein Hund hat AD(H)S!
  • Der Nussknacker-Modus
  • Für alle Freunde des Western: »Das Grenzerbuch«
  • Neuerscheinung: »Die Schöpfung« von Prinz Rupi
  • Siegfried Sack † – Der sakrale Bildhauer
  • Lutz Görner ist tot. Ein Abschied
  • Möhrenmassaker im Osterland
  • Leipziger Buchmesse zwischen Tradition und Trend
  • Fotograf Jürgen Henschel: Der Mann mit der Leiter
  • Prinz Rupi im Jahr des Drachen
  • Wenn schwarze Schweine träumen
  • Der Mythos von der Unentbehrlichkeit
  • Tausche Zement gegen Hemingway
  • Unsere Zukunft ist in Gefahr. Prinz Rupi sagt NEIN!
  • Prinz Rupi spricht Friedrich Nietzsche: »Vereinsamt«
  • KRISENMODUS – Wort des Jahres 2023
  • PISA-STUDIE: Brauchen wir überhaupt noch Schulen?
  • Leinwand-Lyriker RALPH TURNHEIM rockt den Stummfilm
  • CHRISTIAN MORGENSTERN: Die unmögliche Tatsache
  • Fünf Lehren über das Geld aus »DER KLEINE PRINZ«
  • Dunkel war’s, der Mond schien helle
  • Sprachverwirrung Deluxe: Wenn DIKTATSOFTWARE zum Dichter mutiert
  • Dampf & Design: Werdau im STEAMPUNK-Fieber
  • Literarisches Comeback: „DER BÜCHERPRINZ“ auf der Frankfurter Buchmesse
  • JOHN McLAUGHLIN – Legende des Fusion
  • BUCHBERLIN 2023 im Bild: Ein Fest für Buchliebhaber
  • Oper EUGEN ONEGIN in Barcelona
  • CHRIS FARLOWE und Colosseum: Auftritt der alten Meister
  • Mit Zahnrad, Zylinder und Magie: STEAMPUNK im sächsischen Freital
  • NEW HEALING FESTIVAL: ein Fest der Sinne
  • Schönheit hat ihren Preis
  • Prinz Rupis »Ring des Nibelungen«: Keine Sekunde Langeweile
  • Mampe zeigt 100 KI-BILDER zum Thema Elefanten
  • Mit Zahnrad und Zylinder: Meißen taucht in STEAMPUNK ein
  • Prinz Rupi lässt bei Mampe 100 ELEFANTEN fliegen
  • Hitze, Haut und Humor: Ein morbides Sommerabenteuer
  • Prinz Rupi zeigt Steampunk-Kunst in Meißen
  • Frisch auf die Ohren: Gratis-Hörbücher vom »Roboter Archimedes«
  • John Lennons »Yellow Submarine« jetzt im Lügenmuseum
  • »Angriff der Killerkekse«: Sarkasmus und schwarzer Humor treffen auf Alltagssituationen
  • »Stress im Cyberspace«: Prinz Rupis sarkastischer Blick auf die digitale Welt
  • Interview mit NAPOLEON BONAPARTE: »Die Feder ist mächtiger als das Schwert«
  • Patricia Strunk: Anwältin wird Fantasy-Autorin
  • PUPSALOT IST DA!
  • Ist Text-Ki ein stochastischer Papagei?
  • Clemens Brentano: Alliteration als Stilmittel
  • Orgelmusik trifft KI-Bildersymphonie
  • Uwe Kullnick: »Prinz Rupi ist der kreativste Mensch, den ich persönlich kenne«
  • Martin Regenbrecht: Büchermachen ist ein Vergnügen
  • Das liebestolle Krokodil – Eine KI-Groteske
  • Was ist Künstliche Intelligenz? – Die KI antwortet im Interview
  • Helmut Rosenthal – Der Lionel Hampton von Hermsdorf
  • Sensationsfund in Sachen OTTO BÖGEHOLZ
  • Die Legende vom Schlaraffenland
  • Chris Farlowe: Eine lebende Legende des Blues
  • Ki für Einsteiger: Der Tanz ums goldene Kalb
  • 20 Begegnungen auf der BuchBerlin 2022
Sämtliche Texte und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird anwaltlich verfolgt. © Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi, Berlin
IMPRESSUM / DATENSCHUTZ / KONTAKT
Cookie-Zustimmung verwalten
Um dir ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn du diesen Technologien zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn du deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden.
Funktional Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt. Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
  • Optionen verwalten
  • Dienste verwalten
  • Verwalten von {vendor_count}-Lieferanten
  • Lese mehr über diese Zwecke
Einstellungen ansehen
  • {title}
  • {title}
  • {title}