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Graffiti in Paris: Miss.Tic

Juli 17, 2011
by Ruprecht Frieling
Sprayer
33 Comments

MissTic Paris, St. Germain
Typische Original-Graffiti von Miss.Tic an einer Häuserwand in St. Germain, Paris: „Les actes gratuits ont ils un prix?“ etwa: „Haben kostenfreie Handlungen/Akte (k)einen Preis?“ Foto: ©Ruprecht Frieling

Wer die Arbeiten des Londoner Graffiti-Künstler Banksy kennt und schätzt, der wird bei einem Paris-Bummel sicherlich auch schon auf Arbeiten von Miss.Tic gestoßen sein. Die Künstlerin mit dem doppelbödigen Namen besprüht Mauern und Häuserwände mit schwarz-roten Schablonen und verbindet bevorzugt klischeehafte Frauenbilder und poetische Wortspiele.

Die plakativen Arbeiten von Miss.Tic sind von rauer Herzlichkeit und sprühen ein Lokalkolorit, das durchaus als „Pariser Charme“ bezeichnet werden kann. Ihre Frauenbilder entstammen Frauenzeitschriften, die sie verfremdet. Sie selbst sagt dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren?“

Miss.Tic bezieht als Künstlerin und als Frau in der Stadt und in der kreativen Welt Stellung. Kreieren heißt für die 1956 in Paris geborene Graffiti-Poetin, Widerstand zu leisten. Sie meint, allem widerstanden zu haben, „nur manchmal der Liebe nicht und niemals dem Humor.“

Die Tochter eines Tunesiers und einer Normannin verlor im Alter von zehn Jahren ihre Mutter durch einen Autounfall. Früh floh sie aus dem derart zerstörten Elternhaus und trieb sich in den Cafés und Cabarets von St. Germain und St. Michel herum. Im „Georges“ in der Rue de Canettes und im „Bâteau ivre“ in der Rue Contrescarpe rezitierte sie Gedichte von Jules Supervielle, René Char, Jean Cocteau und Jacques Prévert. Die Wirklichkeit um sie herum zerfetzte ihr romantisches Bild von St. Germain: Sie traf auf versoffene Genies und Künstler, die sich maßlos überschätzten.

Mit einem Freund verließ sie 1980 Frankreich und zog nach Los Angeles. Dort kamen gerade Hip-Hop und Street Art auf. Im Zuge der Bewegung entstanden bemalte Häuserwände, die schon aus der mexikanischen Revolutionskunst bekannt waren. 1983 kehrte Miss.Tic wieder nach Paris zurück. In jeder Zeit verließen die ersten Künstler ihre Ateliers, übermalten Werbeplakate, bemalten Bauzäune und Wände. 1985 trat sie selbst mit Schablonenbildern in Erscheinung. Im 14. Arrondissement sprühte sie ihre ersten Wortbilder auf Häuserwände. Sie verband von Anfang an ihre Motive mit Textzeile und Signatur.

Miss.Tic erklärt sich weder politisch noch will sie Feministin sein. Sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge. Ihre Arbeiten wurden mal von links, mal von rechts angegriffen, bisweilen sogar von Hardcorefeministinnen, denen ihre Arbeiten zu glamourös und sexy sind, übersprüht und überklebt. Lakonisch sagt sie dazu: „Es ist nicht die Rolle des Künstlers, von allen geliebt zu werden“. Bewusst überlässt sie die Interpretation ihrer Arbeiten auch dem Betrachter und hat keine Lust, irgendetwas zu erklären, zumal ihre Graffiti oft in direktem Bezug zur Umgebung steht.

1999 wurde die Künstlerin in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen Sachbeschädigung zu 22.000 Franc Strafe verurteilt. Ausgerechnet dieser Prozess verschaffte ihr einen Karrieresprung. Sie wurde vom Status einer Straffälligen, die mit der Spraydose (französisch: la bombe) hantierte, zu einer anerkannten Künstlerin befördert, deren Genehmigungsgesuche seitdem akzeptiert werden. So sind ihre Arbeiten heute weniger als nächtliche Überraschungsangriffe à la Banksy zu sehen sondern als geplante Kunstaktionen im öffentlichen Raum, die viele Kunstfreunde nach Paris lockt.

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Jorinde Reznikoff und KP Flügel haben Miss.Tic in einem Büchlein zu Wort kommen lassen, das in der Edition Nautilus erschienen ist. Wer sich ausführlicher mit der Pariser Graffiti-Künstlerin befassen möchte, der wird mit diesem autobiographisch angelegten schlanken Werk ausgezeichnet bedient:

Jorinde Reznikoff
Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris
Edition Nautilus 2011
ISBN 978-3-89401-738-5

Bis zum 30. September findet im Institut Français Berlin, Kurfürstendamm 211, eine Ausstellung von Miss.Tic statt.

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33 Comments
  1. AnneKremer 17. Juli 2011 at 19:43 Antworten

    Haha, ich stelle mir gerade vor, wie die von der Kölner KASA darauf reagieren würden:
    http://www.kasa-koeln.de/
    Wahrscheinlich wären sie auf einmal für Graffiti.
    Echt gemein von der Frau. Smilie by GreenSmilies.com

  2. Frieling 17. Juli 2011 at 19:52 Antworten

    Danke für den Link, Anne!

    Ich kann die Kölner Initiative grundsätzlich verstehen, denn was auch in Berlin an Tags und sonstigen „Zeichen“ an Wände, Zäune und Züge gesprüht wird, hat leider oft sehr wenig mit Kunst zu tun.

    Miss.Tic arbeitet legal, das heißt, sie fragt vorher an und hebt sich damit bereits vom Vorwurf der Sachbechädigung ab. Ich kenne auch in Berlin Häuser, die legal bemalt wurden und echte Aha-Erlebnisse bieten.

  3. michaalb 17. Juli 2011 at 20:49 Antworten

    Danke, Eure Prinzlichkeit, für den Bericht. Ich habe erst die Tage von der Existenz von Miss.Tic im Rahmen der Berlin-Ausstellung erfahren (ich glaube, es war ein Artikel in „ART“ – verdammter Alzheimer). Eine wirklich spannende Künstlerin!

  4. Frieling 17. Juli 2011 at 20:55 Antworten

    Ein weiterer Grund, mal wieder einen Abstecher nach Bärlin zu machen, verehrter Albe!

  5. michaalb 17. Juli 2011 at 21:20 Antworten

    „Mal wieder“ is jut! Beim letzten Mal in Berlin (auf Klassenfahrt) stand die Mauer noch (und blieb auch noch ein paar Jahre). :))

  6. Ormuz 18. Juli 2011 at 05:11 Antworten

    Solche Grafittis gefallen mir , davon könnte es ruhig mehr geben!

  7. Frieling 18. Juli 2011 at 06:23 Antworten

    Sie hat treu auf Dich gewartet, aber anno 1989 hatte sie keine Lust mehr …

  8. Frieling 18. Juli 2011 at 06:24 Antworten

    Vor allem in Ilmenau?

  9. AnneKremer 18. Juli 2011 at 09:04 Antworten

    Rupi, bist Du schon so im Streß, daß Du Deine eigenen Artikel nicht mehr liest? 😉

    >>1999 wurde die Künstlerin in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen Sachbeschädigung zu 22.000 Franc Strafe verurteilt. Ausgerechnet dieser Prozess verschaffte ihr einen Karrieresprung. Sie wurde vom Status einer Straffälligen, …

  10. Frieling 18. Juli 2011 at 09:14 Antworten

    Sicher doch – Seitdem arbeitet sie legal …

  11. AnneKremer 18. Juli 2011 at 09:17 Antworten

    Haha, ja das stimmt. Wie unser Bananensprayer.

  12. Ormuz 18. Juli 2011 at 13:48 Antworten

    Schön wäre es, der Kinder- und Jugendbeirat votiert schon lange für eine Graffitiwand, leider bisher vergeblich. Und die Graffitis die es gibt, sind durchweg fürchterliche Schmierereien an Hauswäden. Zum Glück sind das hier nur wenige, verglichen mit dem was man in anderen Städten so sieht …

  13. michaalb 18. Juli 2011 at 19:21 Antworten

    Hat Dir das die Mauer gesagt???

  14. Frieling 18. Juli 2011 at 21:17 Antworten

    Yep, ganz im Vertrauen …

  15. gummibaer007 18. Juli 2011 at 22:23 Antworten

    Nur 22 000 bei solch einer Karriere ?
    🙂

  16. CaptainCook 20. Juli 2011 at 19:18 Antworten

    Graffiti ist Kunst, oder kann es zumindest sein. Nur Häuser mit Tags und infantilen Schmierereien zuzumüllen zähle ich aber nicht dazu, ebenso wenig die Verschandelung historischer gebäude und Denkmäler
    Da fällt mir ein, ich muß unbedingt mal meine Fotos durchsehen, schöne Graffiti werden nämlich von mir festgehalten (sofern Kamera zur Hand…)

  17. Frieling 20. Juli 2011 at 22:40 Antworten

    Wie überall kommt auch bei der Graffiti Kunst von Können. Damit ist es leider nicht immer gut bestellt.

  18. Anonym 5. August 2011 at 13:10 Antworten

    Ich bin total begeistert von Streetat und ich liebe es in einer Stadt immer wieder neue kleine Kunstwerke an den Mauern zu entdecken. Ich selbst bin auch in dieser Richtung tätig, vielleicht schaut ihr mal rein:

    http://schoepfergeist.blogspot.com/

  19. Bamm 18. August 2011 at 13:01 Antworten

    Hey,
    ich versuche mich an einem neuen Blog über Expressionismus. Im Zentrum stehen Kunst vor allem Fotos, Gedichte, Literatur allgemein, Filme und Musik. Über interessante Beiträge würde ich mich freuen.

    MfG

  20. kunstecht 10. Oktober 2011 at 12:09 Antworten

    Bin zufällig hier gelandet und stelle fest… eine interessante Seite. Ich bin ebenfalls Blogger und stelle meine Bilder und andere Kunst und Künstler die mir gefällt/gefallen vor und heute habe ich ebenfalls etwas über Graffitikunst und zwar von Banksy reingestellt von dem ich letzte Woche das erste Mal gehört und gesehen habe, der ist auch absolut faszinierend. Ich stelle immer wieder auf`s Neue fest: Ich liebe die Kunst in ihrer Farcettenvielfalt. Gruß von kunstecht

  21. Lill-Y 12. Oktober 2011 at 19:25 Antworten

    Ist Wien für Miss.Tic zu verstaubt? Ich kenne diese Graffiti nicht und in Paris (oh Schande) ist sie mir nicht aufgefallen.
    Du hast da zwar exemplarisch eine nette Hinteransicht präsentiert. Was ich im Netz so auf die schnelle herausfand, sind erotische Frauenbilder zwar Teil aber nicht überwiegend in ihrer Kunst zu finden. Das könnte eventuell ein falsches Bild von ihr machen?

  22. Frieling 12. Oktober 2011 at 19:30 Antworten

    Das ist eventuell denkbar, liebe Lilly, aber es ist das einzige Original, das ich in Paris entdeckt habe und fotografieren konnte. Weitere Abbildungen finden sich in dem vorgestellten Büchlein.

  23. TobiasT 23. Oktober 2011 at 17:16 Antworten

    Die Werke von Miss. Tic finde ich in jedem Fall künstlerisch wertvoll. Ich muss gestehen, dass ich vorher von ihr noch nichts gehört habe. Aktuell recherchiere über verschiedene Sprayer, die das Bild ganzer Großstädte verändern. In meinem Forum ist aktuell eine Diskussion, ob der Hamburger Sprayer „OZ“ ebenfalls als Künstler anzusehen ist: http://www.kunstclub.com/eure-meinung-zu-oz-und-seine-kunst-werke-t843.html

    Denn zwischen OZ und einer Miss. Tic besteht ein deutlicher qualitativer Unterschied. Was meint ihr?

    Viele Grüße

    Tobias

  24. Frieling 23. Oktober 2011 at 17:25 Antworten

    Von „OZ“ kenne ich nur sehr wenige Werke – meistens handelt es sich wohl um „Tags“ mit seinem Kürzel. Die Solidarität in Hamburg hat wohl eher mit den unglaublich harten Strafen zu tun, die gegen ihn verhängt wurden und sind nicht unbedingt als positive Stimmen zum Werk an sich zu deuten.

    MissTic spielt meines Erachtens ebenso wie Banksy in einer vollkommen anderen Liga.

  25. Petersi 15. Dezember 2011 at 13:14 Antworten

    Sehr Kreativ und schön.

  26. Mitchillow 3. März 2012 at 18:08 Antworten

    Hallo,
    ich finde ihren Blog echt sehr gut!

    Auf meinem YouTube Kanal veröffentliche ich Videokunst.
    Ich würd mich freuen, wenn sie mal vorbeischauen würden.

    Lg Mitchillow

    http://www.youtube.com/user/Mitchillow

  27. Davide 14. März 2012 at 10:27 Antworten

    Hallo
    kann mich meinem Vorschriebern nur anschliepen, gefällt mir auch sehr gut, gerade, da ih sehr oft im Rahmen meiner Tätigkeit über aktuelle und kreative Kunstnews recherchieren muss.

    Das erinert mich im Übrigen sehr stark an diesen Küntler hier: Dasha Shishkin

    http://www.zachfeuer.com/artists/dasha-shishkin/

    Dot zieht sich auch eine ähnlich verspiele Linie durch.
    Ich finde das übrigens ganz toll ,in Form eines Wandtattoo zu Hause umzusetzem, warum nicht auch zu Hause das vollbringen ,was man immer wieder entdeckt

    http://www.wandwerke.de/wandtattoo-wahrsagerin-mit-wunschname.html

  28. Frieling 15. März 2012 at 09:50 Antworten

    Wenn Du schon Links schleuderst, dann doch bitte in einer halbwegs erträglichen Rechtschreibung.

  29. martin12 4. April 2012 at 09:35 Antworten

    Schaut echt super aus
    Gefällt mir 🙂

  30. Anton Hubrecht 9. April 2012 at 14:26 Antworten

    Genau sowas braucht die Welt heutzutage, tolle Farben, tolle Frau 🙂 und vor allem tolles Kunstbild. Wirklich tolle Kombination der Farben mit einem Hauch von Erotik. Fantastisch!

  31. Saab 18. Juli 2012 at 08:59 Antworten

    Kennt Ihr denn vielleicht die Mauerkunst in Breslau (Polen)? Es ist kein eigentliches Graffiti – es ist mehr. Mann nennt es „Murale“ Ich war total baff, als ich diese Stadt während der EURO 2012 besucht hatte! Es werden einfach unschöne, graue Betonblocke mit fantastischen Bildern gemalt. Sieht selbst: http://wroclawdailyphoto.blogspot.com/2007/12/mural.html

  32. Frieling 18. Juli 2012 at 12:40 Antworten

    Danke für den Hinweis!

  33. Victoria 21. November 2012 at 10:21 Antworten

    sieht nicht schlecht aus..Kunst auf einer anderen Art und weise

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