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Aleko. Eine Zigeunerhochzeit

Januar 26, 2007
by Ruprecht Frieling
aleko, Neuköllner Oper, rachmaninow, wilhelm ruprecht frieling, zigeuner
3 Comments

Der Musiker, Komponist und Kapellmeister Sergej Rachmaninow (1873 – 1943) war gerade achtzehn Jahre, als er im Rahmen seines Studienabschlusses seine erste Oper komponierte. Er stützte sich auf einen Text des russischen Dichters Puschkin und schrieb den Einakter »Aleko«. Dabei handelt es sich um eine Geschichte aus dem Zigeunermilieu voller Liebe, Leidenschaft und Tod im Stil der kurz zuvor uraufgeführten sizilianischen Bauernoper »Cavalleria rusticana«. Die Prüfungskommission begeisterte das Ergebnis derart, dass sie ihm hierfür Bestnoten und Anerkennungen verlieh. Uraufgeführt am 27. April 1893 im Moskauer Bolschoi-Theater legte die Oper den Grundstein für Rachmaninows spätere Karriere. Am gestrigen Abend erlebte die Kurzoper in einer Fassung von Bernhard Glocksin und Andreas Nathusius ihre Premiere in Berlins »Neuköllner Oper«.

Aleko will ein Aussteiger sein. Er träumt von Freiheit und Abenteuer und bricht ebenso heftig rauchend wie weiland der Marlboro-Mann auf, um der »bürgerlichen Scheiße« zu entfliehen. Sein Heil sucht der junge Mann in einem Zigeunerlager, wo er seinen Traum vom ungebundenen Nomadenleben verwirklichen möchte. Er lebt dort mit seiner Braut Zemfira, die er in einem rauschenden Fest ehelichen möchte. Aleko engagiert eine Zigeunerkapelle und lässt Schnaps und Bier auffahren.

Gäste kommen und bringen Geschenke: Toaster, Pizzaöfen, Kaffeemaschinen und Thermoskannen werden als Wohlstandsymbole überreicht. Dann braust die Feier los. Doch die Braut scheint einen anderen Freiheitsbegriff zu haben als der Bräutigam und lässt sich mit einem weiteren Mann ein. In Alekos Augen bricht sie damit ihren Treueschwur. Im Blutrausch erschießt er ihren Liebhaber und dann das Mädchen: »Der Morgen wird grausame Taten verkünden…« Die Gemeinschaft der Zigeuner verstößt ihn aus ihrer Mitte, verzichtet aber auf Rache.

Es geht um das sensible Thema »Zigeuner«, das in knallbunten Klischees inszeniert wird. Die experimentierfreudige »Neuköllner Oper« versteckt sich hinter der Figur des Aleko, der angeblich das Theater gemietet habe, um seine Oper aufzuführen. Denn das Thema bietet Zündstoff. Darf man in Deutschland überhaupt eine Oper über Zigeuner zeigen? Ist es gestattet, den Begriff in den Mund zu nehmen, oder muss man dazu selbst Sinti oder Roma sein? Es hat sich ja im Zuge der »political correctness« in deutschen Landen eingebürgert, dass nur Angehörige der jeweiligen Betroffenen Beiträge zum Thema leisten dürfen, und es entsteht schnell ein falscher Verdacht.

Die Inszenierung der »Neuköllner Oper« ist ein schüchterner Versuch, sich dem Thema zu nähern. Ein echter Diskussionsbeitrag ist sie leider nicht. Es ist natürlich einzigartig, den kaum gespielten Rachmaninow-Einakter hören zu können. Vor allem die Kapelle unter Winfried Radeke ist ein Ohrenschmaus. Doch auf der Bühne zündet es nicht, und so springt auch kein Funke ins Publikum über. Zu angestrengt wirken die Sänger, es fehlt ihnen spürbar die Leichtigkeit, ihre Rollen zu füllen. So bleibt im Ergebnis des Premierenabends die Frage im Raum, welchen Zugang der Betrachter zum Stück finden kann.


Mehr über die Neuköllner Oper

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Über den Verfasser
Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi schreibt seit einem halben Jahrhundert Bücher und schwimmt dabei vergnügt gegen den Strom.
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3 Comments
  1. my-way 26. Januar 2007 at 22:05 Antworten

    Der Verdacht. Gibt es mittlerweile so etwas wie eine freiwillige Diktatur des Geistes? Tabu Ebenen die sich in die Kultur einziehen.

  2. Frieling 27. Januar 2007 at 17:24 Antworten

    In der Kulturszene ist die Selbstbeschränkung inzwischen erschreckend. Was für einen Aufstand machte die Chefin der Deutchen Oper Berlin, weil ein symbolischer Kopf von Mohammed neben den von Christus gelegt wurde! Sie entfachte eine Hysterie ohne gleichen.

    Filme über Juden dürfen offenbar nur noch von jüdischen Regisseure gedreht werden. Schon »Borat« war nur möglich, weil Sacha Cohen die für das Thema erforderlichen Gene hatte. Mit selbst ist es im vergangenen Jahr passiert, dass ich in einem Bericht über den Flohmarkt von Palma de Mallorca das Wort »Zigeuner« gebrauchte und dafür im Netz übel angemacht wurde wegen »Ekelverdachts«.

    So sieht es leider derzeit aus, von Freiheit der Kultur kann keine Rede sein. Leider!

  3. Harry Naujoks 23. Februar 2007 at 11:22 Antworten

    Ehrlich gesagt, mir ist es unverständlich, weshalb die Inszenierung von Opern zusehends unangemessen politisiert wird. Sollte man sich nicht lieber mehr den Gefühlen, Leidenschaften und Konflikten der handelnden Personen als Menschen annehmen? Darum ist es wohl auch Rachmaninow in erster Linie gegangen. Weshalb also etwas in eine Oper hineininterpretieren?

    Im Vordergrund haben für mich da immer noch die musikalischen Ausdrucksmittel zu stehen, sonst kann ich ja gleich ins Schauspiel gehen. In dieser Hinsicht finde ich die Aufführung nicht gerade berauschend. Die Originalmusik ist mir zu vordergründig folkloristisch-poppig bearbeitet. Die stimmlichen Leistungen sind – wie meistens bei der Neuköllner Oper – eher bescheiden. Das Ergebnis: Opernverschnitt für weniger Anspruchsvolle. Oper in Pop-Verpackung mit Operettengeschmack.

    Die szenische Umsetzung des durchaus hörenswerten musikalischen Materials kam mir auch eher klischeehaft-gekünstelt vor.

    Überdies ist Aleko natürlich nicht abendfüllend. Da gehört noch ein weiterer Einakter hinzu.

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